(C) 2002 Oliver Meise
- Keine Gewährleistung -
Wie schon zum Bericht über das deutsche VIIc-Uboot U
260, wurde ich auch zu diesem Bericht von Herrn Rainer Wenz und
seiner irischen Tauchgruppe "animiert":-)
Dave, Rainer, Richard und Jimmy
Neben interessanten Mitbringseln von der Ladung, half er mir außerdem
bei der Suche nach Illustrationsmaterial.Auch Ralf Bublitz war wieder sehr
hilfsbereit und hat uns die Unterwasseraufnahmen und Unterwasserfilme gespendet.
Wie ich gerade schon etwas verraten habe mit dem Stichwort "Ladung",
geht es auch bei diesem Bericht -natürlich- wieder einmal um ein Wrack.
Bei diesem Wrack handelt es sich um das zweitgrößte Wrack in
europäischen Gewässern überhaupt. Wie auch bei den Überbleibseln
des größten Wracks in europäischen Gewässern -der
MS
Amoco Cadiz vor der bretonischen Küste in Frankreich- ist auch
das Wrack über das nun berichtet werden soll ein Massengutfrachter
-genauer gesagt ein sogenannter OBO-Frachter. Apropos: OBO ist nix zum essen :-)
Dies sind vielmehr die Abkürzungen für: Ore/Bulk/Oil = Erz/Massengüter/Öl.
MS Liverpool Bridge - Schwesterschiff der MS
Kowloon Bridge
Photo mit freundlicher Genehmigung des Heel-Verlages
Dieser OBO-Frachter von sage und schreibe 169.080ts Größe
wurde im Jahre 1973 auf der Swan Hunter-Werft in Belfast/Irland als eins
von sechs Schiffen gleichartiger Konstruktion erbaut.Hierbei befand sich
der Decksaufbau mit den Mannschaftsunterkünften und der Brücke
sowie der Maschinenraum im Heck.Vor dieser Achtersektion befanden sich
insgesamt neun große Frachträume die voneinander durch Doppelwände
getrennt waren.Außerdem bestand der Rumpf ebenfalls aus einer doppelwandigen
Hülle. Aus Sicherheitsgründen bestand der Schiffsboden außerdem
auch aus einem Doppelboden. Die Ladeluken verfügten über eine
zweiteilige Abdeckung. Nach der Fertigstellung wurde dann dieses 281,94m
lange und 44,2m breite Stahlschiff anläßlich seines Stapellaufes
auf den Namen MS Kowloon Bridge getauft und in Hong Kong registriert.
Diese Ausmaße machten dieses Monsterschiff größer als
zB. die RMS Titanic.Mit britischer Flagge befuhr es in der Folgezeit
brav die sieben Weltmeere. Anfang November 1986 löschte das Schiff
im Hafen von Quebec/Kanada seine Ladung und nahm eine Ladung von 160.000ts
Eisenerz für die British Steel Corporation auf. Hiermit startete die
MS
Kowloon Bridge nun am 7. November 1986 und tuckerte über den St.Lawrence-Fluß
in den offenen Ozean mit Richtung Europa. Bestimmungsort für die Ladung
war das River Clyde-Ladeterminal in Hunterston/Großbritannien. Nachdem
man nun fast die ganze Wegstrecke hinter sich gebracht hatte, zwangen Risse
im Deck und eine Sturmwarnung dazu, in die Bantry Bay/Irland einzulaufen
und dort die notwendigen Reparaturen auszuführen. Gesagt-getan. Nach
dem ankern in der windgeschützten Bucht wurden dann die Reparaturen
in Angriff genommen. Am 22. November 1986 riß schwerer Wellengang
die MS Kowloon Bridge aber vom Anker los und trieb das Schiff in
Richtung Küste. Sofort wurde das Schiff vom Kapitän hinaus auf
