Angeregt durch einen Artikel im "Sporttaucher", entschlossen
wir uns, mal eine Druckkammerfahrt der besonderen Art durchzuführen:
Eine Fahrt auf 70m, wobei die letzten ca. 2m Naß durchgeführt wurden.
Wo hat man sonst dazu die Gelegenheit, wo die meisten Druckkammern mit Sporttauchern
nicht so tief gehen wollen. Wie wir ja wissen, ist die Einwirkung des Stickstoffs
im Wasser stärker als unter Luft. Warum, dies ist noch nicht hinreichend
erklärt. Ich (Michael) hatte ja schon einige Fahrten unternommen,
auch in Berlin, wo auch Naß gefahren wurde(die letzten 10m), allerdings nur bis
50m und im warmen Wasser. Bisher wollte sich eine rechte Wirkung nie so
recht einstellen. Bei der Fa. Haux sind die Bedingungen nicht so optimal, was die Wirkung eines Tiefenrauschs noch begünstigt.
Diesmal also das ganze mit Trockigerödel und im kalten
Wasser (ca. 8 Grad).
Dieses Seminar wird ein- bis zweimal im Jahr bei der Fa. Haux in Karlsbad-Ittersbach zusammen mit dem hessischen Tauchsportverband durchgeführt. Wir
nahmen am 4. und 5.4.2003 teil.
Ausrichter: WSV Großkrotzenburg e.V. - Tauchsportabteilung NEPTUN
Seminarleiter: Frank Ostheimer (
ostheimer@htsv.de)
Kosten: 160 Euro
Teilnehmerzahl: max. 16
Voraussetzung: CMAS **, mit mind. 30 TG in den letzten 12 Monaten (Nachweis
durch Logbuch), Tauchtauglichkeit nicht älter als 12 Monate (unabhängig
vom Alter)
Die Voraussetzungen und eine gewisse Erfahrung auch mit Deko-TG und
über die Ausbildung hinausgehendes Wissen ist meiner Meinung zum Verständnis
der Theorie und sicheren Durchführung der TG erforderlich.
Das Seminar erstreckt sich über Freitagnachmittag und Teile des
Samstags.
Wir kamen Freitagmittag in Karlsbad-Ittersbach an und erhielten eine
kleine Einführung in den Seminarablauf. Anschließend hielt der technische
Leiter der Firma Haux (selbst seit Jahren Taucher und Deko-Guru) einen
sehr informativen und fundierten Vortrag über die Grundlagen der Atmung
unter Überdruck,das Verhalten von Gasen unter Überdruck sowie den Ablauf
des simulierten Tauchgangs auf 70 m.
Der Tauchgang und auch andere TG`s wurden mit Hilfe eines Dekoplanungsprogrammes
durchgespielt.Dabei wurde auf die unterschiedlichen Auf- und Entsättigungen
eingegangen. Anschließend wurde der Ablauf der Druckkammerfahrt erläutert und wurden die
nötigen Sicherheitshinweise gegeben. Im Anschluß gab es interessante
Informationen zu Unfällen in Druckkammern und der größten Gefahr
--- nämlich der eines Druckkammerbrandes bei O2-Atmung und dessen Auslöser. Als man
hörte, durch was die Brände ausgelöst wurden, konnte man
nur den Kopf schütteln (z.B. Feuerzeug). Nicht ganz ermunternd
waren die Bilder von einer ausgebrannten Druckkammer. Ganz genau wurde
auf die Sauerstoffdekompression eingegangen. Fragen konnten gestellt
werden und wurden vom Referenten souverän beantwortet.
Nach dieser Theorie konnten wir uns verschiedene Druckkammern bei der
Fertigung und Reparatur anschauen. Wir waren sehr erstaunt, daß so
viel in Handarbeit gemacht wurde. Zu Preisen, was diese Kammern kosten,
gab`s leider keine Info`s :-)
Anschließend wurden die Gruppen für die Druckkammerfahrten während
des nächsten Tages eingeteilt. Persönliche Wünsche bezüglich
der Gruppenzusammenstellung und Grundzeit wurden berücksichtigt. Man konnte
zwischen 15 und 20 Minuten Grundzeit auf 70 m wählen. Die 15 Minuten
wurden allerdings hauptsächlich von den Naß- und HT-Tauchern gewählt,
da die gesamte Zeit mit 70 Minuten doch deutlich kürzer war. Die meisten
entschieden sich für 20 Minuten, was einer Gesamtzeit von ca. 90 Minuten
entsprach (Auch wir). Da zum Vergleich (wie wir im Sporttaucher
gelesen hatten) kein Trimix zur Verfügung stand, fragten wir an, ob wir unser eigenes Gemisch mitbringen konnten. Das durften wir
auch. Wir wurden jedoch gebeten, pro Person nicht länger als 1 Minute daraus
zu atmen, wegen der veränderten Dekompression.
