Cornwall - Riesenhaie bei Rosamunde

Cornwall - Riesenhaie bei Rosamunde


Vor den Steilküsten Cornwalls tauchen immer wieder bis zu zehn Meter große Riesenhaie auf. Und weil die so herrlich fotogen sind, ziehen sie auch zahlreiche Unterwasserfotografen an. Doch leider ist die Natur manchmal launisch und das Leben kein Ponyhof.

Bericht von Linus Geschke

Es gibt Momente, die machen einen Menschen irre. Wenn man den Autoschlüssel verlegt hat, schnell weg muss und nicht mehr weiß, wo man ihn noch suchen soll. Oder wenn man ständig eine Melodie im Kopf hat und einfach nicht darauf kommt, wie das dazu passende Lied heißt. Charles Hood macht gerade irre, dass er nicht weiß, wo die Haie sind. Seine Haie.

Hinter ihm auf dem Schlauchboot sitzt Tobias Friedrich, ein 31-jähriger Unterwasserfotograf (www.below-surface.com), dessen Gesichtsausdruck in den letzten Stunden von Freude und Hoffnung hin zur Enttäuschung wechselte. Die Kamera hält er wie eine Rüstung vor dem Bauch; seine Blicke streifen über die Wasseroberfläche, immer auf der Suche nach einer dreieckigen Rückenflosse. 400 britische Pfund haben er und seine Freunde bei Charles Hood (charleshood.com) für eine Tagesfahrt zu den Riesenhaien vor der Küste Cornwalls bezahlt – und die sind auch dann weg, wenn es keine Riesenhaie zu sehen gibt. Jetzt fängt es auch noch an zu nieseln; Tobias Friedrich ist nun endgültig "not amused".



Der Wiesbadener hat in den letzten Jahren fast alles fotografiert, was es in den Weltmeeren zu fotografieren gibt. Rochen, Delfine, Wale und jede Menge Haie. Nur der Riesenhai fehlt ihm noch und es sieht nicht so aus, als würde sich daran heute etwas ändern. „Vor zwei Jahren“, sagt Charles Hood, der in Sachen Riesenhai in Cornwall als Koryphäe gilt, „hatten wir bei 33 Ausfahrten 28 mal eine Begegnung, manches Mal mit bis zu 50 Tieren. Dieses Jahr meint es die Natur leider nicht so gut mit uns.“ Auch Friedrich weiß, dass das offene Meer kein Streichelzoo ist. Aber Aufgabe ist der sicherste Weg zum Misserfolg, also sucht er weiter die Meeresoberfläche ab.

Wenn ein Riesenhai in der Nähe wäre, würde er ihn auch sehen. Einmal, weil Riesenhaie hier zumeist direkt unter der Wasseroberfläche schwimmen, zum anderen, weil seine Optik dafür prädestiniert ist, einen überfüllten Badestrand in Sekundenschnelle menschenleer zu machen. Bis zu zehn Meter wird der zweitgrößte aller Fische lang, der Körper graubraun bis schwärzlich, das riesige Maul meist weit aufgerissen – und dennoch ist ein Riesenhai ein schwimmendes Schaf im Wolfspelz. Seine Nahrung besteht ausschließlich aus Plankton, also aus Kleinstlebewesen, die mit der Strömung treiben. Für Menschen ist er völlig ungefährlich. Wenn überhaupt eine Gefahr von ihm ausgeht, dann höchstens jene, sich an seiner rauen Haut eine Abschürfung einzufangen.



Der Regen wird langsam stärker, die Sicht schlechter und das Meer aufgewühlter. Gegen die leergefegte Steilküste beginnen die Wellen wie Ohrfeigen zu klatschen. Charles Hood will zurück in den Hafen, keine Chance mehr, und Tobias Friedrich nickt ergeben. Morgen ist auch noch ein Tag.

