© 2003 Ralf Dänzer, alle Angaben ohne Gewähr
Einführung
In den letzten Jahren haben sich im Bereich der Tarierjackets deutliche
Veränderungen ergeben. Neben den klassischen ADV-Westen konnten sich
insbesondere Tauchjackets mit Wing-Style besonders etablieren. Bei diesen
Tarierwesten befindet sich die Auftriebsblase stets am Rücken des
Tauchers und nicht wie bei ADV-Jackets sowohl im Rücken- als auch
Brust-/Seitenbereich. Vorteil der Wing-Style-Westen ist die nahezu horizontale
Lage unter Wasser sowie die Freiheit im Brustbereich, da keine Luftkammern
auf der Vorderseite des Tauchers untergebracht werden müssen und diesen
dort eventuell behindern könnten. Nachteil dieses Jacket-Typs ist
speziell, dass man an der Wasseroberfläche von den Westen oft nach
vorne und somit auf das Gesicht gedrückt wird. Für den Fall,
dass der Taucher bewusstlos ist hat dies natürlich gravierende Nachteile.
Doch darf man nicht außer Acht lassen, dass viele ADV-Jackets diesen
Anspruch auch nicht erfüllen. Nur wenige Jackets, u.a. Produkte der
Firma A.P.Valves beziehungsweise Scubapro gewährleisten laut den Angaben
der Hersteller das sichere Oberflächentreiben. Betrachtet man sich
den taucherischen Alltag so muss man aber feststellen, dass das Argument
gegen Wings in Form der Oberflächenlage eher gering anzusehen ist,
da man ja eigentlich unter Wasser tauchen und nicht an der Oberfläche
treiben möchte. Wir haben ein Exemplar dieses Jacket-Typs in Form
des Oceanic Pro Tour ausgiebig unter die Lupe genommen.


Die Details
Ein relativ neuer Vertreter dieses Jacket-Typs ist das Pro Tour der
Firma Oceanic. Die Verarbeitung des Jackets ist sehr gut, die Blase besteht
aus Bioflex und ist sehr flexibel. Der Rest des Jackets besteht aus Rhinohide
2100, einem Material welches sehr weich, flexibel und trotzdem strapazierfähig
ist. Insgesamt finden sich fünf Edelstahl D-Ringe am Jacket. Zwei
an den Schultergurten und drei im Hüftbereich. Damit sind ausreichend
Möglichkeiten vorhanden, zusätzliche Ausrüstungsteile sicher
zu befestigen. Leider sind die D-Ringe an den Schultergurten nicht höhenverstellbar
und auch nicht gekröpft, d.h. leicht nach oben gebogen, was das optimale
positionieren und einfache Einhängen etwas erschwert. Für die
Rückenschonung bei schweren Flaschen besitzt das Pro Tour eine spezielle
Einlage, die Druckstellen insbesondere im Nierenbereich vermeiden soll.
Schlüpft man in das Jacket fällt einem sofort auf, dass es eigentlich
keine offensichtliche Möglichkeit gibt, die Schultergurte nachzuziehen.
Hat Oceanic hier eventuell geschlampt? Nein, natürlich nicht. Die
Schultergurte sind über eine Art "Umlenkung" mit dem Bauchgurt
verbunden. Zieht man den Bauchgurt fest passen sich auch die Schultergurte
sofort optimal an. Beim Ausziehen löst man zuerst etwas den Bauchgurt,
so dass sich die Gurte lockern, öffnet dann den Bauchgurt und schon
kann man bequem das Pro Tour ausziehen. Der Ausstieg ist kinderleicht.

Detailaufnahme des Anpassungssystems
Zusätzlich besitzt das Oceanic Pro Tour, wie nahezu alle modernen
Wing- und ADV-Jackets integrierte Bleitaschen. Die "Beutel" mit
dem Blei werden hierzu links und rechts in zwei eigens dafür vorgesehene
Taschen gesteckt und per Klettverschluss gesichert. Zum Abwurf zieht man
an den signalgelb markierten Handgriffen und das Blei kann unabhängig
für beide Seiten abgeworfen werden. Sollten die Bleitaschen keine
Verwendung finden, können die beiden Taschen, in denen normalerweise
die "Bleibehälter" verschwinden, auch als normale Taschen
genutzt werden. Eine sehr nette Detaillösung.

