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tauchunfall?
Abgesandt von Wieland Walter am 12.08.2002 - 20:35:

Ich bin im Urlaub als tauchender Arzt zu einem Taucher gebeten worden, der einen fraglichen Tauchunfall hatte. Nach einem 47min langem TG auf max 28 Metern mit konservativem Profil und langen Pausen auf 10, 5 und 3m trat bei dem Taucher zunächst ein passageres Schwächegefühl in den Beinen auf. Nachdem er sich aus dem Neopren gepellt hatte bemerkte er eine veränderte Empfindung im li Bein u. Arm. Das Schwächegefühl verschwand. Der Taucher inhalierte zunächst 30min Sauerstoff und kam zu dem Schluß, daß es kein Tauchunfall sein könne, das Profil sei ja so harmlos. Etwa 5h später konnte ich ihn untersuchen. Es fand sich ein herabgesetztes Schmerzempfinden am li. Arm, Bein und Rumpf. Motorik und Reflexe waren uneingeschränkt, Berührung konnte er durchaus wahrnehmen, beschrieb sie aber als pelzig. Der Taucher ist 24J, sportlich trainiert, ca 270 TG und hatte am Tag zuvor nicht getaucht, allerdings im Kompressorraum ordentlich geschwitzt.
Wir fuhren dann mit Sauerstoffgabe in die nächste Dekokammer, wo dann eine 2 1/2 stündige Fahrt nach Navy-Tabelle durchgeführt wurde. Während der Deko-Fahrt kam es zu keiner Besserung, erst in den folgenden Tagen bildeten sich die Symptome langsam zurück. Der Taucher hat sich jetzt zu weiterer Abklärung (MRT/TEE) nach Deutschland begeben.
Mine Frage ist, was fallen Euch für Differentialdiagnosen für eine halbseitige Sensibilitätsminderung ein, habe ich überreagiert, indem ich den Pat. in die Deko-Kammer geschleppt habe?
Willy



Antwort von Andreas Ploch am 12.08.2002 - 21:07
Hallo Willy!

Über die Hälfte der DCS-Fälle treten trotz "unauffälligem" Tauchprofil auf. Als häufigste Ursache einer DCS dürfte in diesen Fällen eine mehr oder minder starke Exsikkose in Betracht kommen, die ja wohl in dem von Dir geschilderten Falle auch vorlag.
Bei den aufgetretenen Symptomen muss ich mich bezüglich der Differentialdiagnose fragen: Was soll es außer einer DCS sonst gewesen sein? Diskusprolaps? Guillain-Barre-Syndrom, MS oder ALS im Anfangsstadium? Wäre aber ein toller Zufall, wenn`s gerade nach dem Tauchen auftritt.
Ich tippe daher auf die DCS II und denke, dass Du vollkommen korrekt gehandelt hast.

In den letzten 12 Monaten habe ich übrigens einige kuriose DCS-Fälle in derDruckkammer behandelt, die eigentlich gar nicht hätten auftreten dürfen. Der herausragendste Fall war der eines jungen Mannes, der nach einem Tauchgang auf den Malediven (kein WH-TG) mit ca. 15 m Tiefe und 25 min Dauer bei unauffälligem Tauchprofil eine DCS II mit kaudaler Querschnittssymptomatik entwickelte. Nachdem man auf den Malediven eine DCS für ausgeschlossen hielt, wurde er mit der Verdachtsdiagnose "Diskusprolaps" per Ambulanzflug nach D repatriiert. Hier konnten jedoch die Gasblasen im Rückenmark bildgebend nachgewiesen werden. Nach sieben HBO-Behandlungen war er fast symptomfrei.

Viele Grüße

Andi
Antwort von Günter am 12.08.2002 - 22:38
Hallo Willy,
bei diesen Anzeichen hast du absolut richtig gehandelt. Die Alternative wäre gewesen, nichts zu tun und abzuwarten...... ? Ich denke das wäre verantwortungslos gewesen. Also war dein Handeln richtig!

Richtig ist auch, dass vielen DCS ein relativ harmloses Tauchprofil voraus geht. Da gibts noch so viele andere Faktoren welche ursächlich oder begünstigend sein können.
Auch bei einem relativ flachen und kurzem TG kann es bei zu schnellem Auftauchen zur Blasenbildung kommen. Erst recht wenn noch einige andere Faktoren die mit dem Tauchen nicht in Zusammenhang stehen (und die du auch nicht wissen konntest) dazu kommen.
Gute und einzig richtige Reaktion!!!

