© 2001 Jan Postberg
Immer
wieder kommt es unter Wasser zu rätselhaften Begegnungen, die auch
den biologisch versierten Taucher vor schwierige Aufgaben stellen. Wenn
es darum geht, nach einer solchen Beobachtung die Art, die Gattung oder
auch nur eine der übergeordneten Gruppen zu bestimmen, fangen die
Probleme dann an, wenn die herkömmliche Bestimmungsliteratur versagt.
Solche
Begegnungen hatte ich in den letzten Jahren bei meinen Tauchgängen
am Cap Creus bei Cadaqués im Mittelmeer. Das Kap ist der östlichste
Punkt Spaniens und ragt weit in das offene Mittelmeer hinein. Die Tauchgründe
zählen zu den schönsten und artenreichsten im Mittelmeer. Die
exponierte Lage und die besondere Konstellation großer Meeresströmungen
sorgen dafür, dass immer wieder Arten angetroffen werden, die sonst
eher die Hochsee oder sogar die Tiefsee bewohnen. Zu seiner Paarungszeit
trifft man zum Beispiel nicht selten auf den Seeteufel (Lophius piscatorius),
der sonst eher in größeren Tiefen lebt. Regelmäßig
finden sich auch Mondfische (Mola mola) und andere Hochseebewohner
ein.
Im
Frühjahr der vergangenen Jahre konnte ich bei meinen Tauchgängen
das massenhafte Auftreten von planktisch lebenden Quallen und Salpen beobachten.
Diese Hochseeformen wurden manchmal von selten zu beobachtenden Tieren
begleitet.
Die
erste Begegnung hatte ich zu Ostern 1999, als ich zwischen Seestachelbeeren,
Rüsselquallen und Leuchtquallen große Gebilde entdeckte, die
aussahen wie riesige Pfeifenreiniger. Bei näherer Betrachtung konnte
man erkennen, dass diese Gebilde aus vielen Einzeltieren bestanden, die
offenbar Kolonien bildeten. Es handelte sich um große Staatsquallen
(Siphonophora). In dieser Ordnung kommen nicht nur die größten,
sondern wohl auch die beeindruckendsten und schönsten Quallen vor.
Sie leben frei schwimmend in allen Wassertiefen. Die Kolonien dieser Nesseltiere
bestehen aus einer großen Anzahl von Einzelpolypen, die unterschiedliche
Aufgaben besitzen. So gibt es Fresspolypen, Wehrpolypen und Geschlechtspolypen.
Interessant ist, dass die Schwimmglocken mancher Arten mit reinem Kohlenmonoxid
(CO) gefüllt sind, das für uns Menschen äußerst giftig
ist, da es den Sauerstofftransport im Blut behindert.
Weitaus
mehr Kopfzerbrechen bereiteten mir die Begegnungen mit zwei Tieren im Frühjahr
2000. Bei der Überquerung eines Riffes schaute ich zur Oberfläche
und erblickte ein Tier mit durchsichtigem Körper und spindelförmiger,
fischähnlicher Gestalt, das sich eindeutig aus eigener Kraft recht
schnell schwimmend fortbewegte. An dem Ende, das mir als Kopf erschien,
gab es kleine punktförmige Augen. Das Tier besaß außerdem
einen Rüssel. Ein Fisch, das war klar, war es aber nicht! Was aber
dann? Die Form und die Lebensweise des Tieres passte in kein mir bekanntes
Schema. Nun begannen die Schwierigkeiten. Wie bestimmt man ein Tier systematisch,
wenn man noch nicht mal eine Ahnung darüber hat, welchem Tierstamm
es angehört?
Der
Zufall erweckte in mir die Vermutung, dass es sich um eine Schnecke oder
ein ähnliches Weichtier handelte. Nicht weil ich das in seiner Gestalt
erkannte, sondern eher, weil ich ausschloss, was es nicht sein konnte.
Die gezielte Suche war dann erfolgreich. Tatsächlich war das seltsame
Tier eine Schnecke, genauer eine räuberische Schwimmschnecke der Ordnung
Kielfüßer (Heteropoda) mit etwa 30 Zentimetern Länge.
Dieser äußerst wendige Mollusk erbeutet sogar Fische und dürfte
wohl die schnellste Schnecke der Welt sein.

