Von John Bennet
Übersetzung: Olaf Will
Schon wenige Tage nach meinem Tauchgang am 6. Juni 2000 auf 254 Meter
hatten sich meine Gedanken schon auf den ultimativen Tauchgang gerichtet.
Der 305-Meter-Tauchgang, er war möglich. Daran hatte ich kaum Zweifel.
Am sechsten November wachte ich nicht wirklich auf, denn richtig geschlafen
hatte ich nicht. Aber heute würde ich versuchen, 305 Meter zur erreichen.
Ich fühlte mich seltsam ruhig und wusste, dass wenn ich es schaffen
könnte, es heute passieren würde. Obwohl insgesamt drei Tauchgänge
geplant waren, wusste ich, dass es heute oder gar nicht passieren würde.
Ich hatte allen gesagt, dass es heute eine Probe, ein Aufwärmen
sein würde, um der Sache ein wenig den Druck zu nehmen. Ich war so
bereit wie ich nur sein konnte. Ich sagte Gab und den Kindern, die noch
schliefen, Auf Wiedersehen und machte mich auf zum Tauchen.
Das Team hatte unglaubliche Arbeit geleistet. Sie hatten endlose Stunden
gearbeitet, und viel dieser Arbeit wurde mir erst später bekannt.
Puerto Galera wurde schon seit langem als Zentrum des Tech-Tauchens in
Südostasien betrachtet. Aber heute sah es, wie eine Gruppe von Basen,
von Mitbewerbern, zusammen arbeitete um des Tauchens willen: Atlantis Dive
Resort, Lauguana Beach Club, Asia Divers, Action Divers, Captain Gregg's,
South Sea. Alle taten sich zusammen, um mich auf 305 Meter zu bringen.
Am Atlantis traf ich mich mit einigen Leuten des Teams - unter anderem
Andy Pope, einer ruhigen, treibenden Kraft hinter dem Erfolg. Er hatte
es geschafft Joe, den Mediziner des Teams, mit nur einer Woche Zeit hierher
zu bringen.
Ich konnte die Spannung des Teams fühlen, denn für sie würde
es ein sehr harter Tag werden. Mark, Ron, Jorge und Axel waren schon dabei,
die Ausrüstung zu verstauen. Ich begab mich zu der Stelle, als die
Kamera und die Abstiegsleine verlegt wurden. Ich wechselte auf die Galera;
Chuck, der Besitzer von Captain Gregg's, hatte wieder einmal enorme Hilfe
geboten. Frank Doyle von LBC hatte nicht nur Stunden damit verbracht, Flaschen
zu füllen, sondern auch so gut wie all sein Equipment und seine Boote
zur Verfügung gestellt. Ich checkte meine Ausrüstung, die beste,
die man haben kann. Apeks Atemregler, OMS Wing und Tank, Otto Trockentauchanzug.
Jede dieser Firmen hatte gezeigt, was "Commitment to diving"
ist. Tony Gower war über die letzten Wochen eine Säule der Stärke
geworden und mit Axel, Mark, Targa und Efren das Team geleitet. "John,
du tauchst nur und überlässt den Rest uns!" Ich entspannte
mich an der Oberfläche und dachte an Exley, Bowden und Gomes. Wenn
ihr Rekord gebrochen werden sollte, musste er auf die richtige Art gebrochen
werden.
Ich begann meinen Abstieg viel langsamer, als ich eigentlich vorgehabt
hatte; ich erreichte den Gaswechsel auf 90 Metern nach 3 Minuten 45 Sekunden.
Ich war zu langsam. Nach 120 Metern ging es schneller, ich passierte die
Spare-Flasche auf 130 Metern, die Dunkelheit kam, und mit ihr die Kälte.
Ich war zum siebenten Mal tiefer als 155 Meter, also war der Wechsel nicht
so ein Schock. Mein Abstieg zur Spare-Flasche mit dem Bottom-Mix auf 200
Metern verlief ohne Probleme. Ich konzentrierte mich auf meine Position
im Wasser, auf meinen Luftvorrat und beobachtete mich auf Zeichen von HPNS
(High Pressure Nervous Syndrome, Anm. d. Übers.). Als ich mich der
250-Meter-Marke näherte, durchlief mich ein seltsames Zittern. Ich
war sicher schon am kritischen Punkt für Helium; an dem Punkt, an
dem der Körper wegen des Heliums schneller Wärme verliert als
er sie produzieren kann. Berufstaucher gleichen das normalerweise durch
ein erwärmen des Atemgases aus, aber mit normaler Ausrüstung
war diese Annehmlichkeit nicht machbar. An diesem Punkt, wie schon seit
der 200 Meter-Marke, war die Wassertemperatur 4 Grad Celsius. John Womachs
Otto "Extreme"-Trockenanzug war hervorragend und half auch bei
einem anderen potentiellen Problem: Dem Abstoppen am Boden.

