Hirnschäden durch intensives Tauchen mit Preßluft ?

 Geschrieben von Ralf-Torsten Pohl

Aus der Fachliteratur ist bekannt, daß Caissonarbeiter bzw. Berufstaucher häufiger unter Gedächtnisproblemen, Depressionen und anderen neurologischen Störungen leiden als Personen, die sich nicht unter erhöhtem Umgebungsdruck aufhalten. Meistens handelt es sich dabei um Personen, die ein Dekompressionstrauma hinter sich haben. Bis heute gibt es kaum gesicherte Erkenntnisse darüber, inwieweit über einen längeren Zeitraum betrachtet der wiederholte Aufenthalt unter erhöhtem Druck auch ohne ausgeprägte Dekrompressionssymptomatik zu Gewebeschädigungen führen kann.

Dr. Reul und eine Gruppe von Ärzten des Klinikums der Technischen Hochschule Aachen, Spezialisten für Neurologie und Neuroradiologie, untersuchten Hobbytaucher, von denen die meisten keinen nachweisbaren Dekompressionsunfall hinter sich hatten, hinsichtlich erkennbarer Schäden im Bereich des zentralen Nervensystems und der Wirbelsäule.*)

Sie wandten dabei die höchst empfindliche aber auch sehr aufwendige und damit teure Methode der "Kernspinresonanz-Tomographie" (auch aus dem Englischen: NMR-Spektroskopie oder MRI = magnetic resonance imaging) an. Das Prinzip der Methode besteht darin, daß manche Atomkerne (z. B. Protonen) über eine ungeordnete Eigenbewegung (Spin) bzw. über ein eigenes Magnetfeld verfügen. Beim Anlegen eines sehr starken äußeren Magnetfeldes richten diese Kerne ihre Eigenbewegung und ihr Magnetfeld in einer ganz bestimmten Weise aus. Wirkt man nun durch einen kurzen Hochfrequenzimpuls auf die im Magnetfeld orientierten Kerne ein, so wird kurzzeitig deren Ordnung gestört. Bei der Rückkehr zum geordneten Zustand senden die Atomkerne elektromagnetische Wellen aus, die man registriert. Durch geschickte Kombination verschiedener äußerer Magnetfelder kann man bei den gemessenen Signalen auch auf ihren Entstehungsort schließen. Die einzelnen Signale werden von hochleistungsfähigen Rechnern zu zwei- oder dreidimensionalen Bildern des untersuchten Materials zusammengesetzt. Die besondere Bedeutung des MRI-Verfahrens liegt darin, daß damit auch Gewebe mit hoher Auflösung dargestellt werden können, die sich nicht in ihrer Dichte bzw. ihren Absorptionseigenschaften gegenüber Röntgenstrahlung unterscheiden. Damit gelingt es, nicht nur wie bei Verfahren, die auf der Absorption von Röntgenstrahlen basieren, Knochen von Weichteilgewebe zu unterscheiden, sondern man kann auch feinste Strukturveränderungen innerhalb relativ homogener Gewebe erkennen. Aus Kostengründen ist MRI heutzutage für Routineuntersuchungen nicht geeignet und bleibt hochspezieller Diagnostik bzw. wissenschaftlichen Untersuchungen vorbehalten. Mittels MRI lassen sich unter Umständen feinste Strukturänderungen im Gewebe feststellen, lange bevor eine funktionelle Veränderung des betroffenen Organs spürbar wird.

Die Gruppe um Dr. Reul bezog in die Untersuchung 52 Sporttaucher aus deutschen Tauchclubs ein, die in den letzten vier Jahren mindestens 40 Tauchgänge pro Jahr mit Preßluftgeräten absolviert hatten. Als Kontrollgruppe wurden 50 etwa gleichaltrige Betreiber anderer Sportarten wie Schwimmen oder Laufen in die Studie eingeschlossen. Alle freiwillig untersuchten Personen mußten vorher einen ausführlichen Fragebogen über bestimmte Lebensgewohnheiten sowie durchgemachte bzw. bestehende Erkrankungen ausfüllen, um möglichst identische Untersuchungsbedingungen und damit vergleichbare Ergebnisse zu garantieren. Darüber hinaus wurden bei den Tauchern Daten wie z.B. über den Zeitraum seit Beginn der Ausübung ihres Sportes, erlittene Tauchunfälle oder Zahl der dekompressionspflichtigen Tauchgänge erhoben. Taucher und Kontrollgruppe wurden mittels MRI im Bereich des Gehirns und des Rückenmarks untersucht.

