von Christian Wiesner
Das "Rote Meer" entstand vor ca. 25 Millionen Jahren in der
oligozänen Epoche der tertiären Periode. Eine Reihe tektonischer
Bewegungen der Oberfläche unseres Planeten führte zur Bildung
der Gebirgskette der Alpen und der des Himalaja. Zu dieser Zeit begann
auch die afrikanische Kontinentalplatte von der asiatischen wegzubrechen
und verursachte einen enormen Riss, den größtenteils das Wasser
des Ozeans auffüllte. Das Rote Meer war geboren, ein Meer mit gänzlich
einzigartigen Besonderheiten. Die Trennungsbewegung zwischen Afrika und
Asien dauert auch in unseren Tagen noch mit der Geschwindigkeit von ca.
5 mm pro Jahr an. Dies bedeutet, daß laut geologischer Zeitskala
das Rote Meer in hundert Millionen Jahren so breit sein wird wie der heutige
Atlantische Ozean! Mit seiner schmalen und langgezogenen Form und umgeben
von Bergen mit einer durchschnittlichen Höhe zwischen 1000 und 1500
Metern und mit Gipfeln, die 2500 Meter übertreffen, wie der Gebel
Katherina oder der Gebel Musa (Berg des Moses), hat das Rote einen recht
tiefen Meeresgrund (bis zu 2850m im Graben von Suakin).

© Christian Wiesner
Das Rote Meer ist mit dem Indischen Ozean durch die Straße von
Bab-el Mandeb, "das Tor der Tränen", verbunden, ein 29 km
schmaler Durchgang, auf dessen Höhe der Meeresgrund auf ein Niveau
von nur 134 Metern Tiefe ansteigt. Der Austausch des Wassers mit dem Indischen
Ozean ist dadurch sehr eingeschränkt.
Vor ca. 5 Millionen Jahren hob sich der Meeresgrund von Bab-el-Mandeb
und trennte das Becken des Roten Meeres vollkommen ab.

© Bild mit freundlicher Genehmigung von Alberto Siliotti
Das Wasser erwärmte sich aufgrund der intensiven Verdampfung immer
mehr und der Salzgehalt stieg rapide an. An eine Entwicklung von Leben
war zu dieser Zeit nicht zu denken. Diese Phase dauert allerdings nicht
lange an. Der Meeresgrund von Bab El-Mandeb senkte sich wieder und die
Verbindung zum indischen Ozean damit wieder hergestellt. Im Quartär
allerdings wurde aufgrund der Eiszeiten die Verbindung erneut unterbrochen
und existiert erst seit ca. 10.000 Jahren wieder. Seit dieser Zeit begann
sich das Leben zu entwickeln und mit ihm die wunderbaren Korallenriffe,
die wir Taucher so lieben.
Aber woher kommt eigentlich der Name und wie entstand dieses Meer? Es
gibt einige Theorien: Nach einer Überlieferung des großen griechischen
Historikers Herodotos von Halikarnassos (490-424 v. Chr.), des Geographen
Strabo (64 v.Chr. - 21.n. Chr.) und des römische Naturforschers Plinius
der Ältere (23-79 n. Chr.) soll ein mythischer Herrscher namens Erythras,
was auf Griechisch "rot" bedeutet, das Meer "Erythräisches
Meer" getauft haben. Allerdings wird sich dies wohl nur schwer beweisen
lassen...
Eine andere Theorie besagt, das Adjektiv "rot" stehe vielmehr
mit der Farbe des Wassers in Zusammenhang, welches unter bestimmten Voraussetzungen
aufgrund der Vermehrung der Alge Trischodesmium erytraeum einen rötlichen
Farbton annehmen kann.
Nach einer dritte Theorie hingegen leitet sich der Name "Rotes
Meer" von der Tatsache ab, daß seine Küsten aus Felsen
bestehen,die aufgrund ihres Eisenoxydgehaltes häufig eine rote Färbung
aufweisen.
Die alten Ägypter, welche regelmäßig die Gewässer
dieses Meeres durchpflügten, um sich in das geheimnisvolle "Land
von Punt" (ein möglicherweise in der Nähe des Hornes von
Afrika gelegenes Gebiet) zur Beschaffung von Weihrauch, Zimt, wertvollem
Leder und anderen exotischen Produkten zu begeben, nannten es das "Große
Grün".
Als wichtiger Handelsseeweg nach Ostindien seit der Römerzeit wurde
das Rote Meer ab dem 7. Jh. v. Chr. von unzähligen Kaiken und Lateinsegelkähnen
durchquert, welche Tausende von gläubigen Pilgern nach Mekka brachten.
Dennoch wurde es erst in jüngster Zeit wissenschaftlich erforscht.
Der erste Naturforscher, der auf systematische und eingehende Weise die
Fauna des Roten Meeres untersuchte, war der dänische Botaniker Peter
Forskal, der im Jahr 1767 ganze 59 Fischarten zählte. Der Forschungsreise
Forskals, dessen wissenschaftlicher Bericht nachträglich im Jahr 1775
veröffentlicht wurde, folgten die der deutschen Naturforscher Christian
Gottfried Ehrenberg und Friedrich Hemprich (1820-1826), Karl Ruppel (1826-1828)
sowie Karl Klunzinger (1863-1975). Sie legten die Fundamente für unsere
aktuellen Kenntnisse über dieses außergewöhnliche und von
Jacques Cousteau als "Korridor der Wunder" bezeichnete Meer,
geschaffen durch die Abspaltung Asiens von Afrika, das heute als ein in
Entstehung begriffener Ozean gilt.
Die natürlichen Gegebenheiten des Roten Meeres
Das Rote Meer gilt als das salzreichste Meer unserer Erde. Es hat einen
Salzgehalt von durchschnittlich 38 Promille die sogar auf 41 Promille im
Golf von Suez und Aqaba ansteigen (inoffiziell gilt Ägypten als größter
Abnehmer für Blei, weil die Taucher immer soviel brauchen.). Der ozeanische
Durchschnitt liegt bei einem Salzgehalt von 35 Promille. Grund dafür
ist die Trockenheit der angrenzenden Regionen und deren hohe Lufttemperatur.