Als ich die 275 Meter-Marke passierte, wurde das Zittern stärker.
Meine Sicht verschwamm. Ich wusste, dass es HPNS war, aber es ging. Die
TX 100er ließen sich hervorragend atmen. Ich hatte nie Zweifel an
ihnen, wohl aber einen erhöhten Atemwiderstand erwartet, aber es gab
keinen. Ich leuchtete nach unten, da war nichts, nur das Licht, dass im
Dunkel verschwand. In der Ferne konnte ich die Lichter der Kamera sehen.
Jongin Lee, ein Mitglied des Teams, hatte das Gehäuse gebaut, und
zur Verwunderung von National Geographic funktionierte es. Das ferne Glühen
gab mir ein Ziel. Ich wusste, ich war weit unterhalb der Tiefen von Jim
Bowdens und Gomes. Ich betätigte den Inflator, die Leine rutschte
weiter durch meine Hand.
Es dauerte ewig, das 100lb-Wing von OMS füllte sich langsam, aber
die Leine rutschte immer noch durch. Jetzt, als das Licht näher kam,
ließ ich auch Luft in den Trockenanzug. Ich wusste, dass die Leine
abreißen konnte, wenn ich das Ende zu schnell erreichte. "Beruhig'
Dich, John du wirst langsamer, also beruhig' Dich." Ich war an der
Kamera, immer noch leicht negativ tariert, aber es ging. Ich überprüfte
meinen Gasvorrat: Noch 100 bar, plus 180 bar in den 20 Liter OMS-Flaschen.
Ich nahm die Tafel von der Leine und steckte sie ein. Dann sah ich nach
unten. Dunkelheit. Ein Muskelzucken zog mich zurück, und langsam schwamm
ich an der Leine empor.
Der Aufstieg schien ewig zu dauern, und ich wusste, dass ich hinter
der Zeit war. Der Abstieg hatte zu lange gedauert, 4 Minuten für die
ersten 100 Meter, aber dann war es ja schneller gegangen. Unter 150 Meter
verschnellerte ich, aber er dauerte immer noch knapp 13 Minuten.
Ich versuchte, eine Aufstiegsrate von 25 bis 30 Metern pro Minute bis
auf 200 Meter ein zu halten. Ich passierte den 200 Meter-Tank, verlangsamte
auf 15 Meter pro Minute, und legte, wie auf 175 Metern, einen kurzen Stopp
von 20 Sekunden ein. Auf 150 Metern machte ich den ersten Gaswechsel und
stoppte für eine volle Minute. Als ich die Flasche aufdrehte, blies
das Ventil wild ab. Ich nahm einen schnellen Atemzug und schloss es. Als
ich nach unten sah, sah ich, dass es am Ventil lag. Diese Ventil zum Atmen
öffnend und schließend ging es langsam weiter bis auf 130 Meter.
Zu sagen, dass es eine Erleichterung war, dort an zu kommen, ist untertrieben.
Ich befestigte schnell die Spare-Flasche und stieg weiter auf.
Ron Loos, der auf 90 Metern auf mich wartete, sagte später, er
habe eine riesige Wolke von Luftblasen aufsteigen sehen. Sie wussten bereits,
dass ich spät dran war, und jetzt wussten sie auch, dass ich ein Problem
gehabt hatte. Es kam mir wieder wie eine Ewigkeit vor, bis Ron und Mark
auf 100 Meter abgetaucht waren. Plötzlich sahen sie mein Licht, und
aufatmend stiegen sie wieder auf 90 Meter auf. Ich zeigte Ron die Tabelle,
mit der ich arbeitete und machte mit dem Aufstieg weiter. Bevor ich die
90 Meter-Marke verließ, lies ich noch die Flasche dort zurück,
die mir Probleme gemacht hatte.
Auf 66 Meter erwarteten mich Frank Doyle vom Lauguana Beach Club und
Kfir Zorev. Als ich diese Marke verließ, wurde ich von Vertigo überkommen,
und einen Moment später wusste ich, dass ich mich übergeben musste.
