Nun - ein paar Worte vorweg. Henrik und ich waren gestern im Bodensee tauchen. Henrik ist OWD und außerdem verbindet uns eine spirituelle Beziehung. Wir meditieren beide schon sehr lange und haben schon allerlei Erfahrungen zusammen gemacht. Auf das Tauchen bezogen lasse ich Henrik an meinen Erfahrungen teilhaben und trainiere mit ihm an seinen Schwächen. Er ist mittlerweile ein ganz guter Taucher - seinem Brevet entsprechend - und wir wurden, unvorhergesehener Weise in etwa 17 Meter Tiefe voneinander getrennt.
Es ist eine Tatsache, daß ein Mensch der sich für etwas oder jemanden sehr weit öffnen kann, viel mehr erlebt - in beide/alle Richtungen. Die Weite der Öffnung, die ich bei mir seit vielen Jahren wahrnehme ist immer mehr die Unendlichkeit. So ist es mir gestern wohl etwas anders ergangen, als meinem Freund, Schüler und Tauchpartner Henrik. Zudem haben meine vielen Erfahrungen beim Tauchen, mir von der erste Sekunde der Trennung an gesagt, daß diese Situation für Henrik durchaus zu viel sein könnte. Meine Gebete gingen also in Richtung - hoffentlich bleibt er ruhig! Mir ist das allerdings NICHT gelungen - nicht physisch, mental oder emotional. Bei dieser Erfahrung stand mein Leben zwar nicht auf dem Spiel - meine spirituelle Integrität wurde aber bombardiert und hinterfragt. Ich hätte mit dem Bewußtsein leben müssen, daß ein Freund und Tauchpartner zu Schaden gekommen oder gar gestorben ist, leben müssen. Eine Tatsache, mit der sich JEDER Taucher auseinandersetzen sollte - wie ich heute weiß - aber nicht wirklich kann, bevor ihm nicht etwas ähnliches wie mir geschieht.
Bei einer Trennung unter Wasser und besonders bei Bedingungen wie im Bodensee ist ein Rettungsaktion und Suche extrem schwer - nahezu unmöglich. Etwas das ich in meinem Rescue-Diver-Kurs lernen durfte und nun erfahren habe.
Ich war von der ersten Sekunde an in einer Beobachtungsposition - ich glaube ich bin schon recht lange und permanent in dieser Position. Ich konnte `meine` Gefühle und Gedanken über-deutlich wahrnehmen. Da war Sorge um Henrik, seine Ex-Frau, und um seine Kinder - da war Angst, Machtlosigkeit, Zweifel und es waren Gedanken da, was ich wohl all den Menschen sage, die uns beide kennen, wenn… . Es gab eine Auseinandersetzung in dieser Intensität, die nach Gründen und die Frage der Schuld suchte. Es gab Momente des Vertrauens, totaler Stille, ein Gefühl der totalen Los-Gelöstheit von allem Irdischen - wohl weil diese Situation sonst nicht zu bewältigen gewesen wäre. Es gab natürlich Hoffnung und letztlich mußte ich auch einen Aufstieg hinbekommen.
Als ich an der Oberfläche angekommen war, befand ich mich in der unendlichen Weite eines See, der mir deutlich machte, wie unmöglich eine Rettung hier ist - wenn wirklich etwas passiert. Jede Sekunde zählt und allein ein Boot zu alarmieren nimmt wahrscheinlich zig-Minuten in Anspruch. Natürlich benötigt man Taucher - mit hoher Restnullzeit - ich könnte und dürfte nicht wieder runter! Sinnlos, sich darüber weiter Gedanken zu machen. All das liegt nicht in der Hand eines Menschen - ALL DAS LIEGT NICHT IN DER HAND EINES MENSCHEN.
Wer schon einmal auf einem sehr hohen Berg ganz allein gestanden hat, der weiß wie klein man sich fühlen kann. Einen Taucher im Bodensee verloren zu haben, ist als wäre er überhaupt nicht mehr da - und man selbst auch nicht. Was bleibt sind extrem intensive Gefühle und Gedanken.
