Zwei erste Stufen - warum und wie?
Von Olaf Will ©
Für alte Hasen im Tauchsport sicher kein Thema mehr: Im kalten
Wasser sollten es zwei erste Stufen sein, nicht nur eine. Wenn die Ausbildung
aber zum Beispiel im Urlaub stattfindet, ist der Taucher nicht unbedingt
mit diesem Faktum vertraut. Daher möchte ich hier noch einmal kurz
darlegen, warum zwei getrennte erste Stufen sinnvoll sind, wie das Ganze
funktioniert und wie eine sinnvolle Konfiguration zweier erster Stufen
aussieht. Die altgedienten Taucher werden hier kaum Neues finden, der Artikel
richtet sich eher an die Anfänger und Urlaubstaucher unter uns.
Der Hintergrund
Mit zwei ersten Stufen taucht man aus Gründen der Redundanz. Dieser
Begriff besagt einfach, dass von allen wichtigen Ausrüstungsteilen
mindestens zwei vorhanden sein sollten, falls bei einem ein technischer
Defekt auftritt. Im Bereich des Tech-Diving wird dieses Vorgehen noch ausgeweitet,
zum Beispiel auf Masken oder Computer. Ein anderes Beispiel ist die Backup-Lampe
bei Nachtauchgängen. Fällt die erste Lampe aus, ist immer noch
eine zweite zur Hand, um zumindest die Instrument ablesen und sicher aufsteigen
zu können.
Warum sollte man nun aber in kalten Gewässern mit zwei ersten Stufen
tauchen, wo es im Urlaub doch auch niemand oder kaum einer tut? Die Antwort
heißt "Vereisung".
Im kalten Wasser muss die erste Stufe mehr leisten als im warmen Wasser
des Roten Meers oder der Malediven, weil die Atemfrequenz höher ist.
Dann kann es dazu kommen, dass sich bei den hiesigen Temperaturen an und
in der ersten Stufe Eis bildet, wenn Wasser eindringt und erkaltet. Das
liegt daran, dass sich Luft beim Ausdehnen stark abkühlt und beim
Zusammenziehen erhitzt. Fasst einfach mal nach dem Füllen am Kompressor
eure Flasche an. So viel, wie sie beim Füllen an Wärme aufnimmt,
so viel gibt sie wieder ab, wenn die Luft entweicht - und wird entsprechend
kalt.
Wenn die erste Stufe vereist, kann sie ihrer Funktion als Druckminderer
nicht mehr nachkommen. Dem Taucher schießt also ein ungebremster
Luftstrom in den Rachen, der Lungeautomat bläst ab. Das ist nicht
nur unangenehm, sondern auch gefährlich. Nicht nur, weil die Flasche
innerhalb kurzer Zeit leer wird, sondern auch, weil es leicht zu Angst
oder gar Panik kommen kann. Wie kann man also vorbeugen?
Die Praxis
Die Antwort heißt, wie schon erwähnt, zwei erste Stufen.
Gibt die erste den Geist auf bzw. vereist, ist die zweite erste Stufe noch
voll funktionsfähig. Wenn der Buddy das Ventil der vereisten ersten
Stufe zudreht, kann man aus der zweiten ersten Stufe beruhigt weiteratmen
und ohne zusätzlichen Stress den Tauchgang sicher beenden.
Dafür ist natürlich eine besondere Konfiguration notwendig.
Auch wenn das jetzt kompliziert klingen mag, die Praxis ist simpel, wenn
man sie einmal durchschaut hat. Um jetzt nicht immer von zwei ersten Stufen
schreiben zu müssen: Der Automat, aus dem ihr normalerweise atmet,
heißt im Jargon Hauptautomat, der Backup-Automat Zweitautomat. Also,
wie baut man das Ganze zusammen?
Am Hauptautomat hängt eine zweite Stufe, und das war es eigentlich
schon. Denn der Hauptautomat muss mit der Atmung den Löwenanteil der
Arbeit leisten. Am Zweitautomaten hängt ebenfalls eine zweite Stufe,
hinzu kommt der Inflatorschlauch für das Jacket. Damit muss die erste
Stufe nicht die Luft für Atmung und Tarieren liefern, bei Vereisung
steht der Inflator immer noch zur Verfügung, und ihr müsst das
Jacket nicht mit dem Mund aufblasen.
