Momentan ist Kindertauchen in aller Munde und Thema vieler Artikel,
Gegenstand intensiver Forschung und im Interesse der Tauchindustrie.
Die Altersgrenzen im Tauchsport haben sich erheblich verschoben – aber
nicht nur nach unten, sondern auch nach oben, bis ins hohe Lebensalter
hinein. Daraus ergeben sich zusätzliche medizinische
Fragestellungen. Taucher.Net gibt einen Überblick, was beim
Tauchen mit Gelenkprothesen zu beachten ist.
Bericht von Anke Fabian
Bei älteren Tauchern ergeben sich häufig Fragen, die, neben
dem Herz-Lungen-System, oft den orthopädischen Bereich betreffen.
Eine davon ist die Frage nach der Tauchtauglichkeit mit
künstlichen Gelenken. Darf man damit überhaupt tauchen?
Kann man im gewohnten Profil tauchen? Und wann darf man nach der
Operation wieder tauchen? Ist jede Prothese gleich zu handhaben? Macht
die Wahl des Materials einen Unterschied?
Prinzipiell wird der Bewegungsapparat, im Vergleich zu den
luftgefüllten Körperhöhlen, sehr viel weniger von den
physikalischen Gegebenheiten unter Wasser beeinflusst. Bewegung gegen
den Wasserwiderstand bedeutet jedoch für Muskeln, Bänder und
Gelenke eine höhere Belastung und erfordert mehr Kraftaufwand.
Auswirkungen auf Knochen und Gelenke
Die meisten der heute gebräuchlichen Dekompressions- und
Austauchtabellen sowie die Rechenmodelle der Tauchcomputer basieren auf
Überlegungen des englischen Physiologen John Scott Haldane.
Basierend auf seinen Untersuchungen der Sättigungskinetik
definierte Haldane die Halbwertszeit. Sie stellt die Zeitspanne dar,
nach der das Gewebe zur Hälfte mit Stickstoff ge- oder
entsättigt ist. Sie ist, in Abhängigkeit von der jeweiligen
Durchblutung, für die einzelnen Gewebe unterschiedlich (siehe Tabelle unterhalb). So hat
beispielsweise das Rückenmark eine Halbwertzeit von rund 12,5
Minuten, während Gelenke und Knochen erst nach 300 bis 600 Minuten
zur Hälfte mit Stickstoff gesättigt bzw. wieder
entsättigt sind.
Gewebe
Halbwertszeit
Rückenmark
10-20 Minuten
Muskulatur
100-240 Minuten
Gelenke, Sehnen, Bänder
300-600 Minuten
Knochen
300-600 Minuten
Halbwertszeiten für Gewebe des Bewegungsapparates
Diese Sättigungskinetik bestimmt die
möglichen Wirkungen von Pressluft auf den Bewegungsapparat. Aus
der langen Halbwertzeit von Gelenken, Bändern, Knorpel und Knochen
folgt, dass kritische Konzentrationen von Stickstoff, die zu
Bläschenbildung führen können, erst bei sehr
ausgedehnten, tiefen oder Wiederholungstauchgängen zu erwarten
sind. Die langsamen Gewebe haben allerdings die geringste Toleranz
gegenüber einem erhöhten Stickstoffpartialdruck. Sind die
Oberflächenintervalle zwischen den Druckexpositionen bei Tauchern
oder Überdruckarbeitern kürzer als die
Entsättigungszeit, ergibt sich daraus eine Kumulation von
Stickstoff in den langsamen Geweben. So verhält sich das also
normalerweise. Und bei künstlichen Gelenken?
Künstliche Gelenke
Am häufigsten erfolgt ein Gelenkersatz in Folge von
altersbedingten Abnutzungserscheinungen, schweren Gelenkverletzungen,
welche die Gelenkpartner zerstört haben (posttraumatische
Arthrose), bei angeborenen Gelenkdeformitäten (z.B.
Hüftdysplasie) oder systemischen Erkrankungen. Am häufigsten
werden Gelenkprothesen an Hüfte, Knie, Schulter und Sprunggelenk
eingesetzt, selten auch im Ellbogengelenk oder im Handbereich
(Fingergelenke, Handgelenk). Zunehmend häufiger stellen sich auch
Taucher mit einer oder mehreren Bandscheibenprothesen in der
Sprechstunde vor.
Arthrose - altersbedingte Abnutzungserscheinungen: Bild links: Schwere Arthrose des linken Kniegelenkes mit völlig aufgehobenem innerem Gelenkspalt, Abstützungs- und Entzündungsreaktion des Knochens Bild rechts: Hüftgelenksarthrose links – auch hier sieht man einen aufgebrauchten Gelenkspalt und die typischen knöchernen Reaktionen
Die Prothesen werden entweder einzementiert oder zementfrei eingesetzt.