Anschließend gab es einen Vortrag eines GTÜM-Arztes über
Saurstoffgiftigkeit und Stickstoffnarkose. Dieser Vortrag enthielt
für mich nur wenig Neues. Auch hat mir der Aufbau nicht so ganz
gut gefallen. Bei einigen Dingen sprach doch der Mediziner und die Folien
hätten meiner Meinung nach etwas verständlicher sein können
(mit weniger Fremdwörtern). Vielleicht spricht da ja auch die Lehrerin
für Krankenpflege? :-) Aber wenn ich mir da einige ** von unserm Verein
mit deutlich weniger medizinischem Hintergrundwissen vorstelle, hätten
sie gewisse Probleme gehabt. Der Vortrag wurde an Hand eines roten Fadens
gut durchgezogen. Bei manchen Fragen hätte ich mir etwas mehr Abschweifung
gewünscht :-)
Abends übernachteten dann einige Teilnehmer im recht teuren "Landhotel
Adler" und man ging zumindest gemeinsam essen.
Samstag war dann um 8 Uhr Treffen angesagt. Eine Gruppe bediente unter
Aufsicht die Druckkammer, eine richtete ihre Sachen, die andere war in der
Druckkammer. War schon interessant, mal unter Aufsicht die Kammer zu bedienen
und die anderen Gruppen auf Tiefe zu beobachten.
Um in die Druckkammer zu kommen, mußte man durch einen engen Einstieg
krabbeln, was mit Trocki gar nicht so einfach war :-) Wir gaben unser Tauchzeug
rein und machten uns größtenteils fertig. Der Abstieg auf Tiefe dauerte
ca. sieben Minuten. Während dieser Zeit war man fast nur mit Druckausgleich
beschäftigt (unter Luft viel mehr, als wenn man im Wasser taucht).
Während des Abstiegs wurde es recht warm (ca.25 Grad). Da sich die
Luft allmählich abkühlte, wurde es beim Hochfahren ziemlich kalt,
die Temperatur sank dabei bis auf nahe Null Grad! Die Wassertemperatur
in dem kleinen 2m tiefen Becken war um die 8 Grad. Wir gingen in 2- 3 er
Gruppen ins Wasser, so dass jede Gruppe ca. 7 Minuten Zeit im Wasser hatte.
Mehr Taucher paßten eigentlich nicht rein.
Ein paar Erfahrungen/Meinungen/Beobachtungen von Teilnehmern:
Michael: Wir waren 12 Personen, alle tiefenerfahren mit zig Tauchgängen
>50m teilw. bis 90m. Am Vorabend diskutierten wir mit dem Doc über
die Auswirkungen von Alkohol und Stickstoff unter erhöhtem Druck.
Gern, da auch gerade das Bier schmeckte, erklärte ich mich für
einen Test bereit ;-) Ich konsumierte an diesem Vorabend der Fahrt ca.
3l Bier und hatte ca. 6 Stunden Schlaf. Mit für mich drastischen
Folgen ;-)))
ALLE hatten einen deftigen Tiefenrausch! Alle glaubten, voll dabei zu
sein, aber die Videos sprachen Bände ;-) Nach 10 Minuten brach bei
jeder Gruppe das Chaos aus. Bei der Besprechung sagten alle einhellig,
dass ihnen die Hälfte der Wahrnehmung verloren gegangen ist, dies
erkannten sie allerdings erst später. Ich hielt mich, wie gesagt,
bisher für Tiefenrauschresistent... Die ersten zehn Minuten waren
tatsächlich, trotz Alk völlig OK, dann ging`s los...
