Hitler plante schon sehr früh Frankreich anzugreifen. Um einen
Zweifrontenkrieg zu verhindern, wollte er die östliche Landesgrenze
schützen. Dazu wurde eine Festungsanlage gebaut, die sich unterirdisch
über mehr als 32 Kilometer ausdehnte. In die Konstruktion der Festungsanlage
wurden neben gigantischen Flammenwerfern, Kanonen- und Maschinengewehrstellungen
auch geographische Hindernisse eingeplant, wie beispielsweise überflutbare
Tiefebenen. Die unterirdische Anlage diente zusätzlich als Fabrik
für Flugzeuge und Motoren. In dem Bunkersystem waren zur Zeit, als
das System von den sowjetischen Truppen eingenommen wurde, ungefähr
1000 Soldaten stationiert. Ironischerweise hat dieses Bauwerk, das uneinnehmbar
sein sollte, die sowjetischen Truppen gerade drei Tage aufgehalten. Dennoch
war der Verlust an Menschenleben beträchtlich. Über 2500 Soldaten
mußten ihr Leben in den Gräben an der Oder-Warthe-Schleife lassen.
Was wir Im Bunker suchen
In der Literatur, die sich mit dem Oder-Warthe-Festungswall auseinandersetzt,
wird die Funktion allein unter dem Gesichtspunkt der Verteidigung beschrieben.
Zeitzeugen aber berichten, daß eine weitere Funktion die Produktion
von Flugzeugen und Raketen war. Wir wollten Beweise finden, daß die
Anlage auch zu diesen Zwecken genutzt wurde. Was ist noch von den Produktionsanlagen
und der Flugzeugfabrik vorhanden? Sind noch Maschinen vorhanden? Wie groß
ist der überflutete Teil der Anlage? Können wir uns ein Bild
von der geheimen unterirdischen Flugzeug- und Raketenproduktionsanlage
machen? Was wissen die noch lebenden Zeitzeugen vom Bau der Oder-Warthe-Bunkeranlage
und zu der unterirdischen Fabrik?
Die Betauchung
Für uns ging es darum, herauszufinden, wie lang die überflutete
Passage ist. Gibt es Verzweigungen, Aufgänge, Räume, Hohlräume
und Bahnhöfe. Doch um das herauszufinden, muß zuvor die gesamte
Tauchausrüstung, Verpflegung und Licht 8 km unter Tage zum Basiscamp
transportiert werden. Der Weg führt uns durch ein Labyrinth von Treppenhäusern,
Gängen und Stollen, 25 Meter unter der Erdoberfläche, in nahezu
100 % Luftfeuchtigkeit und bei 10 °C Lufttemperatur. Barrieren, Erdhaufen
und Bunkerinventar versperren den Weg oder kniehoch geflutete Gänge
müssen durchwatet werden. Wir errichten unser Basiscamp im unterirdischen
Bahnhof "Nordpol", 300 Meter von überfluteten Bereich entfernt.
Der überflutete Gang neigt sich ganz sanft. Dadurch nimmt die Wassertiefe
nur ganz langsam zu. Wir schwimmen an der Wasseroberfläche, bis nur
noch wenige Zentimeter Luft zwischen Wasser und Decke sind. Dann Tauchen
wir ab, immer an unserem Ariadnefaden entlang. Die Blasen der Taucher reichen
hier schon aus, um Sediment und kleine Stalagtiten von der Decke zu lösen.
Die Wände der Gänge sind mit fragilen, kalzifizierten Gebilden
geschmückt. Aus was sind diese Gebilde? Wurden sie in einer trockenen
Phase an der Luft gebildet oder sind sie unterwasser entstanden? Dann erreichen
wir plötzlich eine weitere Abzweigung nach links, dann eine weitere
nach rechts und später ein Raum, angefüllt mit Rollen aus Kupferdraht.
Nach weiteren 10 Metern aber erreichen wir eine Wand, die den Gang versperrt,
nicht aus Beton gegossen, sondern aus Ziegeln gemauert. Hier hatte man
den Gang zugemauert. Warum? Weil die russische Armee im Anmarsch war? Sehr
wahrscheinlich! Nun geht es zurück. Im Blindflug geht es am Ariadnefaden
entlang, zurück zum Ausgang.
