Das hätte einer werden können…
Von Olaf WillÓ
Viel zu oft liest man über Tauchunfälle. Traurige Wahrheit
ist, dass wir zur Zeit (Juni 2000) schon die Gesamtzahl der Tauchunfälle
im vergangenen Jahr überschritten haben, und dabei ist gerade mal
das halbe Jahr um.
Tauchunfälle gibt es nicht nur in Deutschland, sondern immer wieder
auch im Urlaub. Nicht jede Notlage muss aber zu einem Unfall rühren.
Darum möchte ich einen Bericht über ein Erlebnis auf den Malediven
beisteuern. Diesmal also kein Bericht aus der Sparte "Tauchunfälle",
sondern aus der Sparte "es hätte durchaus einer werden können".
Eine kleine Anmerkung: Auf die Nennung der Basis und anderer Namen verzichte
ich, denn es hätte überall genauso laufen können. Der betreffende
Tauchlehrer ist nicht mehr für diese Basis tätig.
Anfang dieses Jahres flog ich auf die Malediven, im Handgepäck
meine bisherige Erfahrung am Roten Meer, aber auch aus Deutschland und
Österreich, sowie ein PADI Advanced Open Water-Brevet. Der dritte
Tauchgang, mein 49. insgesamt, führte mich an die "Maldive Victory",
ein Wrack, das direkt an der Flughafeninsel liegt. Ich freute mich natürlich,
auch auf den Malediven mal wieder ein Wrack betauchen zu können. Frühmorgens
ging es von der Basis aus los, denn die Fahrt zur "Victory" dauerte
ein ganzes Weilchen.
Nachdem wir angekommen waren, gab es ein wirklich ausführliches
und gutes Briefing. Die Guides erklärten, wo man sich beim Abtauchen
zu sammeln hätte, von wo aus man im Notfall auftauchen könnte
und dass sich am Ankerseil auf fünf Metern eine Flasche mit Lungenautomat
befinden würde. Die Taucher, es werden so um die 18 gewesen sein,
sollten in drei Gruppen ins Wasser gehen. Mit jeder Gruppe tauchte ein
Tauchlehrer. Ich erwischte mit meinem Buddy die erste Gruppe, und wir gingen
als erstes Buddy-Team ins Wasser. Wie es auf Urlaubsbasen leider oft ist:
Es war mein erster Tauchgang mit diesem Buddy. Das richtet sich nicht gegen
die Basenleitung, schließlich war es erst mein dritter Tauchgang,
seit ich angekommen war.
Also ab ins Wasser und die Leine gegriffen. Wer schon einmal an der
"Victory" getaucht ist, weiß, wie stark die Strömung
an dieser Stelle sein kann. Ich hatte noch nicht viel Erfahrung mit Strömung
und war doch reichlich beeindruckt. Wir hangelten uns also am Seil zu der
Boje, die am Mast des Wracks verankert war und von der aus wir abtauchen
sollten. Mein Buddy ging voraus, ich hangelte mich mit dem Kopf voran die
Leiter am Mast hinunter. Unten angekommen, suchten wir uns eine unbewachsene
Stelle, an der wir uns festhalten konnten. Dort warteten wir ein ganzes
Weilchen, da die anderen Buddy-Teams nur langsam eintrudelten. Sie waren
wohl von der Strömung genauso überrascht wie ich. Selbst auf
dieser Tiefe, etwa 25 Meter, bot das Wrack nur einen kleinen Strömungsschatten.
Nach einiger Zeit – es werden so etwa fünf Minuten gewesen sein
– kamen dann auch die anderen Teams inklusive Guide zu uns herunter. Der
Guide war hinter der Gruppe geblieben, so dass er reagieren konnte, falls
einer der Taucher abgetrieben worden wäre. Das fand ich sinnvoll,
denn auch ich hatte schon beim Abtauchen viel Luft verbraucht, weil ich
so starke Strömungen einfach nicht gewöhnt war. Nun setzte sich
der Guide an die Spitze der Gruppe, und wir begannen den eigentlichen Tauchgang.
