© 2001 Oliver Meise
-Keine Gewährleistung-

Vor 100 Jahren -genauer vor über 100 Jahren- befanden sich die
Marinen der Welt in einer Periode tiefgreifender Revolutionen in der Schiffsbautechnik.
So war dies auch in der zaristischen Flotte Rußlands.Um mit dem Ausland
Schritt halten zu können,wurden 1888 vier Schlachtschiffe neuen Typs
in Auftrag gegeben.

Für eines davon -die 18,9m breite Gangut- wurde 1889 der
Kiel gestreckt.Nach zwei Jahren Bauzeit auf der Admiralitätswerft
-am 6. Oktober 1890- konnte das 7142t-Schiff vom Stapel gelassen werden
und zur Fertigstellung in eine andere Werft verholen. Nach fast weiteren
drei Jahren war dann das 84,7m lange Schiff am 3. Juli 1893 so weit fertiggestellt,daß
es mit seiner Mannschaft für Erprobungszwecke in See gehen konnte.
Auf See fanden umfangreiche Manöver statt,bei denen die 583-köpfige
Besatzung mit den Antriebsmaschinen,den 33 an Bord befindlichen Geschütze
der unterschiedlichsten Kaliber -hierunter auch die 12inch-Kanone von Krupp-
sowie allen anderen Schiffsanlagen und -einrichtungen exerzierte.

Hierbei wurden einige Mängel festgestellt,so daß es wieder
in die Werft ging. Nach der Beseitigung der aufgetretenen Mängel ging
es am 12. September 1895 erneut ankerauf. Wieder wollte man Erprobungen
durchführen.Diesmal ging alles glatt.Noch im selben Jahr lief die
Gangut
auf einer Fahrt nach Kronstadt jedoch plötzlich aus dem Ruder und
lief auf eine Unterwasserklippe auf. Herbeieilenden Schiffen und der Mannschaft
gelang es, das Leck provisorisch abzudichten und das Schiff in die Werft
zu verholen.Im Frühling 1897 war der Schaden behoben und man nahm
den normalen Dienst wieder auf. Das Pech schlug aber wieder zu! Schon am
12. Juni 1897 brummte die Gangut in der Bucht von Finnland wieder
auf Unterwasserfelsen auf, schlitterte über diese hinweg und setzte
die Fahrt fort. Hierbei kam es zu großflächigen Lecks,die die
Lenzpumpen überforderten. Nach sechs Stunden Kampf gegen das immer
höher steigende Wasser sank die Gangut nur 1,5km vor einer
flachen Untiefe in 30m Tiefe auf den Meeresgrund hinab.
Zum Glück konnte die gesamte Mannschaft gerettet werden.Gleiches
hatte man mit der Gangut vor: Schon 1898 sollte das Schiff gehoben
werden.Hierzu begannen Arbeiten der schwedischen Bergungsgesellschaft "Neptun".Diese
stellte das auf der Seite liegende Schiff zunächst erst einmal auf
ebenen Kiel. Aus unbekannten Gründen wurden nun jedoch die Bergungsarbeiten
abgebrochen.
In der Folgezeit mit dem 1. Weltkrieg und der Revolution in Rußland
geriet das Wrack in Vergessenheit.Außerdem wurde das Gebiet in dem
die Gangut lag dann auch noch militärisches Sperrgebiet und
später finnisches Territorialgewässer. Erst 1988 während
des Aufkeimens von Perestroika und Glasnost wurde das Wrack der Gangut
von einer Polnisch-Russischen Tauchexpedition wiedergefunden.
Taucht man an dem Wrack der Gangut ab,durchstößt
man zwischen neun und zwölf Metern erst mal eine Wärmeschicht.Ist
es oben meist zwischen 5 und 22°C warm,ist es unter der Wärmeschicht
relativ dauerhaft zwei bis vier Grad Celsius kalt.Deshalb ist dieses Wrack
auch so gut erhalten.
Das Wrack kommt dann auch relativ schnell in Sicht-vorausgesetzt man
befindet sich nicht gerade hier während der Algenblüte im Juni/Juli.Taucht
man also im Frühling oder Spätherbst,wird man mit einer Sicht
von mindestens drei Metern,meist aber auch um die acht Metern belohnt.
Das Wrack sieht man dann wie auf der Sonaraufnahme mit einer Neigung
von ca. 15° nach links auf dem Meeresboden liegen.
Deshalb ist die Steuerbordseite auch etwas tiefer in den Meeresgrund
eingesackt.Die Bullaugen des Kabinendecks befinden sich aber noch über
dem Meeresboden.Dieser hat hier eine Tiefe von ca. 30m. Der Bug liegt zT.
etwas tiefer mit ca. 42m ,die Brücke jedoch auf erfreulichen 20m (ca.).