Es zeigte sich, daß bei 27 von 52 untersuchten Tauchern insgesamt 86 Einzelschädigungen des Gehirns von mehreren Millimetern bis zu über einem Zentimeter Größe vorhanden waren. In der Kontrollgruppe der Nichttaucher wiesen nur 10 von 50 untersuchten Personen insgesamt 14 vergleichbare Hirnschäden auf. Rückenmarkschäden waren bei einem Taucher nachzuweisen, in der Kontrollgruppe gab es keine krankhaften Veränderungen. Bei 32 der 52 untersuchten Taucher waren Veränderungen an mindestens einer knorpeligen Zwischenwirbelscheibe (Bandscheibe) zu erkennen, währenddessen von den 50 untersuchten Kontrollpersonen nur 9 analoge Schädigungen des Knorpels aufwiesen.

Die Untersucher vermuten, daß die bei Tauchern gehäuft aufgetretenen krankhaften Gewebeveränderungen im Gehirn und den Zwischenwirbelscheiben auf durch Mikrogasbläschen verursachte Störungen der Blutzirkulation kleinster Gefäße zurückzuführen sind. Sie schlußfolgern daher, daß aktive Sporttaucher auch dann ein erhöhtes Risiko Gewebeschäden davonzutragen eingehen, wenn sie keine Dekompressionsunfälle erleiden.

Was bedeuten die Ergebnisse dieser Untersuchung für uns Sporttaucher? Sicher ist falsche Panikmacherei nicht angebracht und die Veröffentlichung der Ergebnisse der Aachener Ärzte wird auch kaum dazu führen, daß Hunderttausende Sporttaucher spontan ihrem Hobby entsagen. Trotzdem sollten wir uns selbst einige kritische Fragen stellen:

  • Wie schädlich sind die "ungefährlichen" Mikrobläschen tatsächlich? Berücksichtigen die gängigen Nullzeit- und Dekompressionstabellen bzw. Computer die Bildung der Mikrobläschen in ausreichendem Maße?
  • Ist "non limit diving" an der äußersten durch den Tauchcomputer zulässigen Grenze noch vertretbar?
  • Sind dekompressionspflichtige Tauchgänge nicht generell besser zu vermeiden?
  • Müssen die Regeln für das Tauchen von Kindern und Jugendlichen überdacht werden?

Zur besseren Beantwortung dieser Fragen können sicher auch neuere Erkenntnisse zur Entstehung von Mikrobläschen beitragen, die "Divers Alert Network" (DAN) gegenwärtig in einer größeren Untersuchung mittels Doppler- Sonographie bei freiwilligen Sporttauchern sammelt. Darüber hinaus hat 1996 auch eine Gruppe von Heidelberger Ärzten und Wissenschaftlern ähnliche Untersuchungen an freiwilligen Sporttauchern vorgenommen. Dabei sollte vor allem ein möglicher Zusammenhang mit einem unvollständig geschlossenen "Foramen ovale" zwischen den Vorkammern des Hezens untersucht werden. Über die Ergebnisse dieser Studie soll demnächst hier berichtet werden.

Dr. med. Ralf-Torsten Pohl

Tauchclub Manta Speyer

Für Fragen und Kommentare an den Autor bitte E-mail an pohl@speyer.mannheim-netz.de

*) Reul J., Weis J., Jung A., Willmes K., Thron A.: Central nervous system lesions and cervical disc herniations in amateur divers. Lancet, Vol. 345, June 3, 1403-1405, 1995.


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