das offene Meer gesteuert. Dort versagte dann aber am 24. November 1986,
während der immer noch andauernden Stürme, die Rudermaschine und
war nicht mehr zu reparieren. Und so trieb nun das Schiff wieder in Richtung
Land. Rechtzeitig genug bevor das Schiff auflief, wurde ein Rettungshubschrauber
der RAF (Royal Air Force = Englische Luftwaffe) herbeigerufen. Dieser zog
mit einer Rettungswinsch alle 28 Besatzungsmitglieder in Sicherheit. Wenig
später lief das Schiff dann eine viertel Meile südwestlich der
Stag Rocks vor Toe Head bei der Position 51° 27.08 N / 09° 13.07
W nahe Baltimore im County Cork auf Grund. Da das Schiff selbst mit 8.4
Millionen Pfund Sterling versichert war,der Versicherungswert der Ladung
2,7 Millionen Pfund Sterling betrug und man wegen den 1.200t Treibstoff
an Bord der MS Kowloon Bridge eine Ölpest befürchtete,
wurde sehr schnell ein Bergungsversuch mit dem holländischen Hochleistungsschlepper
Smit Rotterdam unternommen. Doch alle Bemühungen -auch die der Bergefirma
Smit & Wijsmuller- schlugen fehl. Als das Schiff dann auch noch an
zwei Stellen brach,gab man auf und überließ die
MS Kowloon
Bridge der Natur.
 Photo courtesy Irish Examiner
Aus Umweltschutzgründen wurde lediglich das
restliche Öl aus den Bunkern gepumpt - was 440.000 Pfund Sterling kostete. Außerdem
mußten mit Öl verpestete Strände mit einem Aufwand
von 1.310.000 Pfund Sterling gereinigt werden. Längere Zeit sah man
nun das Wrack der MS Kowloon Bridge an der Küste liegen. Das
Vorderteil mit den Laderäumen lag abgeknickt schon unter Wasser während
die Brückenaufbauten mit dem gesamten Achterschiff hinter Spant 65
noch schräg aus dem Wasser ragten. Die starke Brandung sorgte über
die Jahre aber dafür,daß alle Schiffsteile unter Wasser geschlagen
wurden. So findet man bei einem Tauchgang heute das ganze Schiff aufrecht
auf dem Meeregrund liegend vor.
Der Bruch des Schiffsrumpfes auf der Höhe des Spant 65 machte
aber die amtlichen Stellen aufmerksam und ließ sie weitere Untersuchungen
einleiten. Bereits einige Jahre zuvor führten strukturelle Brüche
an dieser Stelle bei einigen Schwesterschiffen zu alarmiertem Handeln wzB.
unplanmäßigem Eindocken in Werften mit anschließenden
Untersuchungen und Einbauten weiterer Verstärkungen an den Schwachstellen.Außerdem
führten bis zu diesem Zeitpunkt nicht geklärte Umstände
zu dem spurlosen Verlust der Schwesterschiffes MS Derbyshire (Ex
MS
Liverpool Bridge). Dieser konnte nun "Dank" des Unfalls von MS Kowloon
Bridge teilweise aufgeklärt werden.
Taucht man heute an diesem Wrack,wird das Auffinden desselben durch
die über dem Wrack befindliche Boje erleichtert. Sie ist über
ein Seil mit dem in sechs Meter Tiefe liegenden Bug verbunden. Beim abtauchen
entlang der Bojenleine muß man gelegentlich erst eine Schicht mit
schlechter Sicht durchtauchen, die dann aber in ca. sechs Metern Tiefe
aufklart. Am Bug angekommen wird es einem in der Regel nicht gelingen dauerhaft
entspannt das Deck zu betrachten, da hier ein starker Schwell herrscht
und einen durch die Botanik wirft. Da muß man sich schon mal festhalten
:-)

