Seit 1864 liegt der von Tauchern liebevoll "Tante Jura" genannte Raddampfer nun in den Tiefen des Bodensees. Taucher.Net machte sich auf, das Wrackziel Nummer 1 in Süddeutschland mit Hilfe des Top Fotografen Heinz Toperczer in professioneller Form abzulichten. Ein Unterfangen, das sich gar nicht so einfach gestaltete.
Bericht von Hans "Shuttle" Schach und Birgit Butterhof
DIE JURA: Nach wie vor der Top Spot im Bodensee. Ein Raddampfer, der auf ca. 38m Tiefe im dunklen, Sommer wie Winter rund vier bis fünf Grad kalten Wasser des "schwäbischen" Meeres liegt. Hunderte von Tauchern absolvieren diesen relativ anspruchsvollen Tauchgang Jahr für Jahr. Und viele dieser Taucher nehmen meist eher weniger gelungene Schnappschüsse aus der Tiefe mit. Ist schon der Tauchgang an sich nicht "ohne" - in immerwährender Dunkelheit, bei oftmals schlechten Sichtweiten an einem Wrack sehenswerte Fotos zu machen, ist nur wenigen Tauchern vergönnt.
Frühjahr 2012: Wir sitzen in der gemütlichen Kajüte der "Concrete Lady" bei Maultaschen mit Kartoffelsalat. Ein klassisch schwäbisches Essen vor den Ufern der Schweiz, das Skipper Herbert in seiner Pantry zaubert, während wir rund 40m unter ihm das Industriedenkmal Jura umrunden.

Der Tauchgang ist zufriedenstellend, die Sichtweiten für die Verhältnisse und Jahreszeit exzellent. Nur die Fotos, die wir nach dem Auftauchen betrachten sind, na ja, so etwas grün in grün mit irgendwelchen Wrackausschnitten, die mehr an einen Stapel Holz hinter einer Scheune erinnern, denn an ein Museum unter Wasser. "Da sind eigentlich herrliche Schnitzereien am Bug, was genau hast du denn fotografiert?" frotzelt Sebastian von den Trimix Divern, der zu diesem Event geladen hatte.
Die Idee - professionelles Fotoshooting
In diesem Moment wurde die Idee geboren. Warum nicht einmal ein Fotoevent an diesem spektakulären Spot mit Hilfe eines Profis durchführen? Den alten Glattdeckdampfer einmal richtig in Szene setzen? Alle Anwesenden sind sofort Feuer und Flamme. Herbert wird sein Bodenseetauchschiff, die "Concrete Lady" zur Verfügung stellen, die TrimixDiver die Organisation und den Support übernehmen. Wir werden den Fotografen besorgen. Dieser ist schnell gefunden: Heinz Toperczer, der Preisträger 2011 des von Taucher.Net und der Boot Düsseldorf ausgerichteten internationalen Fotowettbewerbes TopShot, mit dem Redakteur Hans "Shuttle" Schach und seiner Frau Birgit im Auftrag von Taucher.Net und dem Fremdenverkehrsamt Malta vergangenes Jahr die Mittelmeerinseln Malta und Gozo bereisten und ihn dort bereits bei Land- und Wrackaufnahmen für das Fremdenverkehrsamt begleiten konnten.
Für den Steirer ist es nach eigenem Bekunden mit einer Anreise von rund 900km zwar eine kleine "Weltreise", er sagt jedoch spontan zu. Auch ein "Model" ist schnell gefunden. Aire Eder, die geborene Estländerin und begeisterte Unterwasserfotografin, die in diesen Tagen Platz zwei der "Unterwasser Visions" belegte, erklärt sich sofort bereit. Unter schwierigen Bedingungen zu Modeln, das reizt sie. "Als Fotografin muss man sich in Models hineinversetzen können, man muss wissen, wie sie fühlen" so die Wahlbayerin. Aus diesem Grunde wird sie bei diesem Event den Fotografenbuddy ohne Kamera für Heinz mimen.
Das Support Team

Sebastian übernimmt die Zusammenstellung des Teams. Die Mannschaft steht alsbald: Acht tiefenerfahrene Taucher werden das Event, respektive Fotograf Heinz und Model Aire begleiten: Sebastian Koukal und Marcus Bach übernehmen die Sicherung (Safety). Martin Reuter und Ralf Göhler die Beleuchtung, Birgit Butterhof, Hans "Shuttle" Schach, Jan Schubert und Johannes Dobrovits Supportaufgaben.
Eine besondere Herausforderung für das Team ist es, eine relativ komplexe Aufgabe unter Zeitdruck erfolgreich zu bewerkstelligen, obwohl sie in dieser Zusammensetzung noch nie zusammen unter Wasser gearbeitet haben. Die Gruppe ist jedoch zuversichtlich: Die Motivation ist hoch und die vorhandenen Taucherfahrungen sind gute Voraussetzungen. Ein Termin ist schnell festgelegt: Ende Oktober, nach der Hauptsaison, kann in der Regel von annehmbaren Sichtweiten ausgegangen werden und bei Tauchgängen unter der Woche wird man das Wrack wohl für sich alleine haben.
