Erste-Hilfe-Maßnahmen
Tauchen ist eine Risikosportart. Jeder denkt dabei zunächst
an Deko-Unfälle oder Barotraumen. Doch sind dies bei weitem nicht
die einzigen Risiken, die uns bei unserer schönen Sportart begleiten.
Verletzungen an herausragenden Eisenstangen oder sonstigen Unterwasser-Hindernissen
können jeden treffen. Weitaus größer noch ist die Gefahr,
im Urlaub von einem Meeresbewohner verletzt zu werden.
Grundsätzlich können Meerestiere folgende Verletzungen verursachen:
- Stich- und Schnittverletzungen mit und ohne Giftbeteiligung, z. B.
durch Seeigel, Fische, Schnecken, Korallen.
- Bissverletzungen mit und ohne Giftbeteiligung, z. B. durch Seeschlangen,
Haie, Muränen, Barakudas
- Vernesselungen, z. B. durch Quallen, Korallen, Seeanemonen.
- Elektrische Schläge, z. B. durch Zitterrochen.
Für die Erstmaßnahmen ist es zunächst unerheblich, welche
Art von Verletzung vorliegt. Die wichtigste Aufgabe ist die Aufrechterhaltung
der lebenswichtigen Funktionen. Auch bei an sich harmloseren Nesselverletzungen
kann durch einen allergischen Schock eine lebensbedrohliche Situation eintreten.
Nach dem Einleiten der Rettungskette sollte versucht werden, so viele
Informationen wie möglich über die Art der Verletzung zu bekommen
- vor allem bei Giftverletzungen kann ein Hinweis auf den Verursacher dem
medizinischen Personal einen wertvollen Zeitvorteil sichern.
Da aus Unterwasserverletzungen und daraus folgender panischer Reaktion
auch ein ungeplanter Notaufstieg resultieren kann, ist die Möglichkeit
eines zusätzlichen Dekompressions-Unfalls nicht auszuschließen.
Auf jeden Fall ist das Tauchprofil des Verunfallten zu erfragen oder durch
Kontrolle des Tauchcomputers festzustellen. Der Hinweis auf eine mögliche
DCS sollte an das Rettungspersonal weitergegeben werden.
Hier einige Verletzungsbeispiele und ihre Notfallbehandlung:
Seeigel
Die Stacheln des Seeigels sind ein häufiges Mitbringsel von Badeurlaubern
und Tauchern/Schnorchlern aus warmen Gefilden. Die meisten Seeigel sind
ungiftig, dennoch sind Verletzungen durch ihre Stacheln äußerst
schmerzhaft. Beim Versuch, sie zu entfernen, brechen sie fast immer ab.
Behandlung: Gegebenenfalls Schmerzmittel und Entfernung herausragender
Stacheln, ohne in der Haut zu bohren. Desinfektion gegen Entzündungen
(z. B. Jodersatz-Lösung aus der Apotheke). Was kaum jemand weiß:
Zitronensäure ist zwar schmerzhaft, löst aber das Kalkskelett
der Stacheln auf!
Rotfeuer-, Stein-, Skorpionfisch, Drachenkopf, Kegelschnecke
So verschieden diese Tiere auch sind, eines haben sie gemeinsam: Giftführende
Stacheln, die auf den Kiemendeckeln, in Rücken-, Bauch- oder Afterflossen
sitzen bzw. ein giftiges Stilett im Fuß der Kegelschnecke! Verletzungen
durch diese Gifttiere treten kaum "zufällig" auf. Da muss
schon jemand sehr "geschickt" im Riff hängen oder sich in
einem unbedachten Moment irgendwo festhalten, ohne zu schauen, wohin er
greift, und leider hockt dort gerade ein giftiger Zeitgenosse…
An einer ärztlichen Behandlung kommt hier niemand vorbei. Die Nervengifte
dieser Tiere können tödlich sein! Besonders Stiche durch den
Steinfisch und die Kegelschnecke sind äußerst gefährlich.
Auch wenn die Begegnung nicht tödlich verläuft - Nervenschäden
sind gewiss, und manch einer hat Symptome einer Querschnittlähmung
oder eines Schlaganfalles behalten, trotz ärztlicher Behandlung!
