Geschrieben am 10.09.2008 von SENSAI
Hallo alle Zusammen,

Sowohl Anfänger als auch erfahrene Taucher werden manchmal mit dem Gefühl der "Angst" konfrontiert. Was Angst so besonders macht, ist die Intensität, mit der sie auftreten kann. Aber selbst ein "Anflug" von Angst vermittelt einem Menschen schon Erregung, Herzklopfen und so weiter.
Situationen in denen wir Angst empfinden, meiden wir gerne. Angst ist etwas, das wir als "FALSCH" bewerten. Es kann aber auch als Warnsignal bewertet werden. Wenn ein Anfänger das erste Mal mit seinem SCUBA in die Fluten steigt, wird er nicht selten auch mit diesem Gefühl konfrontiert. Nach dem er ein paar Tauchgänge mit einem erfahrenen Lehrer unternommen hat, verschwindet dieses Gefühl mehr und mehr und der Schüler beginnt sich wohl zu fühlen. Eine der wichtigsten aufgaben für mich besteht darin, einem Schüler sichtbar werden zu lassen, wo Ängste vorhanden sind und wie sie bewältigt werden können. Dann wird er sich wohl fühlen.

Wenn man mit Menschen über Angst spricht, sagen viele das sie sich während der Situation in der sie Angst hatten, irgendwie "klein" und/oder "eng" fühlten. Es ist interessant zu bemerken, daß Menschen die ein freudvolles Erlebnissen hatten, sich dabei als eher "weit", "groß " oder auch "offen" wahrnahmen.

Eine weitere Beobachtung ist, daß Angst sich auch einstellen kann, wenn es keinen "besonderen" Anlaß dazu gibt. In einem solchen Fall "hängt" sich die Angst einfach an eine Situation, eine Vorstellung oder einen Menschen und so weiter.

Angst an sich ist nicht wirklich gefährlich. Das was der Mensch daraus macht, kann allerdings Folgen haben, die wir uns nicht wünschen. Angst versetzt uns in erhöhte Alarmbereitschaft. Unsere Sinne funktionieren dann besser, wir sind konzentrierte und so weiter. Ist die Intensität des Gefühls allerdings sehr stark, verlieren wir im wahrsten Sinne des Wortes den Blick für alles andere. In einer solchen Situation agieren wir nicht mehr auf die Notwendigkeiten der Situation, sondern nur noch auf die vorhandene Angst. Wir nennen eine solche Situation Panik.

Vielfach wir übersehen, daß Angst auch ein Hinweis darauf sein kann, das wir gerade dabei sind einen Prozeß in Gang zu setzen, in dem wir ein (ur)altes Erlebnis beginnen zu verdauen. In einem solchen Fall zeigt uns die Angst einen Weg zur Bewältigung eines Traumas. Dem nicht nach zu gehen, bedeutet das Trauma unter Umständen nicht zu bewältigen.

Angst zu ignorieren ist in jedem Fall ungünstig. Gefühle sind Energieladungen und wenn sie nicht fließen, werden diese Energieladungen gestaut. Früher oder später bricht die aufgestaute Energie sich dann einen Weg - und das ist oft der Grund, warum wir uns nicht auf ein unterschwelliges Gefühl einlassen wollen oder können. Wir fürchten, daß wir mit der Intensität der Gefühle nicht zurecht kommen werden. Mit einer solchen Vorgehensweise schaffen wir mehr und mehr einen Rahmen, in dem wir mit unseren Gefühlen (der Angst) in Kontakt kommen

