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 Geschrieben von Brigitte Hackenberg

© 2002, ohne Gewähr
© auf alle verwendeten Bilder Brigitte Hackenberg Autoren: Brigitte Hackenberg (Email: Hackenberg.Brigitte@t-online.de) , Ralf Dänzer

Diving as passion - Part II:
Berufstauchausbildung bei Stenmar, Schottland

Einführung

In der letzten Ausgabe berichtete Brigitte Hackenberg über den Beginn Ihrer Ausbildung zum Berufstaucher, beziehungsweise zur Berufstaucherin. Sie berichtete von den ersten Anfängen und den ersten Tauchgängen mit dem Tauchhelm bis hin zum Abschluss des HSE IV-Kurses. In dieser Ausgabe nun setzen wir den Bericht mit dem HSE III-Kurs fort, bei dem es um das Tauchen mit Oberflächenversorgung geht, bis hin zum erfolgreichen Ende der Berufstauchausbildung.

Gas von ganz oben

Nach diesem Grundkurs folgte dann der "Surface Supplied" oder "HSE Part III"-Kurs, also das oberflächenversorgte Tauchen. Die ersten zwei Wochen tauchten wir täglich von der Pier aus unter Benutzung des Heißwasseranzugs. Das Wasser kommt meist mit 40 Grad Celsius, so dass es einem bei anstrengenden Arbeiten auch öfters zu warm wurde. Um dies zu verhindern musste man das Zulaufventil zeitweise zudrehen. Von nun an benutzten wir den Kirby-Morgan-Superlite-17-Helm, ein herrliches Teil, wenn man ihn nicht allzu lange an der Oberfläche tragen muss. Da der Helm ungefähr neun Kilogramm wiegt, hatten wir alle am Anfang mit Nackenschmerzen zu kämpfen. Dies gab sich aber mit der Zeit und so konnten wir uns bald auf die eigentlichen Arbeiten und die neuen Werkzeuge konzentrieren. Wir wurden in den Gebrauch von Nagelschusspistolen, Hochdruckreinigern, Presslufthämmern, Unterwasser-Staubsaugern und Bohrmaschinen eingewiesen. Ebenso lernten wir an den Samstagen das "Oxy-Thermic-Cutting", also das Trennen von Stahlteilen mittels Sauerstofflanzen und das Schweißen unter Wasser.

Die letzten beiden Wochen dieses Kurses wurden dann so richtig aufregend. Es wurde nun vom Tauchschiff aus getaucht. Der Transport der Taucher auf die Arbeitstiefe erfolgte von nun an durch die "Wetbell", also die Nassglocke. Über einem quadratischen Loch in der Mitte des Schiffes, dem sogenannten "Moon Pool", steht die Glocke auf zwei soliden Stahlträgern. Über eine Winde und ein Stahlseil wird die Glocke auf die Einsatztiefe hinabgelassen. Die Tauchglocke wiegt inklusive Taucher und Speicherflaschen über zwei Tonnen und ist mit der Oberfläche durch das Haupt-Umbilical verbunden, welches Schläuche zur Luftversorgung, Strom, Telefon, Heißwasserschlauch und Werkzeugkabel enthält.

Dem Tauchgang selbst gehen umfangreiche und zeitaufwändige Checks voraus. Die Schüler führen die meisten davon in Zweiergruppen selbst durch. Die Dekompressionskammer wird überprüft und die Hauptkammer zur Vorbereitung für die Oberflächendekompression auf 40 Fuss (12m) gebracht. Dann werden die Helme montiert, die Bedienelemente im Boot und in der Glocke sowie alle Ausrüstungsbestandteile überprüft.


Die Wetbell mit den Tauchern wird zur Oberfläche gebracht. Wenn man auf Grund steht und zur beleuchteten Glocke hinaufsieht, wirkt sie wie ein Raumschiff.

Pro zwei Taucher im Wasser werden zwei "Tender" (Helfer die den Taucher an- und ausziehen und das Umbilical führen), ein "Supervisor" (der die Aktion leitet und überwacht), ein Bediener für die Dekokammer und eine Person für die Winde der Tauchglocke benötigt. Außerdem muss natürlich immer ein Stand-By-Taucher mit Tender an der Oberfläche tauchfertig bereitstehen, falls wirklich mal etwas passieren sollte. Wenn Oberflächendekompression gemacht wird, und das ist fast immer der Fall, werden pro Taucher sogar zwei Tender beim Ausziehen des Tauchers benötigt, da nur 3 1/2 min Zeit zur Verfügung steht, um die Taucher schnell genug in die Kammer zu bringen.

