Die meisten haben es – wenn nicht am eigenen Leib erlebt – so doch
immerhin schon bei anderen beobachten können: Die See wird rauer,
Übelkeit setzt ein, und das Frühstück geht über die
Reling. Das ist in jedem Falle sehr unangenehm, es kann aber auch – bei
längerer Krankheitsdauer – durch Austrocknung des Körpers
gefährlich werden. Die Seekrankheit ist also eine ernstzunehmende
Erkrankung, die nicht nur Gesundheit des Betroffenen gefährdet,
sondern auch die zuverlässige Ausübung der Aufgaben auf See,
etwa durch Besatzung oder Tauchlehrer, beeinträchtigen kann.
Bericht von Dr. Anke Fabian und Dr.
Ralf Busch
Definition
Reise- oder Bewegungskrankheit (fachsprachlich Kinetose von griechisch
kinein = bewegen) beschreibt das sich bietende Bild aus
Schläfrigkeit, Frösteln, Unwohlsein, Kreislaufstörungen
und einer Übelkeit, die bis zu unstillbarem Erbrechen führen
kann. Verantwortlich dafür sind die widersprüchlichen
Informationen, denen unsere Sinnesorgane – Gleichgewichtsorgan, Augen,
Rezeptoren in Muskeln, Sehnen und Gelenken – bei Seegang ausgesetzt
sind.
Die individuelle Empfindlichkeit ist sehr unterschiedlich, auch die
Tagesform spielt eine Rolle. Man geht heute davon aus, dass mehr als
die Hälfte der Menschen potenziell unter Reise- oder Seekrankheit
leidet.
Entstehung
Normalerweise werden Informationen über Umwelteinflüsse im
Stamm- und Kleinhirn verarbeitet, deshalb können wir auch nicht
bewusst dagegen ankämpfen. Dabei sollen uns – bei richtiger
Funktion – Informationen darüber geliefert werden, wie wir uns bei
Bewegungen im dreidimensionalen Raum verhalten sollen. Das Stammhirn
erhält seine Information vom Innenohr, Lage- und Stellrezeptoren
in der Muskulatur, den Augen, dem Magen und einigen anderen
Sinneseindrücken mehr. Die genaue Lage des hypothetischen
„Fehlerzentrums“ im Gehirn, welches die Sinneseindrücke vergleicht
und die Seekrankheit verursacht, ist noch unklar. Erfreulicherweise ist
unser Gehirn jedoch anpassungsfähig und eine Seekrankheit
hört – in der Regel – nach einigen Tagen wieder auf. Nur in
fünf bis sieben Prozent der Fälle bleiben die Symptome
über längere Zeit bestehen.
Selbst im heimischen Fernsehsessel lassen sich Symptome einer
Seekrankheit auslösen. Schauen wir uns eine aus der
Fahrerperspektive gefilmte schnelle Achterbahnfahrt auf einem
großen Bildschirm an, kann uns bereits flau im Magen werden. Das
liegt daran, dass die Informationen, die uns die Augen bieten, im
Widerspruch zu allen anderen Informationen stehen. Unser
Gleichgewichtssinn liefern uns im Sessel keine Informationen über
Beschleunigungs- und Bremsvorgänge, auch zeigen uns die Rezeptoren
in unserer Muskulatur in unserem kleinen Gedankenexperiment eben nicht
an, das wir in den Sitz gedrückt oder herausgehoben werden.
Grundsätzlich passiert nichts anderes, wenn der Bug des Bootes
durch die Wellen reitet und wir dies zwar mit allen Sinnen wahrnehmen
können, aber nicht mit allen gleich richtig, weil wir darauf
schlicht nicht „geeicht“ sind.
Das Innenohr:
Das Innenohr ist eine, durch zwei Membranen (rundes und ovales Fenster)
vom Mittelohr abgegrenzte, flüssigkeitsgefüllte Struktur und
enthält sowohl die Hörschnecke wie auch das
Gleichgewichtsorgan mit den drei Bogengängen. Beide sind
überaus empfindlich und müssen unbedingt geschont werden. Die
Flüssigkeit (Endolymphe) dient der Ernährung und
Funktionserhaltung der Innenohrorgane.
Das Gleichgewichtsorgan besteht aus drei Bogengängen und zwei
Verdickungen, die für die räumliche Orientierung notwendig
sind. Der horizontale Bogengang liegt dem äußeren
Gehörgang und dem Mittelohr so eng an, dass eine Stimulierung
dieses Bogengangs durch kaltes oder heißes Wasser möglich
ist. Das spielt beim Tauchen in sehr kalten Gewässern (z.B. beim
Eistauchen) eine Rolle oder nach einem Trommelfellriss.
Unphysiologische Reizung löst Schwindel aus. Das
Gleichgewichtsorgan stellt eine wichtige Sinneswahrnehmung dar, da man
unter Wasser darauf angewiesen sein kann (vor allem bei schlechter
Sicht), zu spüren wo oben und wo unten ist.
