© 2002, ohne Gewähr Autoren: Brigitte Hackenberg,
Ralf Dänzer
Alle Bilder: Copyright 2002, Brigitte Hackenberg
Diving as passion - Part I:
Berufstauchausbildung bei Stenmar, Schottland
Einführung
Wer träumt nicht einmal davon sein Hobby zum Beruf zu machen? Wer
aber jetzt denkt, dass die einfache Sporttauchausbildung ausreichen würde,
um unter Wasser herausfordernde Bergearbeiten wie die Bergung der Kursk
durchführen zu können, der liegt mehr als schief. Brigitte Hackenberg,
eine in Technical Diving-Kreisen bereits bekannte und geschätzte Taucherin,
hat sich als eine der ersten Frauen auf den Weg in Richtung Berufstauchen
gemacht. Hier nun ihr Bericht über den beschwerlichen Weg aus dem
Hobby den Beruf zu machen.
Der ganzen Arbeit Anfang
Das Abenteuer begann am 04. Oktober 2001 mit der Fahrt von meinem Wohnort
in Richtung Norden. Ich hatte mich entschlossen, das Auto zu nehmen, damit
ich meine eigene Tauchausrüstung für private Entdeckungsreisen
während der Wochenenden verwenden konnte. Am ersten Tag fuhr ich bis
zur niederländischen Grenze und suchte mir ein preiswertes Hotel mit
Restaurant. Gut ausgeschlafen machte ich mich am nächsten Morgen bei
strahlendem Sonnenschein auf den Weg nach Amsterdam, wo meine Fähre
am Abend gegen 18.00 Uhr ablegen sollte. Viel zu früh kam ich gegen
Mittag am Fährhafen an und nutzte die Gelegenheit, die Schiffe zu
beobachten und etwas herumzuwandern. Die Überfahrt hatte ich bereits
einige Wochen zuvor gebucht. Als es dann langsam auf die Einschiffungszeit
zuging, wurde es belebter und wir wurden erst mal in parallele Warteschlangen
sortiert. Als alle Fahrzeuge ihren Platz an Bord der Fähre eingenommen
hatten, ging es endlich los.
Die Überfahrt war sehr ruhig, die See spiegelglatt und alle genossen
einen herrlichen Sonnenuntergang. Am nächsten Morgen kamen wir gegen
10 Uhr in Newcastle an, und alle eilten ungeduldig zu ihren Autos. Dann
war ich endlich auf englischem Boden und das Erlebnis Linksverkehr begann,
noch etwas erschwert durch häufige Kreisverkehre und schlechte Beschilderung.
Nachdem ich mehrmals in die falsche Richtung abgebogen war, kam ich dann
endlich mehr durch Zufall auf die Autobahn, die Richtung Norden führte.
Außerhalb der Stadt war es dann nicht mehr so anstrengend und ich
begann, auch etwas von der Umgebung wahrzunehmen. Die restliche Strecke
zog sich ungewohnt lang, so dass ich erst nach 7 1/2 Stunden Fahrt durch
das traumhaft schöne Bergland der schottischen Highlands ziemlich
erschöpft in Fort William ankam.

Abbildung 1: Das "Underwater Center" am Ortsrand von Fort
William und an einer fjordartigen Meeresbucht, der Loch Linnhe, gelegen.
Im Erdgeschoss befindet sich rechts das Restaurant, links das Büro-
und die Unterrichtsräume. In den beiden Obergeschossen sind die Schüler
untergebracht. (Abbildung 1 Underwater Center)
Von Bildern und Videos war mir bekannt, dass das "Underwater Centre",
durch eine langgezogene Pier parallel zum Ort Fort William gelegen, leicht
zu finden ist. Als diese Pier dann in mein Blickfeld geriet, fühlte
ich eine unbändige Freude, endlich hierher kommen zu dürfen,
nach so langer Zeit vergeblichen Träumens. Problemlos fand ich das
Hauptgebäude, parkte das Auto und meldete mich im Büro an. Lynn
begrüßte mich sehr herzlich, zeigte mir das Restaurant, die
Schulungsräume und mein Zimmer. Die nächsten Stunden verbrachte
ich damit, auszupacken, aber es zog mich irgendwie unwiderstehlich in Richtung
Pier, die in den nächsten Monaten meine zweite Heimat werden sollte.

