Es gibt viele Gründe nach Kalifornien zu reisen und die meisten
müssen nicht erst umständlich erläutert werden wzB. die weltberühmten
Nationalparks von Yosemite bis zum Death Valley, faszinierende Städte
wie San Francisco, die Glitzerwelt von Hollywood oder die langen Strände
im Süden mit ihren Surfern. Kalifornien ist aber auch nach Florida das
zweite große Zentrum des Tauchsports in den Vereinigten Staaten. Aus
europäischer Perspektive ist die amerikanische Westküste dagegen
kein klassisches Tauchreiseziel. Niemand wird nach Kalifornien reisen
um dort zwei Wochen auf dem Tauchboot zu verbringen. Es gibt einfach zu
viele andere Dinge zu sehen und zu erleben. Wer jedoch eine Reise nach
Kalifornien mit einem Tauchurlaub verbindet, wird eine attraktive Unterwasserwelt
kennen lernen -den kalifornischen Kelp-Wald.
Um die Westküste der USA unter Wasser zu erkunden, fährt man am
besten auf dem Highway 1 die kalifornische Küste hinunter. Erste größere
Ansammlungen von neoprengekleideten Gestalten sind 2-3 Stunden südlich
von San Francisco, in Monterey zu sehen. Hier trifft sich an den Wochenenden
die gesamte Taucherszene aus dem Großraum San Francisco und dem Silicon
Valley. Fast ein Jahrhundert war Monterey ein Zentrum der kalifornischen
Fischereiindustrie. Dies änderte sich in den 1940er Jahren als die
Sardinen plötzlich "ausblieben", wie es in der Lokalhistorie
heißt. Den Ausdruck "Überfischung" kannte man damals wohl noch nicht.
John Steinbeck hat dieser untergegangenen Welt 1945 in seinem Roman
Cannery Row (deutsch: Strasse der Ölsardinen) ein Denkmal gesetzt.
In Taucherkreisen sind Monterey und der Nachbarort Carmel für gute
Landtauchgänge bekannt. Zu den populären, auch für Anfänger
geeigneten Tauchplätzen gehört Breakwater direkt am Hafen. Wer
mit nichttauchenden Familienangehörigen reist, sollte von Lover's
Point aus tauchen (ursprünglich hieß der Platz mal Lovers of
Jesus Point). Dort gibt es einen der wenigen schönen Sandstrände
von Monterey. Als bester Tauchplatz im Gebiet von Monterey/Carmel gilt
das Naturschutzgebiet Point Lobos. Die Zahl der Taucher ist allerdings
streng begrenzt. Wochenendtaucher müssen deshalb zwei Monate im Voraus
reservieren. In der Woche ist es auch kurzfristig möglich, eine Tauchgenehmigung
zu erhalten. Wer möglichst weit weg vom Lärm der Stadt tauchen
möchte, kann eines der in Monterey ansässigen Tauchboote benutzen.
Aus eigener Erfahrung kann ich zwei davon empfehlen. Nämlich die Monterey Express
unter Captain Tim Doreck und die (auf erfahrene Taucher eingestellte) Cypress
Sea unter Captain Dave Minard. Ein drittes Tauchboot, die Silver Prince
ist im letzten Jahr verunglückt (ohne dass jemand zu Schaden gekommen
wäre) und wird der kalifonischen Diving Community in Zukunft bestenfalls
als Wrack zur Verfügung stehen.
Wenn die Sicht gut und das Wasser wärmer geworden ist, vorzugsweise
im Spätsommer und im frühen Herbst, kann man in Monterey das
Tauchen im Kelpwald von seiner besten Seite erleben. Der Riesenkelp (Macrocystis
pyrifera) ist die größte Wasserpflanze der Welt und erreicht
Längen von bis zu 30 Metern. Im Kelp zu tauchen ist tatsächlich
ein bisschen wie das Tauchen im Wald. Wenn die Sonne scheint, entstehen
auf diese Weise Hell-Dunkel-Kontraste, die eine besondere Atmosphäre
schaffen. Zu sehen sind Kelpfische aller Art, große Krabben und Seesterne,
Anemonen in leuchtenden Farben und gelegentlich auch ein Seewolf oder ein
Oktopus. Zu den Highlights gehören Begegnungen mit Seelöwen.
