(C) 2002 Oliver Meise & Andreas
Peters
- Keine Gewähr -
Anfang des 20. Jahrhunderts war die industrielle Revolution im vollen
Schwung. Sie fand nicht nur auf dem Land, sondern auch zur See statt, wo
viele neue Ideen umgesetzt wurden.Später als in Deutschland, dachte
man dann auch im Mutterland der industriellen Revolution -Großbritannien-
daran, Uboote militärisch einzusetzen. Die ersten britischen Uboottypen
waren noch als "Fisher`s Toys" -als die "Spielzeuge von Fisher" verschrien.
Gemeint war Admiral Sir John Fisher -der Erste Seelord und somit Oberbefehlshaber
der Royal Navy. Doch sehr bald schon verstummte diese Kritik und die britischen
Uboote entwickelten sich zu ernstzunehmenden Waffen. Eines dieser Uboote
wurde am 10. Juli 1912 auf der Vickers-Werft bei Barrow-in-Furness/Großbritannien
auf Kiel gelegt. Es verdrängte maximal 807ts, war 55,2m lang bzw.
knapp 7m breit und war für eine maximale Tauchtiefe von 61m ausgelegt.
Die beiden auf zwei dreiblättrige Schrauben wirkenden 800 PS starken
Dieselmotoren konnten eine Höchstgeschwindigkeit von 14 Knoten über
Wasser erreichen bzw. mit dem Ölvorrat von 42t an Bord bei einer Marschgeschwindigkeit
von 10 Knoten eine Reichweite von 3.000 Seemeilen erzielen. Für die
Fortbewegung unter Wasser sorgten zwei 420 PS starke Elektromotoren, die
mit Hilfe der an Bord befindlichen Akkumulatoren eine Geschwindigkeit von
bis zu 9,5 Seemeilen ermöglichten. Sollte es aber notwendig sein sich
davonzuschleichen, reichte diese Antriebsanlage dazu aus, bei einer Geschwindigkeit
von drei Knoten eine Reichweite von 99 Seemeilen zu erzielen. Die Bewaffnung
bestand aus zwei 45cm-Bugtorpedorohren, zwei 45cm-Breitseitentorpedorohren
und einem 45cm-Hecktorpedorohr.
Nach Fertigstellung lief dieses Uboot dann am 29. Dezember 1913 vom
Stapel und wurde an den Ausrüstungskai gebracht. Hier kamen nun die
Einrichtungen an Bord für die die Werft nicht zuständig war, wie z.B.
die Funkanlage. Schließlich wurde das Uboot der aus drei Offizieren
und 28 Unteroffizieren und Mannschaftsdienstgraden bestehenden Mannschaft
übergeben die es einfuhren und erprobten. Am 10. August 1914 wurde
das Uboot mit der taktischen Nummer I 90 endlich in Dienst gestellt
und kam unter dem Kommando von Lieutenant-Commander William St. J. Fraser
zur 8.Ubootsflottille der Royal Navy in Harwich.
Das politische Donnergrollen am Himmel hatte sich mittlerweile zu einem
Weltenbrand -dem 1. Weltkrieg- entwickelt, in den auch das mittlerweile
mit dem Ubootsnamen E 10 versehene Uboot mit der taktischen Nummer
I
90 hineingezogen wurde.
Schwesterboot E 11 bei Lowestoft
Photograph courtesy of the Imperial
War Museum, London
Am 2. November 1914 legte E 10 erstmalig von dem Ubootmutterschiff
HMS
Maidstone ab und sollte zusammen mit den Ubooten D5 und
D3
auf seine erste Feindfahrt gehen. Da die See jedoch zu stürmisch für
Uboote war, suchte man Gorleston als Zwischenhafen auf.
Umgefähr zwei Monate vorher war der kaiserlichen Kriegsmarine
ein ziemliches Malheur passiert:
Ein kleiner deutscher Schiffsverband unternahm gegen die russischen
Seestreitkräfte einen Vorstoß in die östliche Ostsee. Ziel
war die Zerstörung der russischen Signalstation auf Odensholm in der
Mündung
des finnischen Meerbusens. Bei Nebel und Dunkelheit lief dabei der kleine
Kreuzer SMS Magdeburg unter dem Kommando von Korvettenkapitän
Habenicht am Morgen des 26.August 1914 um 01.13 Uhr vor der Insel Odensholm
auf Grund und war nicht loszubekommen.