Günter
Antwort von matt siebert m.d. am 13.08.2002 - 00:27
Hi Willy,
keine Frage, Du hast das einzig richtige unternommen und selbst wenn das kein Tauchunfall gewesen sein sollte, hast Du sicher nicht überreagiert.
Ich hatte einen ähnlich gelagerten Fall auf einer abgelegenen Insel in Südostasien vor einigen Monaten. Damals stand ich vor der gleichen Frage, ob ich mit dem aufwendigen Transport in die nächste Klinik mit Dekokammer und der dort angeleierten Diagnostik überreagiert hatte. (Allerdings hattest Du wenigstens nicht noch zusätzlich über sofortige O2-Gabe und mit einer Basisleitung (Wir hatten noch nie einen Tauchunfall!!!) zu diskutieren.
Jedenfalls hatte ich einen jungen, eher untrainierten und vom Vorabend durch Alkohol- und Nikotingenuß belasteten Taucher mit zwei laut Computer und Tabellen völlig unkomplizierten Non-Decompression-TGs flacher als 20m von jeweils ca 40 Minuten in tropisch-warmem Wasser, der ca. 2 Stunden nach seinem Tauchgang durch halbseitige motorische uns sensible Ausfälle (bis zur Hemiparese) sowie eine Aphasie bei starken Kopfschmerzen auffiel. Mit der Verdachtsdiagnose "DCS" und 4 Stunden im Krankenwagen auf einer Dirt-Road später habe ich mit den diensthabenden Kollegen in der Klinik zunächst ein craniales CT veranlasst, welches weder Hinweise auf eine intracranielle Blutung oder Ischämie ergab. Daher bestand weiter der dringende V. a. eine DCS und wir haben den Knaben unverzüglich in die Dekokammer gebracht wo -meines Wissens nach - dann 3 x nach Tabelle 6 gefahren wurde. Dieselben Symptome traten später wiederholt in unveränderter Intensität auf, so daß ein unverzüglicher Heimflug organisiert wurde.
In einer deutschen neurologischen Uniklinik hat man dann die Ursache gefunden: Migräne mit Aura!!!
Soviel also zu den möglichen Differentialdiagnosen (obgleich in Deinem Fall sicher weniger wahrscheinlich!).
Und Gottseidank ging es dem Patienten dann auch rasch besser.
Einen Haken hatte die ganze Aktion dann doch (und das muß ich hier einfach mal erwähnen): mir sind durch die Notarzt-Einsatz in der Pampa > 3 Urlaubstage verloren gegangen und die Auslandkrankenversicherung des betreuten Patienten ("Europäische Reiseversicherung") machte mir trotz vorher erfolgter telefonischer Kostenzusage einen Vorwurf, stellte meine Kompetenz als ausgebildeter Taucherarzt (BW) in Frage und kam in keinster Weise für den organisierten Krankentransport, geschweige denn für meine Auslagen wie Infusionslösungen, Rücktransport zum Urlaubsort inklusive der notwendigen Extra-Hotelübernachtungen etc. auf.
(Angeblich dürfen wir im Ausland unseren Aufgaben nicht nachkommen, auch wenn wir moralisch UND rechtlich zur Hilfeleistung verpflichtet sind!).
Mir wird das zukünftig jedenfalls eine Lehre sein...
Gruß
Matt
Antwort von mq am 13.08.2002 - 01:33
hm, könnte es nicht auch so sein dass in vielen fällen die taucher einfach zu wenig getrunken haben? bei einem leichtem wind spürt man selbt bei 35°C nicht dass man schwitzt.
Antwort von Marcus am 15.08.2002 - 18:36
Hi Matt,
wie ist Dein letzter Satz zu verstehen?
Welche Konsequenzen ziehst Du für die Zukunft aus den von Dir geschilderten Erfahrungen?
Gruß,
Marcus
Antwort von Manfred am 15.08.2002 - 22:25
ja hallo
auch ich möchte mich marcus`s frage über deine konsequenzen anschließen !!!!

aber dennoch bedanke ich mich im namen aller, die glück hatten und in zukunft haben werden, einen kompetenten arzt in der nähe zu haben.

also bitte weiter helfen wenn notwendig !!!
Antwort von matt siebert m.d. am 16.08.2002 - 12:51
Keine Panik Marcus und Manfred,
sicher wird Euch niemand eine medizinische Hilfeleistung verwehren...
Ich wollte eigentlich auch nur eine Diskussion über Auslands-Krankenversicherer anregen, die ihr Klientel in völlig falscher Sicherheit lassen.
Ich für mich persönlich werde in (hoffentlich wenigen) ähnlichen Fällen die entsprechende Auslands-Krankenversicherung (die haben alle einen 24h-Dienst) vor Einleitung einer Behandlung nicht unmittelbar lebensbedrohlicher Verletzungen eine schriftliche (Fax hat`s in jedem größeren Hotel oder Office) Kostenzusage einholen (auch über eventuell mir persönlich entstehende Kosten oder sie vor die Wahl und Verantwortung stellen, alles selbst zu organisieren). Es geht hierbei nicht darum, irgendwelche horrenden Forderungen aufzustellen oder überhaupt ein Honorar für unsere Arbeit zu verlangen, vielmehr möchte ich damit erreichen, daß zukünftig eine Basisleitung und ich (wie in dem von mir geschilderten Fall) nicht auf jeweils ca. 150 € für Transport und Medikamente sitzen bleiben, ohne daß die behandelte Person sich irgendwie an unseren Auslagen beteiligt hätte.
Gruß
Matt
Antwort von Wieland Walter am 21.08.2002 - 16:39
Hallo,
Ich habe jetzt erneut von dem besagten Taucher gehört, nachdem er sich in Deutschland ausführlich hat durchchecken lassen:
kein Bandscheibenvorfall, Hirninfarkt o.ä., kein morphologische Korrelat zu finden. Die Beschwerden sind ebenfalls weg. Er darf auch weiter tauchen, was den guten ungemein freut.
Was auch immer das war, vielen dank für eure Beiträge.
Willy

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