Das Innenohr kann beim Tauchen sowohl durch den Druck, durch
Temperaturunterschiede als auch durch die Stickstoffbelastung in
Mitleidenschaft gezogen werden. Außerdem ist es verantwortlich
für die Entstehung der Seekrankheit.
Der Gleichgewichtssinn hat sein Zentrum im Gleichgewichtsorgan in
Innenohr und Kleinhirn; er ist aber auch eng mit den Augen, dem
Gehör, dem Haut- und Tastsinn, der Skelettmuskulatur sowie mit
Reflexen verbunden.
Symptome
Die Seekrankheit kann in unterschiedlicher Stärke und
Ausprägung verschiedene Stadien durchlaufen. Das „flaue“
Gefühl im Magen ist oft das erste, was wir bemerken. Befragt man
seekranke Menschen hinterher genauer, werden oft Müdigkeit,
Kältegefühl, häufiges Gähnen, Kopfschmerzen als
Vorläufer beschrieben. Wir können uns das alles gut
erklären, wenn wir wissen, dass unser „vegetatives“ Nervensystem
dabei auf den „Pause“-Modus umschaltet. Der sogenannte Parasymphaticus
(ein Teil des unbeeinflussbaren vegetativen Nervensystems) gewinnt
über die Maßen an Einfluss. Das ist der Teil, der im Schlaf
oder auch bei der Verdauung eines üppigen Festmahls die Oberhand
hat. Wird es schlimmer, führt die Übelkeit zum Erbrechen, und
der Betroffene fühlt sich sterbenselend. Leider hört die
Übelkeit nicht immer auf, wenn der Magen leer ist. Irgendwann
kommt dann nur noch Magensekret oder sogar grün gefärbtes
galliges Sekret, weil die Verschlusssysteme des Magens nicht mehr
ordentlich arbeiten. In starker Ausprägung der Seekrankheit
erfahren die Betroffenen einen immens hohen Leidensdruck, werden
gleichgültig bis apathisch, depressiv, zum Teil auch völlig
entschluss- oder handlungsunfähig.
Und spätestens ab hier wird es auch gefährlich. Der
Körper verliert Flüssigkeit, und es gibt auf normalem Weg
keine Möglichkeit, dies auszugleichen. Denn alles, was wir in der
akuten Phase von „oben“ nachschütten – sogar Löffelweise –
kommt sofort wieder nach oben. Es droht eine Austrocknung
(Dehydratation), die ohne effektive Therapie (Infusionen,
Flüssigkeitsgabe über eine Vene) sogar lebensbedrohlich
werden kann.
Therapie
Ist die Seekrankheit bereits symptomatisch, helfen leider oft nur noch
Medikamente. Der Vorteil beim Einsatz von Chemie besteht in der
durchschlagenden Wirksamkeit der Medikamente. Der Nachteil ist jedoch,
dass die meisten hochwirksamen Präparate genau dort ansetzen, wo
die Seekrankheit entsteht, nämlich im zentralen Nervensystem, und
dort begleitend eine zentrale Dämpfung auslösen (z.B.
Müdigkeit, Schläfrigkeit, Benommenheit). Das ist
therapeutisch gesehen durchaus erwünscht, aber leider mit dem
Tauchsport nicht vereinbar. Weitere unerwünschte Effekte – je nach
individueller Empfindlichkeit – sind: Mundtrockenheit,
Sehstörungen, Schwierigkeiten beim Wasserlassen, verstopfte Nase,
und sogar Verschlimmerung bestimmter Herzrhythmusstörungen (Long
QT-Syndrom). Wenn man vermutet, dass man seekrank werden könnte,
sollte man also seine individuelle Medikation vor einer geplanten
Bootsausfahrt oder Safari mit dem Tauchmediziner oder Hausarzt
besprechen.
Das bekannteste Medikament gegen Übelkeit ist Metoclopramid (MCP,
Handelsname z.B. Paspertin ). Es ist im Allgemeinen gut
verträglich, es beschleunigt und erleichtert den Weitertransport
von Flüssigkeit und Nahrung im Darm. Leider ist es bei
Seekrankheit meist nicht ausreichend wirksam. Als Darreichungsform
kommt nur das Zäpfchen (Kühlung!) in Frage.
Besser wirkt schon Scopolamin (Handelsname z.B. Scopoderm als Pflaster)
oder Butylscopolamin (Handelsname z.B. Buscopan, ideal als
Zäpfchen) Diese Medikamente bremsen die überschüssige
Aktivität des vegetativen Nervensystems.
Das gilt auch für das wirkungsvollste Medikament Dimenhydrinat
(Handelsname Vomex oder Dramamine im Ausland, ideal als Zäpfchen).
Das Wirkungsprinzip ist hier etwas anders, aber die Übelkeit, und
damit das Erbrechen, können oft rasch durchbrochen werden. Nach
der Gabe ist eine Mindestwartezeit von 24 Stunden bis zum nächsten
Tauchen und eine ausreichende Flüssigkeitsrückführung zu
beachten.