Zwischen Hüftspeck und Planktonströmen


Die Umgebung des Städtchens Penzance ist Cornwall wie aus einem Rosamunde-Pilcher-Roman. Pittoreske Häuschen mit gepflegten Vorgärten und steinernen Mauern wechseln sich ab mit Parkanlagen und viktorianischen Landsitzen. Man sieht Männer, die in Pubs sitzen, Ehefrauen, die ihren Dutt wie eine Krone tragen und junge Mädchen, deren rosafarbener Hüftspeck über tief angesetztem Hosenbund ragt.

Je nachdem, wie der Wind weht, riecht es im Ort nach blühendem Ginster oder nach dem Fisch, der im kleinen Hafen an Land gebracht wird. Man isst Fish&Chips, verehrt die Queen und gibt sich "very british", dabei immer mit einem Schuss Selbstironie. In Cornwall sind die Deutschen nach den Engländern die größte Touristengruppe und von irgendwelchen Animositäten merkt man nicht viel – außer vielleicht, wenn beide Länder gegeneinander im Fußball antreten und es ein Elfmeterschießen gibt.

Den Frust von Tobias Friedrich kann Hood gut nachvollziehen. "Ich bin ja selber Unterwasserfotograf", sagt er, "ich weiß, wie scharf man auf manche Bilder ist". Aber an den Gegebenheiten könne er leider auch nichts ändern. Sonne brauche man zum Beispiel, denn dann steigt das Plankton hoch an die Oberfläche, dem die Riesenhaie folgen. Auch der Verlauf des Golfstroms spielt eine Rolle: "2011 zog dieser 500 Meilen weiter westlich vorbei als üblich und schon hatten wir in Küstennähe deutlich weniger Haie."



Der Golfstrom sorgt auch dafür, dass Cornwall das mildeste Klima in England hat. Hier gedeihen subtropische Pflanzen, Palmen und üppige Gärten, die die Grafschaft im Königreich so einmalig machen – mediterraner kann Großbritannien kaum sein.

Letzte Chance


Doch der nächste Tag ist, nun ja, sehr britisch. Ein Himmel in sämtlichen Grautönen, leichter Regen, die Temperaturen sind gefallen. Charles Hood ist Profi, sehr seriös, und er macht den vier Deutschen am Morgen direkt klar, was Sache ist: "Bei den Bedingungen sehe ich kaum eine Chance auf Riesenhaie. Wenn ihr mich fragt, könnt ihr euch den Trip sparen." Aber es ist ihr letzter Tag, Aufgeben gilt nicht, und so buchen sie dennoch – zumindest eine Halbtagesfahrt.

Schnell geht es aus dem Hafen hinaus. Die beiden Außenborder peitschen das Meer. Als sie die Bucht verlassen haben, zieht Hood den Gashebel zurück, ab jetzt ist Schleichfahrt angesagt. Mit dem Fernglas an den Augen tuckern sie durch die See. Dann ein Pfiff und ein Deuten mit dem Zeigefinger: Zwischen Boot und Küste schneiden Rückenflossen durchs Wasser. Wie viele sind es? Das Wetter spielt nun keine Rolle mehr.



Man einigt sich auf knapp ein Dutzend. Aber es sind nur Delfine, zwar nett anzusehen, aber weit entfernt von dem Sehnsuchtstier, dass sich Tobias Friedrich und seine Freunde erhofft hatten. Die Delfine bleiben das Highlight, bis das Schlauchboot wieder im Hafen liegt.

Charles Hood hatte Recht: Den Trip hätte sich der Unterwasserfotograf sparen können. Enttäuschung? Nein – dafür sei Cornwall viel zu schön gewesen, sagt Friedrich. Und jetzt hat er wenigstens einen guten Grund, im nächsten Jahr wieder zu kommen.


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Von tophai Registriertes Mitglied am 11.12.2012 - 20:44
@ Tobias: Die Natur lässt sich bekanntlich nicht planen und das ist auch gut so, denn wie oft sind wir Fotografen auch umgekehrt von ihr positiv überrascht worden.Aber das kennst du zur Genüge. Ich finde den Beitrag so gut weil man auch mal sieht, wie wir oftmals umsonst unterwegs sind.....that`s life...LG Heinz T.
 

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