| © 2003 Stefan Baehr & Oliver Meise
Wie wir schon in unserer vorletzten
Ausgabe des TN-Onlinemagazins angekündigt hatten, möchten
wir hier ein bestimmtes Wrack vorstellen. Wir konnten Stefan Baehr dafür
gewinnen, dies für uns zu tun. Diese Beschreibung ist annähernd
die gleiche wie in seinem Diveguide Dorset Multimedial. Den meisten
Tauchern ist Stefan Baehr, von Zuhause aus ein auf CAD spezialisierter
Maschinenbauingenieur, bekannt als Autor des Tauchführers "Wracktauchen
in der Ostsee" und gefragter Unterwasserfotograf. Als solcher lichtete
er für den Stern bereits die 1945 in der Ostsee versenkte Wilhelm
Gustloff ab und bebilderte Tauchberichte in namhaften Zeitschriften
wzB. dem Spiegel, Focus und vielen mehr. Der Diveguide Dorset ist
sein neuestes Projekt und wird wie auch noch hoffentlich viele andere Tauchreiseführer
von seinem Verlag Pixelvalue herausgegeben.
Wer also bei seiner Wrackbeschreibung Appetit auf "Meer" bekommen hat und
auch noch die restlichen 18 interessantesten Wracks vor der ca. 120km langen
Küsten zwischen Poole und Lyme Regis kennenlernen will, beachte bitte,
daß die Sytemvoraussetzungen für diesen Tauchguide auf CD ein
Pentium-PC von mindestens 90 Mhz und ein Arbeitsspeicher von mindestens
32 MB sind. Im weiteren muß die Grafikkarte mindestens 65.000 Farben
mit einer Auflösung von mindestens 800x600 Pixeln im 24bit True-Colur
- Modus darstellen können. Softwareseitig ist Windows 95 Mindestvoraussetzung.
Damit dürften die meisten heute existierenden PCs diese CD ohne Probleme
verdauen können. Da man bei dieser CD kein Programm auf der Festplatte
installieren muß, um den Inhalt zu genießen, reicht bei deaktiviertem
Autostart idR. im Windows-Explorer ein Doppelklick auf die Datei intro.exe
um
den Guide zu starten. Die Wracks auf der CD sind - genau wie Land und Leute
vor Ort - nicht nur mit Text beschrieben, sondern auch mit Hilfe von insgesamt
250 Bildern grafisch ansprechend dargestellt. Außerdem sind diese
Wrackbeschreibungen sämtlich mit einer netten Wrackskizze versehen, so
daß man sich eine räumliche Gesamtvorstellung vom Wrack machen
kann. Steht man mehr auf gedrucktes, kann man sich einen kleinen Tauchführer
zum mitnehmen ausdrucken. Eine nette Funktion ist auch, daß man sich
zu jedem Wrack eine extra Logbuchseite herstellen kann, um es so besonders
in Erinnerung zu behalten..
Bei dem Wrack das Stefan Baehr hier für uns vorstellt, handelt
es sich um eine konstruktive Kopfgeburt - wie sie eben gelegentlich
beim Militär vorkommt. Der erste Admiral der Royal Navy - Lord Jackie
Fisher - schlug nämlich im August 1915, das war mitten im 1. Weltkrieg,
dem Ersten Seelord - Lord Balfour - vor, doch ein U-Boot zu konstruieren, mit
dem man sehr nahe an ein Ziel herantauchen könne, um es dann überraschend
mit überschweren Granaten zu bekämpfen. In dieses U-Boot sollten
die über 60t schweren 12inch Kaliber 40 Mk IX-Geschütze aus den
alten ausgemusterten Schlachtschiffen der Majestic-Klasse eingebaut werden.
Ein "normaler" Konstrukteur, der sowas vorgeschlagen hätte, wäre
sicherlich sofort davongejagt worden! Aber bei den beiden oe. Personen
handelte es sich um die beiden ranghöchsten und einflußreichsten
Personen in der Royal Navy....
Und so wurde begonnen, was eigentlich von Anfang an als eine im Prinzip
nicht sinnvolle Konstruktion angesehen werden muß. Die einzige logische
Rechtfertigung hierfür war, daß zu diesem Zeitpunkt die britischen
Torpedos scheinbar eine noch zu geringe Reichweite und Zuverlässigkeit
hatten. Die britische Artillerie, auch die der Schlachtschiffe von der
Majestic-Klasse, war jedoch eine ausgereifte und bewährte Waffe. Und
so wurden die gerade begonnenen Bauten einiger U-Boote der K-Klasse eingestellt
- um nach neuen Plänen als die neue 1.960ts große M-Klasse weitergebaut
zu werden. Eines jener Boote,
HM S/M K 19, lag auf der Vickers-Werft
bei Barrow-in-Furness und wurde nun als HM S/M M2 fertiggebaut und
indienstgestellt. Nachdem im Jahre 1920 auch Großbritannien den Washingtoner
Abrüstungsvertrag unterzeichnete, mußten alle Geschütze
von einem Kaliber über acht Inch auf U-Booten entfernt werden. Und
so kam an Stelle des Geschützes ein Parnall Peto-Seeflugzeug samt
Hangar an Bord. M2 wurde somit zu einem der ersten Unterwasser-Flugzeugträger.
Doch überlassen wir hier dem Autor der folgenden Geschichte, Stefan
Baehr, das Wort...
Historisches
Diese ausgefallene Konstruktion wurde im Jahr 1918 gebaut. Zu diesem