Bei der Wiederauffüllung der Flüssigkeitsspeicher sind
Elektrolytgetränke hilfreich, die Variante Cola/Salzstangen ist
besser als nichts – wenn sie denn drinbleibt.
Vorbeugung:
Nun, idealerweise belassen wir es beim Festland, wo unser
Gleichgewichtssystem hervorragend funktioniert. Das ist aber für
uns als Taucher keine Alternative.Erfahrungsgemäß erwischt
es im Auto nie den Fahrer. Auf ein Schiff umgemünzt heißt
das, möglichst viele Signale des Körpers in Einklang zu
bringen und das empfindlichste Organ, nämlich das Innenohr,
sozusagen lahmzulegen. Die unteren Kabinen sind keine gute Idee. Am
besten ist es, sich eine Position zu suchen, in der das Schiff am
wenigsten Schaukel- oder Rollbewegung hat – also in der Mitte – und
zwar sowohl bezüglich der Längs- als auch der Querachse des
Schiffsrumpfes. Vorne am Bug oder hinten am Heck, weit links oder
rechts an der Reling, entstehen die größten
Bewegungsausmaße. Mit Blick auf den Horizont oder einen anderen
unbewegten Punkt (Sterne, Mond, Wolken) ist die Wahrscheinlichkeit am
geringsten, dass es uns trifft. Also freien Blick nach vorne, wenn es
im Magen flau wird. Alkohol, Sonne und Überhitzung sollten auch
vermieden werden.
Chinesische Seeleute und Fischer trinken seit Urzeiten Ingwertee und
trotzen damit oft der Seekrankheit. In Foren wird das Kauen von
kandiertem oder frischem Ingwer empfohlen. Das ist nicht jedermanns
Sache. Mittlerweile gibt es Auszüge der Ingwerwurzel in
verschiedenen Darreichungsformen in der Apotheke (Bonbons, als Tablette
oder seit kurzem auch Ingwertropfen). Da die wirksamen Substanzen des
Ingwers wohl in seinen öligen Anteilen liegen, sind flüssige
Auszüge am ehesten wirksam. Erste Untersuchungen belegen, dass
Ingwer Scheinmedikamenten (Placebo) deutlich überlegen ist. Und
nahezu frei von Nebenwirkungen.
Auch aus der traditionellen chinesischen Medizin stammt die Methode der
Akupressur. Auf der Innenseite des Handgelenks liegen einige
„vegetative“ Punkte, die die Empfindlichkeit für eine Seekrankheit
vermindern können. Unter dem Handelsnamen Sea-Band werden
Armbänder mit Kupfernieten vertrieben, die die entsprechenden
Punkte stimulieren. Nebenwirkungen gibt es keine. Ist ein Sea-Band
nicht vorhanden, kann man auch den entsprechenden Punkt an der
Innenseite des Handgelenks manuell leicht drücken oder massieren.
Ein Geheimtipp ist Cinnarizin. Es hat als sogenannte „Seglertropfen“
Geschichte geschrieben und hat keine müde machenden
Nebenwirkungen. Der Wirkstoff heißt Cinnarizin und kann das
Auftreten einer Seekrankheit mit hoher Wahrscheinlichkeit verhindern.
Leider ist er in Deutschland nicht so einfach zu beschaffen. Es ist ein
sogenannter Calcium-Gegenspieler, der auf alternativen Weg das
vegetative Nervensystem beeinflusst. Es ist verschreibungsfähig,
muss aber aus dem Ausland bezogen werden, da es in Deutschland keine
Zulassung mehr hat. Wer extrem stark unter Seekrankheit leidet, dem sei
ein Versuch trotzdem empfohlen. Entweder vom Hausarzt (auf
Privatrezept) aufschreiben lassen (die Apotheke besorgt das
Präparat), oder selber im Zielland kaufen. In Ägypten z.B.
ist das Medikament in jeder Apotheke verfügbar. Wichtig ist hier
die Dosierung. In einer Studie wurde festgestellt, dass 50 mg in 65
Prozent der Fälle wirksam sind, während das 25
mg-Präparat nicht besser abschnitt als ein Placebo. Also 50 mg
rezeptieren lassen!
Alle prophylaktischen Maßnahmen müssen in jedem Falle VOR
Eintreten der ersten Symptome durchgeführt werden. Ist die
Seekrankheit erst einmal manifest, nützen in der Regel nur noch
starke Medikamente.
Die beste Therapie ist jedoch die Gewöhnung an die Bewegungen des
Schiffes, bei der unser „Hirncomputer“ umprogrammiert wird.
Hilft alles nichts, bleibt nur noch eine alte englische
Seemannsweisheit: “The only cure for
seasickness ist to sit in the shady side of an old brick church in the
country“ – Das einzige sichere Mittel gegen Seekrankheit ist,
sich in den Schatten einer alten steinernen Dorfkirche zu setzen.
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