Ostseewrack 1304 identifiziert Abgesandt von Schleitaucher Krischan am 09.03.2010 - 12:52:
Vielleicht für den einen oder anderen Ostseetaucher interessant:
Ich denke, dass folgendes, bisher als unbekannt und geschichtslos deklariertes Wrack als identifiziert angesehen werden kann.
Exakte Position:
54° 38` 030" N
10° 13` 155" O
WGS84
BSH Wrack Nr. 1304
Untersuchung:
2007 haben wir einige TG`s dort durchgeführt und sind dabei auf zahlreiche/s Inventar/Ladung gestoßen, die einige Rückschlüsse auf die Herkunft, das Alter und den Zweck des Seglers ziehen lassen. Der Bug und das Heck sind spitz zulaufend. Wer weiß etwas über diese Bauweise? Was ist das für ein Typ?
Eine weitere Wrackbeschreibung spare ich mir mal, ist sehr schön im Buch „Wracktauchen“ von Ingo Oppelt auf S. 103 nachzulesen.
Inventar:
Positionslaternen mit Fresnel-Linse sind nach Rückfrage beim BSH um 1870 vorgeschrieben worden. Dieses Schiff hat aber noch Reste von Petroleum-Laternen an Bord mit glatter Linse, wird also dann mit großer Wahrscheinlichkeit keines späteren Baujahres als 1870 sein. Herstellerstempel „J.N.Höpfner, Kiel“
Eine Tasse von Villeroy und Boch, das mit dem "Merkurstern" auf dem Tassenboden gestempelt wurde, wurde von der Firma nach Einsendung eines Fotos auf den Zeitraum zwischen 1920 und 1930 datiert. Der Merkurstern gibt durch die Anzahl der Zacken die Epoche wieder. Leider sind der Firma durch im Krieg vernichtete Akten keine genaueren Info’s mehr bekannt.
Wir haben einen Messingstempel mit Wendemechanik geborgen, der mit "Chr. Duus Aarhus." geprägt ist. Entweder gibt er die Firma/Reederei an (es gibt tatsächlich eine passende in Aarhus) oder den Schiffsnamen.
Die Firma unter dieser Adresse hat uns auf eine Anfrage zu einem Verlust eines Schiffes aus der Zeit der Jahrhundertwende leider nicht geantwortet.
Ich gehe mal vom Schiffsnamen aus. Vergleiche mit zahlreichen Stempeln von traditionellen Segel- und Motorschiffen haben große Ähnlichkeit aufgewiesen. Alle tragen sie jedenfalls den Schiffsnamen und den Heimathafen.
Die Reste einer kardanisch aufgehängten Petroleumlaterne aus Messing tragen als Hersteller „Jens Grouleft, Aarhuus“ eingeprägt. Hierbei ist auffällig, dass „Aarhuus“ mit zwei U geschrieben wird, auf dem Stempel dagegen nur mit einem U. Hier ein Original-Stempelabdruck des geborgenen, noch funktionierenden Stempels:
Ladung:
Große Steine, schon eher Findlinge im mittleren bis vorderen Bereich lassen das Schiff entweder als Steinfischer einstufen (waren allerdings keine Zangen oder gar Tauchausrüstung zu finden) oder als Transporter für den Molenbau. Die Menge und Größe der Steine lassen zudem die Untergangsursache vermuten. Dass der Kahn überhaupt bis dahin geschwommen ist, ist mir ein Rätsel. Sehr große Rollenblöcke mit eingeprägter Dänischer Krone lassen auf einen entsprechend starke Verladekapazität schließen.
Besonders interessant finde ich, dass wir auf auffällig viele Alkoholflaschen (hauptsächlich Bier und Wein) gestoßen sind, zudem noch zahlreiche Überreste von Gewehren (verzierte Schäfte von Steinschlossgewehren) entdeckt haben. Meine Vermutung: Schmuggler.
Da dieses Wrack noch unberührt ist, hatten wir gehofft, durch Auffinden der Schiffsglocke absolute Klarheit über den Schiffsnamen zu bekommen. Diese blieb aber trotz intensiver Suche unauffindbar. Hing vermutlich am Mast, der ebenfalls unauffindbar ist. Ich vermute, der ist bei schweren Wetter an anderer Stelle abgebrochen, einige Zeit, bevor das Schiff auf Tiefe ging. Auch auf dem Sidescan-Sonarbild fanden wir in der näheren Umgebung keinen Hinweis auf den Mast.