Natürlich drangen wir dabei auch in das Wrack ein. Sicher, einige
höre ich jetzt rufen "Dafür braucht man eine spezielle Ausbildung!",
aber auf welcher Basis wird das wirklich so gehandhabt? Abgesehen davon
ergaben sich im Wrack absolut keine Probleme, weder für mich, noch
für die anderen Taucher.
Ich setzte mich nun an das Ende der Gruppe, weil ich es, gerade im Wrack,
nicht ausstehen kann, wenn die Leute vor mir für den Geschmack der
Leute hinter mir nicht genug Tempo machen und ich das Gefühl habe,
dass mich von hinten einer durch das Wrack drücken will.
Wir schauten uns ein Weilchen das Innere der "Victory" an,
tauchten durch verschiedene Luken. Alles ging in gemächlichem Tempo
vor sich. Bei der letzten Luke brauchte mein Buddy etwas länger, an
sich ja kein Problem, beim Tauchen soll sich ja niemand hetzen. Danach
muss er allerdings reichlich am Tempo gezogen haben, ich war ihm dabei
offensichtlich egal. Denn als ich durch die Luke kam, sah ich niemanden
mehr – nicht einmal aufsteigende Luftblasen.
Na, nicht so schlimm, dachte ich mir, denn durch das Briefing wusste
ich ja, wo ich war. Also tauchte ich durch die nächsterreichbare Luke
aus dem Wrack heraus und fand mich auf den Brückenaufbauten wieder.
Hier wollte ich warten, ob ich die anderen Taucher wiederfinden würde,
und das aus zwei Gründen. Zum einen musste die Gruppe nun langsam
auch aus dem Wrack herauskommen, zum anderen führte von der Brücke
aus eine Leine zur Ankerboje, so dass ich von hier aus problemlos hätte
aufsteigen können, falls ich die anderen nicht wiedergefunden hätte.
Hier wollte ich also eine Minute warten und danach meinen Aufstieg beginnen.
Mein Luftvorrat machte dies auch langsam, aber sicher nötig; ich werde
zu dieser Zeit noch etwa 70 bar in der Flasche gehabt haben. Kurz bevor
die Minute abgelaufen war, sah ich von unten Blasen zu mir aufsteigen.
Ich lehnte mich also über das Brückengeländer und sah unseren
Guide. Durch meinen Tankbanger machte ich auf mich aufmerksam. Als er mich
sah, zeigte ich ihm an, dass ich noch 50 bar in der Flasche hatte und meinen
Aufstieg beginnen wollte. Es mögen noch etwa 60 bar gewesen sein,
aber es hätte sich nicht gelohnt, den Tauchgang mit 10 bar fortzusetzen,
zumal wir mit 10-Liter-Flaschen tauchten. Von hier an laufen die Geschichten
auseinander.
Er sagt, er habe mir das OK zu meinem Aufstieg gegeben. Ich sage, er
hat mir das Zeichen gegeben, ihm zu folgen. Ich folgte ihm also und tauchte
mit ihm Richtung Mast ab. Dort gab er mir zu verstehen, dass noch zwei
andere Taucher mit mir auftauchen sollten. Warum hat er mir dieses Zeichen
gegeben, wenn er mir angeblich das OK zu meinem Aufstieg schon gegeben
hatte? Wäre dem so gewesen, hätte er mich doch direkt am Mast
nach oben schicken müssen. Ich wartete also auf die beiden, mit denen
ich auftauchen sollte. Allmählich wurde ich nervös, denn ich
erinnerte mich an die Strömung, die über dem Wrack herrschte.
Und 50 bar Reserve in einer 10er sind eben doch weniger als 50 bar in einer
15er, mit denen ich sonst tauche. Nach einer Ewigkeit – so kam es mir jedenfalls
vor – gab mir der Guide dann auch zu verstehen, dass die zwei nun da seien
und wir unseren Aufsteig beginnen sollten. Ich gab ihnen also das Zeichen
zum Aufstieg und fragte nach dem OK. Interessiert hat sie – es war ein
Ehepaar – das nicht sonderlich. Sie begannen mit ihrem Aufstieg, ich zähneknirschend
hinterher, weil Disziplin unter Wasser für mich zum Tauchsport einfach
dazu gehört.
