Tauchexpedition in die Oder-Warthe-Festungsanlage

 Geschrieben von Andreas

(c) Andreas Stolpe

Die Geschichte

Hitler plante schon sehr früh Frankreich anzugreifen. Um einen Zweifrontenkrieg zu verhindern, wollte er die östliche Landesgrenze schützen. Dazu wurde eine Festungsanlage gebaut, die sich unterirdisch über mehr als 32 Kilometer ausdehnte. In die Konstruktion der Festungsanlage wurden neben gigantischen Flammenwerfern, Kanonen- und Maschinengewehrstellungen auch geographische Hindernisse eingeplant, wie beispielsweise überflutbare Tiefebenen. Die unterirdische Anlage diente zusätzlich als Fabrik für Flugzeuge und Motoren. In dem Bunkersystem waren zur Zeit, als das System von den sowjetischen Truppen eingenommen wurde, ungefähr 1000 Soldaten stationiert. Ironischerweise hat dieses Bauwerk, das uneinnehmbar sein sollte, die sowjetischen Truppen gerade drei Tage aufgehalten. Dennoch war der Verlust an Menschenleben beträchtlich. Über 2500 Soldaten mußten ihr Leben in den Gräben an der Oder-Warthe-Schleife lassen.

Was wir Im Bunker suchen

In der Literatur, die sich mit dem Oder-Warthe-Festungswall auseinandersetzt, wird die Funktion allein unter dem Gesichtspunkt der Verteidigung beschrieben. Zeitzeugen aber berichten, daß eine weitere Funktion die Produktion von Flugzeugen und Raketen war. Wir wollten Beweise finden, daß die Anlage auch zu diesen Zwecken genutzt wurde. Was ist noch von den Produktionsanlagen und der Flugzeugfabrik vorhanden? Sind noch Maschinen vorhanden? Wie groß ist der überflutete Teil der Anlage? Können wir uns ein Bild von der geheimen unterirdischen Flugzeug- und Raketenproduktionsanlage machen? Was wissen die noch lebenden Zeitzeugen vom Bau der Oder-Warthe-Bunkeranlage und zu der unterirdischen Fabrik?

Die Betauchung

Für uns ging es darum, herauszufinden, wie lang die überflutete Passage ist. Gibt es Verzweigungen, Aufgänge, Räume, Hohlräume und Bahnhöfe. Doch um das herauszufinden, muß zuvor die gesamte Tauchausrüstung, Verpflegung und Licht 8 km unter Tage zum Basiscamp transportiert werden. Der Weg führt uns durch ein Labyrinth von Treppenhäusern, Gängen und Stollen, 25 Meter unter der Erdoberfläche, in nahezu 100 % Luftfeuchtigkeit und bei 10 °C Lufttemperatur. Barrieren, Erdhaufen und Bunkerinventar versperren den Weg oder kniehoch geflutete Gänge müssen durchwatet werden. Wir errichten unser Basiscamp im unterirdischen Bahnhof "Nordpol", 300 Meter von überfluteten Bereich entfernt. Der überflutete Gang neigt sich ganz sanft. Dadurch nimmt die Wassertiefe nur ganz langsam zu. Wir schwimmen an der Wasseroberfläche, bis nur noch wenige Zentimeter Luft zwischen Wasser und Decke sind. Dann Tauchen wir ab, immer an unserem Ariadnefaden entlang. Die Blasen der Taucher reichen hier schon aus, um Sediment und kleine Stalagtiten von der Decke zu lösen. Die Wände der Gänge sind mit fragilen, kalzifizierten Gebilden geschmückt. Aus was sind diese Gebilde? Wurden sie in einer trockenen Phase an der Luft gebildet oder sind sie unterwasser entstanden? Dann erreichen wir plötzlich eine weitere Abzweigung nach links, dann eine weitere nach rechts und später ein Raum, angefüllt mit Rollen aus Kupferdraht. Nach weiteren 10 Metern aber erreichen wir eine Wand, die den Gang versperrt, nicht aus Beton gegossen, sondern aus Ziegeln gemauert. Hier hatte man den Gang zugemauert. Warum? Weil die russische Armee im Anmarsch war? Sehr wahrscheinlich! Nun geht es zurück. Im Blindflug geht es am Ariadnefaden entlang, zurück zum Ausgang.