All die nötigen Handgriffe verliefen autonom. So trieb ich mit meinen Gefühlen einige Sekunden an der Oberfläche und bewegte mich dann angemessen in Richtung Land, um nötigenfalls eine Rettungskette alarmieren zu können. Mein Intellekt drehte immer wieder neue Szenerien - auch solche wie Henrik am Boden liegt und sein Lebenslicht verliert. Und - diese Szenerien waren so real, wie sie nur sein können. Ich bemühte mich mit all meiner Kraft in dieser katastrophalen Situation ein Bild der Wirklichkeit zu bekommen und begriff mit der Härte die nur die Realität hervorbringen kann, daß ICH mich in diesem Szenario befand. Die Wirklichkeit war schwer zu finden.
Henrik benötigte gut 6 Minuten länger als ich, um wieder an die Oberfläche zu kommen - was gut ist, wegen Deko-Sick und so. Für mich bedeutete dies, in der Schwebe zu hängen und das, obwohl ich das Gefühl hatte, alles verläuft eh schon in Super-Slow-Motion. Es gab dann einen Moment, in dem ich mich ergab. Ich glaube noch nie zu vor in meinem Leben war ich so ergeben. Was sonst hätte ich noch tun können?! Es folgte eine Abgeklärtheit, die nur ein vom Tod Berührter haben kann. Diese hält noch an - mir gefällt diese Gefühl und ich habe es schon gespeichert. Ich verstehe nun auch, wieso ich noch nicht Divemaster sein wollte - mir fehlen einfach viele Erfahrungen dazu. In der letzten Zeit kommen sie einfach zu mir und füllen den Rahmen für eine solche Tätigkeit mehr und mehr aus. Ich verstehe auch besser, warum ich einige Divemaster und Lehrer nicht wirklich akzeptieren konnte - während meiner Laufbahn. Wer wird einem Menschen vertrauen, der nicht über adäquate Erfahrungen verfügt?!?
Henrik kam vollkommen heile und unbeschadet an die Oberfläche. Er hat all das getan, was er im OWD gelernt hat. Er versicherte mir, daß all die Dinge die wir darüber hinaus trainiert haben, dazu geführt hätten, auch diese Situation in den Griff zu bekommen. Wir denken beide nicht darüber nach, wie es ausgegangen wäre, wenn wir unsere speziellen Trainings NICHT durchgeführt hätten. Es folgte natürlich eine herrlich gelöste Freude.
Wir sind beide reicher geworden. Henrik und ich sind schon öfter geprüft worden und unsere Beziehung ist über die normalen Maße hinaus ehrlich, offen und klar. Henrik begreift immer mehr, daß er sein Leben selbst zu verantworten hat und ich begreife immer mehr, daß ich nicht für alles Vorkehrungen schaffen kann - jedenfalls nicht so, wie ich es gern hätte. Das Leben geht seinen eigenen Weg. Das Leben ist grandios - auch…oder gerade dann, wenn es mal nicht so läuft, wie wir es uns wünschen.
Durch eine sehr gute Ausbildung wird das Tauchen zu einem Weg der Selbstfindung und ganz sicher verringert sich das Risiko im Fall der Fälle. Für mich ist Tauchen kein Sport, sondern eine spirituelle Praxis. Wohl aufgrund dieser Tatsache geschehen mir auch immer wieder Dinge, die viele Taucher wohl eher vermeiden würden - suchen tue ich sie wie gesagt auch nicht gerade!!! Trainiert alle möglichen Situationen, liebe Tauchfreunde. Stürzt Euch nicht nur in die Wässer und blendet durch die Schönheit und Freude, die dieses Aktivität nun einmal mitsichbringt, all die möglichen bzw. Scheinbar unmöglichen Situationen aus. Tauchen wird nicht weniger, wenn wir uns der Gefahren real bewußt sind. Vielmehr wird bewußtes Tauchen dazu führen, die Schönheit und Freude, die es bietet in seinem vollen Wert wahrzunehmen. Letztlich sind es doch wir, die den Wert bestimmen - oder?
michael
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