Die Zahl auf der Druckanzeige meines Computers hatte mittlerweile eine
drei vorne. All das trug natürlich nicht zu meiner Beruhigung bei.
Ich tauchte den beiden hinterher, es kam natürlich, wie es kommen
musste: Als ich ungefähr mittig am Mast war, "kollidierte"
ich mit der Gruppe, die nach uns ins Wasser gehen sollte. Es ging weder
vor noch zurück, da wohl alle meinten, es ginge nur an der Leiter
nach unten. Der Guide der anderen Gruppe kam noch auf mich zu, fragte mich,
ob alles in Ordnung sei. Ich zeigte ihm meinen Aladin Air, der mittlerweile
überhaupt keinen Druck mehr anzeigte. Was diesen Guide auch nicht
wirklich interessierte. Ich hangelte mich also an der Gruppe vorbei und
hoffte, noch vernünftig an die Oberfläche zu kommen. Von meinen
neuen "Buddies", die mit mir aufsteigen sollten, war natürlich
weit und breit nichts mehr zu sehen. Also solo ist der Mann…
Als ich langsam an der Leine aufstieg, etwa auf 15 Metern, merkte ich,
wie mein Regler allmählich blockierte. Also beschleunigte ich meinen
Aufstieg, um die Flasche auf fünf Metern zu erreichen und dort Meinen
Sicherheitsstop durchführen zu können. Immerhin liegt die "Victory"
auf 28 Metern, und da ich, vorsichtig gesagt,
nie Model für Bademoden sein werde, ist mir mein Sicherheitsstop heilig.
An der Flasche angekommen, stellte ich fest, dass die Luftzufuhr zu
war. Hatte ich ja im Briefing gehört, aber in diesem Moment hat es
mich doch sehr geärgert. Ich drehte also die Luft auf, wechselte den
Regler und beruhigte mich erst einmal. Nachdem die drei Minuten um waren,
drehte ich das Ventil zu und atmete den Automaten leer. Dann leitete ich
einen schwimmenden Notaufstieg ein, aus einer Tiefe von fünf Metern
eigentlich kein Problem, aber auch fünf Meter können einem im
Fall der Fälle sehr lang vorkommen. Auf meinen Regler verzichtete
ich, denn wer einmal aus einem so gut wie leeren Regler geatmet hat, weiß,
was das für ein mieses Gefühl ist.
Ich tauchte nicht gerade auf, sondern folgte der Leine, was die Distanz
auf etwa zwölf bis 15 Meter anwachsen ließ. Als ich mich der
Oberfläche näherte, sah ich meine "Buddies" an der
Leine dümpeln. Ich habe in diesem Moment nicht realisiert, dass sie
an der Oberfläche waren, sondern ich schlug mir mit der Handkante
gegen die Kehle: "Habe keine Luft mehr". Wiederum zwar interessierte
Blicke, aber bei keinem der beiden ging die Hand zum Octopus. Also schnappte
ich mir den nächsterreichbaren und begann, daraus zu atmen. Klappte
wunderbar, keine Anzeichen, dass die Flasche leer war. Warum hatten mich
diese "Buddies" also hängen lassen? Wollten sie vielleicht
noch schnell ein bisschen Sonne tanken, die ihnen sonst entgangen wäre?
Das werde ich wohl nie erfahren.
Ich kletterte also aufs Boot und rödelte mich ab. Ein Blick auf
meinen Computer: Maximale Tiefe 28,9 Meter, Grundzeit 24 Minuten. Das spricht
sicher nicht für meinen Luftverbrauch, aber darauf sollte sich ein
guter Guide einstellen können. Dieser kam dann irgendwann grinsend
auf das Boot. Nicht, dass er uns mal gefragt hätte, ob alles OK sei.