Am Sonntag, den 28.Oktober ist es dann soweit: Die Teilnehmer reisen aus unterschiedlichen Richtungen an. Den Löwenanteil am Transport der benötigten Ausrüstung haben die Supporter aus dem Schwabenland: Die Federn des VW Bus ächzen unter der Last der verladenen Doppelgeräte, Rebreather, Stage- und 15l Mono-Flaschen, sowie der Tauchkisten. "Verkehrsbehinderungen durch Schneetreiben und Schneelasten" meldet das Radio, gesperrte und teilweise spiegelglatte Straßen machen bereits die Anfahrt in den Süden zum Abenteuer.
Der Winter gibt ein kurzes Intermezzo, als würde Petrus das Vorhaben absichtlich mit zusätzlichen Schwierigkeiten belegen wollen. Trotz dieser ungeplanten Widrigkeiten treffen alle Teilnehmer pünktlich gegen 18 Uhr im Uhldinger Hof in Uhldingen-Mühlhofen ein. Nach Bezug der Zimmer trifft sich die Crew zum Briefing, genauer zur Drehbuchbesprechung.
Tauchplanung, Briefing und Drehbuch
"Wir müssen uns vorbereiten, ein Storyboard wie für einen Spielfilm erstellen. Sollte morgen die Sicht relativ gut sein, wir keine anderen Taucher haben, die Sedimente aufwirbeln; die Blitze super auslösen und wir uns in der Dunkelheit bei schlechter Sicht sehr gut verstehen, werden wir die besten Fotos machen, die wir mit unserem Equipment realisieren können. Das wird unser Lohn sein, neben dem Spaß und der Freude an diesem Vorhaben" führt Heinz aus. Als erstes besprechen wir die Tauchplanung, legen die Grundzeit und das Sicherungskonzept fest.
Alle Taucher (mit Ausnahme der Rebreathertaucher) verwenden als Bottom Gas ein EAN 30. Perfekt für die Tiefe des Wracks, die beim derzeitigen Wasserstand 35 bis 37m beträgt. Damit Fotograf und Model nicht durch Stageflaschen behindert sind, werden die Safety Taucher ein Bottom Gas am Grund deponieren, sowie Dekostages mit 50er Nitrox auf 21m und Sauerstoffstages auf 6m an der Shotleine befestigen.
Die festgelegte Grundzeit wird auf die geplanten Motive aufgeteilt. Des Weiteren werden Rollen zugewiesen: Ralf wird einen Blitz an festgelegten Stellen des Wracks deponieren, Martin mit einen zweiten Blitz direkt am "Hintern" von Aire "kleben", so dass das Model in sanften Lichtschein getaucht wird und er selbst im Licht "untergeht". Heinz wird an seiner Kamera ein rotes Pilotlicht anbringen und links einen weißen Handschuh tragen, so dass die Akteure seine Anweisungen erkennen können. Nach Absprache der zu verwendenden Handzeichen steht das Drehbuch und die Gruppe geht zum gemütlichen Teil des Abends über. Estland trifft Österreich, Schweiz trifft Schwaben, Württemberg trifft Baden und Berlin. Man ahnt, welche kulturellen Unterschiede hier zu bewältigen sind. Leider erlaubt das morgige Vorhaben nicht allzu viel Alkohol, so dass Kompatibilität auf der Sachebene hergestellt werden muss. Vielleicht der schwierigste Teil des Unternehmens...
Rock’n Roll: Es wird Ernst
Der Morgen des 29ten Oktober ist in trüben Nebel getaucht. Die Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt. Nach einem reichhaltigen Frühstück geht es mit teils gemischten Gefühlen Richtung Hafen Unteruhldingen, zu Herbert Pfeiffers "Concrete Lady". Emsig beladen die Eventteilnehmer das Boot und wir legen pünktlich und planmäßig gegen 9:30 Uhr ab.
Rund eine Stunde dauert die Überfahrt. Herbert steuert sein Bodenseetauchschiff routiniert zur GPS Position und wirft die Shotline, die mit einem rund 10kg schweren Gewicht beschwert ist, treffsicher in Höhe Mittschiffs neben die JURA, die an dieser Stelle vor fast 150 Jahren vom Romanshorner Dampfer Stadt Zürich hier vor Bottighofen gerammt und versenkt wurde. Im Februar 1953 von Ludwig Hain, 1976 von Hans Gerber ("Jurahans") wiederentdeckt, das wohl bekannteste Süßwasserwrack Europas. Es steht nahezu eben auf dem Kiel auf schlammigem Seegrund; der Bug mit Schlamm bedeckt, der dem Vernehmen nach an dieser Stelle verklappt wurde. Wer öfters an der Jura taucht, kann beobachten, wie der Bug mit seinen schönen Schnitzereien immer mehr im Schlamm versinkt. Nach nun bald anderthalb Jahrhunderten präsentiert sich das Wrack, nicht zuletzt durch Massen unachtsamer Taucher sowie "Fehlwürfen" von Shotgewichten / Ankern sowie dem Zahn der Zeit in einem sich permanent verschlechternden Zustand. Ein Grund mehr, zu diesem Zeitpunkt gute Aufnahmen zu machen um den Zustand von "heute" zu dokumentieren.