Da die nur einige hundert Meter entfernte russische Signalstation dieses
deutsche Mißgeschick sofort meldete, kamen schnell die russischen
Zerstörer Novik,Lejtenant Burakov,Rjanij sowie die russischen
Kreuzer Pallada und Bogatyr heran. Bei Annäherung derselben
erteilte der Kommandant der SMS Magdeburg zwar den Befehl zur Vernichtung
der deutschen Chiffrierunterlagen,jedoch wurden diese durch widrige Umstände
von dem russischen Seeoffizier M.W. Hamilton vom Zerstörer Lejtenant
Burakow erbeutet und fanden über den Umweg des russischen Generalstabes
ihren Weg nach England zur dortigen Funküberwachung. Anfang November
gelingt es dieser, deutsche Funksprüche aufzufangen und zu entschlüsseln,
nach denen starke deutsche Marineverbände gegen die britische Ostküste
vorstoßen wollen. Indes kam diese Nachricht nicht mehr schnell genug
zu den einzelnen britischen Schiffen vor Ort durch.
Die deutschen Schiffe sammelten sich für diese Unternehmung zunächst
im Kriegshafen von Kiel -wo auch andere Einheiten der kaiserlichen Flotte
lagen.

Am 3. November 1914 liefen dann auch die vier Schlachtkreuzer der I.
Aufklärungsgruppe der Deutschen Hochseeflotte
SMS Seydlitz,SMS
Moltke,SMS Blücher und SMS Von der Tann aus dem Kieler
Kriegshafen aus um bei Great Yarmouth die britische Ostküste zu beschießen.

Great Yarmouth war nur drei Meilen von Gorleston -dem Ankerplatz von
E
10, D3 und D 5- entfernt. Das Donnern der deutschen Schiffsgeschütze
ließ die Mannschaften der Uboote auf dem Oberdeck zusammenlaufen.
Die schweren 28cm-Geschütze der SMS Von der Tann
im Einsatz
Godfrey Herbert -der Kapitän von D 5- rief zu Lt.-Cdr. Fraser
von E 10 herüber, daß man zusammen losfahren und nachschauen
wolle.
D 5 führte das kleine Ubootsrudel an, das mit Maximalgeschwindigkeit
an der Oberfläche dem Ort des Geschehens zustrebte. Dabei drehte man
auf den vermuteten Rückzugskurs der deutschen Flotte ein, um diese
vor Terschelling abzufangen und auf einigen der deutschen Riesenschiffe
wzB. der SMS Seydlitz Torpedotreffer zu landen.
SMS Seydlitz
Leider nahm man die von den deutschen Schiffen auf ihrem Rückzugskurs
gestreuten Treibminen nicht wahr. So kam es, daß schon vor Yarmouth
D5
auf eine Treibmine lief, die den Bug zerfetzte und das britische Uboot in
weniger als einer Minute sinken ließ. Außer dem Kommandant und
sechs Mann konnte niemand mehr von den Rettungstrawlern HMS Homeland
und HMS Faithful gerettet werden.
Und so endete die erste Feindfahrt von E 10.Auch die nächste
Feindfahrt war trotz gut gerüsteter britischer Funkaufklärung
nicht besonders erfolgreich: Man sichtete zwar ein deutsches Uboot und
machte ein paar Torpedos los -jedoch ohne zu treffen.
Die dritte Feindfahrt begann dann am 18. Januar 1915. Zusammen mit
den Schwesterbooten E 5 und E 15 verließ man
Harwich für eine Patrouille in die Deutsche Bucht. Aufgrund von Erkenntnissen
der britischen Funkaufklärung sollte E 10 sich vor der deutschen
Flottenbasis Helgoland auf die Lauer legen um die dort verkehrenden Schiffe
zu versenken.
I 90 war dabei als Operationsgebiet das Areal nordnordwestlich
von Helgoland zugewiesen worden.
Helgoland mit Kriegshafen
Um 19.50 Uhr dieses Tages sah man an Bord von E 5 das Uboot
I
90 noch auf der Steuerbordseite -nur um es dann für immer aus
dem Blick zu verlieren. Seit diesem Moment war und blieb das Uboot mit
der taktischen Nummer I 90 verschwunden .....
Bis vor wenigen Wochen!!!
Schon im letzten Jahr entdeckte das Tauchteam von www.explorerdiving.com
-nämlich:

(v.l.n.r.) Florian Müller,Andreas Peters,Rolf Schütt,Thorsten
"Kudde" Kucmocht und Peter Fitschen ein Wrack. Nachdem sie dort die von
mir genannten Identifizierungscodes an der Außenhülle des Ubootes
ablasen, konnte ich es als das ebenfalls vermißte britische Uboot
E 16
identifizieren. Ganz in der Nähe hatte man schon im letzten Jahr ein
weiteres Wrack wahrgenommen.Dies hatte sich aber hartnäckig geweigert
seine Identität preiszugeben, so daß oe. Team von www.explorerdiving.com
am 27.07.2002 bis zum 29.07.2002 eine weitere Expedition zu diesem Wrack
durchführte.
Frühmorgens am Tauchschiff
Hier die Schilderung dieser Expedition von Andreas Peters:
An diesem Wrack hatten wir schon einmal einen Tauchgang begonnen -jedoch
verloren wir an diesem verhexten Wrack erst mal unseren Anker. So mußten
wir unverrichteter Dinge wieder von dannen ziehen. Der nächste Versuch
war dann trotz vieler Fischernetze am Wrack endlich erfolgreich!
Zunächst schipperten wir erst mal los aus dem Hafen.
b.JPG)
Geplant war, rechtszeitig vor Wasserstillstand (das ist die Zeit zwischen
Ebbe und Flut) anzukommen um ruhige Tauchverhältnisse anzutreffen.
Und so trafen wir dann auch ein und hatten außerdem noch genug
Zeit um noch letzte Vorbereitungen zu treffen. Hierzu gehörten als
Sicherheitsmaßnahmen zB. das Abhängen von Stageflaschen für
die Deko in drei,sechs und neun Metern Tiefe sowie das Auslegen einer Strömungsleine.
Nach dem Abtauchen auf 38m Tiefe bemerkten wir, daß der Anker
dieses Mal sehr gut positioniert war. Er befand sich am Heck -genau neben
der Steuerbordschraube. Ich schaute am Wrack hinauf und war -so wie immer
wieder- fasziniert wie groß und schön es war. Seelenruhig schlummert
es auf dem Meeresgrund und behielt so bis heute seine Geschichte für
sich. Das sollte sich jetzt ändern, wie wir hofften.
Florian und Peter hatten die Aufgabe, das Wrack abzutauchen und zu
filmen. Kudde unternahm die Inspektion des Wracks, um eventuelle Schilder
zur Identifizierung zu finden. Ich hatte mit Rolf die Aufgabe, die
Steuerbordschraube freizukratzen um die eingeschlagenen Zahlen und Typenbezeichnungen
abzulesen.
Dieses gelang uns aber nicht da immer wieder Netze und Bewuchs die
Sicht einschränkten.
Nach 25 Minuten Grundzeit mussten wir wegen der wiedereinsetzenden
Strömung und der noch abzuleistenden Dekompressionszeit den Tauchgang
abbrechen.
Als Ergebnis dieses ersten Tauchgangs konnten nur wenige Fakten gesammelt
werden. Der Bug liegt in Richtung Helgoland und das Wrack ist mit einer
Krängung von ca. 10 Grad zur Steuerbordseite geneigt. Der Zustand
des Wracks ist gut, für das vermutete Alter sogar bemerkenswert gut.
Zwar sind einige zu den Aufbauten gehörende Teile wie z.B. Auspuffrohre
abgefallen, jedoch sieht man hier z.B. immer noch die Außenbordsanschlüsse
für diese.