Abbildung 2: Die 800m lange Pier, an deren Ende sich die Arbeitsstationen
befinden. Wenn es mal ausnahmsweise nicht regnet, muss man recht schnell
sein, um das ganze im Sonnenschein aufnahmen zu können! (Abbildung
2 Pier)
Ausbildung von Anfang an
In der ersten Woche hatte ich noch nicht all zuviel zu tun, da während
dieser Zeit der Anfängertauchkurs lief, den ich ja nicht mitmachen
musste. Also hing ich hochinteressiert den ganzen Tag bei starkem Wind
und strömendem Regen - dem typischen schottischen Wetter halt - auf
der Pier rum und sah beim oberflächenversorgten Tauchen zu oder half
Simon, dem Tauchlehrer, während des Anfängertauchkurses. Das
Meerwasser war überraschend warm, so etwa 13 Grad und oben von einer
etwas kälteren Süßwasserschicht bedeckt. Die Sicht betrug
meist 6-8 m, aber durch das trübe Oberflächenwasser wurde es
schon ab 15 m Tiefe relativ dunkel, oft konnte man auch in 10 m schon einen
Nachttauchgang am Tage machen, je nach Trübung des Wassers und dem
Wellengang. Sehnsüchtig sah ich den Berufstaucher-Schülern zu
und irgendwann konnte es dann einer der Ausbilder nicht mehr mit ansehen
und fragte mich, ob ich es auch mal ausprobieren wollte. Erst mal zögerte
ich etwas verblüfft, weil die Ausrüstung, die gerade benutzt
wurde nicht gerade so aussah, als ob ich ohne große Einführung
in der Lage sein könnte, mit all dem neuen Teilen zurechtzukommen.
Da jedoch Chris meinte, dass das alles kein Problem wäre, sagte ich
natürlich begeistert zu.

Abbildung 3: Marc, einer der Schüler, kommt gerade aus dem Wasser.
Er trägt einen Heißwasseranzug, den Kirby-Morgan-Superlite-17-Helm,
Gummistiefel und zwei Paar Gummihandschuhe zur Isolierung gegen mögliche
Stromschläge beim Stahltrennen. (Abbildung 3 Marc)
Was dann kam, fand ich sehr ungewöhnlich. Erst mal wurde ich in
einen dünnen Neoprenoverall gesteckt, dann kamen dicke Socken an die
Reihe und anschließend noch ein dicker sperriger Neoprenanzug darüber,
zu guter letzt noch Gummistiefel, die mir mindestens 5 Nummern zu groß
waren. Derart ausstaffiert stelzte ich zur Surface-Supplied-Station und
wartete, bis ich an der Reihe war. Nachdem die Ausbildung der Schüler
beendet war, ging ich die Treppe hinunter, wo schon ein netter Mensch freundlich
grinsend begann, mich auszustaffieren. Zuerst half man mir in das mit ca.