Erstmal rödelte er ab und meinte dabei grinsend, dass es das erste
Mal sei, dass er den Regler von seiner Flasche kriegt, ohne vorher das
Ventil zuzudrehen und den Druck abzulassen. Übrigens, für die
Lästerer unter Euch: Es war ein CMAS-TL…
Ich will hier niemandem etwas in die Schuhe schieben, keinen für
irgendetwas verantwortlich machen. Mir ist nur durch diesen Beinahe-Unfall
einiges klar geworden:
Verlass dich auf jemanden, und du bist verlassen. Das mag sehr nach
Macho oder ähnlich klingen, aber so ist es nicht gemeint. Im Urlaub
kann man sich definitiv nicht auf seinen so genannten Buddy verlassen.
Wunderbar, wenn man es trotzdem kann. Aber seit diesem Tauchgang tauche
ich von der inneren Einstellung her solo. Der Buddy ist der, mit dem ich
ins Wasser gehe und dem ich im Notfall helfen können muss. Aber ich
verlasse mich keinesfalls darauf, von ihm Hilfe zu erhalten. Gleich zwei
Beispiele bei diesem Tauchgang belegen dieses Argument. Bei dem Buddy,
mit dem ihr hier pro Woche zweimal in den See springt, sieht die Sache
wenig anders aus. So fit und gut die Leute sind, verlassen würde ich
mich auf sie nie. Aber für positive Überraschungen bin ich immer
offen.
Plane den Tauchgang, tauche deinen Plan. Wäre das Briefing nicht
so gut gewesen, hätte ich alt ausgesehen. Ich hätte vielleicht
den Ausstieg nicht gefunden, und über das, was danach hätte passieren
können, möchte ich nicht unbedingt nachdenken. Natürlich
hilft das beste Briefing auch nur dann, wenn man auch zuhört. Das
habe ich auch vorher getan, aber jetzt spitze ich die Ohren noch mehr.
Diveguides sind keine Götter. Ich hätte an der Leine von der
Brücke aus auftauchen sollen. Lieber eine ordentliche Ansprache auf
dem Boot, aber es wäre meiner Meinung nach das bessere Vorgehen gewesen.
Bei solchen Ereignissen merkt man, ob man für den Tauchsport geeignet
ist. Ich war sicherlich sehr nervös, und es zirkulierte sicherlich
auch eine ganze Menge Adrenalin in meinem Kreislauf. Aber wenn man dann
noch die richtigen Zeichen gibt, ohne dem Buddy gleich den Octopus aus
der Hand zu reißen, ist man auf dem richtigen Weg. So blöd es
klingen mag, das ist der Spruch, der mir aus meinem PADI-Open Water Kurs
am besten in Erinnerung geblieben ist: Beruhige
Dich, denke nach, dann handle.
Auch wenn mich manche jetzt für vollständig verrückt
erklären: Den Tauchgang am Nachmittag habe ich mitgemacht. Meiner
Ansicht nach muss man gleich wieder rauf aufs Pferd, wenn man runtergefallen
ist. Das gilt aber nur für mich, bei anderen Leuten sei von der Rosskur
unbedingt abgeraten.
Schlussendlich: Bin ich jetzt ein besserer Taucher? Meiner Ansicht nach
ja. Ein guter Freund von mir hat es mal so gesagt: "Good Judgement
comes from experience. Experience comes from bad judgement." Etwa:
"Urteilsfähigkeit erhält man durch Erfahrung. Erfahrung
erhält man durch schlechte Urteilsfähigkeit."
In diesem Sinne wünsche ich euch einigermaßen schlechte Erfahrungen,
denn ein Taucher mit 500 Tauchgängen und keinem einzigen Notfall hat
nicht die Erfahrung eines Tauchers mit 100 Tauchgängen und vier oder
fünf Notfällen. Trotzdem noch schöne Tauchgänge ohne
gravierende Zwischenfälle…