Bis vor einigen Jahren galten Diabetiker grundsätzlich als
tauchuntauglich. Dies hat sich inzwischen geändert. Anke Fabian,
Tauchmedizinerin und DiveInside-Autorin, klärt über
Entwicklungen auf, zeigt die Risiken beim Tauchen mit Diabetes Mellitus
und gibt betroffenen Tauchern und deren Tauchpartnern Tipps.
Bericht von Dr. Anke Fabian
Basisinfo Diabetes mellitus
Diabetes mellitus (DM) oder „Zuckerkrankheit“ ist die Bezeichnung
für eine Gruppe von Stoffwechselerkrankungen, welche alle das
Hauptsymptom einer Überzuckerung des Blutes, meist verbunden mit
Ausscheidung von Zucker im Urin gemeinsam haben.
Der Blutzuckerspiegel wird durch das Hormon Insulin geregelt. Es wird
in der Bauchspeicheldrüse produziert und ist für die Aufnahme
der Glucose (Zucker) aus dem Blut in die Körperzellen
verantwortlich. Jede Zelle braucht Zucker als Energiequelle. Besteht
Insulinmangel oder ist die Zelle gegen Insulin resistent, fehlt der
nötige „Brennstoff“ für den Körperstoffwechsel. Im Blut
zirkulierende Glucose, die nicht verstoffwechselt werden, kann ist
nicht nur nutzlos, sondern richtet auch dauerhafte Schäden an.
Insulinmangel kann durch Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse oder
erblich bedingt durch Autoimmunerkrankungen entstehen. Eine
Insulinresistenz entwickelt sich demgegenüber erst im Laufe der
Zeit. Übergewicht ist hier einer der größten
Risikofaktoren. Diabetes mellitus kann aber auch im Rahmen von anderen
Erkrankungen auftreten, bei Schwangerschaft oder durch Medikamente.
Man kann zwischen einem „Insulin-pflichtigen“ Diabetes mit externer
Insulinzufuhr und einer Blutzuckerkrankheit ohne externe Insulingabe
unterscheiden. Von Ärzten wird meistens die Einteilung Diabetes
Typ 1 oder 2 vorgenommen:
• Typ-1-Diabetes mellitus: Zerstörung der
Insulin-produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse durch eine
Autoimmunerkrankung führt zum absoluten Insulinmangel. Oft
manifestiert sich dieser Erkrankungstyp schon im Kindesalter, in der
Pubertät oder im jungen Erwachsenenalter.
• Typ-2-Diabetes mellitus: Hierbei handelt es sich um
eine Störung, bei der Insulin zwar vorhanden ist, an seinem
Zielort, den Zellmembranen, aber nicht richtig wirken kann
(Insulinresistenz). In den ersten Krankheitsjahren kann die
Bauchspeicheldrüse dies durch die Produktion hoher Insulinmengen
kompensieren. Irgendwann kann die Bauchspeicheldrüse die
überhöhte Insulinproduktion nicht mehr aufrechterhalten. Die
produzierte Insulinmenge reicht dann nicht mehr aus, um den
Blutzuckerspiegel zu kontrollieren, und der Diabetes mellitus Typ 2
wird manifest. Größter Risikofaktor ist das Übergewicht.
Weitere geläufige Ausdrücke
sind
• jugendlicher Diabetes oder „juveniler Diabetes
mellitus“ ist die veraltete Bezeichnung für Typ-1-Diabetes.
• Altersdiabetes oder „Erwachsenendiabetes“ wurde
früher der Typ-2-Diabetes genannt. Beide Begriffe sind noch weit
verbreitet, entsprechen jedoch nicht dem Stand der Wissenschaft und
sind deshalb auch in den aktuellen Klassifikationen nicht mehr
enthalten.
Die Inzidenz (Häufigkeit der Diagnose) liegt in Deutschland bei
7-8% aller Erwachsenen – mit steigender Tendenz.
HbA1c
Der HbA1c-Wert ist ein Langzeit-Blutzuckerwert, mit dem der
durchschnittliche Blutzuckerspiegel der letzten sechs bis zehn Wochen
ermittelt werden kann. Durch seine Bestimmung können
Blutzuckerspitzen erkannt werden. Allerdings bilden sich kurzfristige
Überzuckerungen und Unterzuckerungen kaum ab. In der
Diabetestherapie ist das Ziel, einen HbA1c-Wert zu erreichen, der
möglichst nahe am Normbereich liegt, da dann ein weitgehender
Schutz vor Folgeschäden besteht. Die Bestimmung des HbA1c ist ein
wichtiges Kriterium bei der Tauchtauglichkeitsuntersuchung. Der Wert
sollte optimalerweise zwischen 5,5 – 6,5% liegen (Tabelle 1+2) Für
die Tauchtauglichkeitsuntersuchung ist ein Wert unter 9% zwar nicht
optimal, aber ausreichend. Für den Tauchsport ist eine akute
Unterzuckerung viel gefährdender als eine Überzuckerung in
der Vergangenheit.