Die Betauchung II
Nach der Dokumentation des ersten Gangsystems, erfuhren wir von einem
zweiten überfluteten Gang. Dieser Gang warf schon vor dem Tauchgang
viele Fragen auf. Warum wurde dieser Gang in einer für das Bunkersystem
untypischen, laienhaften Weise zugemauert? Vor allem interessant war die
Frage, warum er nicht am Ende zugemauert wurde, sondern am Anfang. Wer
hat ihn zugemauert und wer hat ihn wieder geöffnet? War dort etwas
bestimmtes verborgen? Viele Fragen auf die wir keine Antwort wußten.
Aber um etwas mehr Licht in die Situation zu bringen, wollten wir diesen
Gang zusätzlich durch Tauchen erkunden. Auch dieser Gang wurde nur
ganz allmählich tiefer. Er war aber in einem weit aus schlechterem
Zustand und wies eine leichte Biegung auf, war aber nicht anders, als die
zuvor betauchten Gänge. Dieser Gang endete nach nur 80 Metern. Wir
hatten hier nichts außergewöhnliches gesehen. Kamen wir zu spät?
Die Ergebnisse
Unser Team konnte erstmalig die beiden überflutete Gangsysteme
komplett betauchen und dokumentieren. Die so gewonnenen Informationen werden
bei der Kartographierung des Oder-Warthe-Bunkersystems berücksichtigt.
Das Bunkersystem ist aber bei weitem noch nicht komplett erforscht. So
warten noch viele Geheimnisse darauf gelüftet zu werden. Aber für
den Teil, der überflutet wurde, können wir in Anspruch nehmen,
ihn als erstes und einziges Team komplett betaucht und dokumentiert zu
haben.
Unser Team am unterirdischen Basislager nach dem Taucheinsatz.
Im Inneren der Panzerwerkkuppel nagt der Zahn der Zeit an den
letzten Relikten der Vergangenheit.
In diesen riesigen Hallen wurden vor 60 Jahren noch Motoren und Flugzeuge
montiert und Material gelagert.
Scheinbar endlos scheint die Distanz, bis zu dem Punkt wo, der Gang bis
zur Decke geflutet ist.
Dieser Trinkwasserbrunnen diente dem Überleben im Falle einer Belagerung.
Oft zweigen Blindgänge von Hauptgängen ab. Sie sind oft ein Magnet
für Schatzsucher.
Die Gänge scheinen unendlich immer schnurgeradeaus zu verlaufen.
Ohne unseren Aridnefaden ist es schwer den Rückweg bei einer Sicht
von nur wenigen Zentimetern zu finden.
An einer Stahltür angekommen beschließen wir zum Ausgang zurückzukehren.
Den hinter der Stahltür liegenden Raum erforschen wir beim nächsten
Tauchgang.
Decke und Wände sind mit zerbrechlichen Kalkgebilden versehen.
Jede unbedachte Bewegung wirbelt hier im Bunkersystem sofort Sediment auf,
welches im stehenden Wasser Tage braucht um sich wieder abzusetzen.
Wir nutzen jede Gelegenheitum unseren Ariadnefaden im Bunkergang zu befestigen.
Was erwartet uns wohl hinter dieser Stahltür? Wir werden es herausfinden.
In einigen Bereichen des Bunkersystems sind noch die Spuren der Erstürmung
der Anlage durch die Sowjetarmee zu sehen.
Diese Treppen führen 25 Stufen hinunter in die Gänge des Bunkersystems.
Ein Teil der Erforschung des Bunkersystems wird auch auf abenteuerliche
Weise ohne Tauchausrüstung durchgeführt.
Was war wohl hinter dieser nachträglich gemauerten Ziegelwand verborgen?
Marek Kowalski vor dem Vorstoß in noch unbekannte Regionen.
Nach wenigen Flossenschlägen ist die Sicht im Wasser gleich Null.
Hier hilft nur noch die Orientierung mittels unserer zuvor ausgelegten Sicherungsleine.
An der Decke des Bunkersystems bilden Pilzmycele wunderschöne Strukturen.
Unser Expeditionsleiter erkundet einen der Trinkwasserbrunnen, um herauszufinden,
ob es Sinn macht, ihn auch taucherisch zu erforschen.
Im Laufe von 60 Jahren haben sich an einigen Stellen im Bunkersystem stalagtitenartige
Kalkablagerungen gebildet.
Redundanz wird hier bei der Tauchexpedition ganz groß geschrieben.
Übersichtsskizze der Anlage
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