Tea "under pressure"

Am Ende des Tauchgangs wird man wegen der besseren Überwachungsmöglichkeit ohne Dekompression sofort aus dem Wasser geholt, innerhalb von 30 Sekunden auf 40 Fuss (12m) in der Kammer rekomprimiert und verbringt dann die Dekozeit trocken und gemütlich unter Sauerstoffatmung in der Kammer. Dazu schlürft man den durch die Medizin-Schleuse während der "Airbreaks" (5-min-Pausen, während denen man Umgebungsluft atmet) gereichten Tee oder Kaffee. Das ist schon eine klasse Sache und viel angenehmer, als wenn man ewig bei kaltem Wasser, Strömung und Wellengang unter Wasser warten muss.

Ach ja, sollte man während des Oberflächenintervalls mal bummeln, kommt man in Genuss des US Navy Tabelle 5 Behandlungsplans. Dies bedeutet, dass man für 135 Minuten auf 60 Fuss (18 m) mit Sauerstoffatmung rekomprimiert wird. Die Maske, die wir beim Tauchen mit der Bell verwenden, ist eine Kirby-Morgan-18 Bandmask. Diese ist baugleich dem Superlite-17-Helm, aber anstatt der Hartschale trägt man eine Neoprenkopfhaube mit Reißverschluß und eine fünffächrige Gummihalterung darüber, die das Ganze fixiert.


Vorbereitung eines Solo-Tauchgangs mit der Wetbell auf der Red Barron auf 50 Meter am Ende des "HSE Part I-Kurses".

Das Team macht stark

Ich hatte das Glück, mit einer sehr netten Schülergruppe ausgebildet zu werden und die Zusammenarbeit und Hilfsbereitschaft untereinander war wirklich außergewöhnlich, was uns auch mehrere Ausbilder unabhängig voneinander bestätigten. Leider näherte sich unsere gemeinsame Zeit dem Ende und die meisten der Schüler, von denen einige bereits vorher etliche Jahre als Berufstaucher gearbeitet hatten, fuhren entweder nach Hause oder begaben sich anschließend direkt an diverse Arbeitsstätten überall auf der Welt.

Alle waren nach Ende dieser Ausbildung sehr glücklich die Prüfungen erfolgreich absolviert zu haben und freuten sich auf die Heimreise (diese Ausbildungsstufe nennt sich "Surface-Supplied Top-Up" oder "HSE Teil I"). Ich fühlte eher Traurigkeit und etwas Wehmut, nun eventuell für viele Monate oder auch für Jahre zum letzten Mal Gelegenheit zu haben, mit der Wetbell tauchen zu dürfen.


Recht beengt steht man ohne Bewegungsfreiheit innerhalb der Wetbell, kurz bevor der Tauchgang beginnt.

The Show must go on Der Rest der Ausbildung erfolgte nun von der Pier aus. Es war schon recht ungewohnt, den ganzen Tag an der Oberfläche Stahlteile in allen möglichen Winkeln zu verbinden, was große Konzentration und Aufmerksamkeit erforderte. Ein einziger Augenblick der Unaufmerksamkeit kann schnell die ganze Arbeit zunichte machen.

Nach den Weihnachtsferien, die ich in Deutschland verbrachte, ging es im Januar mit zwei Wochen Schweißen weiter, davon eine Woche Oberfläche und eine Woche Unterwasser. Überraschenderweise fand ich es Unterwasser wesentlich leichter, da wir statt der 3,2 mm die breiteren 4 mm Elektroden verwendeten. Das einzige Problem bestand darin, bei teilweise sehr geringer Sicht und starker Gezeitenströmung die Elektrode ruhig genug zu halten, um die Schweißnaht einigermaßen gerade und im richtigen Winkel hinzubekommen. Witzigerweise hatte mir mein Ausbilder Alex eine Art Hocker gebastelt, damit ich überhaupt vernünftig Einblick auf den Arbeitstisch mit den Metallteilen hatte. (Anmerkung der Redaktion: Frau Hackenberg ist 1,54 m groß). Irgendwie sind die Tische nämlich mehr für durchschnittlich große (männliche) Taucher gemacht.