Schöne Detaillösung - falls man ohne Bleitaschen und mit Bleigurt
tauchen möchte

Die integrierten Bleitaschen - Abwurf für jede Seite separat möglich

Ready to dive
Bezüglich der positionierung der Bleitaschen muss festgehalten
werden, dass diese relativ weit nach hinten versetzt sind, was einerseits
das "Beladen" der Taschen etwas erschwert und andererseits auch
die Schwimmlage bei aufrechter Haltung unter Wasser in Richtung Rückenlage
verändert. Etwas weiter vorne platziert würden Sie besser sitzen.
Als weitere Bleiaufnahme hat Oceanic im oberen Bereich des Tragesystems
zwei Trimmbleitaschen integriert, die zur optimalen Abstimmung der Wasserlage
verwendet werden können. Mehr als zwei Kilo Blei sollte man aber den
Taschen nicht zumuten.

Trimmbleitaschen
Ein wichtiger Punkt bei Jackets ist natürlich die Bedienung des
Inflators. Beim Pro Tour bietet der Inflator ausreichend große und
auch mit Handschuhen sicher zu bedienende Knöpfe für die saubere
Tarierung. Allerdings erschien uns bei den Tests die Auslasszeit als zu
lange. Aufgrund dieses Umstandes tarierten wir bei den Tests häufig
über das im rechten Schulterbereich zusätzlich vorhandene Auslassventil,
welches bei horizontaler Lage deutlich besser und auch feinfühliger
Entlüftung bot als der Standardinflator. Dieser muss in horizontaler
Schwimmlage sehr weit über den Kopf geführt werden, damit eine
ausreichende Entlüftung gewährleistet ist.
Im Bereich der rechten Schulter kollidiert allerdings die Zugleine für
das zusätzliche Auslassventil mit einem D-Ring, was dazu führen
kann, dass sich der "Bommel" der Zugleine im D-Ring verheddert
oder man beim Einhängen von Zusatzausrüstung die Zugleine mit
einklemmt. Hier sollte sich Oceanic eine Lösung überlegen, da
wir dies doch als störend empfanden.

D-Ring und Auslassventil
Oceanic gibt an, dass das Jacket auch bis zu Doppel-15 Flaschenpakete
tragen kann. Wir haben dies nicht explizit ausprobiert, wären hier
aber doch etwas vorsichtiger. Unter anderem liegt dies daran, dass an belasteten
Stellen ("Umlenkungspunkte"), Plastikteile zum Einsatz kommen,
die einer länger andauernden Belastung durch große Flaschenpakete
eventuell nicht gewachsen sind.
Ansonsten ist die Verarbeitung des Jackets hervorragend. Die Nähte
sind sauber ausgeführt. Das Material ist weich und flexibel. Die Einstellmöglichkeiten
sind umfangreich, so dass es keine Probleme für Taucher und Taucherinnen
geben sollte, das Oceanic Pro Tour genau auf ihre Körperverhältnisse
anzupassen. Ein Vorteil des Softpack-Konzepts offenbart sich spätestens
beim nächsten Tauchurlaub. Es ermöglicht nämlich ein relativ
kleines Zusammenlegen des Jackets und damit eine reisefreundliche Größe.
Der Tauchrucksack und der Rücken wird es danken.
Die Tauchlage mit dem Pro Tour ist unter Wasser sehr gut. Alle Lagen
(seitlich, Rücken etc.) können sehr gut gehalten werden. Die
Flaschenbefestigung, in Verbindung mit dem als Fanggurt ausgelegten Tragegriff,
hält bombenfest.
Fazit
Das Oceanic Pro Tour ist ein Jacket für den ganzjährigen Einsatz
sowohl im Kalt- als auch Warmwasser. Durch das Softpack-Konzept bietet
es reisefreundliche Abmaße und sein Auftriebsvolumen mit 18,5 Litern
laut Hersteller (für die Größen M-XXL), reicht auch aus
um Kaltwassertaucher mit gesamter Ausrüstung wieder sicher an die
Oberfläche zu befördern. Das neuartige Bauchgurt/Schultersystem
macht das Anpassen des Jackets, nach kurzer Gewöhnungszeit, zum Kinderspiel.
Einfach den Bauchgurt festziehen und schon sind auch die Schultergurte
optimal eingestellt. Einzig der Inflator ist ein Schwachpunkt den sich
Oceanic nochmals vornehmen sollte.
Positiv:
- gute Schwimmlage unter Wasser
- saubere Verarbeitung
- gute Integration der Bleitaschen inklusive ausgefeilter Detaillösungen
- große, auf Bedarf einrollbare Taschen für Zusatzausrüstung
und Kleinigkeiten
- ausreichend D-Ringe
- sehr guter Schnellablass auf der rechten Schulter
- 3 Auslassventile (Inflator, rechte Schulter, rechter Hüftbereich)
Negativ:
- D-Ringe nicht gekröpft
Zugleine für das Auslassventil auf der rechten Schulter kollidiert
mit Schulter D-Ring
Auslasszeit bei horizontaler Schwimmlage des Inflators zu lange und
zu langer Weg um Inflator in oberste Position zu bringen
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