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Onlinemagazin - 3. Ausgabe - Dekokrankheit und Barotrauma




 Geschrieben von Jessica und Herbert

Von Jessica Brühl und Herbert Gfrörer ©

Während der Austauchphase können zwei schwer wiegende Unfallereignisse auftreten, vor denen man bereits in den ersten Stunden des Tauchkurses gewarnt wird: Der Lungenüberdruckunfall (Lungenbarotrauma) sowie die Dekompressionskrankheit (DCS). Letztere gilt als die Taucherkrankheit schlechthin, obwohl längst nicht nur Taucher, sondern auch Überdruckarbeiter und Flugpersonal daran erkranken können.

Definition und Symptome

Deko-Unfälle treten ausschließlich bei einem schnellen Wechsel von einem höheren zu einem niedrigeren Umgebungsdruck auf, wie z.B. in der Austauchphase.

Die DCS (decompression sickness) wird in zwei Stadien unterteilt:

DCS Typ I: Leichtere Symptome, die meist die großen Gelenke,die Haut und die Muskeln betreffen, also die langsamen Gewebe. Typisch sind durch Mikroembolien verursachte Rötungen, so genannte "Taucherflöhe". Sie können bis zu 24 Stunden nach dem Tauchgang auftreten. Das häufigste Symptom – bereits seit der Jahrhundertwende durch Erfahrungen mit Tauchglockenarbeitern ("Caisson") bekannt – sind so genannte "Bends, stechende Gelenkschmerzen (Knie, Schultern, Hüfte), die ebenfalls noch Stunden nach dem Tauchgang auftreten können.

Die Behandlung wird wie bei den anderen DCS-Formen mit hyperbarem Sauerstoff durchgeführt (Druckkammerbehandlung mit O2-Gabe). DCS Typ I, auch wenn nur mit leichteren Symptomen, darf auf keinen Fall unterschätzt werden. Eine Druckkammerbehandlung sollte unter allen Umständen erfolgen, da die vermehrte Abgabe von Stickstoffbläschen dazu führen kann, dass sich doch noch die schwerere Form – DCS Typ II – entwickelt..

DCS Typ II: Schwere Symptomatik, die besonders das zentrale Nervensystem (die schnelleren Gewebe) und die Atmung betrifft, Ausfälle (z.B. Lähmungen) hervorruft und zum Tode führen kann. Sie tritt in der Regel innerhalb der ersten Stunde nach dem Tauchgang auf. Störungen der Atmung machen sich durch atemabhängige, brennende, stechenden Schmerzen hinter dem Brustbein bemerkbar, "Chokes" genannt. Infolge dieser Schmerzen verflacht die Atmung, was wiederum zu einem Mangel an Sauerstoff im Gewebe und zum Schock führen kann.

Als weitere Komplikation kann die arterielle Gasembolie (AGE) auftreten. Dabei vereinigen sich viele Stickstoff-Mikroblasen an einer Gefäßverengung (wie z.B. einer Gabelung) zu einer großen Blase und blockieren die Blutversorgung des dahinter liegenden Organs. Besonders viele kleinste Blutgefäße versorgen Lunge, Herz und Gehirn. Deshalb betrifft eine AGE meist diese Organe. Die Symptome sind die gleichen wie bei Lungenembolie, Herzinfarkt oder Schlaganfall, nur dass der Auslöser kein Blutgerinnsel ist. Das ist aber auch der einzige Unterschied!

Relativ häufig bilden sich Gasblasen im Rückenmark. Sie unterbrechen die Nervenleitung zu tiefer liegenden Versorgungsgebieten und lösen eine Querschnittslähmung aus (im schlimmsten Falle des gesamten Körpers). Zusätzlich oder auch nur als Einzelsymptom, können die Nerven geschädigt werden, die für das Tastempfinden zuständig sind. Wärme- und Schmerzreizweiterleitung können so dauerhaft zerstört werden. Ebenso kann es zu Störungen im Harnblasen- und Darmbereich sowie bei den Sexualorganen kommen.

Relativ selten passiert es, dass Stickstoffbläschen Fettzellen zum Zerreißen bringen. Die so freigesetzten Fetttröpfchen können in die Blutbahn eingeschwemmt werden und verursachen dann eine Fettembolie mit den gleichen Auswirkungen, wie oben unter AGE beschrieben.