Die Zeit reicht aber meist, um einen Blick auf den hier wachsenden Kelp
und einige monströse Winschen zu werfen. Man ist also gut beraten,wenn
man im Schatten des Schwells nach Alternativen sucht oder sich für
eine Decksinspektion einen sehr ruhigen Tag aussucht.Eine Alternative bietet
sicherlich die Ankersektion am Bug. Läßt man sich aus sechs
Metern tiefer fallen, kann man auf der Backbordseite des Schiffes in 12m
Tiefe den 25t schweren Anker betrachten. Taucht man hinüber zur anderen
Seite des Bugs um sich dort den Steuerbordanker anzuschauen hat man Pech,da
das ja der Anker ist,der sich seinerzeit losgerissen hatte. Stattdessen
sieht man hier auf der Steuerbordseite nun die leere Ankerbettung -die
aus einem im Durchmesser ca. drei Meter großen Loch mit einigen Metern
Kettenrest besteht.
 
Durch dieses Loch kann man schön durchtauchen.

An dieser Stelle findet man auch eine Öffnung die sich zur Schiffspenetration
anbietet. Man gelangt von hier aus über diverse bewachsene Leitern
zu immer tiefer im Schiffsbauch gelegenen Stockwerken.

Dies ist aber nur etwas für entsprechend ausgebildete und erfahrene
Leute, deshalb probiert es also erst gar nicht aus wenn ihr nicht entsprechend
qualifiziert und ausgerüstet seid!! Eine weitere Alternative
ist ein hinabgleiten auf den Sandgrund am Bug. Hier "schlägt" man
bei 33m auf. Schaut man den Bug hinauf, ergibt sich ein imposanter Blick
auf den massiven Schiffsbug. Leider sind die Größenverhältnisse
derart monströs, daß man den Bug entweder nicht voll ins Photo
bekommt, oder alles wegen dem Abstand vom Bug und den Schwebeteilchen im
Wasser unscharf wird.
 
Besonders markant ist hier der Unterwasserbug der MS Kowloon Bridge,
der mit seiner "Delphinnase" weniger Wasserwiderstand für das in Fahrt
befindliche Schiff bewirkte und somit Treibstoff einsparen half.

Speziell aus dieser Perspektive am Meeresboden sieht man auf der Backbordseite
die Zerstörungen die durch das Auflaufen entstanden.

Vor allem, daß während des Auflaufens der Schiffsboden vom
Meeresgrund und dort herumliegenden Felsen vom Schiffsrumpf abgeschert
wurde. Diese Risse und Zertrümmerungen bieten ebenfalls interessante
Einblicke in den Schiffsrumpf- soweit diese nicht durch Berge von Eisenerz
versperrt sind. Diese sind natürlich aus den Öffnungen im Schiffsrumpf
hervorgequollen und bieten sich vielerorts dem Betrachter in Form von kleinen
Metallkügelchen dar.

Hat man beim Abstieg das Wrack verfehlt, landet man meist auf einem
dieser Haufen aus Erzkügelchen.

So hat man die Gewißheit nicht vollkommen "danebenzuliegen" und
kann bei Gelegenheit einen der neuen Bewohner nach dem Weg fragen :-)
Anders als bei vielen anderen Wracks, kann man nicht damit rechnen,nach
einigen wenigen Tauchgängen das Wrack erfasst zu haben. Alles ist
hier einfach riesig. In der Regel hat man nämlich nun schon seine
Luft verbraucht und steigt entlang der Steuerbordseite am Bug wieder hoch.
Dabei kommt man an einer mit farbigen Seeanemonen bewachsenen Schiffswand
entlang die -näher betrachtet- nett anzuschauen ist.
 
Nach der Beendigung dieses Tauchgangs kann man sich auf weitere freuen.
Beim erneuten Abstieg zum Wrack an anderer Stelle ist es durchaus möglich,daß
man bis zum "Meeresboden" durchfällt ohne das Wrack zu finden -nur
um dann festzustellen,daß man sich in einem der riesigen Laderäume
befindet :-) Der Rest der
MS Kowloon Bridge ruht ebenfalls aufrecht
auf dem Meeresgrund -in einer Maximaltiefe von 36m. Aufgrund der Risse,Brüche
und sonstigen Öffnungen im Rumpf bietet sich hierbei die Gelegenheit,
Rumpfsektionen zu durchtauchen und vielen Fischen zu begegnen die das Wrack
mittlerweile als Heimstatt angenommen haben.
 
Das ganze kann man sich auch in Form eines kleinen Videos
anschauen. Ralf Bublitz hat es uns freundlicherweise zur Verfügung
gestellt. Aus dem stammen auch die hier gezeigte Videostills/ Fotos. Bei
dem Video handelt es sich um eine AVI-Datei von 6952 Kb. Falls es mal mit
dem Anschauen des Films Probleme gibt, weil auf Eurem Rechner nicht der
entsprechende Codec ist- bei DivX kann
man ihn downloaden.
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GPS-Position:
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51°27.08N / 09°13.07W
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Ich danke Herrn Rainer Wenz für seine oe. Mithilfe bei diesem Report,wie
auch wieder Herrn Ralf Bublitz für die schönen Unterwasseraufnahmen.Außerdem
danke ich dem Heel-Verlag für
die freundliche Genehmigung des Schwarzweiß-Photos der MS Liverpool
Bridge aus dem dort in der Sparte Maritim/Sonstiges verlegten Buch
von Karen Farrington mit dem Titel Schiffswracks. Apart of this we wish to express our gratitude for the generous donation of the b/w photo of MS Kowloon Bridge "awash" to Mrs. Anne Kearney of the Irish Examiner! Thank you!
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