Die nächsten 10 Minuten verbrachte ich damit, mich zu übergeben
und nicht zu wissen, wo oben und unten war. Nach einer Weile ging es mir
dann besser. Ich überprüfte den Finimeter und sah, dass ich wegen
des Übergebens mein Gas zu schnell verbraucht hatte. Ich blickte zu
Frank und sah seine ruhigen Augen, Jahre daran gewöhnt, mit Problemen
unter Wasser fertig zu werden. Wir machten uns daran, langsam weiter auf
zu steigen. Als ich 50 bar erreichte, versorgte mich Frank mit dem Long
Hose - alle Mitglieder des Teams atmeten zu den Zeiten, in denen sie mich
unterstützen sollten, dieselbe Gasmischung wie ich, also ergaben sich
keine Probleme mit der Dekompression. Endlich wechselte ich auf den Deko-Tank,
so dass Frank aufsteigen konnte. Ihn ersetzten Axel Lechward von Targa
und der Sanitäter des Teams, Joe McIary.
Joe unterzog mich sofort einigen neurologischen Checks, die alle gut
aussahen. Später sagte er, er sei überzeugt, es sei nicht DCI,
dehnte aber das Profil des Tauchgangs aus, um sicher zu gehen. Zwischen
weiteren Übelkeiten und Anfällen von Vertigo schien es mir keine
tolle Aussicht zu sein, jetzt noch weitere acht Stunden im Wasser verbringen
zu müssen. Im Gegenteil, an eine Zeit, in der es mir schlechter ging,
kann ich mich eigentlich nicht erinnern. Der geplante Ausrüstungswechsel
auf 36 Metern lief wunderbar, viel einfacher als in den Trainingseinheiten.
Das riesige OMS-20 Liter Dreifach-Pack, das mir am Boden so gute Dienste
geleistet hatte, war ein Vergnügen.
Wann immer ich mich selbst bedauerte, erinnerte ich mich daran, dass
niemand mich gebeten hatte, diesen Tauchgang zu machen. Ich war freiwillig
hier. Die restliche Zeit war lang, langweilig und für mich sehr unangenehm.
Das Vertigo lies nach, aber dafür musste ich mich phasenweise übergeben.
Das wurde dadurch verstärkt, dass das Wetter sich verschlechterte
und die Plattform begann, zu schwanken. Ich war verwundert, von den Gesichtern,
die ich sah. Andere Instructoren aus Puerto Galera waren gekommen, um zu
sehen, ob sie helfen konnten, und niemand von ihnen erwartete irgend eine
Gegenleistung.
Alle 15 Minuten wechselte ich für 5 bis 8 Minuten zurück auf
ein 16/44er Trimix. Das machte ich auf 21, 12 und 6 Metern und linderte
den Effekt des Atmens von Sauerstoff unter hohem Partialdruck über
zu lange Zeit.
Für meinen Aufstieg von 6 Metern bis zur Oberfläche brauchte
ich etwa 90 Minuten. Kfir Zorev blieb während dieser Zeit bei mir.
Es war Nacht geworden, und das Team hatte eine Reihe von Lampen aufgestellt,
was einen fast surrealen Eindruck machte. Es war hervorragend, auf zu tauchen
und die Gesichter von Axel, Ron, Joe, Tony und den anderen Mitgliedern
des Teams zu sehen, Es war vorbei.
Vertigo und Übelkeit kamen von einem Barotrauma im Inneren des
Ohrs, dessen Grund ich immer noch nicht kenne. Ich hatte am Abend vorher
ein klein wenig Fieber, aber nichts ernstes. Nachdem ich später etwas
zu diesem Thema gelesen hatte, sah es wie eine Fistel im Innenohr aus,
aber ich erholte mich innerhalb von zehn Tagen davon.
Kann ich tiefer tauchen? Ja, dessen bin ich mir sicher. Aber das werde
ich nicht. Es macht keinen Sinn, 305 Meter waren das ultimative Ziel. Ich
kann mich nun neuen Herausforderungen stellen. Das Wrack der Yamashiro
ruft...
John Bennet ist zu erreichen unter john@dive-technical.com
oder unter jbennett@mindoro.net
Er leitet das Training fürs Technische Tauchen im Atlantis Dive Resort
auf den Phillipinnen: www.dive-technical.com
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