Die letzten zwei Wochen begann dann der Kurs "Non Destructive Testing", also Materialprüfung von Stahl- und Betonkonstruktionen. Um Offshore, beispielsweise auf Ölplattformen als Unterwasserinspektor arbeiten zu können, muss man diesen Kurs belegen, um anschließend bei einer externen Stelle - der TWI - eine entsprechende Prüfung (CSWIP 3.1U) ablegen zu können. Wir lernten während der nächsten Wochen mit helmmontierter Videokamera und Lampe die Inspektionsprozeduren kennen. Hierzu zählten Mosaik-Fotographien von den Schweißnähten und diversen anderen Defekten sowie das Verwenden verschiedener anderer elektronischer Prüfgeräte (z. B. Bathykorrometer, Ultrasonic Thickness Messinstrumente wie Seaprobe und Cygnus).


Die Autorin Brigitte Hackenberg kurz vor einem Tauchgang in kompletter Ausrüstung.


Konfiguration während des NDT-Kurses: Oben am Helm ist links die Videokamera, rechts die abgeklebte Helmlampe zu erkennen. Während einer Inspektion gibt man einen mündlichen Bericht über den Zustand der Stahlkonstruktion, der dann auf Video-Kassette gespeichert wird, zur Bearbeitung an den zuständigen Statik-Ingenieur durch.

It`s all over now

Dann hieß es leider Abschied nehmen. Am Samstag, den 02. Februar 2002 machte ich mich mit dem Auto auf den Rückweg. Zuerst ging es wieder nach Newcastle, mit der Fähre über die Nordsee und am Montag morgen gegen 9.30 Uhr kam ich im Fährhafen Ijmuiden bei Amsterdam an. Die restliche Fahrt auf der A3 Richtung Süden nahm dann noch 10 Stunden in Anspruch.

Damit gingen vier wundervolle Monate zu Ende, die schöner und interessanter wohl kaum hätten sein können. Die Qualität der Ausbildung war wirklich außergewöhnlich. Derart gute Lehrer hatte ich schon seit langem nicht mehr. Falls jemand weitere Informationen über die Schule oder ähnliches benötigt, schreibt mir einfach eine Mail (Hackenberg.Brigitte@t-online.de). Ich helfe gerne weiter.

Pro Monat belegen allein in Schottland durchschnittlich 50 Schüler die verschiedenen Kurse. Angaben über die zweite Schule in Tasmanien finden sich auf der Website von Stenmar. Zusätzlich verdient Stenmar sein Geld mit der Herstellung von Sonargeräten. Besonders hervorzuheben ist, dass der Leiter der Firmengruppe gerade für die Mitarbeiter eine Kindertagesstätte baut, die kurz vor der Fertigstellung steht. Welcher Arbeitgeber macht dies in Deutschland noch.

Ein paar Anmerkungen zum Schluss

Stenmar ist die einzige Schule in Europa, die Sättigungstaucher mit HSE-anerkanntem Abschluss zertifiziert. Es gibt zwar noch eine Schule in Marseille, welche aber nur "HSE-Äquivalenz" anbietet, was ein feiner aber wichtiger Unterschied ist. Was man noch wissen sollte: Als Anfänger frisch aus der Schule bekommt man Offshore keine Arbeit. Voraussetzung dafür ist ein Minimum von ein bis zwei Jahren Berufserfahrung. Als Sättigungstaucher bekommt man (als Mann) auch erst durchschnittlich nach ca. drei bis sechs Jahren, gerechnet vom Zeitpunkt des Arbeitsbeginns in diesem Beruf, eine Stelle. Vorsicht, wenn Euch jemand etwas anderes erzählt. Die Ausbildung ist zwar nicht gerade preiswert, aber den Betrag voll wert und hat außerdem den Vorteil, dass man anschließend auch weltweit arbeiten kann, was bei einer Schulung in Deutschland nicht der Fall ist. Wenn man gerne unter Wasser arbeitet, keine Angst vor miesem Wetter, starken Strömungen und schlechter Sicht hat, ist es genau das richtige. Allerdings ist es schon eine heftige Schufterei, das sollte einem klar sein. Ich hatte beispielsweise in den ersten Monaten jeden Tag an allen möglichen Körperstellen heftigsten Muskelkater und auch ziemlich an Gewicht verloren. Ab und zu kommt es auch vor, dass man vor Erschöpfung nach dem Abendessen sofort einschläft. Als fremdsprachiger Schüler sollte man für die wöchentlich stattfindenden Prüfungen mit zusätzlich drei bis fünf Stunden täglichem Lernaufwand rechnen. Am schönsten war jedoch das Teamwork und der große Spaß, den wir zusammen hatten und die Möglichkeit mit Helm, Oberflächenversorgung und mit Heißwasseranzügen arbeiten zu können. Wer das einmal ausprobiert hat, will nie wieder mit einer anderen Art von Ausrüstung tauchen. Die Suchtgefahr ist schon gewaltig.

