Wie wirkt sich Preßlufttauchen auf die Knochen aus?

 Geschrieben von Ralf-Torsten Pohl

Was geschieht mit den Knochen beim Preßlufttauchen?

Der englische Physiologe John Scott Haldane legte Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinen Hypothesen über die kritische Übersättigung der Gewebe mit Stickstoff beim Preßlufttauchen den Grundstein für die modernen Dekompressionsmodelle. Die meisten der heute gebräuchlichen Dekompressions- und Austauchtabellen sowie die Rechenmodelle der Tauchcomputer basieren auf Überlegungen von Haldane, die er mit vielen Tierexperimenten, vor allem an Ziegen, untermauerte:

  • Während der Preßluftarbeiter oder -Taucher dem erhöhten Atemluftdruck ausgesetzt ist, wird nach dem Prinzip des Gesetzes von Henry das Blut in der Lunge entsprechend dem Umgebungsdruck mit Stickstoff gesättigt. Das aufgesättigte Blut gelangt dann durch das arterielle System zu den Kapillaren und diffundiert in die verschiedenen Gewebe. Nach einer bestimmten Zeit tritt ein Gleichgewichtszustand ein, und im Gewebe herrscht der gleiche Stickstoffpartialdruck wie im Blut. Die Zeitspanne bis zum Erreichen des Gleichgewichts ist jedoch abhängig von Gewebetyp.
  • Haldane vermutete, daß die Sättigung nach einer exponentiellen Kurve erfolgt. Er teilte die Gewebe in 5 Kompartimente ein, die jeweils in 5, 10, 20, 40 und 75 Minuten zur Hälfte gesättigt sind. Diese Zeit nannte er (ähnlich wie beim radioaktiven Zerfall) Halbwertzeit.
  • Die Entsättigung erfolgt nach dem gleichen Schema, nur umgekehrt. Das heißt zum Beispiel, daß ein Gewebe mit einer Halbwertzeit von 20 Minuten, das vollständig gesättigt ist, 20 Minuten nach Druckentlastung noch die Hälfte des ursprünglich gelösten Gases, weitere 20 Minuten später noch ein Viertel des gelösten Gases, und nach einer Stunde noch ein Achtel enthält usw.
  • Schließlich nahm Haldane an, daß die bei einer langsamen Druckentlastung um jeweils die Hälfte des Umgebungsdruckes entstehende Übersättigung nicht sofort zu derart starker Stickstoffblasenbildung führt, daß eine Dekompressions-krankheit entsteht. Haldane schlug vor, beim Dekomprimieren ein Verhältnis von 2:1 zwischen Maximaltiefe und erstem Dekompressionsstop einzuhalten. Das heißt, er hielt eine Druckreduktion von 2 bar auf 1bar, von 4 bar auf 2bar oder von 6 bar auf 3 bar für unkritisch.

Die von Haldane für seine Berechnungen benutzten Kompartimente sind jedoch mathematische Modelle, deren angenommene Halbwertzeiten für Sättigung und Entsättigung mit Stickstoff sich von derjenigen realer Gewebe unterscheiden. So hat z.B. das Rückenmark eine Halbwertzeit von nur 12,5 Minuten, während Gelenke und Knochen erst nach 304 bis 635 Minuten zur Hälfte mit Stickstoff gesättigt bzw. wieder entsättigt sind. Darin liegt auch das Problem des Haldane-Modells. Für kurze Tauchgänge ist sein 2:1 Modell zu konservativ, für lange Tauchgänge dagegen ist es zu riskant.

Die genannten Zusammenhänge sind wichtig bei der Beurteilung der möglichen Wirkungen von Preßluft auf das Knochengewebe. Aus der langen Halbwertzeit für die Stickstoffsättigung und -Entsättigung von Knochengewebe (5 bis 10 Stunden) folgt, daß kritische Konzentrationen von Stickstoff, die zu Bläschenbildung führen könnten, erst bei sehr ausgedehnten oder sehr tiefen Tauchgängen zu erwarten sind.

Genau dies läßt sich auch aus den in der Literatur beschriebenen Fällen von Knochenschäden im Zusammenhang mit Preßluftatmung ablesen. Dabei handelt es sich, wie zu erwarten, in erster Linie um Arbeiter auf Druckluftbaustellen, die meist sehr langen flachen Tauchgängen vergleichbare Druckexpositionen hatten oder um Berufstaucher, mit meist tiefen Tauchgängen, die die Dekompressionsrichtlinien nicht immer streng eingehalten haben (z.B. japanische Perlentaucher).

Welche Schäden können durch Preßlufttauchen an Knochen entstehen?

Die beschriebenen Schäden sind sogenannte aseptische Knochennekrosen. Dabei handelt es sich um das Absterben der lebenden Bestandteile der Knochen (meist Röhrenknochen). Oft bleiben diese Veränderungen symptomlos und werden nur durch einen zufälligen Röntgenbefund entdeckt. Sie können jedoch auch die Stabilität der Knochen beeinflussen. Befinden sich die Schäden im Bereich der Gelenke, so sind auch Bewegungseinschränkungen und Schmerzen (degenerative Gelenkerkrankungen) möglich. Kritisch sind Nekrosen an im Wachstum befindlichen Knochen. Dabei können Wachstumsstörungen auftreten. Auch ist die Wahrscheinlichkeit einer Schädigung an den Wachstumsstellen größer, da dort das Knochengewebe besonders gut mit Blut versorgt wird, was die Halbwertzeit herabsetzt.

Als Ursache der Schäden vermutet man Stickstoffbläschen in den Knochen. Es ist noch nicht geklärt, ob die Läsionen durch die Summe vieler kleiner Einzelschäden (Dauerexposition mit stummen Bläschen) oder eher durch gröbere Verstöße gegen die Regeln der Dekompression entstehen.

Wie kann der Sporttaucher Knochenschäden durch Preßlufttauchen vermeiden?

Bei Sporttauchern, die nicht gegen die Dekompressionsregeln verstoßen haben, sind Knochennekrosen, die ursächlich auf das Tauchen mit Preßluft zurückzuführen sind, bis heute nicht eindeutig nachgewiesen. Es ist jedoch nicht auszuschließen, daß Spätschäden (z.B. an Gelenken) nach Jahren gar nicht mehr mit dem Tauchen in Verbindung gebracht werden.

Besondere Vorsicht ist jedoch beim Tauchen von Kindern und Jugendlichen geboten, deren Knochen sich noch in der Wachstumsphase befinden. Auch wenn man wahrscheinlich davon ausgehen kann, daß die gewissenhafte Berücksichtigung der gängigen Tabellen und Tauchcomputer bei der Tauchgangsplanung und Durchführung hinreichend vor Knochenschäden schützt, sollte für Jugendliche besonders gelten:

  • keine Tauchgänge an der Nullzeitgrenze
  • keine dekompressionspflichtigen Tauchgänge
  • keine tiefen Tauchgänge
  • keine langen Tauchgänge
  • ausreichende Oberflächenpausen

Für Fragen und Kommentare an den Autor bitte E-mail an pohl@speyer.mannheim-netz.de


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