Tatsache ist, dass nach jedem (!) Tauchgang und beim Aufstieg in höhere Regionen (Flug; Anfahrt zum Bergsee), auch bei ordnungsgemäßem Tauchgangsverlauf, Mikroblasen entstehen. Diese werden in die Blutbahn eingeschwemmt und gelangen über den Kreislauf in die Lungenkapillaren. Wird eine bestimmte Menge nicht überschritten, treten keine pulmonaren Symptome auf, und der Stickstoff wird ohne weitere Folge für den Körper abgeatmet. Bei zunehmender Blasenlast oder bei Vorliegen eines offenen Foramen ovale (einen Loch in der Herzscheidewand, siehe auch den dazu erschienenen Artikel) stellen diese Blasen aber eine potentielle Emboliequelle dar.

Folgende Arten einer AGE werden unterschieden:

  • Barotrauma der Lunge mit Einschwemmen von Mikroblasen in die Lungenkapillaren.
  • "Normale" venöse Gasembolie nach einem TG (normaler Entsättigungsvorgang). Durch ein offenes Foramen ovale (auch Rechts-links-Shunt genannt) treten Mikroblasen aus dem venösen Kreislauf in den arteriellen Kreislauf über.
  • Massive venöse Gasembolie nach extremen Druckverlusten (z.B. langer Tauchgang auf großer Tiefe, jedoch direkter Aufstieg).
  • Bildung von Mikroblasen im arteriellen Blut bei sehr schnellem Aufstieg aus Tiefen über 40 m.

Ein Problem in der Diagnose und Behandlung einer DCS besteht darin, dass viele (einige Quellen sprechen von mindestens der Hälfte) der betroffenen Taucher keinen offensichtlichen Regelverstoß begangen haben. Der Grund liegt darin, dass Austauchtabellen und Computer nur Durchschnittswerte liefern und Risikofaktoren nicht berücksichtigen. Diese sind u.a.:

  • Rauchen
  • Anstrengung während des Tauchgangs
  • Dehydration
  • Alkohol
  • Kälte
  • Höhenexposition (Bergseetauchen ,besonders ohne Adaptionszeit, Fliegen, Passfahrten)
  • Erhöhter Körperfettgehalt durch Übergewicht
  • Offenes Foramen ovale des Herzens
  • Sonstige vorher durchgemachte Krankheiten

Beachte: Extremes Non-Limit Tauchen, ohne Ruhetage zur Entsättigung der Körpergewebe, muss ebenfalls als Risikofaktor für DCS angesehen werden. Nach drei bis vier Tagen mit jeweils drei Tauchgängen sollte zur Sicherheit ein tauchfreier Tag eingelegt werden. Natürlich ist auch hier die individuelle Konstitution (siehe oben) ein ausschlaggebender Faktor.

Das Lungenbarotrauma entsteht aufgrund von Druckschwankungen in der Lunge. Während der Druckreduktion in der Austauchphase dehnt sich (nach dem Gesetz von Boyle-Mariotte) die Luft in der Lunge aus. Der Aufstieg muss entsprechend langsam erfolgen, damit die expandierende Atemluft adäquat entweichen kann. Geschieht dies nicht, baut sich in der Lunge ein Überdruck auf, der zu einem Riss der Lungenbläschen führen kann. Diese Gefahr ist besonders in den ersten zehn Metern Wassertiefe gegeben und kann durchaus schon ab einem Meter Wassertiefe auftreten.

Das Risiko eines Lungenüberdruckunfalls ist besonders bei drei Risikogruppen gegeben:

  • Anfänger, die beim Auftauchen die Luft anhalten, womöglich vorher noch tief eingeatmet haben.
  • Taucher in Panik, gleich welche Ursache diese hatte, die mit angehaltener Luft schnell auftauchen.
  • Raucher, Allergiker, Asthmatiker, deren Bronchialsystem z.B. durch Sekrete verengt und deren Lungengewebe nicht mehr so elastisch ist.