Tauchtauglichkeit
Bis vor einigen Jahren galt ein Diabetiker – egal welchen Typs –
grundsätzlich als tauchuntauglich. Der erste internationale
Tauchkurs für Typ 1-Diabetiker 1996 in Papua-Neuguinea widerlegte
dieses Urteil jedoch. (Mellitus Lauf Heft 1, März 1996). Nochmals
hingeschaut haben dort sieben Diabetiker und sieben nichtdiabetische
Kontroll-Tauchpartner unter der Leitung der IDAA (International
Diabetic Athletes Association) (Bild 1), sowie der IAHD (International
Association for Handicaped Divers). (Bild 2)
Zentrale Frage dieser Studie war: Gibt es Bedingungen, unter denen auch
Diabetiker sicher tauchen können?
Antwort: Ja – es gibt Bedingungen, unter denen auch Diabetiker tauchen
können. Eine absolute Sicherheit, dass nichts passiert, gibt es
jedoch nicht – aber die hat noch nicht einmal ein sonst gesunder
Taucher. Und – natürlich ist auch nicht jeder Diabetiker
tauchtauglich.
Grundsätzlich stellt es kein größeres Problem dar, wenn
Menschen mit Diabetes Sport treiben, vorausgesetzt, dass einige
wichtige Punkte beachtet werden. Dies gilt besonders für das
Tauchen, da hierbei die kleinste diabetische Entgleisung unter Wasser
erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen kann, vor allem bei einer
Unterzuckerung. Durch Anstrengung oder Stress unter Wasser kommt es zu
einem erhöhten Bedarf und Verbrauch an Glucose, der nicht mehr
kompensiert werden kann. Das kann beim Diabetiker schnell zu einer
Unterzuckerung und nachfolgenden Ohnmacht führen. Die Gefahren
beim Tauchen liegen – wie bei allen gesundheitlichen Störungen
unter Wasser – im Ertrinkungstod. Darüber hinaus besteht beim
Diabetiker jedoch eine höhere Gefährdung, eine
Dekompressionserkrankung zu erleiden. Durch den erhöhten
Blutzuckerwert wird die Nierenfunktion angeregt. Zusammen mit der
trockenen Atemluft und der schon vorhandenen sogenannten Taucherdiurese
(Wasserausscheidung) wird es mit dem Wasserhaushalt kritisch. Eine
weitere vermehrte Wasserausscheidung und „dickflüssigeres“ Blut
können die Folge sein. Das Risiko eines Dekompressions-Unfalls
steigt dabei dramatisch an.
Es gibt einige generelle
Voraussetzungen für die Tauchtauglichkeit beim Diabetiker
• Mindestalter ist 18 Jahre (nur in
Ausnahmefällen und im Rahmen speziell betreuter
Ausbildungsprogramme auch schon mit 16 Jahren)
• Diabetische Kinder sind vom Tauchsport
ausgeschlossen
• Der Taucher sollte auch sonst regelmäßig
an Land Sport treiben und eine gute körperliche
Leistungsfähigkeit besitzen
• Erfahrung und Zuverlässigkeit im Umgang mit
der Erkrankung und regelmäßige Blutzuckerkontrollen
(mindestens 4x täglich)
• Frühestens ein Jahr nach Beginn einer
Insulintherapie
• Frühestens drei Monate nach Beginn einer
oralen antidiabetischen Medikation (Tabletten)
• Keine Blutzuckerentgleisungen in den letzten 12
Monaten in jedwede Richtung
• HbA1c muss im Normbereich liegen (< 9% –
abhängig vom Normalwert des bestimmenden Labors)
• Es dürfen keine Folgeerkrankungen vorliegen
(s.o.)
• Einhaltung der auch sonst gültigen
Gesundheitskriterien für Taucher
• Die Tauchtauglichkeit sollte bestenfalls von einem
Diabetologen in Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Taucherarzt
festgestellt werden
• Die Untersuchung ist jährlich zu wiederholen –
auch bei unter 40-Jährigen
Die Tauchtauglichkeitsuntersuchung beim Diabetiker ist deutlich
aufwendiger als beim Gesunden. Neben den üblichen Untersuchungen
(siehe DiveInside Ausgabe März 2010) muss nicht nur der aktuelle
Status quo erfasst werden, sondern auch „in die Vergangenheit“ geschaut
werden. Es reicht keinesfalls, den aktuellen Blutzuckerwert zu
bestimmen! Er ist nur eine Momentaufnahme und sagt nichts über die
Zeit davor. Das HbA1c löst diese Probleme, denn es erlaubt, mit
einer einzigen Blutabnahme den (durchschnittlichen) Blutzucker der
letzten Monate zu bestimmen. Man schaut damit gewissermaßen in
die Vergangenheit (HbA1c < 9% zum Untersuchungszeitpunkt).
