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 Geschrieben von Oli
(C) 2002 Oliver Meise
- Keine Gewähr -

Im 2. Weltkrieg kaum zur Kenntnis genommen, bekämpften sich im Küstenvorfeld häufig die sogenannten "Windhunde der See" -gemeint sind hier die bis zu 40 (!) Knoten schnellen kleinen und wendigen Schiffseinheiten der Royal Navy und der Kriegsmarine. Auf der britischen Seite sind dies die MTB (Motor Torpedo Boat) bzw. MGB (Motor Gun Boat), auf deutscher Seite die S-Boote (Schnellboote).
Eines dieser auf dem Mob-Entwurf 1939 der Firma Lürssen beruhenden 102t-Boote vom Typ "Schnellboot 1939" war das zur Fertigungsserie S30-37/S54-61 gehörende Schnellboot S 57.


Schwesterboot S 55 vor der Ausrüstung mit Flakarmierung

Dieses 32,76m lange und 5,06m breite Schnellboot erblickte am 24. April 1940 anläßlich seiner Kiellegung das Licht der Welt auf der Lürssen-Werft in Bremen-Vegesack mit der Baunummer 12850. Die Besonderheit an deutschen Schnellbooten dieser Art war die angewandte Schiffsbautechnik. Der Rundspant-Doppelkraweel-Mahagoni/Weißzeder/Leichtmetall-Kompositbau sorgte einerseits für eine sehr leichte Bauart und sparte neben wertvollen Metallen auch Gewicht ein. Im weiteren waren ungewöhnlich starke Motoren eingebaut. Die drei Daimler-Benz MB 502 Viertaktdiesel mit jeweils 16 Zylindern waren nichts anderes als getriebemäßig veränderte Flugmotoren.


MB 502-Backbordmotor von S 30

Annähernd gleiche Motoren trieben den damaligen Standardjäger der Luftwaffe -die Me 109- an! Diese Motoren brachten dann jeweils bis zu 1.320 PSw (ab 1942 1.600 PSw) auf die drei im Durchmesser 1,23m großen Schrauben und ermöglichten so eine Maximalgeschwindigkeit von 36 Knoten bzw. eine Reichweite von 800 Seemeilen bei einer Marschgeschwindigkeit von 30 Knoten. Daß diese Geschwindigkeiten erreicht werden konnten -dafür sorgte auch der sogenannte Lürssen-Effekt.  Bei den Lürssen-Booten befand sich nämlich ein Halbbalanceruder mit zwei seitlichen Staurudern genau im Strom der drei Schiffsschrauben.

Diese ließen das Boot ab einer bestimmten Fahrtstufe vorne stark aus dem Wasser steigen und verringerten so die eingetauchte und Wasserwiderstand bietende Oberfläche des Schiffsrumpfes.

Die Hauptbewaffnung von S 57 bestand aus zwei 53,3cm-Torpedorohren vorne im Schiffsrumpf. Diese waren in den Bug eingearbeitet. Stand ein Gefecht bevor, wurden die Ausstoßklappen zunächst mit einer Handkurbel am hinteren Ende des Torpedorohrs geöffnet.

Sobald das Kommado "Torpedos los!" kam, schlug der hinten am Torpedorohr bereitstehende Matrose auf den Handauslöser.

Befand man sich im Hafen, wurden diese Rohre regelmäßig durch die Bugklappen gewartet.

Im Einsatz führte man dann zwei Torpedos in den Torpedorohren mit und zwei weitere wurden mittschiffs an der Bordwand zum Nachladen mitgeführt.

Die Sekundärbewaffnung bestand aus im wesentlichen aus einer kleinkalibrigen Flakbwaffnung. So führte man vorne im Bug eine einzelne 2cm/L65 C30-Flak in einer Drehkranzlafette mit.

Außerdem befand sich auf dem Achterschiff eine Mittelpivotlafette mit einem 2cm/L65 C30-Flakzwilling -hier auf dem Foto nur als Einrohrflak dargestellt.