Ich hatte eine zehn Liter-Pulle dabei, Dank Aircon-Ventil ;-) nur 60
Bar auf der Pulle. Ich dachte, das reicht für ein paar Minuten. Hätte
es auch, nur, plötzlich war die Pulle leer, ich dachte sch....e, kann
doch nicht sein, noch`n Zug, wieder nix. Ich war sauer ohne Ende auf meine
Pulle, tauche auf und klettere hinaus. Das Zeichen, daß ich eh hätte
raus sein müssen, hatte ich nicht wahr genommen. Ich habe niemanden
in der Druckkammer wahr genommen. Ich war in dem Glauben, noch Tauchen
zu dürfen und suchte wie ein Verückter nach einer Pulle, um wieder
reingehen zu dürfen. Ich habe mich aufgeführt, wie ein Idiot.
Tobend, maulend, stolpernd und lallend. Bis dato war ich in dem Glauben,
völlig klar zu sein! Ich fand dann auch eine Flasche und sprang wieder
ins Wasser. Da ging dann richtig die Post ab. Ich fühlte mich, wie
nach einer halben Kiste Bier. Schwindel, Nebel, völlige Eintrübung
des Bewußtseins. Da erst merkte ich, daß ich völlig zu war und sah
zu, daß ich aus dem Wasser kam. Erst da setzte mein Notfallmanagement
ein!
Bei einem echten TG hätte ich wahrscheinlich nicht mehr die Zeit
gehabt, eine sichere Tiefe aufzusuchen und wäre hops gegangen.
Mein Fazit: Nichts gegen einen kurzen Abstieg...
Aber da wo Entscheidungen gefragt sind, ein längerer Aufenthalt
eingeplant ist, sollte ab ca. 40m ein entsprechendes Gemisch verwandt werden.
Die ersten Einschränkungen der Wahrnehmung werden nicht bemerkt.
Bei der Wahrnehmung von Symptomen bleiben vielleicht noch zwei Minuten. In
diesem Zeitraum sollte eine "sichere" Tiefe aufgesucht werden
können. Ach ja, von wegen Alkohol ;-) Tauchen und Alkohol vertragen
sich wirklich nicht ;-)
Annerose:
Ich war bei der Druckkammerfahrt in Michael`s Gruppe. Zu meiner
allgemeinen Verfassung an dem Tag muß ich sagen, dass ich ziemlich unausgeschlafen
war. Von vorherigen tieferen TG`s weiß ich genau, daß dies ein Faktor
ist, der bei mir die Tiefenrauschsymptomatik früher einsetzen lässt.
Die Symptome des Tiefenrausches setzten bei mir ziemlich schlagartig
ein und ich fühlte mich ziemlich weggetreten. (schon außerhalb des
Wassers) Meine Wahrnehmung war ziemlich eingeschränkt. Ich konnte
aber noch mit meinem Mann diskutieren :-) Obwohl ich es früher als
sonst gesteckt habe :-) Was ich genau merkte, daß ich die Situation durch
gewisse Automatismen (die durch viele TG`s sich entwickelt haben) unter
Kontrolle hatte. Ich habe den TG auf Grund eines gewissen Chaos UW abgebrochen
und habe mich kurz draußen hingesetzt. (Ähem, dies ist Anneroses
Erinnerung, uns stellte es etwas anders dar ;-) Denn da war noch kein Chaos;-)
Michael). Da wir uns zum Vergleich eine Pulle Trimix mitgenommen haben,
habe ich dann Trimix geatmet. Und siehe, da wurde ich wieder klar (Tiefe
mit Trimix entsprach etwa 53m). Ich konnte also zu meinem großen Vergnügen
Michael beobachten :-) Er kam wütend aus dem Wasser, schimpfte auf
die leere Pulle, atmete ein bisschen Trimix, schimpfte, atmete Trimix....
Dazu eine göttliche Mimik (:-))) und meinte immer er wäre ganz
klar. Dann schnappte er sich eine andere Flasche und tauchte wieder ab.
Erst als er das zweite Mal hochkam, meinte er, bin ich dicht....
Michael und mein Mann haben beide auch aus der Trimixflasche geatmet
und spürten keinen Unterschied. Ich spekuliere mal :-)
- bei meinem Mann weiss ich daß bei ihm tiefenrauschähnliche Symptome
bei entsprechenden Bedingungen viel früher einsetzen, als bei mir
- bei Michael denke ich, der Vorabend :-)
Einen TG in dieser Tiefe mit dieser Grundzeit hätte ich schon viel
früher abgebrochen bzw. nur mit Trimix gemacht.