Mein persönliches Fazit:
Dänischer Lastensegler, unmotorisiert, nicht elektrifiziert, gebaut vor 1870, gesunken ca. 1920 im Sturm mit schwerer Steinladung. Schmuggler mit Heimathafen Aarhus, Schiffsname wahrscheinlich "Chr. Duus"
Folgende Fragen konnten wir noch nicht beantworten:
1. Bis wann wurde Aarhus noch mit 2 U geschrieben?
2. Wer kann etwas zur einst Positionslaternen herstellenden Firma „J.N.Höpfner, Kiel“ sagen?
3. Wer kann etwas zur einst Petroleumlampen herstellenden Firma „Jens Grouleft, Aarhuus“ sagen?
4. Wer kann Dänisch und die oben genannte Firma/Reederei Christian Duus aus Aarhus zu einem eventuellen Verlust eines ihrer Schiffe um die Jahrhundertwende befragen?
Das Wrack ist gut erhalten und leicht zu betauchen mit einer Maximaltiefe von 22 Metern auf festem Grund. Sollte jemand von euch die Glocke finden und damit den Namen oder sonstiges sonstwie über das Wrack bestätigen können, dann immer her mit den Info`s.
Das Wrack ist seit 1981 in jeder Seekarte verzeichnet und hat seltsamerweise bisher niemanden interessiert. Nun hat es wieder einen Namen und eine Herkunft und ein bisschen Geschichte.
Kann ich als Ziel für Sporttaucher empfehlen. Also viel Spaß beim Blubbern.
Gruß vonner Küste
Antwort von D-32 am 09.03.2010 - 14:18 Moin Krischan,
ich kenne das Wrack, ist sehr hübsch, habe da aber bislang nicht "gewühlt".
Hilfe:
Würde Ebi Schmiel noch leben, wüsste er bestimmt, wen man fragt, ob würde es selbst machen. Hast du Kontakte zum Sonderburger Tauchclub?
Antwort von Schleitaucher Krischan am 09.03.2010 - 15:33 Moin Jo,
kenne die Sonderburger nicht. Kenne eigentlich gar keinen Dänen außer Dynamit-Oge. Aber wenn die Jungs das hier lesen, liegt das Wrack im Sommer vor deren Vereinsheim.
Muss noch was korrigieren: Die Prägung heißt "Jens Grouleff" nicht "Grouleft"
Antwort von D-32 am 09.03.2010 - 15:47 Dynamit-Aage ist dafür ein ganz schlechter Tipp!
Wenn du kurze und auf deutsch fertige Schreiben incl. Adresse hast, mail sie mal rüber, meine Ex kann da bestimmt helfen, sie ist Dänin.
Antwort von Torsten am 09.03.2010 - 18:45 Was mich etwas verwundert ist die Aussage, dass es sich bei den Waffen um Steinschloßgewehre gehandelt haben soll. Falls der Kahn 1920 abgesofen sein soll, hatten die bestimmt keine Steinschloßgewehre mehr als Waffen. Steinschloßwaffen wurden bis ca. 1850 verwendet, wobei diese schon technisch in den 20er des 19 Jahrhunderts durch Perskussionsschlößer abgelöst wurden. Ab 1840 wurden schon Zündnadelgewehre verwendet, die wiederum von Waffen zum verschießen von Projektilen in Metallhülsen abgelöst wurden. Sollte der Kahn daher wirklich in den 20er untergegangen sein, hatte die Besatzung definitv um 100 Jahre veraltete Waffentechnik an Bord. So arm kann die Reederei nicht gewesen sein. Und wenn es Schmuggler waren, hätten diese (Geschäftsmodellbedingt) wohl an moderne Waffen herankommen müssen. Die Aussage mit der Tasse würde ich relativieren. Denn wenn die Unterlagen im Krieg vernichtet wurden können diese sicherlich nicht ausschließen, dass diese auch früher so hergstellt wurden.
Viele Grüße
Torsten
Antwort von Torsten am 09.03.2010 - 20:01 Nachtag:
Könnte es nicht sein, dass das Wrack zwischen 1820 und 1860 gesunken ist?
Begründug:
* Steinschloßwaffen gab es, wie bereits gesagt, bis ca. 1850
* Die Firma Villeroy und Boch gibt es seit 1748.
* Ab 1829 entwickelte Boch ein besonders hartes Steingut für Keramikwaren, was den Absatz überregional anschwellen ließ. (Stern spiegelt vielleicht die 20er des 19 Jahrhundert wieder?)