Zeitpunkt war M2 noch ein beinahe normales, für damalige Verhältnisse
allerdings sehr großes U-Boot, mit einer gewaltigen 12 inch (30,48
cm) Kanone auf dem Vordeck. Bedingt durch diese überschwere Waffe
mußte der Schwerpunkt des Bootes relativ weit nach hinten verlagert
werden. Dies, sowie ein im Vergleich zu üblichen Unterseebooten längeres
Vordeck, machten das Boot besonders geeignet für einen im Jahr 1927
stattfindenden Umbau. Die Kanone wurde entfernt, dafür wurde vor dem
Turm ein kleiner, wasserdichter Hangar eingerichtet. Vor diesem Hangar
entstand ein Katapult, eine Art Schienensystem, auf dem ein kleines Wasserflugzeug
beschleunigt und gestartet werden konnte. Das Flugzeug konnte anschließend
mit seinen beiden Schwimmern auf dem Wasser landen, wurde von einem am
Turm angebrachten Kran auf die Schienen zurückgehoben und von dort
rückwärts in den Hangar geschoben. Solche Pläne muten sogar
heute noch sehr abenteuerlich an und sind es wohl auch.
Das große Hangartor war es schließlich, was allem Anschein
nach zum Verlust des U-Bootes führte. Man vermutet heute, daß
es nicht korrekt verschlossen war, als M2 am 26. Januar 1932 versuchte
zu tauchen. Durch das Fehlen des großen Luftvolumens des auf diese
Weise gefluteten Hangars muß das U-Boot regelrecht in die Tiefe gefallen
sein. So schnell, daß das Heck tief im Seeboden steckte, als man
es später fand. Verstärkend kam hinzu, daß M2 als
Ausgleich zu dem Hangarvolumen über etwas mehr Ballast als ein gewöhnliches
U-Boot verfügte.
Man versuchte zwar, M2 zu heben und so die Mannschaft, die sich
immer noch komplett an Bord befand, zu retten, jedoch stellte es zu dieser
Zeit ein Problem dar, ein Wrack überhaupt zu finden. Außerdem
war die Bucht auch schon im Jahr 1932 geradezu überfüllt mit
Wracks. Die Retter fanden zunächst 60 (!) andere Wracks, die jeweils
erst durch einen Tauchgang als Irrtum identifiziert werden konnten!
Das Boot hatte zwar für 48 Stunden Sauerstoff an Bord, aber die
verhältnismäßig wenig entwickelte Tauchtechnik dieser Zeit
und das schlechte Wetter zwangen die Rettungsschiffe schließlich
aufzugeben. So fanden 60 Seeleute den Tod. Zwei Seeleute konnten später
tot geborgen werden. Achtundfünfzig befinden sich somit noch an Bord.
Der Turm des Wracks ist daher von der Britischen Marine versiegelt worden.
Ein Eindringen in die eigentlichen Innenräume innerhalb des Druckkörpers
ist nicht möglich und auch nicht erlaubt.
Die ganze Bauweise dieses merkwürdigen Fahrzeuges ist eine Besonderheit. Wer
kann schon behaupten, an einem "Unterwasser-Flugzeugträger" getaucht
zu haben. Wer weiß denn schon, daß es so etwas überhaupt
einmal gegeben hat? Sie sehen schon: Die M2 darf in Ihrem Logbuch
keinesfalls fehlen.
Flora und Fauna
Das Wrack ist stellenweise wunderschön bewachsen. Besonders die
Ablaufroste seitlich im hinteren Turmbereich sind dicht mit weißen
Schwämmen überdeckt. Ab und zu begegnet man auch einigen grießgrämig
dreinschauenden Dorschen.
Sicherheitshinweise
Wie bei allen U-Bootwracks gibt es Probleme, das Wrack mit dem Grundgewicht
genau zu treffen. Die M2 liegt immerhin tiefer als 30m, man sollte
also schon einmal auf seine Nullzeit achten. Das Wrack ist tidenbedingt
nur zu bestimmten Tageszeiten zu betauchen. Vorher oder nachher bekommt
man einige Schwierigkeiten mit der in dieser gesamten Gegend so berüchtigten
Strömung.
Das Wrack ist sehr übersichtlich,durch seine markante Form fällt
die Orientierung sehr leicht.
Tips für Fotografen
Der Bereich um den Turm herum birgt die besten Möglichkeiten für
gute Fotos.Besonders die weiß bewachsenen Seiten im hinteren Turmbereich
wirken eindrucksvoll. Dadurch hat dieses Wrack auch für Makrofotografen
einen gewissen Reiz.
Der Tauchgang
Unsere noch etwas verschlafen wirkende Crew steht zu früher Stunde
auf dem Parkplatz vor Ian Parry´s Tauchshop in Portland, Südengland,
um die schon am Vorabend für uns gefüllten Flaschen auf die Fahrzeuge
zu verladen. Wir müssen zeitig an der Wrackposition sein, da dieser
Tauchplatz stark tidenabhängig ist und wir nur ein "Zeitfenster" von
etwa einer dreiviertel Stunde für den Tauchgang zur Verfügung
haben. Davor und danach macht die Tidenströmung jegliches Tauchen
unmöglich.
Das Wetter ist für unser Vorhaben ideal, die Sonne scheint und
die See ist sehr ruhig, so daß man es wagen kann, von Portland aus
zu der außerhalb der Landabdeckung liegenden M2 zu fahren.