Dabei werden Materialien mit speziellen Beschichtungen verwendet,
welche vom körpereigenen Knochen durchbaut und damit
belastungsstabil werden. Das bedingt zumeist längere
Entlastungszeiten. Der dauerhafte Halt einer Prothese entsteht – vor
allem bei der nicht-zementierten Variante – durch die vom Körper
neu gebildete Knochensubstanz, die die Prothese fest umschließt.
Diese knöcherne Integration erfordert eine genaue Einpassung der
Prothese in das Knochenlager. Dabei kann viel schiefgehen und zu
Fehlstellungen der betroffenen Extremität, zu Längendifferenz
oder vorzeitiger Lockerung führen.
Gelenkprothesen an Hüfte, Knie und Schulter
Als Materialien für ein künstliches Gelenk werden entweder
Metall (Titan oder Stahl), speziell gehärtete Kunststoffe oder
Keramik verwendet und, je nach Gelenk, in verschiedenen
Gleitpaarungen kombiniert. Die Auswahl des jeweiligen Prothesensystems
ist abhängig von der knöchernen Situation, dem Zustand der
Weichteile und den Wünschen wie auch dem Alter und
Belastungsprofil des Patienten.
Moderne Prothesen - Materialien mit speziellen Beschichtungen
Konsequenzen für den Tauchsport
Betrachten wir zunächst einmal die Ausgangssituation nach einer
Operation. Alle Verletzungen, schwere gesundheitliche
Veränderungen oder operativen Eingriffe lösen im Körper
Stressreaktionen aus. Für die Erteilung der Tauchtauglichkeit
gelten einige generelle Grundsätze. Die allgemeine
Leistungsfähigkeit ist nach Immobilisation (Ruhigstellung), durch
Blutarmut, Schwellung und Einschränkungen der Beweglichkeit oft
über einen längeren Zeitraum vermindert. Solange dies der
Fall ist, darf nicht getaucht werden. Die Freigabe kann bei
wiederhergestellter Leistungsfähigkeit und stabiler Ausheilung der
betroffenen Weichteil- und Knochenstruktur nach Rücksprache mit
dem behandelnden Orthopäden erfolgen. Sollten nach einer Operation
erhebliche dauerhafte Einschränkungen der Beweglichkeit oder gar
Einsteifungen vorliegen, die unter Wasser nicht kompensiert werden
können, kann dennoch eine Tauchtauglichkeit im Rahmen des
Handicapped Diving erzielt werden. Die Tauchtauglichkeitsuntersuchung
nach Einsatz eines künstlichen Gelenks sollte von einem
ausgebildeten Tauchmediziner in Zusammenarbeit mit dem Orthopäden
der Nachsorge erfolgen.
Meistens haben die Menschen, die sich für ein künstliches
Gelenk entscheiden, schon einen längeren Krankheits- und
Leidensweg hinter sich, da in der Regel versucht wird, den Zeitpunkt
der Implantation so lange wie möglich hinauszuschieben.
Künstliche Gelenke haben eine begrenzte Lebensdauer. Durch eine
Operation, die möglichst spät im Leben angesiedelt ist,
versucht man, Wechseloperationen zu vermeiden. Eine länger
andauernde, schmerzhafte Bewegungseinschränkung oder Schonung vor
der Operation führt oft zu einem erheblichen Verlust an
Muskelmasse und Kraft. Dies wird dann bedeutsam, wenn der Taucher
wieder ins Wasser möchte und die schwache Muskulatur mit
Krämpfen auf die ungewohnte Beanspruchung reagiert.
Was tun?
Was also nun, wenn man ein oder mehrere künstliche Gelenke mit
sich herumträgt? Mit einer gut eingeheilten Gelenkprothese kann
man prinzipiell tauchen. Dabei ist es im Hinblick auf das Tauchen egal,
ob die Prothese zementiert ist oder nicht. Die Tauchtauglichkeit ist
dann wieder gegeben, wenn die Prothese belastungsstabil eingeheilt ist.
Eine „Übungsstabilität“ ist dafür noch nicht
ausreichend! Eine gute Belastungsstabilität ist normalerweise
erreicht, wenn man wieder sporttauglich ist. Der behandelnde Arzt in
der Nachsorge erteilt die Freigabe je nach klinischem und
radiologischem Befund (Röntgenbild).
Gibt es Risiken?