* 1848/1849 kam es zumer ersten Deutsch/Dänsischen Krieg (Schleswig Holsteinischer Krieg), bei dem auch die Schleswig-Holsteinische Marine zum Einsatz kam.
* Im Verlauf des Krieges wurden Häfen blockiert. Handelt es sich bei den Steinen möglicherweise um Quader zur Errichtung einer Blockade, indem die Fahrrinen verengt/blockiert werden?
Meine Vermutung: Blockade bzw. Versorgungschiff der Dänen, gesunken 1849/1850.
Viele Grüße
Torsten
Antwort von Schleitaucher Krischan am 10.03.2010 - 09:00 Moin Torsten, danke für deine Anregungen.
gestern ging mir durch den Kopf, dass es bei einem Untergang in den 20er Jahren wohl keine Steinschlossgewehre mehr gewesen sein dürften. Ich weiß es auch nicht wirklich. Es sind nur noch die Schäfte vorhanden und die sind relativ klein und haben ausgeprägte, fast verzierte Wangenauflagen wie ich sie nur bei sehr antiken Waffen bisher gesehen habe. Es liegt ein ganzer Haufen davon an Bord. Habe leider versäumt, ein Foto zu machen.
Untergang vor 1920 kann man eigentlich ausschließen, da laut Aussage von Villeroy und Boch die Tasse nicht vor 1920 und in Dresden hergestellt wurde. Das ist allerdings auch das Einzige, was auf ein jüngeres Wrack "beweise" und mich auch ziemlich überrascht hat. Ansonsten bin ich völlig deiner Meinung. Alles andere deutet auf einen Untergang weit vor 1900 hin.
Die Steine sind rohe Findlinge, unbehauen.
Es ist schon ne Zeit her, ich werde noch mal in den Emails kramen, was die gute Dame von V&B mir einst geschrieben hat.
Antwort von diverhans am 10.03.2010 - 09:07 Die Schiffsglocke findest du idR. bei "diesen" Schiffen am Bug (Bereich Ankerspill) oder sogar am Heck, am Mast eher selten. Guck doch einfach mal dort. Dennoch gehe ich davon aus, dass diese (bereits) (heimlich) geborgen wurde...
Antwort von Timan am 12.03.2010 - 12:15 - Aarhuus -> Aarhus
die juengste Definition von Aarhuus mit doppel "U" konnte ich in folgendem Werk von 1907 finden
"The Nuttall Encyclopædia, edited by the Reverend James Wood (1907)"
danach findet sich eigentlich nur noch Aarhus mit einem "U"
Antwort von Timan am 12.03.2010 - 12:22 btw eure gefunden Bier bzw. Weinflaschen wuerden auch eine Altersschaetzung zulassen - hast du Bilder, Formen, Beschriftungen?
Viele Gruesse
Antwort von Schleitaucher Krischan am 12.03.2010 - 15:50 Hallo Leute, vielen dank für eure Mitarbeit!!
Hier mal ein Foto von einer Wein und einer Bierflasche aus dem Wrack (denke ich jedenfalls, dass es Bier- und Weinflaschen sind).
Leider war auf keiner eine Beschriftung.
Die eine Petroleumlampe hat einen sogenannten Kosmosbrenner, der ab 1865 patentiert wurde. Ist zwar auch schon ganz schön alt, würde aber gegen die Theorie eines Kriegseinsatzes während des Schleswig-Holsteinischen Krieges sprechen, der meines Wissens nach von 1848-1851 stattgefunden hat. Aber es ist dann auch merkwürdig, dass Aarhus auf genau dieser Lampe noch mit 2 U geschrieben wird, wenn sonst, wie du sagst, nur maximal bis Anfang des 19. Jahrhunderts Aufzeichnungen darüber zu finden sind.
Das wäre ein Fall für das Stadtarchiv von Aarhus. Ist allerdings nicht gerade um die Ecke...
Ein Bekannter von mir ist Archäologe (TnetUser Floh666) und hat mir Unterstützung bei der Wahrheitsfindung angeboten. Wir werden also bei nächster Gelegenheit noch mal rausfahren und ne Holzprobe vom Rumpf nehmen.
Derweil können wir mal sehen, wie nahe wir an das tatsächliche Alter anhand der Funde uns rantasten. Ich bleibe immer noch bei meinen unsprünglichen Schätzungen.