16 kg bestückte Harness mit der 8-l-Bailout-Flasche, dann wurde mir
der ca. 9 kg wiegende Kirby-Morgan-Superlite-17-Helm in die Hand gedrückt,
während der Regler am Flaschenventil befestigt wurde. Nach dem Karabiner
des Umbilicals mit der Luftversorgung wurde mir das blaue Innenfutter und
dann der Helm selbst übergestülpt, mit der hufeisenförmigen
Halsmanschette verbunden und gesichert. Fasziniert verfolgte ich alles
und war selig, nun endlich zum erstenmal diesen Helm wirklich selbst ausprobieren
zu dürfen. Nachdem der Schlauch mit dem Heißwasser an meinem
Anzug befestigt war, und das warme Wasser den kompletten Anzug ausfüllte,
begann ich vorsichtig die Stufen hinunterzusteigen. Sobald ich mich komplett
unter Wasser befand, war das Gewicht der Ausrüstung nicht mehr zu
spüren und ich wurde gefragt, ob alles in Ordnung wäre. Ich bejahte
begeistert und hüpfte die Leitersprossen die restlichen Meter bis
zum Grund hinunter und wartete dort auf meinen Begleiter. Zu meiner Überraschung
ging der Druckausgleich nur durch Schluckbewegungen und ich wunderte mich
etwas, dass es so dunkel war, obwohl ich bestimmt nicht tiefer als 10 m
sein konnte. Mein Begleiter, den ich übrigens nicht sehen, sondern
nur fühlen konnte, wanderte dann mit mir zusammen über den unebenen
Meeresgrund, ab und zu sah ich seine Bewegungen, wenn fluoreszierende Teilchen
aufgewirbelt wurden. Viel zu früh beorderte man mich wieder zur Oberfläche
und so trat ich dann den Rückweg an und kletterte die Treppe hinauf,
wo ich zügig aus der ganzen Ausrüstung geschält und zum
Umziehen geschickt wurde. Ich muss wohl wie ein Honigkuchenpferd gestrahlt
haben; wie komisch ich bei meiner Größe von nur 1,54 m mit der
kompletten Ausrüstung inklusive Helm aussah, konnte ich erst viele
Wochen später nachvollziehen. Am nächsten Tag durfte ich bei
der Ausbildung der ROV-Piloten dabei sein. Remoted Operated Vehicel sind
ferngesteuerte Unterwasserkameras, oft mit Greifer ausgestattet. Sobald
die Ausbilder sehen, daß man Interesse hat, wird einem alles genau
und ausführlich erklärt. Ebenso wurde ich eingeladen, auf der
Red Barron mit der Wet-Bell, der Nassglocke, beim Tauchen und dem Gebrauch
der Dekokammer zuzusehen.
In der folgenden Woche begann dann meine eigene Ausbildung. Los ging
es mit 4 Tagen "First Aid at Work", einer Art Erste-Hilfe-Kurs
bezogen auf Tauchunfälle. Glücklicherweise blieben die befürchteten
Sprachprobleme aus, so dass auch die anschließende Theorie- und Praxisprüfung
kein großes Problem darstellte.
Ab jetzt wird's ernst - der HSE Part IV-Kurs
Dann folgte der vierwöchige "Scuba-Kurs", auch "HSE
Part IV" genannt, eine Art Grundausbildung, die alle Berufstaucher
absolvieren müssen und die auch als Voraussetzung gilt, wenn man beispielsweise
gewerblich als Biologe, UW-Kameramann oder in einer Fischfarm in Großbritannien
arbeiten will. Bei diesen Kursen hat man jeweils einen Lehrer, in diesem
Fall Ali, der für die Gesamtausbildung der Schüler verantwortlich
ist und einen Supervisor, Cameron, auch kurz Mäc genannt, der Ansprechpartner
ist für alles was Tauchen betrifft. Von nun an wurde es so richtig
interessant. Die ersten Tage verbrachten wir noch im Klassenraum, später
waren wir dann auf der Pier und machten jeden Tag ein bis zwei Tauchgänge,
oft war zwischendurch oder nachher noch Unterricht, so dass wir täglich
von 8.30 Uhr bis 17.00 Uhr durchgehend beschäftigt waren. Wir benutzten
nun die Exo-26-Vollgesichtsmaske, waren mit Unterwasser-Telefon ausgestattet
und tauchten ausschließlich mit Leine. Wir benutzten 15-l-Flaschen
und 5-l-Bailout-Flaschen zusammen mit einem Harness. Flossen benutzten
wir eher selten. Anfangs lernten wir uns erst mal gegenseitig zu retten,
dann natürlich die unvermeidlichen und von allen nicht gerade geliebten
Leinensignale. Des weiteren lernten wir Vermessungsarbeiten, Suchaktionen
mit verdunkelter Maske, Aufstiegsübungen, Bojengebrauch, Montage-
und Sägearbeiten, simulierte Oberflächendekompression, Dekokammerbedienung,
Knoten und vieles mehr.