Die Symptome eines Lungenbarotraumas treten innerhalb der ersten zehn Minuten nach Erreichen der Wasseroberfläche auf. Zeichen der Lungenschädigung können Husten, Bluthusten, Atemnot und stechende Brustschmerzen sein. Eine zusätzliche Folge kann der Lungenriss sein, gefolgt von einem so genannten Mediastinalemphysem. Dabei tritt Umgebungs-/Atemluft in das Gewebe im Brustkorb und unter die Haut ein. Weil zwischen den Lungenflügeln nicht nur das Herz liegt, sondern auch große Blutgefäße verlaufen, die das Hirn versorgen, kann es wieder zur einer AGE kommen, die besonders das Gehirn betrifft. Bewusstseinsstörungen, Krämpfe und Halbseitenlähmung können die Folge sein.

Behandlung

Wie bei jedem schwer wiegenden Unfall steht die Überwachung/Wiederherstellung der Vitalfunktionen an erster Stelle! Folgendes Vorgehen kann empfohlen werden:

  • Reanimation bei Herz-Kreislauf-Stillstand
  • Blutstillung bei offenen Verletzungen
  • Kälteschutz
  • Notruf
  • Gabe von 100 % Sauerstoff bis zum Eintreffen des Notarztes (die Gabe von O2 kann unter allen Umständen erfolgen!!!)
  • Aufschreiben der Tauchgangsdaten für den Notarzt, Sicherstellen der Ausrüstung, besonders des Computers

Ein Notfallprotokoll sollte folgende Daten enthalten:

  • Angaben zur Person (Name, Alter etc.)
  • Tauchgangsart (Tiefe, Anstrengung, Wiederholungstauchgang, sonstige bekannte Risiken)
  • In welcher Tiefe passierte der Unfall, Art des Unfalls
  • Zeit des Unfalls
  • Zeugen/Buddies
  • War der Verunfallte bewusstlos (wie lange), wurde reanimiert oder hatte er einen längeren Herz-Kreislauf-Stillstand?
  • Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen wurden bisher durchgeführt?
  • Adresse von Verwandten

Sowohl die DCS als auch die AGE bedürfen einer schnellen Rekompressionstherapie unter Sauerstoffzuführung. Eine nasse Rekompression birgt zu viele Risiken und wird heute nicht mehr empfohlen.

Beim Transport zur Druckkammer sollte keine weitere Druckreduktion stattfinden. Ein Transport mit der Flugrettung sollte deshalb unterhalb von 300 m stattfinden oder in Fluggeräten, die einen Innendruck von 1 Bar erzeugen können (in der Kabine eines normalen Linienflugzeugs herrschen nur 0,75 Bar).

Die frühzeitige Gabe von Sauerstoff (O2), schon vor Eintreffen des Notarztes wird dringend empfohlen. Grund hierfür ist nicht nur die bessere O2-Versorgung der Organe, sondern auch der Stopp des Gasblasenwachstums und der beschleunigte Stickstoffabbau, bedingt durch das höhere Gasdruckgefälle zwischen dem sauerstoffreichen Blut und den stickstoffgesättigten Geweben (man spricht von Ausschwemmen).

Für den Laien werden eine Reihe von verschiedenen Sauerstoff-Koffern angeboten. Eine maximale Sauerstoffversorgung des Patienten kann nur bei eng anliegender Atemmaske und unter Verwendung von Demand- oder halb geschlossenen Systemen erreicht werden.

Ergänzend dazu muss der Flüssigkeitshaushalt ausgeglichen werden, idealerweise mit einer Infusion. Aber auch das Einflößen von (nicht alkoholischen und koffeinfreien) Getränken in möglichst großer Menge (wenn der Arzt länger auf sich warten lässt) ist als unterstützende Maßnahme zu empfehlen.

Die Lagerung eines Patienten mit Verdacht auf DCS/AGE sollte flach liegend erfolgen, mit leichter Anhebung des Kopfes (sofern der Patient bei Bewusstsein ist und auf dem Rücken liegend atmen kann). Dies vermindert die Gefahr des Aufsteigens von Gasblasen in das Gehirn und somit ein Anschwellen des Hirngewebes (Hirnödem).

Schlussfolgerung

  • Der Tauchgangsverlauf muss nicht immer Hinweise auf das Vorliegen einer DCS/AGE liefern.
  • Eine Druckkammertherapie muss sofort eingeleitet werden.
  • Als Erstmaßnahmen sind Sauerstoffgabe und Flüssigkeitszufuhr empfohlen.

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