Erste Hilfe: Am besten geeignet ist trockene Hitze, wie z. B.
durch trocken erhitzte (Feuer, Heizung, Herd) Kompressen oder durch einen
Fön. Feuchte Hitze (heißes Wasser) geht auch, jedoch kann der
Mensch so nur etwa 40-45 Grad aushalten. Trockene Hitze ist deshalb wesentlich
besser geeignet. So können leicht 75 Grad ertragen werden! Wichtig
für den Erfolg der Hitzebehandlung ist die sofortige Anwendung, bevor
die Giftstoffe durch den Kreislauf verteilt werden.
Durch die Hitze (über 50 Grad) wird das Gift, das aus Eiweißstoffen
besteht, zerstört. Bei einigen Fischen, wie dem Rotfeuerfisch, lindert
die Hitze zusätzlich die Schmerzen.
Betroffenes Körperteil niedriger als das Herz lagern, um die Verteilung
im Körper zu verlangsamen. Abbinden sollte nur, wer Ahnung davon hat,
um nicht Nerven oder Gewebe zu schädigen oder durch den erhöhten
Druck die Giftverteilung gar noch zu beschleunigen. Ein Aussaugen der Wunde
sollte unterbleiben, da sich bedingt durch Unterdruck und mögliche
kleine Verletzungen der Mundschleimhaut der Helfer sonst selbst gefährdet.
Auch die Wunde aufschneiden und ausbluten lassen sollte nur, wer entsprechend
medizinisch ausgebildet ist.
Großzügiges Auswaschen der Wunde und Verabreichung eines
Schmerzmittels zählt zu den ersten Maßnahmen. Dem Verunfallten
viel zu trinken geben, um a) die Nierentätigkeit in Gang zu halten
und b) die Ausscheidung des Giftes über die Harnwege zu beschleunigen.
Kreislaufkollaps/Schock in typischer Weise behandeln (Seiten- oder Kopftieflage),
dabei immer darauf achten, dass die Einstichstelle unterhalb des Herzens
liegt. Nötigenfalls HLW. Im Idealfall ist nichtärztliches, medizinisches
Personal zur Stelle. Für diese gilt:
- Nach Möglichkeit intravenösen Zugang legen/Infusion
- Den betroffenen Körperteil abbinden und tieflagern
- Die Wunde auswaschen und desinfizieren
- Hochdosiert Cortison (250-500 mg) und Antihistaminika (H1- und H2-Blocker)
i. v. geben (falls vorhanden)
- HLW, falls nötig
- Hitzebehandlung der Verletzung
- Schmerzmittel oral verabreichen
- Kreislaufstabilisierende Maßnahmen ergreifen
Ein Gegengift gibt es nur für den Steinfisch. Da dieses jedoch
nur in Australien hergestellt wird und eine extrem kurze Haltbarkeitsdauer
hat, ist eine Behandlung außerhalb Australiens sehr kompliziert.
Auf jeden Fall gilt, dass die Rettungskette sofort aktiviert werden
sollte. Die beschriebenen Sofortmaßnahmen dienen nur der Ersten Hilfe.
Ärztliche Behandlung ist in jedem Fall ein Muss.
Rochen
Rochen haben die Angewohnheit, sich im Sand einzugraben, und zwar auch
in Flachwassergebieten. Deshalb sind besonders Schnorchler und Schwimmer
in den Badebuchten gefährdet. Ein leicht schlurfender Gang ist die
beste Vorbeugung gegen Verletzungen durch den Stachelrochen.
Auch seine Giftstacheln können lebensbedrohlich wirken. Behandlung
ähnlich wie bei den Giftfischen: Auswaschen, tieflagern, desinfizieren,
Heißluftbehandlung, gegebenenfalls Stachelreste entfernen, viel trinken
lassen, Schmerzmittel verabreichen, Herz-Kreislauf-Unterstützung falls
erforderlich und ab zum Arzt. Wunde nur locker verbinden, nicht verschließen,
damit sie sich nicht infiziert.
Stromschläge (Zitterrochen) werden im Allgemeinen gut verkraftet.
Der TG sollte beendet und alle Vorsichtsmaßnahmen zur Schockbekämpfung
getroffen werden. In seltenen Fällen können Herzrhythmusstörungen
auftreten. Die größte Gefahr nach einem Stromschlag liegt in
der Möglichkeit einer Panikreaktion unter Wasser.
Quallen
Die meisten Quallen sind ungefährlich, es gibt jedoch einige Ausnahmen:
z. B. die Portugiesische Galeere, die Seewespe oder - etwas harmloser -
die auch in unseren Breiten heimische Gelbe Haarqualle, auch Feuerqualle
genannt.