Die Betauchung II

Nach der Dokumentation des ersten Gangsystems, erfuhren wir von einem zweiten überfluteten Gang. Dieser Gang warf schon vor dem Tauchgang viele Fragen auf. Warum wurde dieser Gang in einer für das Bunkersystem untypischen, laienhaften Weise zugemauert? Vor allem interessant war die Frage, warum er nicht am Ende zugemauert wurde, sondern am Anfang. Wer hat ihn zugemauert und wer hat ihn wieder geöffnet? War dort etwas bestimmtes verborgen? Viele Fragen auf die wir keine Antwort wußten. Aber um etwas mehr Licht in die Situation zu bringen, wollten wir diesen Gang zusätzlich durch Tauchen erkunden. Auch dieser Gang wurde nur ganz allmählich tiefer. Er war aber in einem weit aus schlechterem Zustand und wies eine leichte Biegung auf, war aber nicht anders, als die zuvor betauchten Gänge. Dieser Gang endete nach nur 80 Metern. Wir hatten hier nichts außergewöhnliches gesehen. Kamen wir zu spät?

Die Ergebnisse

Unser Team konnte erstmalig die beiden überflutete Gangsysteme komplett betauchen und dokumentieren. Die so gewonnenen Informationen werden bei der Kartographierung des Oder-Warthe-Bunkersystems berücksichtigt. Das Bunkersystem ist aber bei weitem noch nicht komplett erforscht. So warten noch viele Geheimnisse darauf gelüftet zu werden. Aber für den Teil, der überflutet wurde, können wir in Anspruch nehmen, ihn als erstes und einziges Team komplett betaucht und dokumentiert zu haben.


Unser Team am unterirdischen Basislager nach dem Taucheinsatz.


Im Inneren der Panzerwerkkuppel nagt der Zahn der Zeit an den letzten Relikten der Vergangenheit.


In diesen riesigen Hallen wurden vor 60 Jahren noch Motoren und Flugzeuge montiert und Material gelagert.


Scheinbar endlos scheint die Distanz, bis zu dem Punkt wo, der Gang bis zur Decke geflutet ist.


Dieser Trinkwasserbrunnen diente dem Überleben im Falle einer Belagerung.


Oft zweigen Blindgänge von Hauptgängen ab. Sie sind oft ein Magnet für Schatzsucher.


Die Gänge scheinen unendlich immer schnurgeradeaus zu verlaufen.


Ohne unseren Aridnefaden ist es schwer den Rückweg bei einer Sicht von nur wenigen Zentimetern zu finden.


An einer Stahltür angekommen beschließen wir zum Ausgang zurückzukehren. Den hinter der Stahltür liegenden Raum erforschen wir beim nächsten Tauchgang.


Decke und Wände sind mit zerbrechlichen Kalkgebilden versehen.


Jede unbedachte Bewegung wirbelt hier im Bunkersystem sofort Sediment auf, welches im stehenden Wasser Tage braucht um sich wieder abzusetzen.


Wir nutzen jede Gelegenheitum unseren Ariadnefaden im Bunkergang zu befestigen.


Was erwartet uns wohl hinter dieser Stahltür? Wir werden es herausfinden.


In einigen Bereichen des Bunkersystems sind noch die Spuren der Erstürmung der Anlage durch die Sowjetarmee zu sehen.


Diese Treppen führen 25 Stufen hinunter in die Gänge des Bunkersystems.


Ein Teil der Erforschung des Bunkersystems wird auch auf abenteuerliche Weise ohne Tauchausrüstung durchgeführt.


Was war wohl hinter dieser nachträglich gemauerten Ziegelwand verborgen?


Marek Kowalski vor dem Vorstoß in noch unbekannte Regionen.


Nach wenigen Flossenschlägen ist die Sicht im Wasser gleich Null. Hier hilft nur noch die Orientierung mittels unserer zuvor ausgelegten Sicherungsleine.


An der Decke des Bunkersystems bilden Pilzmycele wunderschöne Strukturen.


Unser Expeditionsleiter erkundet einen der Trinkwasserbrunnen, um herauszufinden, ob es Sinn macht, ihn auch taucherisch zu erforschen.


Im Laufe von 60 Jahren haben sich an einigen Stellen im Bunkersystem stalagtitenartige Kalkablagerungen gebildet.


Redundanz wird hier bei der Tauchexpedition ganz groß geschrieben.


Übersichtsskizze der Anlage


Infos

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