Dies war dann auch der Abschluss der Ausbildung. Aber für Brigitte Hackenberg der Anfang einer neuen Phase, denn Sie wird zukünftig als Berufstaucherin arbeiten. Die Ausbildung ist umfangreich und wie man gesehen hat, hat sie nur wenig mit dem Sportauchen zu tun. Doch sie hat eben Ihren Reiz und kann genauso süchtig machen.

Glossar:

Kirby-Morgan-Superlite-17-Helm
Tauchhelm, siehe http://www.kmdsi.com/indexa.html

Oxy-Thermic-Cutting
Trennen von Stahlmaterialien mit Hilfe von Sauerstofflanzen.

Sauerstofflanze
Schneidgerät welches die Verbrennung von Reinsauerstoff nutzt um Stahl- oder auch Betonteile zu trennen. Durch die hohen Temperaturen bei der Verbrennung kann beispielsweise auch harter Stahlbeton relativ leicht zerteilt werden. Lanze heißen die Geräte, weil der Sauerstoff durch ein langes Rohr geleitet wird an dessen Ende die Verbrennung stattfindet.

Wetbell
Bezeichnung für eine Tauchglocke bei der der untere Teil der Tauchglocke offen ist und daher ohne Schleuse direkt ins Wasser eingestiegen werden kann. Daher die Bezeichnung "wet".

Tender
Mitarbeiter die den Tauchern beim An- und Ausziehen helfen, sowie die Versorgungsleitungen ("Umbilicals") führen.

Supervisor
Leiter eines Tauchvorhabens. Operiert vom Boot bzw. von der Oberfläche aus.

Stand-By-Taucher
Taucher der für einen Notfall bereitsteht um dann Unterwasser Hilfe leisten zu können.

"Airbreaks"
Pausen bei der Dekompression unter Reinsauerstoff, während denen man ca. fünf Minuten lang Umgebungsluft atmet. Die Atmung von Reinsauerstoff ist zeitlich begrenzt, da reiner Sauerstoff nach bestimmten Zeiten beginnt die Lunge zu "schädigen" . Um diese "Schädigung" zu vermeiden werden ca. alle 15 Minuten Pausen mit Atmung der Umgebungsluft eingelegt. Dies führt dazu, dass die Einwirkzeit von Reinsauerstoff reduziert und die "Schädigung" der Lunge wieder verringert wird.

Offshore
Arbeiten im Hochseebereich, z. B. auf einer Ölbohrplattform

Mosaik-Fotographien
Erklärung Mosaikfotographie am Beispiel von Schweißnähten von Stahlkonstruktionen: Mit einem Abstand von ca. 10 cm wird die Schweißnaht so abfotografiert, dass auf jedem Bild ca. 30 % Überlappung zum letzten hergestellten Bild besteht. Wenn man die fertigen Bilder dann in der richtigen Reihenfolge hintereinanderlegt, hat man als Ergebnis ein 360 Grad - Bild, also ein Abbild der kompletten Naht.

Weitere Informationen:

http://www.stenmar.com/ (Ausbildungszentrum zum Berufstaucher)

www.tauchcenterdelphin.de (zusätzlich Ausbildung im Sporttauchen und Technical Diving, Ausbildung nach CMAS, IANTD und ITDA)

Hackenberg.Brigitte@t-online.de (Mailadresse der Autorin für Jobangebote)


Infos

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