Aus der Fachliteratur ist bekannt, daß Caissonarbeiter bzw.
Berufstaucher häufiger unter Gedächtnisproblemen, Depressionen
und anderen neurologischen Störungen leiden als Personen, die sich
nicht unter erhöhtem Umgebungsdruck aufhalten. Meistens handelt es
sich dabei um Personen, die ein Dekompressionstrauma hinter sich haben.
Bis heute gibt es kaum gesicherte Erkenntnisse darüber, inwieweit
über einen längeren Zeitraum betrachtet der wiederholte Aufenthalt
unter erhöhtem Druck auch ohne ausgeprägte Dekrompressionssymptomatik
zu Gewebeschädigungen führen kann.
Dr. Reul und eine Gruppe von Ärzten des Klinikums der Technischen
Hochschule Aachen, Spezialisten für Neurologie und Neuroradiologie,
untersuchten Hobbytaucher, von denen die meisten keinen nachweisbaren Dekompressionsunfall
hinter sich hatten, hinsichtlich erkennbarer Schäden im Bereich des
zentralen Nervensystems und der Wirbelsäule.*)
Sie wandten dabei die höchst empfindliche aber auch sehr aufwendige
und damit teure Methode der "Kernspinresonanz-Tomographie" (auch
aus dem Englischen: NMR-Spektroskopie oder MRI = magnetic resonance imaging)
an. Das Prinzip der Methode besteht darin, daß manche Atomkerne (z.
B. Protonen) über eine ungeordnete Eigenbewegung (Spin) bzw. über
ein eigenes Magnetfeld verfügen. Beim Anlegen eines sehr starken äußeren
Magnetfeldes richten diese Kerne ihre Eigenbewegung und ihr Magnetfeld
in einer ganz bestimmten Weise aus. Wirkt man nun durch einen kurzen Hochfrequenzimpuls
auf die im Magnetfeld orientierten Kerne ein, so wird kurzzeitig deren
Ordnung gestört. Bei der Rückkehr zum geordneten Zustand senden
die Atomkerne elektromagnetische Wellen aus, die man registriert. Durch
geschickte Kombination verschiedener äußerer Magnetfelder kann
man bei den gemessenen Signalen auch auf ihren Entstehungsort schließen.
Die einzelnen Signale werden von hochleistungsfähigen Rechnern zu
zwei- oder dreidimensionalen Bildern des untersuchten Materials zusammengesetzt.
Die besondere Bedeutung des MRI-Verfahrens liegt darin, daß damit
auch Gewebe mit hoher Auflösung dargestellt werden können, die
sich nicht in ihrer Dichte bzw. ihren Absorptionseigenschaften gegenüber
Röntgenstrahlung unterscheiden. Damit gelingt es, nicht nur wie bei
Verfahren, die auf der Absorption von Röntgenstrahlen basieren, Knochen
von Weichteilgewebe zu unterscheiden, sondern man kann auch feinste Strukturveränderungen
innerhalb relativ homogener Gewebe erkennen. Aus Kostengründen ist
MRI heutzutage für Routineuntersuchungen nicht geeignet und bleibt
hochspezieller Diagnostik bzw. wissenschaftlichen Untersuchungen vorbehalten.
Mittels MRI lassen sich unter Umständen feinste Strukturänderungen
im Gewebe feststellen, lange bevor eine funktionelle Veränderung des
betroffenen Organs spürbar wird.
Die Gruppe um Dr. Reul bezog in die Untersuchung 52 Sporttaucher
aus deutschen Tauchclubs ein, die in den letzten vier Jahren mindestens
40 Tauchgänge pro Jahr mit Preßluftgeräten absolviert hatten.
Als Kontrollgruppe wurden 50 etwa gleichaltrige Betreiber anderer Sportarten
wie Schwimmen oder Laufen in die Studie eingeschlossen. Alle freiwillig
untersuchten Personen mußten vorher einen ausführlichen Fragebogen
über bestimmte Lebensgewohnheiten sowie durchgemachte bzw. bestehende
Erkrankungen ausfüllen, um möglichst identische Untersuchungsbedingungen
und damit vergleichbare Ergebnisse zu garantieren. Darüber hinaus
wurden bei den Tauchern Daten wie z.B. über den Zeitraum seit Beginn
der Ausübung ihres Sportes, erlittene Tauchunfälle oder Zahl
der dekompressionspflichtigen Tauchgänge erhoben. Taucher und Kontrollgruppe
wurden mittels MRI im Bereich des Gehirns und des Rückenmarks untersucht.