Darüberhinaus  befanden sich hinter der Brücke noch zwei hintereinander angeordnete Stände für Flak-MG`s.


Deck mittschiffs von Schwesterschiff S 36 vor Flakarmierung

Zur Ubootabwehr führte man weiter noch einige Schreck-Wasserbomben mit.

Nachdem alle Einbauten vorgenommen wurden, lief S 57 am 10. August 1940 vom Stapel. Nach Beendigung der Ausrüstung stellte es dann mit seiner 28-köpfigen Mannschaft am 30. September 1940 in Dienst und kam innerhalb der 1. Schnellbootdivision zur 3. Schnellboot-Flottille von Korvettenkapitän Friedrich Kemnade -die gerade von der holländischen und belgische Küste gegen den Englischen Kanal operierte.Den harten Dienst dort überlebte das Boot genauso wie die dann ab Mai 1941 in der östlichen Ostsee von Windau aus stattfindenden Operationen.Im Februar 1942 verlegte S 57 schließlich mit dem Nachkommando der 3. Schnellboot-Flottille in das westliche Mittelmeer.Hier gelang es S 57 unter dem Kommando von Oberleutnant z.S. Günther Erdmann am 4. Februar 1942 bei Tobruk den zum britischen 305 BRT-Vorpostenboot HMS APC Cocker umgerüsteten ehemaligen Walfänger KOS XIX zu torpedieren und zu versenken. Nach weiteren Kämpfen vor Nordafrika,Sizilien und Kreta verlegte die Flottille Ende 1943 in die südliche Ägäis und operierte zunächst von Dubrovnik aus. Mittlerweile war das Kommando der 3. Schnellboot-Flottille auf  Fregattenkapitän Herbert Max Schultz übergegangen. Ein Kommandowechsel fand auch an Bord von S 57 statt: Der neue "Alte" war nun Leutnant z.S. Hans-Georg Buschmann. Das tägliche Brot der Schnellbootleute bestand in der Folgezeit im wesentlichen darin, feindliche Häfen zu beschießen oder feindliche Nachschubsegler für die lokalen Partisanenverbände aufzubringen und zu versenken. Mitte Juni verlegte die 1. Schnellbootdivision ihren Sitz nach Cattaro, die ihr unterstellte 3.Schnellbootflottille verlegte ihren Kommandositz nach Palmanova. S 57 lag zu dieser Zeit wegen Reparaturen außer Kriegsbereitschaft in Venedig. Zu dieser Zeit tauchte auch ein neuer Gegner in diesen Gewässern auf: die britischen Motorkanonenboote, auch MGB genannt.Diese konnten einerseits mit ihren 4cm-Geschützen den deutschen S-Booten gefährlich werden, waren andererseits aber auch so stark gepanzert,daß die zumeist nur mit 2cm-Geschützen bewaffneten älteren deutschen S-Boote dort nicht durchdringen konnten. Und so mußte im deutschen Küstenverkehr das Konvoisystem eingeführt werden um den Nachschub zur See sicherzustellen und die MGB mit ihrem Stützpunkt bei Vis wenigstens einigermaßen im Zaume zu halten. In der Nacht zum 19.August 1944 lief wieder einmal ein derartiger deutscher Konvoi aus. Er bestand aus sechs Schiffen und sollte von Korcula aus Öl,Medizin und anderen militärischen Bedarf zum Zielhafen Dubrovnik befördern.Den Begleitschutz für dieses Geleit übernahmen die Schnellboote S 57, S 58, S 30, S 33 und S 36 sowie einige Marine-Artillerie-Leichter,auch MAL genannt. Aus Meldungen zahlreicher Spione und der eigenen Funkaufklärung hatte die Royal Navy aber schon Wind davon bekommen und organisierte die "Operation Hammer". Diese hatte zum Inhalt, daß Abfangkräfte sich noch in der gleichen Nacht auf der Strecke zwischen beiden Häfen -bei Komiza- auf die Lauer legen sollten.Gesagt-getan.