Wenn man auf dem Oberdeck landet,kann man schon einiges sehen. Kleinere
Wrackteile liegen herum,teilweise liegt etwas Schlamm herum-also vorsichtig
flosseln.Vorne am Bug befindet sich noch die intakte Bugzier mit dem kaiserlich
zaristischen Wappen! Weiter kann man hier der ausgelaufenen Ankerkette
bis zum sehr gut erhaltenen Anker folgen.Taucht man vom Bug aus nach achtern,kommt
man zunächst an der großen 12inch-Kanone von Krupp in ihrem
Turm vorbei.Weiter achtern folgen dann die sehr gut erhaltenen 6inch-Geschütze
und die 9inch-Geschütze in ihren Geschützdecks und Kasematten.
Sehr gut erhalten sind auch der gepanzerte Beobachtungsstand und das hintere
Ruderhaus.Hier sind sogar noch die Glasscheiben intakt! Backbords auf dem
Oberdeck liegen dann noch eine Dampfpinasse und ein Schornstein. Weiter
achtern liegen dann mit kupfernen Beschlägen versehene Deckstühle
herum.Achtern angekommen sollte man auf keinen Fall den Schriftzug des
Schiffsnamens am Rumpf verpassen.Dieser ist gut lesbar und besteht aus
sehr gut erhaltenem Holz mit kupfernen Beschlägen. Möchte man
wissen,wie es innen aussieht,kann man auch in das Wrack eindringen.Hier
wird man vieles vorfinden,als ob es erst vor fünf Minuten verlassen
worden wäre!
Das Schiff mußte nämlich innerhalb von 80min verlassen werden
und die Mannschaften hatten nicht mal eine Viertelstunde Zeit ihre Siebensachen
zusammenzusuchen!
Möchte man lieber seine Exkursionen auf Tauchgänge außerhalb
des Wracks beschränken,bekommt man einen Eindruck vom Schiffsinneren,wenn
man zB. von außen über den Balkon des Kapitäns in dessen
Salon schaut.Hier sieht man geschnitzte Holztüren,Wandpaneele aus
Edelholz,Möbel und Bronzelampen mit Glasschirmen. Weitere Einblicke
bieten Löcher im Schiffsrumpf. Hier sieht man Teile der Schiffsgeschütze
und Einrichtungsgegenstände. Bei Schiffspenetrationen sollte man vor
allem die Areale um das vordere Ruderhaus und die Kesselräume meiden.
Das eine ist total zerstört und ist eigentlich nur noch ein Loch im
Schiffsrumpf,die anderen befinden sich unter einem zusammengefallenen Panzerdeck.
Möchte man eine Vorstellung vom gesamten Wrack haben,so kann man
hier ca. 10 Tauchgänge machen mit einer durchschnittlichen Grundzeit
von einer reichlichen Viertelstunde. Wrackpenetrationen werden zwar auch
angeboten-doch bitte nur mit entsprechender Ausbildung, Erfahrung und Psyche!
Als besonderes Zuckerstück dieser Tauchecke kann man dann noch
das Dampfschiff Gipatia besuchen.Dies liegt nur 295m nordwestlich
von der Gangut.Mit ca. vier Tauchgängen dürfte man dann
auch hier alles erreichbare gesehen haben.
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