Dazu kommt ein Finimeter, das ebenfalls am Zweitautomaten hängt,
damit man auch bei ausgefallenem Hauptautomaten noch den Luftvorrat kontrollieren
kann. Wer möchte, kann natürlich auch an den Hauptautomaten ein
Finimeter hängen, dieses dann aber zusätzlich zum obligatorischen
Finimeter am Zweitautomaten. Für den, der mit einem Trockenanzug taucht,
stellt sich dann noch die Frage, an welchen Automaten man den Inflator
des Anzugs anschließt: natürlich an den Zweitautomaten. Wenn
ihr mit dem Maulschlüssel nicht so vertraut seid, hilft man euch in
einem guten Fachgeschäft beim Zusammenbau gern weiter.
Es dauert sicherlich ein bisschen, bis ihr die für euch optimale
Konfiguration gefunden habt, aber danach werdet ihr euch in eurem Gerödel
pudelwohl fühlen.
Noch Fragen?
Na klar: Was für Atemregler soll ich mir denn nun zulegen? Natürlich
ist die Wahl der Marke jedem selbst überlassen. Grundsätzlich
sollte aber der Zweitautomat mindestens so hochwertig sein wie der Hauptautomat
oder sogar hochwertiger. Warum? Wie gesagt, hängt der Inflator am
Zweitautomaten, unter anderem, um den Hauptautomaten zu entlasten. Wenn
nun der Fall der Fälle eintritt und der Hauptautomat vereist, muss
der Zweitautomat nun das tun, was der Hauptautomat nicht sollte: Luft für
die Atmung und die Tarierung liefern. Ergo hat er jetzt mehr Arbeit, als
dem eigentlichen Hauptautomaten zugedacht war, wobei ein unter Umständen
höherer Luftverbrauch wegen Stress noch dazu kommt.
Deswegen ist es nicht damit getan, einen Billigregler als Zweitautomaten
zu nehmen, denn der könnte im Ernstfall ein Sicherheitsrisiko darstellen.
Ebenfalls gilt: Im kalten Süsswasser lieber eine membran- als eine
kolbengesteuerte erste Stufe. Dies liegt einfach daran, dass in eine erste
Stufe mit Kolben bauartbedingt Wasser eindringen kann und soll. Bei einer
ersten Stufe mit Membran passiert das nicht, daher ist sie "von Haus
aus" besser gegen eine äußere Vereisung geschützt.
Wer viel im kalten Wasser taucht, kann sich außerdem überlegen,
ob nicht die Investition in ein Kaltwasser-Kit sinnvoll ist. Dieses schützt
die erste Stufe dann noch besser gegen eine Vereisung.
Ein weiterer Punkt: Zumindest beim Zweitautomaten ist es sinnvoll, wenn
die zweite Stufe beidseitig atembar ist, so dass der Schlauch auch von
links kommen kann. Dann könnt ihr nämlich eine zweite Stufe auf
der rechten und eine auf der linken Seite tragen. Das ist in der Praxis
angenehmer und sorgt für weniger Schlauch-Verwirrung an den ersten
Stufen.
Schließlich ist da noch die Füllanlage, die hat nämlich
auch etwas mit Vereisung zu tun - wenn sie schlecht gewartet ist und die
Filter nichts mehr taugen. Dann gelangt nämlich fechte Luft in die
Flasche, wandert in die erste Stufe und kann dort für Vereisung, in
diesem Fall innere Vereisung, sorgen.
Noch ein Wort…
Zwei erste Stufen an sich stellen schon einen beachtlichen Sicherheitszuwachs
dar. Aber wie bei allem im Tauchsport: Der Taucher macht's. Übt also
den Umgang mit zwei ersten Stufen, zum Beispiel, wie die Ventile zugedreht
werden. Und vergewissert euch, welcher der Automaten bei eurem Buddy wo
an der Flasche angeschlossen ist. Wenn ihr im Ernstfall den Zweitautomaten
zudreht (das ist schneller passiert, als einem lieb ist), wird euch euer
Tauchpartner nicht unbedingt mit Dank überschütten.
Auch zwei erste Stufen sollten euch nicht davon abhalten, zu üben,
wie man aus einem abblasenden Lungenautomaten atmet (s.o.). Ich weiß,
ihr habt es schon oft gehört, trotzdem: Üben, üben, üben…