Bei
der zweiten rätselhaften Begegnung in diesem Frühjahr war nach
kurzer Zeit klar: Es ist ein Fisch! Aber auch das nur auf den zweiten Blick.
Denn was ich zunächst sah, war absolut nicht typisch für einen
Fisch. Da war eine langgestreckte, sehr dünne Gestalt, die mit großen
Schwebefortsätzen im freien Wasser schwebte. Ich dachte zuerst an
eine ungewöhnliche Qualle. Schließlich konnte ich das Tier von
der Seite betrachten und erkannte so den zarten Fischkörper. Dieser
war von der Bauchseite her so dünn, dass er zuvor nicht sichtbar war.
Die zu Schwebefortsätzen ausgebildeten Brustflossen und die Schwanzflosse
sowie Teile der Rückenflosse waren riesig im Vergleich zum Körper.
Zudem schwamm dieser Fisch mit dem Kopf gegen die Wasseroberfläche
gerichtet!

Die
Bestimmung des Fisches war äußerst schwierig und dauerte mehr
als zwei Wochen. Selbst der biologisch sehr kompetente Leiter der Tauchbasis
Cadaqués, Paul Bräutigam, hatte keine Idee, nachdem schon die
Suche in der Literatur erfolglos war. Bemerkungen über einen Tiefenrausch
meinerseits machten unter den anwesenden Tauchern schnell die Runde. Das
konnte ich aber bei einer Tiefe von nur acht Metern entschieden von mir
weisen. Erst die Recherche in der Bibliothek des Instituts für Evolutionsbiologie
an der Universität Witten/Herdecke und im Internet brachte die Lösung.
Was mir da begegnet war, war ein junger Riemenfisch der Art Trachipterus
trachypterus. Diese Fische leben sonst in der mittleren Tiefsee in
Tiefen von etwa 200 bis 1.000 Metern (Bathypelagial). Erwachsen leben sie
räuberisch und ernähren sich von Kalamaren und Fischen. Dabei
erreichen sie eine Länge von mehr als drei Metern. Unser Exemplar
brachte es allerdings nur auf eine Körperlänge von etwa 15 Zentimetern.

Der
Aufwand einer solchen Bestimmung mag den einen oder anderen abschrecken.
Dem Reiz, etwas Besonderes gesehen zu haben und auch noch zu wissen, was
es war, kann man sich jedoch nur schwer entziehen. So bieten einem auch
vermeintlich bekannte Tauchgebiete immer wieder Überraschungen, sei
es im Mittelmeer oder in irgendeinem "Tümpel" dieser Welt. Sogar Begegnungen
mit der für Sporttaucher unerreichbaren Lebewelt der Tiefsee sind
mit etwas Glück möglich.

Tips
zur Recherche:
Literatur:
Riedl,
R.: Fauna und Flora des Mittelmeeres, Parey
Kaestner
A.: Lehrbuch d. Spez. Zoologie, Bd. II: Wirbeltiere, Teil 2: Fische, Gustav
Fischer, Jena
Internet:
http://www.fishbase.org
Autor:
Jan
Postberg
Dipl.
Biochemiker
VDST/CMAS
Tauchlehrer 1
Internet:
http://www.nasskalt.de
Kontakt:
Jan
Postberg, Böhmerstr. 54, 58095 Hagen, Tel.: (01 77) 4 33 24 71, E-Mail:
mail@nasskalt.de oder:
Jan
Postberg, Universität Witten-Herdecke, Institut für Zellbiologie,
Stockumer Str. 10, 58448 Witten, E-Mail: janp@uni-wh.de |