Mit der Autum Dream, dem schnellen Halbgleiter von Len Hurdis,
ist die weite Fahrtstrecke kein Problem.

Len hat schon am Vortag eine Boje für uns setzen lassen. Das U-Bootwrack
ist sehr schmal und daher recht schwierig mit dem Bojengewicht zu treffen.
An der Position angekommen, heißt es erst einmal Warteschleifen
drehen, denn wir sind sehr früh dran und die Strömung ist noch
nicht zum Stillstand gekommen. Wir nutzen die Gelegenheit, um uns wirklich
bestens auf den Tauchgang vorzubereiten. Kurz bevor die Strömung steht,
müssen Paul und ich ins Wasser, um die verbleibende Zeit des "Slackwater"
optimal auszunutzen.
Um Zeit zu gewinnen, wollen Paul und ich schon ins Wasser, bevor die
Strömung restlos zum Stillstand gekommen ist. Damit das klappt, müssen
an Bord ein paar Leute mit äußerster Präzision zusammenarbeiten.
Paul und ich sitzen mit dem Rücken zum Wasser auf dem Bordrand und
warten auf das Kommando von Fran, der Frau unseres Skippers. Die Autum
Dream läuft die Wrackboje vom Strömungslee her an. Fran gibt
das Zeichen und Paul läßt sich rückwärts über
Bord kippen. Mit wenigen Sekunden Abstand folge ich nach. Ich bin am weitesten
in Luv von der Boje, brauche also am längsten, um sie zu erreichen.
In der Zwischenzeit hat sich Paul an die Bojenleine gehängt. Dank
Len's präzisem Ansteuern treibe ich ohne jede Anstrengung genau auf
die Beiden zu. Paul hält mich am Tauchgerät fest. Jetzt kommt
für alle die schwierigste Übung, die Übergabe der Kamera.
Len muß jetzt schräg gegen die leider immer noch heftige Strömung
anlaufen und so dicht an uns vorbeifahren, daß ich, von Paul gehalten,
die Kamera annehmen kann. Fällt uns die Kamera dabei aus den Händen,
ist sie unwiederbringlich verloren. Der Bug der Autum Dream schiebt
sich langsam heran, das Boot darf jetzt nur nicht zu langsam werden, sonst
ist es nicht mehr lenkbar! Mit der Hand gleite ich am Rumpf entlang, Dirk
beugt sich mit der Kamera von oben herab und - geschafft! Schnell klinke
ich meine Kamera an der in trüben oder extrem tiefen Gewässern
obligatorischen Sicherheitsleine ein und gelange mit Hilfe von Paul an
die Bojenleine.
Die M2 ist auch für mich etwas völlig neues, ist sie
doch das erste U-Bootwrack, das ich betauche. So bin ich sehr gespannt,
als ich mich an der Bojenleine entlang in die schwärzliche, blaugrüne
Tiefe gleiten lasse.

In 29 Metern können wir den langgestreckten schmalen Rumpf des
Unterseebootes schemenhaft unter uns erkennen. Die Bojenleine führt
uns genau zu dem scheunenartigen Hangar, der vor dem Turm angebracht und
sehr einfach zu betauchen ist.

Das große, heruntergeklappte Tor gewährt einen Blick in das
Innere. Wir belassen es bei einem kurzen Blick, denn wir wissen schon von
Kennern dieses Wracks, daß sich das Aufklärungsflugzeug des
U-Bootes nicht mehr an seinem Platz befindet.
Vor dem Hangar verläuft die Startrampe für den kleinen Doppeldecker
in Richtung auf den Bug. Im hinteren Bereich sieht sie schon etwas zerfleddert
aus, nach vorne hin bessert sich ihr Zustand.