Theoretische Risiken bestehen in einer Prothesenlockerung oder
Ausrenkung. Eine übermäßige Belastung kann zur
Prothesenlockerung führen. Dies ist allerdings nicht unter Wasser
zu erwarten, sondern eher an Land. Hier ist der bepackte Weg zum Wasser
mit Flasche und Blei, der Ein- oder Ausstieg aus einem Zodiac oder
Tauchboot der anspruchsvolle Teil. Eine kräftige,
gelenkumspannende Muskulatur schützt die Prothese hier am besten.
Ungünstige Bewegungen, die zu Ausrenkungen führen
könnten, sollten vermieden werden. Hilfestellung darf
großzügig angenommen werden und ist keine Schande.
Erhöhtes Deko-Risiko?
Jeder operierte Bereich kann empfindlicher auf
Dekompressionsstress reagieren – die Wahrscheinlichkeit,
stickstoffbedingte Probleme zu bekommen, ist hier leicht erhöht.
Das hängt mit der veränderten Durchblutung im Narbenbereich
und der damit gewandelten Sättigungskinetik zusammen. Narbengewebe
kann durchaus ein „Stickstofffänger“ sein. Die verwendeten
Werkstoffe für die Prothese spielen hier keinerlei Rolle. Tipp:Konservativ tauchen und das Extreme
vermeiden!
Muskeln und Muskelkrämpfe
Muskuläre Defizite nach längerer Verletzungspause sind
häufig Ursache von Krämpfen, vor allem im Wadenbereich. Der
untrainierte Muskel leidet bei ungewohnten, kräftigen Bewegungen
gegen den Wasserwiderstand unter Sauerstoffmangel. Hier gibt es einige
Vermeidungsstrategien:
1. Muskelaufbautraining durch Flossenschwimmen.
2. Aufwärmen der Muskeln vor einer Belastung regt die Durchblutung
an.
3. Auskühlung vermeiden.
4. Umstellung auf weiche Flossenblätter oder auf Flossen, die
einen günstigeren Hebel am Sprunggelenk haben.
5. Überprüfung des Elektrolythaushaltes (vor allem nach
Operationen) durch einen Arzt.
Unkontrollierte Einnahme von Magnesium ist nicht empfehlenswert. In
hoher Dosis führt Magnesium zu Muskelschwäche bis hin zu
Muskellähmungen, Durchfall und Müdigkeit.
Kombinationspräparate von Calcium und Magnesium sind
außerdem ungünstig, da sich die beiden Komponenten
gegenseitig bei der Aufnahme im Körper hemmen.
"Case Report"
Fallbericht : Tauchen mit künstlichen Gelenken
Dr. med. Wolfgang Hühn ist Arzt für Tauch- und
Überdruckmedizin und Leiter des Druckkammerzentrums Mittelhessen
in Wetzlar. Er ist wissenschaftlich aktiv, berufspolitisch
engagiert sowie passionierter und langjähriger Taucher
mit CMAS TL** Ausbildung. Seine Expertise und Erfahrung beweist
er in seiner täglichen Arbeit mit Patienten in Praxis und an
der Druckkammer, mit Tauchern und in Workshops, bei praktischen
Fortbildungen und in seiner berufspolitischen Tätigkeit im Verein
Deutscher Druckkammern (VDD).
Seine Krankengeschichte kann all denen Mut machen, die nach der
Implantation eines künstlichen Gelenkes wieder tauchen
möchten.
Im Oktober 2006 erhielt Dr. Hühn, nach jahrelanger schwerster
Arthrose, im rechten oberen Sprunggelenk eine Totalendoprothese des
Sprungbeines. Die schwere Arthrose bedingte eine schmerzhafte
Funktionseinschränkung, welche zuletzt sogar Flossenschwimmen
unmöglich machte. Nach der Operation erfolgte eine drei
monatige Immobilisierung (Ruhigstellung) des Gelenkes, die zu einer
ausgeprägten Muskelatrophie (Muskelschwund) der Wade führte.
Ab Sommer 2007 – ca. 9 Monate nach der Operation – konnte Wolfgang
dann wieder mit dem Gerätetauchen beginnen. Dazwischen lagen
Monate von krankengymnastischen Übungen und hartnäckigem
Muskelaufbautraining. Dass dies nicht immer ein Zuckerschlecken
war, kann man sich vorstellen. Aber die Mühe wurde belohnt. Im
Sommer 2007 fuhr W. Hühn nach Sharm el Sheikh zum EUBS
Tauchmedizin Kongress und ging in seiner Freizeit munter tauchen. Das
rechte Sprunggelenk war zu diesem Zeitpunkt weitgehend abgeschwollen,
die Beweglichkeit ausreichend und die Muskulatur wieder auftrainiert.