Es ist wirklich ein Erlebnis zu beobachten, wie diese an Land so plumpen
und schwerfälligen Tiere sich auf der Jagd nach Beute in lebende Torpedos
verwandeln. Begegnungen mit Seeottern, die in Kalifornien schon fast ausgerottet
waren, sind dagegen beim Tauchen eher selten. Man sieht sie jedoch regelmäßig
vom Boot oder vom Ufer aus -und manchmal schwimmen sie sogar seelenruhig
im Hafen von Monterey. Dort haben sich auch zahlreiche Pelikane und Robben
häuslich niedergelassen. Monterey ist übrigens auch ein guter Platz
um Wale zu beobachten, besonders im Winter und Frühling.
Tauchen in Monterey und Carmel kann aber auch ungemütlich sein.
Selbst im Sommer liegt häufig dichter Nebel über der Monterey
Bay. Das Wasser ist das ganze Jahr über kalt -jedenfalls für
diejenigen die sonst vorzugsweise im Roten Meer tauchen. Manchmal ist
die Sichtweite kaum besser als in deutschen Baggerseen. Ich habe mehrfach
erlebt, dass mir Tauchpartner unter solchen Bedingungen schon nach 1-2
Minuten abhanden kamen, weil sie es vorzogen so schnell wie möglich
zum Boot zurückzukehren. Doch ist die Reise nach Monterey auch an
solchen Tagen nicht vergeblich. Wenn es mit dem Tauchen absolut nicht klappen
will, dann bietet der Besuch im Monterey Bay Aquarium einen gleichwertigen
Ersatz. Das Aquarium gilt mit seinen fast 300.000 Tieren und Pflanzen weltweit
als eines der schönsten seiner Art - zu Recht.
Südlich von Monterey beginnt der schönste und spektakulärste
Abschnitt des Highway 1. Die spanischen Eroberer nannten diesen etwa 150
Kilometer langen Küstenabschnitt "El pais grande del sur"
(das große Land des Südens). Heute heißt er schlicht Big
Sur. Dies ist in taucherischer Hinsicht wohl der am wenigsten bekannteste
Abschnitt der amerikanischen Westküste. Der ganze Landstrich ist dünn
besiedelt und nur an wenigen Stellen gibt es einen direkten und problemlosen
Zugang zum Wasser. Zudem wirkt die Brandung auch auf erfahrene Taucher
abschreckend. Nach der eindrucksvollen Steilküste von Big Sur geht
es weiter Richtung Los Angeles. Dort sollte man allerdings nicht zur
Hauptverkehrszeit ankommen. Die Rush Hour von LA ist ebenso berühmt wie
berüchtigt.
Das wichtigste Tauchrevier im Großraum Los Angeles sind die Channel
Islands, eine Gruppe von acht Inseln, die teilweise zum Nationalpark erklärt
worden sind. Wer die Channel Islands betauchen will, hat die Wahl zwischen
zwei Alternativen. Zum einen kann man sich auf einem der Tauchboote einquartieren,
die von San Pedro, Long Beach oder Santa Barbara aus die Inseln für
ein- oder mehrtägige Trips ansteuern. Gewöhnungsbedürftig
für deutsche Taucher ist allerdings die Tatsache, dass das Tauchen
auf diesen Booten meist ganz selbstverständlich mit der Unterwasserjagd
verbunden wird. Ich selber habe die Tauchboote aus diesem Grund gemieden
und es vorgezogen, mich für einige Tage auf einer der Inseln einzuquartieren,
um sie taucherisch zu erkunden: Catalina Island liegt etwa 35 Kilometer
vor der Küste und kann problemlos per Fähre erreicht werden.
Auf Catalina wird Ökotourismus groß geschrieben. 1975 wurden
fast 90 % der Insel zum Naturschutzgebiet erklärt, und es ist verboten,
Autos mit auf die Insel zu bringen. Stattdessen bestimmen Golfcars den
Straßenverkehr.