Desweiteren sollten bei Erwachsenen Folgeerkrankungen ausgeschlossen
und die körperliche Leistungsfähigkeit überprüft
werden. Ein Belastungs-EKG ist obligat und muss unauffällig sein.
Unter Umständen bedeutet dies weitere Arztbesuche (Augenarzt,
Kardiologe, etc...) ohne die jedoch im Zweifelsfall das
„süße Vergnügen unter Wasser“ nicht erlaubt werden kann.
Verhalten vor, während und nach
dem Tauchens
Ist die Tauchtauglichkeit gegeben, kann es losgehen – aber die
Voraussetzung für einen Tauchurlaub ohne unerwünschte
Zwischenfälle ist eine sorgfältige Vorbereitung.
Dazu gehört zunächst die genaue Aufklärung und Beratung
des Probanden über die tauchsportspezifischen Gegebenheiten und
Gefahren beim Tauchen mit Diabetes. Vor und nach dem Tauchen
müssen gewisse Punkte eingehalten werden. Dazu gehört
Disziplin und Verantwortung. Es ist die Aufgabe des beratenden Arztes,
herauszufinden, ob der Taucher über die notwendige
Zuverlässigkeit verfügt.
Die Anschaffung eines speziellen Logbuchs für Diabetiker ist
empfehlenswert. Neben den normalen Daten des Tauchganges
können auch die individuellen Erkrankungswerte erfasst werden und
man hat alles auf einen Blick (siehe
nachfolgendes Formularbeispiel):
Das Thema der Blutzuckererkrankung muss in der Tauchbasis offen
besprochen werden. Ein diabetischer Taucher darf niemals einen
Diabetiker als Tauchpartner haben, und der Buddy muss über die
ersten Anzeichen einer Unterzuckerung (Hypoglykämie) genau
informiert werden (Unruhe, Benommenheit, Unwohlsein, Heißhunger,
Konzentrationsschwäche) und auch aufmerksam auf diese Symptome
achten. Vorsicht: Die beginnenden Anzeichen einer Hypoglykämie
können denen eines Tiefenrausches stark ähneln! Der
Tauchpartner muss mit den Notfallmaßnahmen unter Wasser und an
Land vertraut sein. Am besten man übt die Einnahme von
Zuckerlösung aus der Tube oder dem Scuda einmal zusammen entspannt
im Flachwasser, bevor es tiefer geht. Es sollte jemand an Land sein,
der sich zutraut, eine Injektion in den Muskel zu verabreichen.
Ein Diabetiker sollte übrigens nie die klassische Rolle eines
Dive-Guides oder Tauchlehrers bekleiden. Im Ernstfall kann er unter
Umständen selbst hilfebedürftiger sein als einer seiner
Schüler, und adäquate Hilfe ist dann kaum zu erwarten.
Für alle Fälle gerüstet
Für den Fall der Fälle sollte man eine Notfallausrüstung
griffbereit bei sich tragen. Sie sollte enthalten:
• Mindestens zwei Tuben mit Glukosepaste (z.B.
Jubin). Eine trägt der Diabetiker selbst, eine der Partner. Eine
weitere Möglichkeit ist der Unterwasser-Trinkbeutel „SCUDA“, in
den ein zuckerhaltiges Getränk eingefüllt wird (Fruchtsaft
o.Ä.) und aus dem bei Bedarf auch während des Tauchgangs
getrunken werden kann.
• Notfallmedikamente (z.B. ein Hypokit Glukagon zur
intramuskulären Injektion).
• Glukosesticks zur Bestimmung des Blutzuckerspiegels.
• Möglichkeit, im Notfall Hilfe zu holen (Handy).
• Sonstiges Equipment (Sauerstoff, etc.), das bei
keinem Tauchgang fehlen sollte.
Der Unterwassertrinkbeutel SCUDA
Darüber hinaus sollten die Dauer und die Intensität des
geplanten Tauchgangs mit dem Partner durchgesprochen sein, der
gegenseitige Trainingszustand bzw. die Taucherfahrung abgeklärt
und das vor Ort herrschende Klima, die Wasser- und Landtemperatur sowie
die eventuell abweichende Tageszeit beachtet werden.