An der Steuerbordseite sind Beschädigungen am Ballasttank zu sehen,
die wahrscheinlich auf eine Mine zurückzuführen sind. Ein
Blick in die geöffneten Bug-Torpedorohre zeigt, daß sie leer
sind.
 
Dies spricht entweder für eine letzte Auseinandersetzung mit feindlichen
Schiffe oder für eine spätere Bergung dieser Waffen um sie -vielleicht-
auszuspionieren und technisch auszuwerten.
Leider ist der Turm dieses Ubootswracks abgebrochen. Auf dem Rumpf
des Uboots ist davon nur noch ein kleiner Sockel übriggeblieben.

Taucht man über ihn drüber, kann man durch das Rumpfluk hinunter
in die Zentrale des Ubootes schauen. Die Original-Ubootsleiter lädt
einen geradezu auf einen Besuch ein :-)


Jedoch Obacht! Von dem Eindringen in ein derartiges Wrack ist eigentlich
nur abzuraten!
Außerdem hat man auch nicht immer so viel Atemluft zu Verfügung
wie man es gerne hätte. Und so mußten wir an dieser Stelle den
ersten Tauchgang beenden.
Sechs Stunden später wollten wir zum nächsten Tidenstillstand
dann noch einen Versuch wagen, jedoch lag nun aufgrund des Hochwassers
das Wrack auf 42m Tiefe. Wir bereiteten dennoch alles vor -so auch neue
Gasgemische.
Zum nächsten Tidenstillstand war es dann soweit -wir tauchten
ab!
An der Schraube in 42m Tiefe angekommen tauchte ich in Richtung Heck
an den Ruderblättern der Seiten- und Tiefensteuerung vorbei.

Hinter diesen befand sich nun die Backbordschraube.Ich begann nun die
Schraubenkrone freizukratzen, um unter dem Bewuchs eine Nummer ablesen
zu können.
Florian Müller an Backbordschraube
Die Zeit lief mir davon! Ich schaute auf meinen Tauchcomputer: 25 Min
Grundzeit -da jetzt konnte ich Zahlen ablesen. So zB. "431".Was sollte
diese Zahl bedeuten? Irgendwo musste doch etwas eindeutigeres zu finden
sein.Seinerzeit war bei dem Uboot E 16 auch "E 16" eingeschlagen.Hier
keine Spur einer derartigen Markierung!
Ich verließ die Schraube um noch mal nach Kudde und Peter zu
sehen. Ich hatte schon wesentlich mehr Grundzeit als die anderen, nämlich
37 Minuten. Jetzt erwartete mich eine Deko von 48 Minuten. Da die Addition
aus 37 Min und 48 Min 85 Min ist, hatte ich die Befürchtung bei der
Deko in der Strömung zu hängen.
Zurückgekehrt ohne eine eindeutige Identifizierung, saßen
wir am Dienstag im Büro. Ein Anruf kam. Oliver Meise vom Online-Tauchmagazin
www.taucher.net -unser Mann für die Recherchen- hatte wieder
ganze Arbeit geleistet. Er sagte: "Ich habe das passende U-Boot zu eurer
Nummer!". Mir stockte kurzfristig der Atem. Es war E 10 !
Die auf der Schraube eingeschlagene Nummer war die Werftnummer des
Uboots mit der taktischen Nummer I 90. Dieses Uboot führte
als normalen Bootsnamen das Kürzel E10 und war das 10.Uboot
der E-Klasse. Wie schon richtig von britischer Seite vermutet, war E
10 in ein am 22.Dezember 1914 von der kaiserlichen Marine gelegtes
Minenfeld bei Helgoland gelaufen und dort durch eines dieser Teufelseier
mit Mann und Maus in die Tiefe geschickt worden.
We wish to express our gratitude for the generous donation of the historic
photograph of E 11 to Mrs. Yvonne Oliver of the Imperial
War Museum in London.
Wir Danken auch Herrn Andreas
Peters für die Schilderung des Entdeckungstauchgangs und seiner
Spende der Unterwasseraufnahmen zu diesem Uboot. Dankeschön!
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