MGB 658 in Vis
Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Thomas Weis
von der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart

Die MTB 675, MGB 658 und MTB 653 -britische 90t-Motortorpedoboote bzw.Motorkanonenboote vom Typ "Fairmile D"- bekamen den Konvoi zu fassen nachdem dieser um 23.15 Uhr die Inseln Bisevo und Vis ohne besondere Vorkommnisse passiert hatte. Wenige Minuten vor erreichen der Insel Korcula entdeckten auch die deutschen Ausgucks an Bord des Konvoi-Führungsschiffes S 33 den Gegner achteraus. Nach deutscher Wahrnehmung versuchten drei MGB den Konvoi von hinten her aufzurollen. In dem sich nun entwickelnden laufenden Gefecht schossen sich die Gegner auf S 57 ein.S 30 und S 36 drehten auf die Angreifer ein um sie mit ihren Torpedos zu vertreiben.Plötzlich krachten an einem Frachter im Konvoi zwei Torpedodetonationen auf! Scheinbar hatte ein viertes Feindboot das Durcheinander genutzt und war in den Konvoi eingebrochen! Tatsächlich muß dies aber MTB 675 gewesen sein,das in einem günstigen Augenblick seine Torpedos gelöst hatte.Mittlerweile war aber auch S 57 vom zusammengefassten Gegnerfeuer schwer angeschlagen. Nun begannen aber die Gegenmaßnahmen des Geleitschutzes zu wirken und der Gegner zog sich zurück.


MTB 731 - auch eine Fairmile D in Torpedoausführung
Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Thomas Weis
von der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart

Nachdem sich der Rauch verzogen hatte, mußte man an S 57 aber gravierende Schäden feststellen: Das Boot war leckgeschossen, die Motoren ausgefallen und es waren zwei Tote und neun Verletzte zu beklagen. Außerdem kokelte das Boot vor sich hin. Nachdem man den Brand gelöscht und die Verwundeten versorgt hatte, dichtete man den Rumpf so gut es ging ab. Um den Rumpf aber für die Überfahrt nach Dubrovnik gut genug reparieren zu können brauchte man nun einen Strand wo man das Boot aufsetzen konnte. Da die Küste an dieser Stelle aber nur aus Felsenklippen bestand und S 57 mit der Zeit merklich tiefer sackte, entschloß man sich schließlich die Mannschaft des waidwunden S-Boots auf die übrigen Boote zu verteilen und sprengte um 4.32 Uhr morgens dann mit zwei Sprengladungen große Löcher in den Schiffsrumpf. S 57 sank sofort.
Dort ruhte es dann fast 50 Jahre in der Vergessenheit. Gerüchten zufolge sollen während des Jugoslawienkieges 1992 ehemalige Besatzungsangehörige das S-Boot besucht haben. Der Sohn des letzten Kapitäns soll bei dieser Gelegenheit das Wrack "geplündert" haben. Fest steht jedoch,daß die Flak-MG`s mittschiffs fehlen und auch die 2cm/L65 C30-Flak im Bugstand nicht mehr da ist. Lediglich die 2cm-Zwillingsflak auf dem Achterdeck existiert noch -man kann sie sogar noch vertikal schwenken!
Vorsicht! Diese Geschütze sind noch geladen -die 20-Schuß-Magazine stecken noch, so daß diese Waffen wahrscheinlich gespannt und nicht gesichert sind !! Außerdem trägt dieses Schnellboot noch seine volle Torpedoarmierung von vier Torpedos!! Weiterhin ist noch die gesamte Flakmunition an Bord. Also nichts anfassen oder sogar mitnehmen!
Möchte man heute am Wrack der S 57 tauchen, muß man sich zunächst eine der Basen aussuchen die eine Ausfahrt dorthin machen. S 57 liegt nämlich nicht mal "eben um die Ecke", sondern erfordert -ähnlich wie die SS Thistlegorm im Roten Meer- eine längere Anfahrt. Ist man endlich vor der Südküste von Peljesac ca. zwei nautische Meilen östlich vom Leuchtturm von Lirica auf der Position 42° 51`20`` N / 17° 30` O angekommen, kann man durch das ziemlich klare Wasser manchmal die Umrisse des Bootes ausmachen. Das auffinden des Schnellbootes wird sehr erleichtert durch eine meist permanent am Bug befestigte Boje. Taucht man an ihr ab, sieht man S 57 an einer relativ steilen Sandbank mit dem Bug zur Küste liegen.