Verhaltensregeln:
Verhaltensregeln:
• Blutzuckerkontrollen 60 min, 30 min vor dem
Tauchgang und nach dem Tauchgang
• Blutzuckerwerte ca. 150mg% vor dem Tauchgang
• Mindestens 2 Liter Flüssigkeit innerhalb von
ca. 2 Stunden vor dem Tauchgang trinken
• Mitnahme von Zuckerpräparaten (Jellin Jubin,
Scuda- Unterwaseer-Trinkbeutel mit gezuckerter Flüssigkeit)
• Tauchgangszeit nicht länger als 60 Minuten
• Maximale Tiefe 30 Meter
• Vermeiden von Anstrengung und Kälte
• Keine Dekompressionspflichtigen-, Höhlen- oder
Wracktauchgänge. Der Aufstieg muss unverzögert möglich
sein.
• Zeigen sich Symptome einer Unterzuckerung
(Hypoglykämie), muss der Tauchgang sofort abgebrochen werden.
• Konservative Profile mit Nullzeittauchgängen
• Ausreichende Flüssigkeitszufuhr nach dem
Tauchgang
• Maximal zwei Tauchgänge am Tag
• Öfter Tauchpausen einlegen, z.B. einen
tauchfreien Tag nach drei Tauchtagen, damit sich der Körper wieder
vollständig erholen kann
• Absolutes Alkoholverbot
• Genaue Dokumentation der Tauchgangsdaten und
Blutzuckerwerte
• Bereitstellung von Glukagon als
Notfallpräparat
Grundsätzlich muss auch der Tauchpartner mit
dem Diabetes vertraut sein. Er muss wissen, wie in Notfallsituationen Glukose oral oder
Glukagon als intramuskuläre Injektion verabreicht werden kann.
Die Schwierigkeit beim Tauchen liegt für Menschen mit Diabetes
darin, während des Tauchganges nicht zu stark zu überzuckern
und erst recht nicht zu unterzuckern. Um zu niedrige Blutzuckerwerte im
Wasser zu vermeiden, sind hohe Blutzuckerwerte vor dem Tauchgang
erforderlich (ca. 150 mg%). Diese verstärken noch die
Dehydrierung, die beim Tauchen ohnehin auftritt. Für einen Taucher
mit Diabetes bedeutet dies, konkret darauf zu achten, dass einerseits
die Blutzuckerwerte nicht zu hoch sind, um nicht zu viel
Flüssigkeit zu verlieren, andererseits müssen sie ausreichend
hoch sein, um nicht zu unterzuckern.
Dabei reicht es nicht aus, nur den direkten Blutzuckerwert unmittelbar
vor dem Tauchgang zu messen, sondern man muss seine Tendenz wissen,
d.h. ob der Blutzucker konstant ist, steigt oder fällt. Deshalb
muss er eine Stunde, eine halbe Stunde und direkt vor dem Tauchgang
gemessen und ggf. korrigiert werden. Auch nach dem Tauchen sind weitere
Blutzuckermessungen erforderlich.
Fazit
Das Tauchen erfordert von einem Menschen mit Diabetes sehr viel
Vorbereitung. Dennoch schließen sich Diabetes und Tauchen nicht
aus, wie man lange Zeit vermutete. Sofern die Sicherheitsregeln
beachtet werden, steht dem Eintauchen in die faszinierende
Unterwasserwelt nichts mehr im Wege: Das Vergnügen im kühlen
Nass kann also beginnen!
Bisher sind jedoch die wenigsten Tauchbasen auf Diabetiker eingestellt
und schon gar nicht mit den Besonderheiten vertraut. In der
Tauchlehrerausbildung findet dieses Thema leider nur wenig oder gar
keine Beachtung. Aus diesem Grunde werden Diabetiker als Taucher
oftmals abgelehnt. Einige Tauchbasen bieten jedoch inzwischen spezielle
Tauchkurse für Diabetiker an. Bei Tauchanfängern sollte
allerdings die Gruppengröße klein gehalten werden und
niemals mehr als ein Diabetiker dabei sein.
Literaturhinweise:
• Ch. Klingamnn, K. Tezlaff, Moderne
Tauchmedizin Gentner Verlag, ISBN: 978-3-87247-654-6
• K. Tezlaff, Ch. Klingamnn, Checkliste
Tauchtauglichkeit, Gentner Verlag ISBN: 978-3-87247-681-4
• Thurm, U. u. Gehr, B. Diabetes- und Sportfibel,
Kirchheim Verlag 2001, S. 307 bis 316
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