Tieftauchen mit Pressluft - Was lockt an der Tiefe?
von © 2002 Michael Scharrer
Eine psychologische Betrachtung
Es war im lezten Urlaub, ein Tauchgang unter optimalen Bedingungen,
ich tauche mit meiner U. so gemütlich um die 30m Tiefe herum. Ich
schaue die Steilwand herunter und plötzlich überkommt es mich,
ich muss da runter. Kurz ein Zeichen, sie hat keine Lust, also gehe ich
alleine. Bevor sich jemand über das "Verlassen" aufregt,
ich gehe mit meiner U. zumeist gemeinsam solo tauchen, aber das wäre
wieder ein eigener Artikel. Üblicherweise führen wir solche Tauchgänge
nur mit entsprechender Ausrüstung durch, aber hier waren wir mit Urlaubsausrüstung
unterwegs und mir fiel ein, dass unsere Automaten auf einer Basis auch
nicht gerade sorgfältig behandelt wurden. Bei 50m stelle ich mir dann
mit schlechtem Gewissen die Frage, was soll ich hier, warum habe ich denn
das gemacht? Zu Hause meinte dann mein Schrauber, ein Wunder, dass (bedingt
durch Korrosion) überhaupt noch Luft aus den Automaten gekommen ist.
Was kann ich daraus schliessen? Ich war leichtsinnig und hatte Glück.
In der Praxis kommen wir aber zumeist zu anderen Schlüssen, wie: Die
Automaten sind toll, funktionieren immer, ich habe alles im Griff, u.s.w.
Was passiert da eigentlich mit uns?
Ich möchte Anfängern einen Denkansatz geben, bevor sie in
diesen Teufelskreis Tieftauchen geraten, bzw. die "Tieftaucher"
mal dazu animieren, über ihr eigenes Verhalten nachzudenken (was in
den meisten Fällen wahrscheinlich vergeblich sein wird).
Schaut man sich etliche Logbücher an, sind zweistellige Tiefenangaben
mit einer Fünf, Sechs oder gar Sieben am Anfang keine seltenheit.
Meistens sind es noch nicht einmal die "Chaoten", sondern Taucher,
die über ein hohes Mass an Solokompetenz verfügen, sensibel auf
die Zeichen ihres Körpers achten, über ein hohes theoretisches
Wissen verfügen und auch ansonsten nicht gerade unintelligent sind.
Spricht man sie auf die Risiken an, reagieren sie zumeist recht aggressiv.
Überstandene kritische Situationen bestärken sie noch in der
Ansicht, dass das Tieftauchen, bestimmte Fertigkeiten vorausgesetzt, kein
höheres Risiko darstellt, als ein "normaler" Tauchgang.
Bestenfalls schafft man es in einer langen Diskussion sie zu dem Eingeständnis
eines höheren Risikos zu bewegen.
Psychlogisch betrachtet:
Unstreitig kann man wohl sagen, ohne hier näher darauf einzugehen,
dass das Aufsuchen grosser Tiefen mit Pressluft ein erhöhtes Risiko
darstellt. Warum also setzt sich der Mensch diesem Risiko freiwillig aus?
Da gibt es die seltenere Gruppe der "Angstsuchenden". Bei
dieser Gruppe kann man sogar von einer Angstlust sprechen. Diese Gruppe
lasse ich hier mal ausser Acht, da sie m.E. unter Tauchern nicht so verbreitet
ist.
Viel mehr kann man je nach Persönlichkeit von einem angeborenen
Bedürfnis nach Stimulation und/ oder Stress verbunden mit einer höheren
Produktion von Neurotransmittern wie Noradrenalin und Endorphin ausgehen.
In der Evolution macht dies durchaus Sinn, da mit der aktiven Auseinandersetzung
mit riskanten, angstbesetzten Situationen der Mensch lernt, seine Angst
zu kontrollieren. Dies wappnet ihn vor zukünftigen gefährlichen
Situationen und sichert ihm das Überleben.
Solcherlei Aktivitäten, verbunden mit positiven Erlebnissen, bestärken
das Bedürfniss nach Wiederholung. Das positive Erleben ist gekennzeichnet
durch Verlust des Zeitgefühls, müheloses Gelingen und für
uns Taucher interessant, ein Gefühl der Kontrolle.
Unsere Gesellschaftlichen Verhältnisse mit ihren Absicherungen
(Versicherungen, soziales Netz...) scheinen diese Verhaltensweisen noch
zu verstärken.