Es gibt viele Menschen, die Angst im Zusammenhang mit Wasser haben. Für viele Therapeuten ist Wasser eines der wichtigsten Hilfsmittel bei ihren Bemühungen einem Menschen zu helfen. In der Psychologie werden Ängste im Zusammenhang mit Wasser als Ur-Angst bezeichnet. Die Ur-Angst des Menschen ist es zu Sterben. Dies Angst ist kollektiv verbreitet. Selbst ein voll entwickeltes Individuum fühlt dies Ängste - wenngleich es sich nicht mehr davon einnehmen läßt. Alle spirituelle Schulen haben das Durcharbeiten der Ängste als einen der wichtigsten Schritte des Adepten angesehen, um diesem die Freiheit zu ermöglichen. Unser derzeitiges Leben ist fast ausschließlich so angelegt, auf gar keinen Fall mit dem Gefühl der Angst konfrontiert zu werden. Das führt wahrscheinlich nicht dazu, das ein Mensch das unvermeidliche Ende seines Lebens, als einen natürlichen Prozeß des Lebens ansieht. Wir alle erleben das in dem Zunehmen der allgemeinen Oberflächlichkeit. Letztlich ist diese Oberflächlichkeit auch ein Symptom im heutigen "Tauchgeschäft". Es ist daher vollkommen verständlich, daß sich "menschengerecht" arbeitende Tauchschulen und Lehrer mehr um die Menschen kümmern und sich aus dem Treiben der "Geschäftemacher" zurückziehen.

Wasser ist ein für den Menschen lebensfeindlicher Raum. Wir sind hier nur mit bestimmten Hilfsmitteln in der Lage eine Zeit lang zu existieren. Wir sind Gäste in der Unterwasserwelt. So gesehen ist Tauchen ganz sicher auch ein Weg oder Mittel zur Befreiung von vorhandenen Ängsten. Ob dies eintreten wird, hängt natürlich auch sehr vom Individuum ab. Taucher sind Menschen und Menschen sind sehr unterschiedlich. Weil dies so ist, gehen sie auch ganz unterschiedlich mit ihren Gefühlen, Vorstellungen und Wünschen um.

Vorhandene Ängste drücken nicht selten den Wunsch bzw. die Notwendigkeit nach Befreiung aus. Es ist sehr hilfreich für einen Anfänger, wie auch für einen erfahrenen Taucher, sich der vorhandenen Angst zuzuwenden - in sie hinein_zu_tauchen - und zu erkennen, daß sie zum Teil begründet sein kann, zum Teil aber auch unnötig ist. Wir müssen wach sein - nicht nur beim Tauchen - aber wir müssen uns nicht vor dem "Unterwasser-Sein" fürchten. Das gleiche gilt für Situationen, die uns widerfahren können. Wir lernen mit jedem Tauchgang etwas dazu und sollten immer wach bleiben, aber wir sollten keine Angst davor haben, weil etwas geschehen kann, was wir noch nicht kennen gelernt haben.

Die Arbeit mit Menschen, ist ein wundervoller Prozeß und ermöglicht es sich gegenseitig Hilfestellung zu leisten. Die schwierigsten (Tauch)Schüler sind es, die dem Lehrer die meisten Erkenntnisse - auch über ihn selbst - bringen. Ein erfahrener Taucher ist ein Mensch, der in vielen Situationen seiner Taucherkarriere seine Ängste kennen gelernt hat und mit diesen nun besser zurecht kommt. Ein solcher Taucher kann einen anderen Taucher aufnehmen und ihm einen Weg zeigen, wie er selbst einen Weg finden kann, mit seinen Ängsten umzugehen. Auf diesem Weg gibt es kein Kopieren, weil jeder Mensch anders ist und seinen eigenen Weg hat. Es gibt auf dem Weg zum "Erfahrenen Taucher" viele zu bewältigende Situationen und jeder Taucher bewertet die gleichen Situationen unter Umständen anders. Ein Austausch über die erlebten Situationen und dem empfundenen Gefühlen, kann ein wichtiges Hilfsmittel sein, seine Ängste zu bewältigen. Ich weiß, daß einige Tauchlehrer die ich kennen lernte sehr genau zuhören, wenn Schüler über ihre Erfahrungen sprechen. Diese Gespräche sind ein wichtiger Schritt im Leben eines (Tauch)Schülers - und genau genommen bleiben wir sehr lange Zeit Tauchschüler. Weiter schafft es einen Rahmen der Vertrautheit, in welchem Beziehungen an Tiefe und Wärme zunehmen.


Ich wünsche allen einen schönen Tag
Und immer gut Luft


SENSAI

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