Abbildung 4: Scott, einer der Schüler aus meiner Gruppe, am letzten
Tag des Schweißkurses. Der gelbe Schlauch im Brustbereich ist das
Pneumofathometer. Im Helminneren sieht man eines der Kabel der Kommunikationseinrichtung.
In diesen vier Wochen versuchte ich die Inhalte des recht umfangreichen
Scuba-Manuals in meinen Kopf zu bekommen, weil wir jede Woche über
verschiedene Kapitel einer Theorieprüfung unterzogen wurden, bei denen
mindestens 80 % der Fragen richtig beantwortet werden mussten. So verbrachte
ich die Abende bis Mitternacht meist mit Lernen, ebenso die Wochenenden.
All zu viele alternative Freizeitmöglichkeiten stehen in Fort William
sowieso nicht zur Verfügung, wenn man nicht gerade ein Wanderfreak
ist. Leider haben auch alle Tauchschüler an den Wochenenden privates
Tauchverbot, um die Stickstoffaufsättigung in Maßen zu halten,
und das, obwohl in Tiefen zwischen 25 und 60 m die herrlichsten Wracks
auf Erkundungstauchgänge warten.
Ausblick
In der nächsten Ausgabe geht es weiter mit der Berichterstattung
über die Berufstauchausbildung bei Stenmar. Inhalt des nächsten
Artikels ist die Ausbildung im oberflächenversorgten Tauchen. Also
es bleibt spannend.
Glossar:
Surface-Supplied-Station Station an der die Tauchgänge mit Oberflächenversorgung
durchgeführt werden.
Bailout-System Redundante Gasversorgung die der Taucher bei sich trägt
um Ausfälle der Hauptgasversorgung ausgleichen zu können.
Oberflächenversorgtes Tauchen Bei diesem Tauchen trägt der
Taucher seien Gasvorrat nicht direkt bei sich, sondern wir durch eine Versorgungsleitung
("Umbilical") mit dem notwendigen Atemgas versorgt. Die Gasversorgung
ist somit nahezu unbegrenzt. Die Dekompressionsproblematik bleibt aber
natürlich weiterhin bestehen. Sollte die Hauptversorgungsleitung aus
irgendwelchen Gründen unterbrochen werden wechselt der Taucher aus
sein Bailout-System und beginnt den Aufstieg an die Oberfläche
Umbilical: "Lebensleine" eines oberflächenversorgten
Tauchers. Das Umbilical besteht aus Leitungen zur Kommunikation, zu Versorgung
mit Heißwasser für den Tauchanzug sowie die notwendige Gasversorgung.
ROV Remote Operated Vehicle; Unbemanntes Tauchfahrzeug welches im Technical
Diving und Berufstauchen für die ersten Erkundungen oder bestimmte
Standardarbeiten verwendet werden, ohne dass ein Taucher hierzu aktiv werden
muss. Es bereitet spätere bemannte Taucheinsätze vor, da man
die oft zeitintensive Sondierung der Umgebung effizient und risikolos für
den Menschen durchführen kann. Einfache Kontrollarbeiten können
durch ein ROV sogar vollkommen ersetzt werden. Der Operator an der Oberfläche
steuert das ROV mit einer Fernsteuerung und eine Kamera an Bord des ROV
bildet sein Auge in der Tiefe.
Weitere Informationen:
www.tauchcenterdelphin.de
(zusätzlich Ausbildung im Sporttauchen und Technical Diving, Ausbildung
nach CMAS, PADI, IANTD, ITDA)
http://www.stenmar.com/ (Ausbildungszentrum
zum Berufstaucher) |