© 2001 Rudolf Christoph, Steinach
-Keine Gewährleistung-
Vor allem in kalten Gewässern und größeren Tiefen ereignen
sich immer wieder Unfälle. Ursache, oder zumindest Auslöser,
ist sehr oft eine Vereisung des Lungenautomaten. Unsere
Unfallseiten dokumentieren zahlreiche derartige Unfälle.
Was sind die Auslöser für eine Vereisung? Was genau passiert
da eigentlich? Warum ist das so gefährlich?
Die Ursachen
Wie jedes technische Versagen und wie jeder Unfall, so ist auch das
Ereignis Vereisen an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Um diese ergründen
zu können, muss man zuerst den Funktionsablauf der Luftversorgung
genauer betrachten.
Beim Einatmen mit Hilfe des Atemreglers entnehmen wir der Druckluftflasche
Luft. Durch die Entnahme entspannt sich die Druckluft in der ersten Stufe
des Automaten. Der Druck fällt dabei vom Flaschendruck (normalerweise
zwischen 50 und 200 bar) auf ca. 10 bar über Umgebungsdruck ab. Die
Atemluft kühlt durch diese Entspannung um bis zu 40° C ab.
Durch den Mitteldruckschlauch strömt die Luft mit hoher Geschwindigkeit
zur zweiten Stufe. Hier wird die Luft nochmals entspannt, von ca. 10 bar
über Umgebungsdruck auf Umgebungsdruck. Eine mögliche Erwärmung
der Luft im Mitteldruckschlauch ist stark abhängig von der Wassertemperatur.
Das heißt aber, dass im 4° C kalten Wasser beispielsweise eines
Bergsees nur wenig Erwärmung der Atemluft zu erwarten ist.
Damit ist die erste Voraussetzung für ein Vereisen gegeben: Kälte.
Wenn nun das Trocknungsmittel des Kompressors zu spät gewechselt
wurde oder Wasser in der Flasche oder im Automaten ist, liegt bereits die
zweite Voraussetzung vor.
Die zweite Voraussetzung ist Wasser bzw. Feuchtigkeit.
Das Wasser kann, wie oben beschrieben, von innen kommen, dann spricht
man von innerer Vereisung. Natürlich ist es beim Tauchen auch außen
vorhanden. Wenn dieses Umgebungswasser gefriert, spricht man von äußerer
Vereisung. Ob innere oder äußere Vereisung ist für den
Taucher allerdings unerheblich.
In der Praxis vor Ort, das heißt im Wasser, kann man nicht unterscheiden,
wo die Ursache im Einzelnen liegt. Es ist zunächst auch unwichtig,
denn Auswirkung und Reaktion des Tauchers auf die Vereisung bleiben die
gleiche.
Was passiert?
Die Feuchtigkeit und die durch die Luftentspannung erzeugte Kälte
führen dazu, dass der Automat einfriert. Da die Kälte am Ventil
entseht, frieren oft bewegliche Teile des Ventils fest. Das heißt
konkret, dass z. B. der Kolben der ersten Stufe oder das Ventiloberteil,
der Ventilhebel der zweiten Stufe, festfriert.
Das betroffene Ventil wird dadurch blockiert und schließt sich
nicht mehr. Die Luft strömt nun dauerhaft ab, erzeugt weiter Kälte
und sorgt so dafür, dass das zugefrorene Ventil zugefroren bleibt.
Die dritte Voraussetzung ist also ein bewegliches, steuerndes Teil des
Automaten.
Wenn alle drei Voraussetzungen vorliegen, tritt ein Versagen des Automaten
aufgrund der Vereisung ein.
Folgen der Vereisung
Durch den oben beschriebenen Vorgang des Festfrierens und der Erzeugung
weiterer Kälte blockiert also das Ventil und bleibt in dieser Stellung
eingefroren. Dadurch strömt dauernd Luft ab, in der Menge, die zum
Zeitpunkt des Festfrierens entnommen wurde.
Dadurch treten zwei weitere Effekte auf:
- Der Automat liefert in der Regel weiter Luft.
- Es strömt sehr viel Luft ab, die Flasche wird abhängig von
Volumen und Füllgrad schnell leer.
Die unbekannte Situation in Verbindung mit der Angst, gleich keine Luft
mehr zu haben, mit schlechter Sicht, Kälte und eventuell Partnerverlust
kann sehr leicht zu Panik führen! Panik ist die Grundlage für
die meisten Tauchunfälle.
Vorbeugende Maßnahmen
Am besten fährt man als Taucher, wenn man schon im Vorfeld die
Risiken weitestgehend ausschaltet. Dies kann geschehen durch:
- Optimierung der Ausrüstung
- Richtige Aufbereitung der Atemluft
- Richtiges Verhalten beim Tauchgang
Optimierung der Ausrüstung
- Bestmögliche Trennung von Feuchtigkeit und Kälte in der ersten
und zweiten Stufe. Am wirkungsvollsten sind membrangesteuerte erste Stufen.
Vereisungskits und ähnliche Nachrüstsätze stellen eher Nachbesserungen
denn echte Problemlösungen dar.
- Die zweite Stufe ist mindestens so gefährdet wie die erste Stufe.