Temperatur und Luftfeuchtigkeit
Beide Grafiken mit freundlicher Genehmigung von Swen Friedel ©
Dazu kommt eine fehlende Süßwasserzufuhr und der stark eingeschränkte
Wasseraustausch mit dem Indischen Ozean, der gerade ausreicht, um die enorme
Verdampfung von fast 200cm im Jahr auszugleichen. All dies führt zu
diesem enormen Salzgehalt. Eine andere Besonderheit, die für das Rote
Meer ebenfalls kennzeichnend ist, stellt die Tatsache dar, daß mit
zunehmender Tiefe die Temperatur des Wassers, anders als in anderen Meeren,
ansteigt. Im sogenannten Atlantis II Graben wurden in 1000m Tiefe Temperaturen
zwischen 30 und 63 Grad Celsius gemessen. Dieses Phänomen resultiert
aus dem Umstand, daß im tiefen Graben, entlang des interkontinentalen
Risses, der sich auf dem Grund des Roten Meeres öffnet, das Wasser
mit den heissen Schichten des Erdmantels in Berührung kommt. Durchschnittlich
liegt im Roten Meer die Temperatur in 1000m Tiefe bei 21 Grad Celsius,
bei anderen Meeren liegt dieser Wert durchschnittlich bei nur etwa 5 Grad
Celsius.
Das Klima des Roten Meeres ist seiner Lage wegen generell als heiß
und trocken einzustufen. Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt zwischen
22 und 30 Grad. Im Golf von Aqaba und Suez können schon mal Maximaltemperaturen
von 45 Grad im Schatten vorkommen. Die niedrigsten Temperaturen sind im
Januar und Februar anzutreffen, sie liegen aber nie niedriger als 15 Grad.
In den Sommermonaten ist die Luftfeuchtigkeit höher, um dann im Winter
abzusinken. Sie reicht von ca. 59% bis 68% im hygrostatischen Mittel. Die
Windtätigkeit ist in deutlichem Zusammenhang mit den Monsunwinden
zu bringen. So weht im mittleren und südlichen Bereich des Roten Meeres
der Wind im Winter aus Nordost und im Sommer aus Südwest. Im nördlichen
Bereich des Roten Meeres herrschen das ganze Jahr über Nordwinde vor,
die in den Wintermonaten stärker werden. Die allgemeinen Strömungen
des Roten Meeres sind abhängig von den Monsunen und der bereits beschriebenen
enormen Verdunstung. Im Sommer sinkt der Wasserstand um fast 70cm. Im Winter
wird dieses Wasser durch Zufuhr aus dem Indischen Ozean kompensiert. So
bewegen sich die Allgemeinen Strömungen in den Monaten November -
April in Richtung Nord-Nordwest und während der Sommermonate Mai -
Oktober in entgegengesetzte Richtung. Ein paar kluge Köpfe haben einmal
errechnet, daß für die Erneuerung der kompletten Wassermasse
20 Jahre zu veranschlagen sind. Im Norden sind diese Strömungen schwächer
ausgeprägt als im Süden.
Für uns Taucher eher interessant sind die Gezeitenströme.
Das Ausmaß der maximalen Schwankung beträgt ca. 180cm im Golf
von Suez und ca. 120cm im südlichen Bereich des Golfes von Aqaba.
Durchschnittlich muss mit einer Oberflächengeschwindigkeit von 1,5
Knoten gerechnet werden. In Extremfällen kann diese Strömung
auch Geschwindigkeiten von 5-6 Knoten erreichen (z.B. in der Strasse von
Tiran oder der Straße von Gubal), was ca. 9-11 Km/h entspricht! Beim
Tauchen ist hier also erhöhte Aufmerksamkeit auf die Gezeiten zu legen.
Alle diese Umstände haben dazu geführt ein solch einzigartiges
Tauchgebiet zu erschaffen, das in seiner Schönheit und Vielfalt hoffentlich
noch sehr lange bestehen bleibt. Jeder der dort taucht sollte sorgfältig
mit der Natur umgehen, damit auch die Nachfolgenden Generationen noch Freude
daran haben.
Das Rote Meer in Zahlen
Länge: 2250 km
durchschnittliche Breite: 300km
Fläche: 438000 Quadratkilometer
Größte Tiefe: 2850m
durchschnittlicher Salzgehalt: 4,1 Prozent
durchschnittliche Temperatur: 25 Grad Celsius
Fischarten: 1248 davon heimisch: 17 %
Korallenarten: ca. 250 |