Vernesselungen können nur durch ein Brennen und eine Rötung
charakterisiert sein, möglich sind jedoch auch unerträgliche
Schmerzen und/oder großflächige Blasenbildung! Das Wirkprinzip
des Nesselgiftes besteht darin, dass kleine giftgefüllte, unter Druck
stehende Kapseln dem Opfer (oder dem Feind) entgegengeschleudert werden,
sich durch eine Art Pfeil mit Widerhaken in die Haut bohren und ihr Gift
dort hinein entleeren.
Die große Gefahr von Nesselgiften liegt in der relativ hohen Wahrscheinlichkeit,
einen allergischen Schock zu erleiden. Deshalb auch hier viel trinken lassen
und nach Möglichkeit antiallergische Mittel verabreichen.
Auf keinen Fall darf die vernesselte Stelle mit Süßwasser
gespült werden, da dies die Nesselzellen erst recht zum Platzen bringt.
Großzügige Spülungen also nur mit Salzwasser. Auf keinen
Fall versuchen, die Nesselzellen abzureiben - ein Platzen noch intakter
Zellen mit vermehrtem Giftausstoß wäre die Folge.
Als Sofortmaßnahme Essig auf der Haut verteilen (nicht einreiben)
und 30 Minuten wirken lassen, dies reduziert den Schmerz. Anschließend
spülen (Salzwasser) und erneut Essig für 20-30 Minuten einwirken
lassen.
Sollte weder Essig noch Salmiaklösung vorhanden sein, kann nach
dem Spülen mit Meerwasser auch trockener Sand auf die vernesselten
Hautstellen aufgetragen werden. Nach dem Antrocknen des Sandes sollte dieser
vorsichtig abgeschabt werden.
Nicht mit Schmerzmitteln sparen. Bei großflächigen Vernesselungen
und/oder Kreislaufbeschwerden ist auf jeden Fall ein Arzt aufzusuchen.
Korallen
Korallenverletzungen sind in der Regel nicht weiter gefährlich,
jedoch sehr unangenehm. Der in Korallen enthaltene Eiweißstoff führt
zu verlangsamter Wundheilung und einem schmerzhaften Brennen. Deshalb nach
dem TG Wunde gründlich reinigen, desinfizieren und einen Sprühverband
auftragen. Wunde nicht verkleben, da sonst Infektionen drohen, ein lockeres
Pflaster zum Schutz schadet jedoch nicht. Einige Tage dem Wasser fern bleiben,
damit die Wunde Zeit hat, zu heilen. Ein Arztbesuch ist nur bei Komplikationen
wie z. B. Infektionen, allgemeinem Krankeitsgefühl und geschwollenen
Lymphknoten nötig.
Muränen, Schildkröten, Barakudas…
Einige Zeitgenossen neigen zum Zubeißen, wenn man sie reizt. Die
Gefahr, eine Bissverletzung zu erleiden, ist jedoch relativ gering, solange
man auf Distanz bleibt.
Entgegen landläufiger Meinung sind Muränenbisse nicht giftig!
Allerdings besteht, wie bei allen Bissverletzungen, die Möglichkeit
einer Infektion. Zudem ist eine panische Reaktion unter Wasser als große
Gefahr für den Taucher anzusehen.
Deshalb: TG sofort und ruhig beenden, Blutung stoppen, Wunde desinfizieren
und locker verbinden. Weiter beobachten und bei Komplikationen zum Arzt.
Zur "Pflichtausstattung" eines jeden Menschen, ob Taucher
oder nicht, gehört die Impfung gegen Tetanus (Wundstarrkrampf), denn
schon an der kleinsten Verletzung kann man sich infizieren, sei es durch
einen Tierbiss oder nur eine leichte Schramme. Tetanus kommt zwar verhältnismäßig
selten vor, aber man sollte nicht mit seinem Glück spielen, denn die
Erkrankung kann tödlich enden!
Grundsätzlich gehören alle Verletzungen in die Hand eines
Arztes. Doch wie das Schicksal es will, ist gerade keiner zur Hand und
schnelle Hilfe tut not. Bei allen Tips gilt deshalb grundsätzlich:
Wenn zeitlich möglich, Arzt aufsuchen; nur in Notfällen selbst
behandeln!
Anmerkung: Dieser Artikel gibt ausschließlich Möglichkeiten
für die Behandlung einiger Verletzungen nach heutigem medizinischem
Kenntnisstand wieder und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Grundsätzlich sollte ein Arzt entscheiden, welche Behandlungsmaßnahmen
notwendig sind.