Auch hier ist die Bauform sehr wichtig. Je besser hier der kalte Luftstrom,
die Feuchtigkeit und die Ventilsteuerung voneinander getrennt sind, umso
größer die Vereisungssicherheit. Die Wärmeleitung spielt
in der zweiten Stufe eine große Rolle. Aus diesem Grund sind z. B.
Metallgehäuse sicherer als Kunstoffgehäuse mit ihrer schlechten
Wärmeleitfähigkeit.
Aber:
Absolute Vereisungssicherheit gibt es nicht. Es gibt nur Automaten,
die mehr oder weniger vereisungsgeschützt sind.
- Deshalb ist es unbedingt notwendig, im Kaltwasser mit zwei unabhängigen
Automaten zu tauchen, mit zwei getrennt absperrbaren Ventilen.
- Der Oktopus ist kein zweiter unabhängiger Automat und im Kaltwasser
keine sichere Lösung. Die Benutzung des Oktopus im Notfall belastet
die erste Stufe doppelt und erhöht damit die Vereisungsgefahr.
- Ich empfehle Automaten mit einer membrangesteuerten ersten Stufe und
einer zweiten Stufe mit Metallgehäuse.
- Auftrennung der Luftverbraucher auf beide Stufen, um die Kältelast
zu verteilen. Das heißt konkret, dass zum Beispiel das Jacket oder
der Trockentauchanzug an den Zweitautomaten angeschlossen und der Erstautomat
nur zum Atmen verwendet wird.
- Vor dem Tauchgang im Winter das Gerät möglichst lange im
warmen Auto lassen, um eine Auskühlung der Flasche und der Automaten
zu minimieren.
Aufbereitung der Luft
- Die Filterpatrone am Atemluftkompressor rechtzeitig wechseln, um eine
trockene Luftaufbereitung nach DIN sicherzustellen.
- Flaschenventil vor dem Wiederbefüllen ein paarmal kurz öffnen,
um das Ventil gut auszublasen. Das meiste Wasser kommt in die Flasche durch
Restwasser im Ventil, dass dann beim Wiederbefüllen in die Flasche
gedrückt wird. Dagegen hilft auch eine neue Filteratrone am Kompressor
nichts!
- Nicht benutzte Flaschenventile während eines Tauchgangs (bei Übungen
im Schwimmbad z. B.) wasserdicht verschließen.
- Den Flaschenanschluss des Automaten nach dem Tauchgang sofort mit einer
trockenen Kappe verschließen. Dabei sorgfältig darauf achten,
dass kein einziger Tropfen in den Lufteingang kommt!
Richtiges Verhalten beim Tauchgang
- Großen Luftvorrat mitnehmen
- Vor dem Tauchgang Partner mit dem eigenen Gerät vertraut machen
und sich das Gerät des Partners erklären lassen. Zwei Automaten
bedeuten mehr Schläuche und mehr Verwirrung. Vor allem wichtig: An
wlelchem Ventil hängt der Erst-, an welchem der Zweitautomat?
- Luft nicht frei abströmen lassen, keine Spielchen mit Hebesack
oder Ähnlichem, Luftdusche nicht unnötig betätigen.
- Im Wasser sofort abtauchen, vor allem im Winter. An der Oberfläche
keine Luft abströmen lassen. Der Automat vereist an der Oberfläche
schneller als unter Wasser!
- Kein unnötiges Auftauchen im Winter.
- Zweitautomat gegen zufälliges Abströmen sichern. Sehr bewährt
haben sich hier Kappen, die über das Mundstück gestülpt
werden und mit denen der Automat am Jacket befestigt werden kann.
- Zweitautomat immer in Griffweite befestigen. Am besten ist es, wenn
er sogar im Blickfeld ist. Günstig ist ein etwas längerer Schlauch.
Damit bekommt der Partner im Ernstfall mehr Bewegungsfreiheit.
Was tun, wenn es dennoch passiert?
Ich empfehle:
- Ruhe bewahren, der Automat liefert ja noch Luft!
- Partner nicht verlieren!
- Eigenen Zweitautomaten nehmen und den Partner das Ventil des ersten
Automaten zudrehen lassen. Dazu gehört aber ein gutes Vorbriefing
und eine gründliche Einweisung in das eigene Gerät! Den ersten
Automaten in der Hand behalten, falls der Partner doch den falschen Hahn
zudreht!
- Zweitautomaten des Partners im Auge behalten, ruhig beginnen, auszutauchen.
- Aufstiegsgeschwindigkeit beachten und Sicherheitsstopp durchführen.
- Nachbriefing mit Durchsprache des Ablaufs. Offene Diskussion, was gut
oder schlecht gelaufen ist.
Wichtig ist es natürlich auch, eine derartige Situation immer wieder
mal zu üben.
Das Risiko erhöht sich nach meinen Erfahrungen durch folgende Faktoren:
- Wassertemperaturen unter 10° C
- Zunehmende Tauchtiefe
- Erhöhte Luftentnahme, z. B. durch Trocki, viel Blei, unkontrollierte
Atmung usw.
- Gleichzeitige Luftentnahme für Tarieren und Atmen
- Partnerversorgung am Oktopus
- Lufttemperaturen unter 5° C
Wenn alle diese Tipps berücksichtigt werden, ist ein Vereisen nicht
mehr sehr wahrscheinlich, aber nie ausgeschlossen!