Wären der Bewuchs und der Rost nicht, könnte man glauben, an
einem einsatzbereiten Unterseeboot zu tauchen. Wir kehren um, da uns die
Gegend um den Turm herum wesentlich mehr interessiert. Auf der Backbordseite
ist der Turm herrlich mit weißen Schwämmen bewachsen.

Neben dem Turm klafft ein Loch in dem röhrenförmigen Rumpf.
Paul leuchtet hinein, wer weiß, vielleicht hat einer der riesigen
Conger dieser Gegend hier ein Zuhause gefunden.

Leider Fehlanzeige. Die künstliche Höhle ist unbewohnt. Hinter
dem Turm befinden sich einige schwer zu identifizierende Schiffseinrichtungen
auf der Oberseite des Wracks.

Das Deck ist hier in einem etwas besseren Zustand als vor dem Hangar,
im Bereich der Startrampe. Ein Schwarm Bibs (Franzosendorsche) glotzt uns
mit gleichgültigen Augen an, als wollte man uns auf unsere Rolle als
kurzzeitige Gäste erinnern.

Ich würde mir gerne noch das Heck des U-Bootes ansehen, aber die
Zeit wird knapp. In ein paar Minuten wird der Gezeitenstrom sein ewiges
hin und her wieder aufnehmen, außerdem sind wir, gesättigt von
etlichen Tauchgängen in den Tagen davor, schon bedenklich nahe am
Ende unserer Nullzeit angelangt. Wir finden unsere Bojenleine auf Anhieb
wieder, kein Problem bei diesem sehr gut erhaltenen Wrack.
Wir kommen gerade noch an einer Dekopflicht vorbei, machen aber zur
Sicherheit noch einen längeren Stop in drei Metern. Mit einer allmählich
einsetzenden Strömung tauchen wir auf, um uns von Len mit seiner Autum
Dream einsammeln zu lassen.
Tauchen in England
In Großbritannien taucht man ein wenig anders, als auf dem Kontinent
gewohnt. So ist Pünktlichkeit und Disziplin bei der Einhaltung der
Tauchzeiten (Tidenkalender!) in einem Strömungsrevier oberstes Gebot.
Überhaupt wird Sicherheit bei britischen Tauchern sehr groß
geschrieben.

Das bemerkt man sofort, wenn man sich die Ausrüstung englischer
Taucher einmal genauer betrachtet. Zwei getrennte Systeme bei den Reglern
sind für Wracktaucher Standard. Als sinnvolles und teilweise vorgeschriebenes
Zubehör wird eine Reel mit einer aufblasbaren Boje (SMB) mitgeführt.
Kann man die Bojenleine aus irgendwelchen Gründen nicht erreichen,
läßt man die Boje an der Leine der Reel auftauchen. Die Bootsbesatzung
kann dann der an der Oberfläche treibenden SMB leicht folgen. Während
des Auftauchens spult man die Leine dann ganz einfach wieder auf.
Kaufen Sie ein solches Zubehör am besten vor Ort, es ist preiswerter
und meist auch funktionstüchtiger als das, was man hierzulande kennt.
Plant man also nun seinen Urlaub in der Grafschaft Dorset und möchte
dort tauchen, ist Stefans CD die kompakteste Informationsmöglichkeit
die es im Moment gibt. Sich Stefans Wrackführer zu besorgen ist also
sicher nichts verkehrtes. Das geht recht leicht
online
über Stefans eigene Homepage, man bekommt ihn aber auch im Buchhandel
wenn man denen die ISBN-Nummer nennt (3-936330-00-X). Der Wrackführer
erleichtert mit einer kleinen Sammlung von Tauchbasenanschriften, Links
und wichtigen Telefonnummern die Urlaubsvorbereitung und stimmt einen schön
auf das Tauchgebiet im Urlaubsort ein. Wer vor Ort Urlaub mit der Familie
macht und nur einige wenige Tauchgenehmigungen vom Familienrat in der Tasche
hat, braucht aber auch nicht zu darben. Auf Stefan`s CD sind viele alternative
Sportmöglichkeiten angegeben, genauso wie Hinweise auf Museen und
Sehenswürdigkeiten in der Umgebung.
PS:Pixelvalue.com hat uns informiert, daß es neuerdings unter Windows XP zu Startproblemen kommen kann. Diese sind jedoch sehr leicht zu beseitigen, indem man einen Link von der Startdatei auf den Desktop legt und unter "Eigenschaften" die Kompatibilität zu Windows 98/ME einstellt. Wie das genau geht, ist auf der FAQ - Seite von
Pixelvalue beschrieben.
|