Auf ca. 26m Tiefe schwebt man dann über dem Bug dieses Schiffes und kann die beiden Torpedoklappen in Augenschein nehmen.

Da die Holzbeplankung auf dem Metallgerippe des Schiffes fast komplett weggegammelt ist, kann man nun sehr leicht in das Schiffsinnere hineinschauen. Direkt an Deck im Bug ist eine kreisförmige Aussparung. Dies war der vordere Flakstand in dem sich die weggeräuberte 2cm/L65 C30-Flak befand.

Direkt dahinter in Richtung der ehemaligen Brücke sieht man hinter dem Wasserabweiser die ehemalige Ankervorrichtung des Schnellboots mit ausgelaufener Ankerkette.

Taucht man weiter nach "hinten", trifft man auf die Überreste der Brücke bzw. des Brückenhauses. Heute steht davon nur noch das Unterteil und Reste der Seitenwände.

Wendet man sich an dieser Stelle dem hinteren Teil des linken Torpedorohrs zu, sieht man daß interessanterweise das Torpedoluk offen ist und ein Torpedo ein Stückchen herausgezogen ist, so daß man seine Ruder und Schrauben sehen kann. Ein fehlgeschlagener Versuch den Torpedo zu "organisieren"?
Auf dieser Höhe kann man schließlich auch durch die Metallstreben die Quartiere der Mannschaft betrachten. Die Inneneinrichtung ist zwar durch Schlamm etwas vermulcht,aber man kann noch einiges erkennen.Taucht man nun weiter nach "hinten" bemerkt man rechts und links an der Bordwand längliche Röhren. Das sind die Reservetorpedos die seinerzeit dort festgelascht wurden, um unterwegs die Torpedorohre nachladen zu können. Interessante Betrachtungspunkte auch hier die Ruder und Schrauben an den Torpedoenden.

Von dieser mittschiffs gelegenen Position kann man auch die beiden Mittelpivotlafetten an Deck sehen, auf denen früher die mittlerweile fehlenden Flak-MG`s gestanden haben müssen. Vermutlich handelte es sich hierbei um einen MG-Zwilling mit MG´s vom Typ MG 34.

Einer dieser MG-Stände hat sogar eine eigene Plattform,so daß die Vermutung naheliegt,daß auch hier ein 2cm/L65 C30-Flak-Stand war oder zumindest ein Schweres Flak-MG installiert war. Taucht man weiter in Richtung Heck, trifft man -mittlerweile auf ca.35m Tiefe angelangt- nun auf den schon erwähnten 2m/L65 C30-Flakzwilling mit Schutzschild und noch steckenden Magazinen.

Von hier aus kann man nun weiter abtauchen -in Richtung der Ruder und Schrauben. Eine der drei Bronzeschrauben kann man in ca. 38m Tiefe tatsächlich noch sehen.Von hier aus läßt es sich auch in den Maschinenraum schauen, wo man in einem Gewirr von Kabeln und Röhren die Motoren sehen kann. Sollte die Luft noch reichen, kann man nun noch den Sandboden um das Wrack herum untersuchen. Hier liegt noch einiges,daß sich beim Untergang von S 57 scheinbar selbstständig gemacht hat.
 

GPS-Positon:
42° 51`20`` N / 17° 30` E

Sämtliche Unterwasser-Fotografien wurden freundlicherweise von Herrn Thomas Braun zur Verfügung gestellt. Dankeschön! Ein Großteil der Schwarzweiß-Aufnahmen entstammen der Seite www.PrinzEugen.com von J. Krakow. Auch hier unseren Dank an den edlen Spender!


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