Toter Ostsee-Wal in Stralsund Abgesandt von Ovico am 11.07.2005 - 18:39:
Stralsund - Einen Wal als Schleppgut hatte Egon Moritz, Kapitän des Schleppers «Fairplay 25», bisher noch nie am Haken. Umso erstaunter war der Seebär über den Auftrag, am späten Sonntagabend einen toten, in der Ostsee treibenden Wal nach Stralsund zu schleppen.
Der Riesensäuger von schätzungsweise 18 Metern Länge und 45 bis 75 Tonnen Gewicht war am Sonntag von Seglern zwischen Rügen und der Greifswalder Oie entdeckt worden. «Der hat schon mächtig gerochen», beschreibt Moritz das ungewöhnliche Frachtgut.
«Der Fund ist eine zoologische Sensation für den südlichen Ostseeraum», sagt Harald Benke, Chef des Deutschen Meeresmuseums Stralsund. Seit Beginn der Aufzeichnungen im 14. Jahrhundert wurden nach Angaben der Forschungseinrichtung erst fünf tote Finnwale im südlichen Ostseeraum nachgewiesen. Der letzte Finnwal wurde 1944 in der Wismarbucht geborgen.
Bei dem gefundenen Tier handele es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um einen Finnwal, ein Exemplar der zweitgrößten Walart der Welt, erklärt Benke bei der Erstbesichtigung des Kadavers. Während er die Walart wegen der Rückenlage noch nicht hundertprozentig bestimmen kann, ist das Geschlecht zweifelsfrei an dem mehr als einen Meter langen, Oberschenkel dicken Penis zu identifizieren.
Die Meeresbiologen gehen davon aus, dass der schätzungsweise 10 bis 15 Jahre alte Wal beim «Stromern» nach Kleinfischen und Krebsschwärmen von der Route abgekommen und über das Kattegat in die Ostsee geschwommen ist. Möglicherweise sei der Finnwal identisch mit dem Tier, das vor einem halben Jahr in der Kieler Bucht gesichtet worden sei. «Der Wal hat in der Ostsee gute Nahrungsbedingungen», sagt Walexperte Gerhard Schulze. Er sei vermutlich bereits vor drei Wochen an Stress verendet, weil er den Rückweg über das Kattegat in die Nordsee nicht gefunden hat. Der Körper ist aufgebläht, die Oberhaut auf der Bauchseite hat sich bereits gelöst.
Die Größe des Kadavers stellte die Forscher vor Probleme. Finnwale werden auf der nördlichen Erdhälfte maximal 19 Meter lang. Weil sich zunächst kein für diese Extremlasten ausgelegter Kran fand, sollte das Tier erst am Abend aus dem Wasser gehievt und vermessen werden. Die Präparatoren, die den Wal liebevoll «Finni» getauft haben, wollten am Dienstagmorgen mit der Sektion beginnen.
Dann wartet Schwerstarbeit auf das 10 bis 15 Leute umfassende Team: Zunächst müsse über eine Sonde das Gas aus dem Inneren des Kadavers abgeleitet werden, um eine Explosion zu verhindern. Dann werde die bis zu zehn Zentimeter dicke Speckschicht entfernt, erklärt Chefpräparator Uwe Beese. Mit Spezialmessern werden das Muskelfleisch abgetrennt, Organe entfernt und Gewebeproben entnommen. Die Knochen kommen in einen Container, wo ihnen mit einer Lauge das Fett entzogen wird. Das Walskelett wird möglicherweise von 2008 an im neuen Museumsbau Ozeaneum in Stralsund ausgestellt.
Die Überlebenschancen von Großwalen in der Ostsee sind gering, denn der Rückweg in die Nordsee über die Meeresenge am Kattegat ist äußerst schwierig. Erst im August 2004 hatte sich ein Pottwal in der Ostsee verirrt. Sein Kadaver war später am Strand eines russischen Militärgebietes geborgen worden.
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