Ein Jahr im Leben des Vinkeveenser Sees - Der Februar
Das Klima war dieses Jahr in mehrfacher Hinsicht anders als in den Jahren
zuvor. Der Februar hatte nicht nur die meisten Sonnen-Tage seit Aufzeichnung
des Klimas, er war auch an einigen Tagen extrem kalt. Das hat natürlich
auch Auswirkungen auf die Lebewesen im Vinkeveenser See, den wir ja dieses
Jahr besonders genau beobachten wollen.


Trotz der vielen sonnenreichen Tage hat sich auf dem See eine so dicke
Eisschicht gebildet, daß man dort bedenkenlos Schlittschuhlaufen
kann. Für den See bedeutet das, daß die Umwälzung des Wassers
so gut wie überhaupt nicht mehr stattfindet. Fische und andere Lebewesen
müssen mit dem im Wasser gelösten Sauerstoff auskommen, bis das
Eis wieder geschmolzen ist und die natürliche Umwälzung des Wassers
durch Wind wieder stattfinden kann.

Für unsere heimischen Süsswasserschwämme hier am Wrack
ist der Winter weniger gefährlich als für die Fische. Ein Schwamm
besteht nämlich aus ungefähr 10 verschiedenen Typen von mehr
oder weniger frei beweglichen Zellen. Jede dieser Zellen stellt ein separates
Individuum dar, welches sich mit Individuen seiner eigenen Spezies zu einem
Schwamm zusammen gruppiert und dort spezielle Aufgaben verrichtet. So haben
einige Schwammzellen die Aufgabe Wasser durch den Schwamm zu strudeln,
während andere die Nahrungsaufnahme oder die Fortpflanzung übernehmen.
Im Winter bei niedrigen Temperaturen ist das Nahrungsangebot geringer,
aber auch der Stoffwechsel verlangsamt. Der Tod einzelner Zellen bedeutet
nicht den Tod des ganzen Schwammes.

Für unsere Süsswasserfische ist die Situation etwas komplizierter.
Wenn der Sauerstoffgehalt im See zu gering wird, ersticken die Fische oder
werden durch Schwefelwasserstoff vergiftet, der bei dem anaeroben Abbau
organischen Materials entsteht. Viele Taucher haben bestimmt schon diesen
fauligen Geruch bei Tauchgängen in überdüngten, sauerstoffarmen
Gewässer wahrgenommen. Wir Taucher können uns diesem Nervengift
entziehen, die im See befindlichen Lebewesen aber nicht.

Glücklicherweise ist der Vinkeveenser See aber nicht in dieser
Situation. Hier können noch Hechte zu einigermaßen beachtlicher
Größe heranwachsen. Dieser Hecht hat wohl inzwischen eine beachtliche
Länge von einem Meter erreicht. Damit ist er an die Spitze der Nahrungspyramide
im See gerückt. Daß er sich dieser Position bewusst ist, konnten
wir daran merken, daß er vor Tauchern nur sehr wenig Scheu zeigt.
Die einzige Gefahr die ihm hier droht, sind Angler und unsichtbare Umweltgifte.

Bei genauer Betrachtung dieses Hechts kann man den besonders stark gewölbten
Magen erkennen. Der Hecht hat wohl vor gar nicht so langer Zeit Beute geschlagen
und sie noch nicht vollständig verdaut. Im Wasser befindliche Schadstoffe
reichern sich von einer Stufe der Nahrungspyramide zur Nächsten an.
Angefangen von Mikroorganismen, über carnivore Zooplankter, pelagische
Friedfische und pelagische Raubfische werden diese Umweltgifte immer weiter
im Körpergewebe angereichert, bis sie irgendwann auf einer Stufe der
Nahrungskette schädliche Konzentrationen erreichen. Der Hecht hat
also hier im See, als Repräsentant der Spitze der Nahrungspyramide,
die höchste Konzentration von Umweltgiften im Körper.


Im kalten, klaren Wasser haben wir jahreszeitlich bedingt die seltene
Chance, relativ große Partien des Wracks zu überblicken. Durch
die kurzen Wintertage bedingte geringere Sonneneinstrahlung und die geringere
Wassertemperatur ist die Aktivität der Primärproduzenten herabgesetzt.
Allgemeinverständlich ausgedrückt bedeutet dies, daß Algen
und Phytoplankton kaum Photosynthese betreiben und dadurch weniger Biomasse
erzeugen. Als Taucher erkennen wir diese Situation am verhältnismäßig
klaren Wasser im See. Da Phytoplankton als Primärproduzent am Anfang
der Nahrungskette steht, hat bei wenig vorhanden Primärproduzenten
der Rest der Nahrungskette kaum Nahrung. Dies ist die Situation, die wir
im Winter in unseren See vorfinden.

Um dem Nahrungsmangel im Winter zu entgehen, müssen Fische Energie
einsparen, indem sie so wenig wie möglich davon verbrauchen. Deswegen
sehen wir bei unseren winterlichen Tauchgängen viele Fische nahezu
bewegungslos auf dem Seegrund ruhen. Alleine die langsame Bewegung der
Kiemen verrät uns, daß der Fisch noch am Leben ist.
Produzieren, fressen und gefressen werden sind die Regeln, welche auch
in unseren heimischen Gewässern eine wichtige Rolle spielen und die
Nahrungskette am laufen halten. Grundlage der Nahrungskette ist aber auch
die Reproduktion der Arten. Der erste Akt findet meist im Frühling
mit der Partnerwahl, der Paarung und der Produktion von Nachkommen statt.
Wir wollen versuchen im nächsten Monat diesen Lebensabschnitt genauer
zu beobachten. |