Mehrere Tauchbasen bieten im Sommer tägliche Ausfahrten zu zahlreichen
Dive Sites an. Spektakulärster Tauchplatz ist Farnsworth Bank, ein
fischreicher Unterwasserhügel drei Kilometer westlich von Catalina,
der berühmt ist wegen seiner seltenen lilafarbenen Hydrozoen und der
rosafarbenen Gorgonien. Wegen starker Strömungen und der Tauchtiefe
- der Hügel beginnt in 20 Meter - ist dieser Platz nur für fortgeschrittene
Taucher empfehlenswert. Für Adrenalin-Junkies haben die lokalen Tauchbasen
außerdem Begegnungen mit Blauhaien im Angebot. Die Haie werden mit
einer aus Blut und Fischresten hergestellten Flüssigkeit angelockt
(das sogenannte chumming), und die Taucher können sie aus einem Käfig
in drei Meter Tiefe fotografieren, filmen oder einfach nur beobachten.
Sobald Haie und Menschen sich aneinander gewöhnt haben, dürfen
letztere ihren Käfig verlassen und frei mit den Blauhaien tauchen.
Das Ganze ist kein billiges Vergnügen (etwa $ 200), bietet aber Fotografen
und Videofilmern die Chance, Aufnahmen zu machen, die unter natürlichen
Bedingungen wohl niemals zustande kämen.
Wer mit begrenztem Budget nach Catalina gereist ist, muss dennoch nicht
auf erstklassiges Tauchen verzichten. Direkt beim größten und
schönsten Gebäude der Insel, dem Casino von Avalon, hat die Gemeinde
einen Unterwasserpark eingerichtet. Die Tauchgänge im Casino Point
Underwater Park gehören zu den besten Landtauchgängen, die ich
in Kalifornien gemacht habe. Obwohl der Park ganzjährig von Tauchern
frequentiert wird, hinterlassen sie keine sichtbaren Umweltschäden.
Der Riesenkelp ist eine extrem schnell wachsende Pflanze, die unter
günstigen Bedingungen pro Tag um 50-60 cm an Länge zunehmen kann. Gelegentliche
Beschädigungen durch Taucher werden dadurch mühelos ausgeglichen.
Wassertemperatur und Sichtweite sind in der Regel deutlich besser als in Monterey.
Die Fische sind hier geschützt, und sie wissen dies, so dass die Taucher
sich in aller Ruhe die typischen Bewohner des Kelpwaldes anschauen können.
Die auffallendste Erscheinung ist der orangefarbene Garibaldi. Aber auch
andere Kelpfische -wie der kalifornische Sheephead (Semicossyphus pulcher)-
bleiben schon nach wenigen Tauchgängen im Gedächtnis. Eindrucksvoll
ist die große Zahl der Rochen (Myliobatis californica), darunter
viele stattliche Exemplare denen man hier auf fast jedem Tauchgang begegnet.
Eine weitere Besonderheit dieses Tauchplatzes kam mir erst bei einem Nachttauchgang
so richtig zum Bewusstein: die große Zahl der Langusten die sich
tagsüber versteckt halten. Ich habe sie nicht gezählt, bin aber
sicher, dass wir in einer halben Stunde mindestens 100 Langusten gesehen
haben. Eigentlich suchten wir aber etwas anderes. Mein Tauchpartner Milo,
ein Amerikaner der hier seit sechs Jahren taucht, hatte angekündigt
er wolle mir einen Hai zeigen. Gegen Ende des Tauchgangs deutete Milo dann
mit triumphierender Miene auf den Grund. Tatsächlich, dort lag ein
etwa 30cm langer Hornhai, der im Schein unserer Lampen vergeblich versuchte,
sich noch kleiner zu machen als er wirklich war. Auf der Suche nach dem
Winzling waren wir mittlerweile in 28 Meter Tiefe angelangt. Das ist für
einen Nachttauchgang im Meer eigentlich ein bisschen viel, zumal auch der
Luftvorrat dem Ende zuging. Unser Aufstieg fiel daher nicht ganz regelgerecht
aus.
Neben Blauhaien und Hornhaien gibt es noch eine Reihe weiterer Haiarten
an der kalifornischen Küste - darunter auch den berühmt-berüchtigten
Weißen Hai, auch "the Great White Shark" genannt. Vor allem dort wo große
Robbenkolonien bestehen (Farallon Islands, Año Nuevo State Reserve),
muss man auch mit Weißen Haien rechnen -die seit 1992 vom Gesetzgeber
geschützt sind. Das Wissen, dass Whitey irgendwo da draußen
ist, gehört daher mit zum Lebensgefühl der kalifornischen Taucher.