Antwort von Torsten am 13.03.2010 - 10:09 Hallo Schleitaucher Krischan,
die Theorie mit dem Krieg 1850 ist hinfällig. Nach den jetzt vorliegende Informationen, tendiere ich auch eher zu einem Untergang nach 1900. Bei den Waffen könnte es sich durchaus auch um Jagdwaffen gehandelt haben. Diese weisen ebenfalls oftmals aufwendige Gravuren auf.
Bei den Bildern meine ich, dass es sich sich durchaus um Wein und Bierflaschen handeln könnte. Zumindets die kleinere Bierflasche macht den Eindruck, alls wenn diese für höhere Drücke (Kohlensäure) konzipiert war. Meines erachtens könnte es sich hierbei um eine Flasche für einen Ringmundverschluss (Bügelfalsche) handeln. Unter beigefügtem Link befindet sich eine PDF-Datei, wo ziemlich unten eine ähnliche Flasche abgebildet wurde. Auffällig ist zum einen, der bauchige Flaschenhals, als auch die Konstruktion des Bügels, welcher die Flasche umgreift. Bügelverschlüße setzten sich ab 1880 durch.
Zudem meine ich auf deinem Photo eine Bordeauxflasche zu erkennen. Auffällig hieran ist, dass die Bierflasche anscheinend eine "Naht" aufweist, wie man sie auch heute noch an Flaschen findet. Ich meine mal gehöhrt zu haben, dass dies erts mit der industriellen Herstellung von Flaschen geschah, da vorher Flaschen (Nahtlos) mit dem Mund geb lasen wurden. Um exakt gleichen Flaschen mit Normvolumen herzustellen, bedarf es daher einer Form. Bitte schaue dir auch mal den Flaschenboden an, da hier oftmals ein Hersteller "eingeprägt" war.
Auf das Ergebnis der Altersbestimmung bin ich auch mal gespannt.
PS: Kannst du zudem noch Fotos von den Holzschäften der Gewehre machen? Würde mich echt mal interessieren.
Antwort von D-32 am 13.03.2010 - 10:17 Flaschenfrage: Eine Freundin aus der Region Selent sammelt alte Flachen, wir waren mal gemeinsam auf der Suche nach sowas im Kieler Hafen. Kriterium für neuzeitliche Flaschen ist einmal die Längsnaht, dann aber auch eine umlaufende Riffelung am Flaschenboden. Ich habe hier eine Flasche mit Bodenprägung 0,33 l und Jahreszahl 1970: Längsnaht, aber glatter Boden.
Vielleicht kann da ein Heimatmuseum weiterhelfen, oder die antiquarische Sammlung einer alteingesessenen Brauerei.
Antwort von Timan am 13.03.2010 - 13:16 - Die linke Flasche sieht wie Torsten ja schon in den pdf`s anmerkte nach einer Flasche mit "Manschetten - Buegelverschluss" aus. Die Kamen so ab 1875 in Mode, bzw. 1877 gab`s da ein Patent (Nicolai Fritzner) drauf. Auch wenn nicht zitierfaehig -> Hier klicken
Schade das nichts auf die Flaschen gepraegt ist. Haste mal wie D-32 schon sagte mal auf den Flaschenboden geschaut?
Antwort von Schleitaucher Krischan am 13.03.2010 - 18:56 Ja habe ich. Ist glatt, nichts an Riffelungen, Prägungen oder ähnliches. Auffällig sind aber besonders bei der Weinflasche, dass Fehler im Glas (Lufteinschlüsse) zu sehen sind.
Ich habe hier mal ein (nicht so tolles) Foto von einem Flaschenverschluss-Bruchstück, das definitiv aus dem Jahre 1849 stammt.
Ich habe ihn nämlich zufällig bei der Untergangs/Explosionsstelle der Christian VIII in Eckernförde gefunden. Der Korken steckte bereits drin. Die Form würde ich mal sagen, ist sehr ähnlich dem der Bierflasche obwohl ich auch sagen würde, dass es sich um einen Ringmundverschluss handelt. Aber hätten wir dann nicht zumindest den einen oder anderen Porzellanverschluss finden müssen? Einige von den Weinflaschen waren jedenfalls noch verkorkt.
Die Links zu dem PDF funzen doch alle!?!
Antwort von Timan am 13.03.2010 - 19:32 Hatte auch ueberlegt das ihr eigentlich nen Porzellanverschluss haettet finden muessen - der haette dann auch aufgrund der wahrscheinlichen Beschriftung eine "einfache" bestimmung ermoeglich.
Antwort von Timan am 13.03.2010 - 20:03 hab gerade nicht so die Zeit - aber anhand dieser Seite sollte eine Bestimmung moeglich sein
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