Aufnahme der Arthrose (Bild links) und die eingesetzte Talusprothese (Bild rechts)
Ein richtiges Flossentraining konnte Wolfgang im Herbst 2007
wiederaufnehmen. Zunächst nur leicht, aber immerhin war er nun
wieder regelmäßig im Wasser. Im Zeitraum von 2008 bis
März 2009 erlangte er zunehmend eine volle Belastbarkeit ohne
jegliche Beschwerden mit zuletzt 5-6 km wöchentlichem
Flossenschwimmen.
Ostern 2009 kam dann ein erneuter Rückschlag: Ein
arthritischer Einbruch des rechten Hüftkopfes mit
nachfolgender Operation und Hüftkopfprothese im Mai.
Aufgrund der – durch regelmäßiges Training - gut
ausgeprägten Becken- und Oberschenkelmuskulatur konnte eine
beschleunigte Rehabilitation durchgeführt werden. Bereits
drei Wochen nach der Operation, bei gut verheilten
Wundverhältnissen, begann Wolfgang mit dem Rehabilitationstraining
und sogar schon mit dem Flossenschwimmen. Selbst bei
1.000m Flossenschwimmen bestand dabei völlige Schmerzfreiheit.
Aber – die Hüfte ist leider inzwischen mehrfach ausgerenkt oder
zumindest fast ausgerenkt (Luxation/Subluxation). Ausrenkungen
geschehen normalerweise entweder durch Passfehler bei der Einbringung
der Prothese, Muskelschwächen, durch untypische schwere
Belastungen oder durch falsche Bewegungen. Bei Wolfgang luxiert
die Hüfte durch eine ganz bestimmte Bewegung: bei extremer
Streckung der Hüfte unter völliger Entlastung des Beines und
gleichzeitiger Linksdrehung des Körpers. Also heißt es nun
doch noch einmal genau hingucken – Muskeln trainieren, langsam machen –
und nur nicht aufgeben.
Sicherheitshalber hat W. Hühn aus diesem Grunde nur wenige
Tauchgänge mit Gerät durchgeführt und hofft auf eine
Wiederaufnahme des Flossentrainings.
Dr. med. Wolfgang Hühn
Facharzt für Allgemeinmedizin
Diving & Hyberbaric Medicine Consultant (GTÜM e.V.)
CMAS TL**
Lehrbeauftragter "Physiologie Tauchen", JLU
Gießen
Für Nachfragen ist Dr. Wolfgang Hühn gerne zu haben. Wer
einen
professionellen medizinischen Rat gepaart mit viel mitfühlendem
Verständnis haben möchte, darf ihn gerne kontaktieren.
Bericht
und Bilder von Dr. Anke Fabian
Dir fehlt noch der letzte Kniff zum optimalen UW-Bild? Dann schau doch mal in unser Foto-Forum! Hier gibt es Tipps zur Ausrüstung, Motivauswahl und mehr. Und natürlich kannst Du hier auch Deine Fragen stellen - Antworten garantiert!
DiveInside Märzausgabe (25.02.2012) Zur Information: Das Erscheinungsdatum der DiveInside, Ausgabe März 2012, ist der 13.März. In der Vorschau der letzten Ausgabe hatten wir den 27.Februar angekündigt. (mehr) Frohe Weihnachten und ein gu.. (23.12.2011)
Wir wünschen euch allen ein ruhiges und besinnliches
Weihnachtsfest und natürlich einen guten Rutsch in ein
fantastisches und vor allem gesundes Jahr 2012!
Wir bedanken uns ganz herzlich (mehr) Zahlenjubiläum auf Taucher.N.. (06.02.2011)
Heute, am 6.Februar 2011, feiern wir ein kleines Zahlenjubiläum.
Um exakt 18:13 konnten wir den 50.000.000 User auf Taucher. Net
begrüßen und unser junger Facebook-Auftritt hatte (mehr)
Akt. Veranstalterberichte:
Omneia - Tauchen und Reisen,.. (24.05.2012) Die Sucht nach Mee(h)r! Brothers - Daedalus - Elphinstone Safari April 2012 Die Sonne neigt sich dem Horizont zu und taucht den Hafen Ras Ghalib in ein goldenes Licht. Sanft wiegt sich das Schiff in (mehr) Norway-Team-Frank (21.05.2012) Reisebericht vom 13.05.- 19.05.2012 Kristiansand Norwegen. Zu Gast beim Norway Team Frank! Zu sechst machten wir uns auf den Weg von NRW aus in den Norden nach Kristiansand. Über die Fährpassage (mehr) Intodeep Tauch- & Abenteuerr.. (19.05.2012) Auf der Boot 2012 lernten wir die Truppe von Intodeep kennen und buchten gleich zwei Reisen. Eine in den Komodo-Nationalpark im April, die andere nach Galapagos Anfang Dezember. Da Intodeep zu diesem (mehr)