Erfreulicherweise verbindet sich der dadurch provozierte Nervenkitzel mit
der beruhigenden Gewissheit, dass Weiße Haie sich für Menschen
nicht sonderlich interessieren und man ihnen deshalb aller Voraussicht
nach niemals begegnen wird. Die Statistik ist in dieser Hinsicht sehr aussagekräftig:
Zwischen 1916 und 1999 sind in Kalifornien insgesamt 79 nichtprovozierte
Angriffe von Weißen Haien auf Menschen nachgewiesen. 8 davon endeten
tödlich (zuletzt 1994). Das ist im Schnitt ein Todesfall pro Jahrzehnt.
Etwa zwei Stunden südlich von Los Angeles liegt das dritte große
Zentrum des Tauchsports in Kalifornien, die Hafen- und Grenzstadt San Diego.
Auch hier kann man schöne Landtauchgänge machen, zum Beispiel
am Strand von La Jolla Cove, wo eine ökologische Schutzzone eingerichtet
wurde. Mit etwas Glück lassen sich hier schon beim Schnorcheln Leopardenhaie
beobachten. Die Hauptattraktion von San Diego ist aber das Wracktauchen
in der sogenannten "Wrackallee" (Wreck Alley), die rund 2 Kilometer
vor der Küste liegt und von den lokalen Tauchbooten regelmäßig
angefahren wird. Dabei handelt es sich ausschließlich um "künstliche"
Wracks, die mit Absicht versenkt wurden. Das bei weitem spektakulärste
dieser Schiffwracks ist die Yukon, ein 112 Meter langer kanadischer Zerstörer,
der seit Juli 2000 auf einer Tiefe von 17-31 Metern liegt. Um die Gefahr
von Unfällen so weit wie möglich zu reduzieren, wurden vor dem
Versenken zahlreiche Löcher in die Schiffshülle geschnitten.
Gerade deutsche Taucher sind mit kritischen Bemerkungen über ein solches
"Unterwasser-Disneyland" schnell bei der Hand. In der Tat stellt
sich beim Betauchen der Yukon nicht das Gefühl ein, ein Stück
Geschichte zu erleben, wie ich es, zum Beispiel, im Roten Meer auf der
Thistlegorm gespürt habe. Unbestreitbar ist jedoch der erfreuliche
Effekt, dass mit jedem dieser Wracks zusätzlicher Lebensraum für
eine große Zahl von Meerestieren geschaffen wurde.
Trotz gelegentlicher Kritik ist das Kalkül, San Diego durch die
gezielte Versenkung von Schiffen noch attraktiver für die Tauchtourismus
zu machen, offensichtlich aufgegangen. Während die "Wrackallee"
bis zur Versenkung der Yukon nur eine lokale Attraktion war, kommen inzwischen
Taucher aus allen Teilen der Welt. Mittlerweile denken einige amerikanische
Tauchexperten schon laut darüber nach, dass zurzeit in verschiedenen
Häfen der USA rund 400 ausrangierte große Schiffe vor sich hinrosten,
die jährlich pro Stück etwa 20.000 Dollar Unterhaltskosten verursachen.
Daraus ließen sich noch viele künstliche Riffe herstellen ...
Wer am Ende der Reise seine Ausrüstung gründlich im Süßwasser
ausspülen möchte, kommt in Kalifornien ebenfalls auf seine Kosten:
Etwa vier Autostunden von San Franzisko entfernt, zwischen Kalifornien
und Nevada, liegt Nordamerikas größter Bergsee -der Lake Tahoe.
Der See bietet tiefblaues Wasser, Sandstrände, Pinienwälder nahe
am Wasser und Berge als Kulisse im Hintergrund - sicher eine der schönsten
Gegenden der amerikanischen Westküste. Der Lake Tahoe liegt fast 2000
Meter über dem Meeresspiegel und hat die Vor- und Nachteile eines
Bergsees dieser Höhe: sehr gute Sicht, aber wenige Pflanzen und Tiere
(hauptsächlich Krebse und kleinere Fische). Die bekanntesten Tauchplätze
sind Sand Harbor (mit eigener, sehr idyllischer Taucherbucht) im Norden
und Emerald Bay (hauptsächlich für Bootstauchgänge geeignet)
im Süden.