Weitere Aspekte, die wir von dem Seminar für uns mitnehmen:
- Tiefenrausch ist eine ganz individuelle Geschichte, die bei jedem anders
abläuft. Es spielen ganz ganz viele Dinge (Schlaf, Alkohol, Psyche...)
eine Rolle.
- Die Symptome können bei längerem Verweilen auf der Tiefe
recht schlagartig auftreten.
- Eigentlich haben wir bei jeder Gruppe ein Chaos beobachtet.
- Symptome lassen sich durch Automatismen, soweit vorhanden, in der Regel
händeln.
- Ein tiefer TG in diesen Regionen kann nur ein gemeinsamer Solo-TG zweier
Solotaucher sein. Ich rechne mir die Wahrscheinlichkeit, mich selbst wieder
aus akzeptablen Tiefen sicher hoch zu bringen, recht hoch aus. Bei meinem
Buddy habe ich ganz große Zweifel (beim aufeinander achten wurde vieles
nicht gemerkt. Wir waren zum Teil zu viert im Wasser, obwohl nur 2-3 unten
hätten sein sollen....)
- Alle sprachen von einem total fehlendem Zeitgefühl. Die Wahrnehmung
war bei allen eingeschränkt
Wir könnten hier noch seitenweise von Beobachtungen unserer Gruppe
und der anderen Gruppen schreiben, aber dies soll ja kein Roman werden....
:-))
Nach der Grundzeit ging`s wieder nach oben und wir tauschten unsere
ersten Erfahrungen aus. Es war schon recht schattig in der feuchten Kammer
und man war froh um seinen Trocki bzw. die HT-Taucher um die Kleider zum
Umziehen. Wir beobachteten immer wieder unsere im Wassereimer liegenden
Computer und verglichen die Zeiten des Computers mit der ausgerechneten
Zeit mit O2. Die O2 Deko wurde ab 12 m mit Masken durchgeführt und
zog sich schon recht lange hin :-(( Ab 3m gingen die Computer in den Schmollmodus
und hörten noch lange nach dem TG nicht auf zu piepsen. Da der Compi
am nächsten Tag immer noch schmollte, mußten wir eben ohne ihn im
See tauchen gehen... :-)
Nach Beendigung der Kammerfahrten, gab`s eine kleine Nachbesprechung
und gegen 14.30 Uhr war das Seminar beendet.
Was uns gut gefallen hat: - Einen Tiefenrausch selbst voll zu erleben.
Wir wissen jetzt wieder etwas mehr, auf was wir achten müssen, wenn
wir uns jenseits der 40 m herumtreiben :-) und dass wir sehr in uns hineinhören
sollten.
- Michael auf 70 m im Simulator zu beobachten. Ich schmunzle in Gedanken
immer noch :-))
Übrigens es gibt irgendwann ein Video: Angebote für Michaels
Mimik auf Video werden angenommen :-))))))))))))
- Der Vergleich Trimix/Luft
- Der Vortrag von Haux
- Besichtigung der Firma Haux
Was uns nicht gefallen hat: - In der Ausschreibung stand von Mischgastauchen
bzw. alternative Atemgase. Dazu kam eigentlich nix. Wäre ein Bereich,
der unserer Meinung unbedingt dazu gehört hätte. Denn wenn ich
den Tauchern den Tiefenrausch zeige, sollten auch Alternativen etwas ausführlicher
aufgezeigt werden.
- Trimix Flasche als Vergleich für alle Gruppen. Wir hatten das
Glück, einen Rest einer Flasche Helium zu Hause stehen zu haben, nicht
weit weg zu wohnen und noch mal schnell mixen zu können.
- Beendigung des Seminars max. 1 h nach der letzten Fahrt. Nach einer
Fahrt von mir bzw. andern auf 50 m in andern Kammern, war immer eine Zwangsanwesenheit
von ca. 2 h erforderlich. Wir bekamen zwar die Nummern der Referenten,
aber was hätten sie am Telefon gemacht, wenn wir uns mit Symptomen
gemeldet hätten? Vor allem, da die O2-Gabe ja nicht der Sicherheit
diente, sondern zur Verkürzung der Deko-Phase! Die Wartezeit hätten
wir ja gut damit überbrücken können:
- Wir hätten uns auszugsweise gewünscht, Teile eines Videos
über den tiefen Aufenthalt in der Gruppe anzusehen und mal die Beobachtungen
der Einzelnen zu vergleichen.