Dieses Bedürfnis tritt teilweise versteckt und für den Einzelnen
nicht sofort erkennbar auf. Zu erwähnen seien hier z.B. Sehenswürdigkeiten,
die man unbedingt sehen möchte, gegenseitiges Aufmuntern in der Gruppe
(Gruppendynamik) oder der Drang nach Rekorden um nur einige zu nennnen.
Der Handlungsraum Tauchen:
Durch technische Geräte haben wir uns einen neuen Handlungsraum
geschaffen. Dieser Handlungsraum stellt allerdings nur einen Teilbereich
des gesamten Raums dar. Dieser Handlungsraum wird vorgegeben durch die
physikalischen Gesetze. Selbst innerhalb dieses Handlungsraumes hat jeder
Taucher seinen ganz individuellen angemessenen Handlungsraum. Diesen Handlungsraum
nenne ich einmal objektiven Handlungsraum, der sich an die tatsächlichen
Fähigkeiten eines Tauchers orientiert.
In anderen Sportarten ist es nicht so einfach, diesen objektiven Handlungsraum
zu überschreiten, sei es, dass ein Schiedsrichter uns daran hindert,
oder dass es bei einem Überschreiten unweigerlich zu einem Unfall
kommt (Mountainbiking, Klettern..). Taucher sind in der besonderen Lage,
diesen Handlungsraum unabhängig ihrer Fähigkeiten zu überschreiten.
Dazu bedarf es weder einer besonderen körperlichen Fitness noch Ausrüstung.
Dieser Umstand, im Zusammenspiel mit den psychologischen Momenten führt
dann zu dem...
Teufelskreis Tieftauchen - Der subjektive Handlungsspielraum:
Jeder Tauchgang, der ohne Probleme bewältigt wird, wird von dem
Taucher als Bestätigung und richtige Einschätzung seiner Fähigkeiten
angesehen. So ist jeder 50`er ein Beweis dafür, dass man sich nicht
überschätzt hat. Diese optimistische Einschätzung scheint
in der Natur des Menschen zu liegen. Die Einschätzung, dass evtl.
nur eine gute Tagesform oder glückliche Umstände (z.B. Meistern
einer kritischen Situation) den Tauchgang gelingen liessen, wird selten
eingestanden. Auch werden Hinweise auf eine erreichte Grenze selten erkannt.
Wer noch keinen Tiefenrausch erlebt hat, wird ein solches Symptom kaum
realistisch wahrnehmen. Oder wie soll jemand erkennen, dass er sich kurz
vor einer DCS befunden hat, wenn er keine Symptome verspürt hat? In
Verbindung mit den positiven Emotionen kommt es dann leicht zu optimistischen
Fehlschlüssen.
Die Folge davon ist, dass die eigenen Fähigkeiten immer höher
eingeschätzt werden und immer tiefer getaucht wird.
Von aussen mag es denn Anschein einer überhöhten Risikobereitschaft
haben, dem ist aber nicht so. Was sich ändert, ist lediglich die Einschätzung
der eigenen Fähigkeiten.
Plötzlich stellen auch Tauchgänge auf 60m kein unverantwortlich
hohes Risiko mehr da, da der Taucher von höheren Fähigkeiten
ausgeht. Objektiv mag der Handlungsspielraum durch Übung und psychischer
Stärke durchaus steigen, erreicht aber nicht das Niveau des subjetiven
Handlungsspielraums.
Dies erklärt m.E. auch den Umstand, dass das Unfallrisiko sog.
erfahrener Taucher wieder steigt.
Fazit:
Das Tieftauchen stellt weniger das Problem dar, sondern diese psychologischen
Momente. Die Ausführungen sind im Übrigen genau so übertragbar
auf z.B. das Höhlen- und Wracktauchen.
Feste Grenzen und Regeln halte ich für absolut sinnlos und überflüssig,
da sie von den Tauchern nicht beachtet, eine Regelverletzung keine unmittelbare
Auswirkung hat und wichtiger, jeder Taucher seine ganz individuelle Grenze
hat.
Den Anfängern muss von Anfang an ihren obj. Handlungsspielraum
und diese psychologischen Zusammenhänge klar gemacht werden. Dass
man die frischgebackenen OW`s, * ... nicht weiter auf 30m am Riff daddeln
sieht, von unseren tiefen kalten Seen ganz zu schweigen.
Ziel eines jeden Tauchers muss es sein, den eigenen objektiven Handlungsspielraum
zu erkennen und durch Training, Ausbildung u.s.w. zu erweitern. Aber das
wird wohl ein schwieriges unterfangen...
Ich sehe jetzt wieder die Mails der Tieftauchfraktion auf mich zukommen
;-)