Es zeigte sich, daß bei 27 von 52 untersuchten Tauchern insgesamt
86 Einzelschädigungen des Gehirns von mehreren Millimetern bis zu
über einem Zentimeter Größe vorhanden waren. In der Kontrollgruppe
der Nichttaucher wiesen nur 10 von 50 untersuchten Personen insgesamt 14
vergleichbare Hirnschäden auf. Rückenmarkschäden waren bei
einem Taucher nachzuweisen, in der Kontrollgruppe gab es keine krankhaften
Veränderungen. Bei 32 der 52 untersuchten Taucher waren Veränderungen
an mindestens einer knorpeligen Zwischenwirbelscheibe (Bandscheibe) zu
erkennen, währenddessen von den 50 untersuchten Kontrollpersonen nur
9 analoge Schädigungen des Knorpels aufwiesen.
Die Untersucher vermuten, daß die bei Tauchern gehäuft
aufgetretenen krankhaften Gewebeveränderungen im Gehirn und den Zwischenwirbelscheiben
auf durch Mikrogasbläschen verursachte Störungen der Blutzirkulation
kleinster Gefäße zurückzuführen sind. Sie schlußfolgern
daher, daß aktive Sporttaucher auch dann ein erhöhtes Risiko
Gewebeschäden davonzutragen eingehen, wenn sie keine Dekompressionsunfälle
erleiden.
Was bedeuten die Ergebnisse dieser Untersuchung für uns Sporttaucher?
Sicher ist falsche Panikmacherei nicht angebracht und die Veröffentlichung
der Ergebnisse der Aachener Ärzte wird auch kaum dazu führen,
daß Hunderttausende Sporttaucher spontan ihrem Hobby entsagen. Trotzdem
sollten wir uns selbst einige kritische Fragen stellen:
- Wie schädlich sind die "ungefährlichen" Mikrobläschen
tatsächlich? Berücksichtigen die gängigen Nullzeit- und
Dekompressionstabellen bzw. Computer die Bildung der Mikrobläschen
in ausreichendem Maße?
- Ist "non limit diving" an der äußersten durch
den Tauchcomputer zulässigen Grenze noch vertretbar?
- Sind dekompressionspflichtige Tauchgänge nicht generell besser
zu vermeiden?
- Müssen die Regeln für das Tauchen von Kindern und Jugendlichen
überdacht werden?
Zur besseren Beantwortung dieser Fragen können sicher auch
neuere Erkenntnisse zur Entstehung von Mikrobläschen beitragen, die
"Divers Alert Network" (DAN) gegenwärtig in einer größeren
Untersuchung mittels Doppler- Sonographie bei freiwilligen Sporttauchern
sammelt. Darüber hinaus hat 1996 auch eine Gruppe von Heidelberger
Ärzten und Wissenschaftlern ähnliche Untersuchungen an freiwilligen
Sporttauchern vorgenommen. Dabei sollte vor allem ein möglicher Zusammenhang
mit einem unvollständig geschlossenen "Foramen ovale" zwischen
den Vorkammern des Hezens untersucht werden. Über die Ergebnisse dieser
Studie soll demnächst hier berichtet werden.
Dr. med. Ralf-Torsten Pohl
Tauchclub Manta Speyer
Für Fragen und Kommentare
an den Autor bitte E-mail an pohl@speyer.mannheim-netz.de
*) Reul J., Weis J., Jung A., Willmes K., Thron A.: Central nervous
system lesions and cervical disc herniations in amateur divers. Lancet,
Vol. 345, June 3, 1403-1405, 1995.