© 2002 Oliver Meise
- Keine Gewährleistung -
Otto Normaltaucher taucht mit Preßluft. Da braucht man so einen
Atemschnuller und eine olle Preßluftpulle für. Damit taucht
es sich relativ gut und sicher. Nichtsdestotrotz geht die Entwicklung der
Tauchtechnik weiter und man sieht immer mehr Taucher zunächst Nitrox,
dann sogar Trimix oder Rebreather tauchen. Diese Errungenschaften ermöglichen
es einem, entweder kürzere Dekozeiten zu blubbern oder gefahrloser
größere Tauchtiefen aufzusuchen. Und was kommt als nächstes?
Am Horizont ist es düster und man hört es gelegentlich nur dumpf
rumpeln, was einen zwar etwas ahnen - aber nichts wissen läßt.
Das meiste Rumpeln kommt aus der militärischen Ecke, wofür man
aus offensichtlichen Gründen aber keine Erklärung bekommt. Lediglich
Filme wie "Abyss" mit dem Stichwort "Liquivent" lassen einen ahnen, was
eventuell hinter zugezogenen Vorhängen geschieht. Wie sieht aber die
Zukunft aus? Ich möchte an dieser Stelle zwei stark miteinander verwandte
"neue" Tauchsysteme vorstellen. Eines ist bereits einige Jahrzehnte alt
und kam nie so recht aus der Versenkung, das andere ist ein neueres "Abfallprodukt"
der Raumfahrtforschung, das Aufmerksamkeit und Förderung verdient.
Von dem älteren Tauchsystem berichtet interessanterweise das US-
Tauchmagazin Skin Diver im Juni 1967.Danach erfand ein gewisser
Jim Woodberry ein neuartiges Tauchgerät.
Der Knüller daran war: in der Flasche befand sich keine Preßluft,
sondern flüssige Luft!
Diese wurde über ein ausgeklügeltes System bei der Einatmung
gasförmig. Das neue Gerät ermöglichte so mit einer Füllung
Tauchzeiten von bis zu sechs Stunden in 30m Tiefe.
Das einsatzbereit 14,5kg wiegende Gerät hat Jim Woodberry dann
ohne Zwischenfälle 400 Stunden lang betaucht, mit maximalen Einsatztiefen
von 60m. Der Gerätepreis sollte bei 300 US-Dollar liegen, wogegen Tauchshops
für die Infrastruktur - wohl vor allem die Flüssiglufttankstelle -
jeweils 9.000 US-Dollar hätten investieren müssen.
Offensichtlich weckte dieses Gerät das Interesse der Kameraden
von der anderen Feldpostnummer so stark, daß sie einen Entwicklungsauftrag
an das Physikalisch-Technische Institut für niedrige Temperaturen
in Charkow vergaben. Ein Herr A. Pedorenko berichtet dann in der Ausgabe
46/1978 des Tauchmagazins Sportsmen-Podwodnik auch treulich,daß
ein derartiges Tauchgerät mit der Bezeichnung AK-3 entwickelt, patentiert
und anschließend auf der Allunionsausstellung mit zwei Silbermedaillen
und fünf Bronzemedaillen prämiert wurde.
Photo © 2001 Dr.
Dietmar Berndt
Bei dem in einsatzbereitem Zustand 24kg wiegenden Gerät handelt
es sich um eine Verfeinerung und Weiterentwicklung des Woodberry-Tauchapparates.
Das 68 x 35 x 14cm große AK-3 kann nämlich sowohl mit einem
normalen Luftgemisch wie auch mit einem Sauerstoff-Luftgemisch betrieben
werden.
Photo: Archiv Dr.
Dietmar Berndt
Die maximale Betriebstiefe im Luftbetrieb wird mit 45m angegeben; mit
einem EAN 60-Atemgas liegt sie nach russischen Angaben bei 39m (!).
Scheinbar wurden seinerzeit in der UdSSR die Naturgesetze in Bezug
auf Sauerstoffpartialdrücke und Sauerstofftoxizität vom Zentralkommitee
der KPdSU außer Kraft gesetzt :-)
Nimmt man mal die mittig angebrachten Verkleidungsbleche ab, hat das
AK-3 äußerlich viel Ähnlichkeit mit einem Preßluft-Doppelpack,
das mit einem Zweischlauchautomaten betrieben wird.

Dieses Doppelpack aus Edelstahl hat es aber im wahrsten Sinne des Wortes
"in sich". In jedem dieser Edelstahlflaschen rechts und links befindet
sich in einer stoßsicheren Konstruktion jeweils ein 5 Liter-Dewar.
Ein Dewar ist ein Spezialbehälter für extrem kalte Stoffe. In
Laboratorien finden Deware zB. als Behälter für Flüssigstickstoff
Verwendung. Auch in den beiden Dewars des "Doppelpacks" befindet sich
etwas sehr kaltes: das flüssige Atemgas. Denn dieses Atemgas ist nur
flüssig, wenn es auf eine bestimmte Temperatur heruntergekühlt
wird. Hier hat das Atemgas eine Temperatur von minus 190°C und strömt
dank eines Schwerkraftventils mit einem Arbeitsdruck von 0,58 MPa bzw.
5,8kp/cm² durch die Apparatur! Das hört sich irgendwie unpraktisch
an? Mit der gleichen Menge Gerödel auf dem Ast wie beim Preßlufttauchen
kann man aber mit dem AK-3 vier mal so lange tauchen! Das AK-3 ist nämlich
für einen Gasvorrat von 6.900L und einem Reservegasvorrat von 500L
berechnet. Sicher kann man mit größeren Dewars diese Tauchzeiten
noch weiter optimieren. Außerdem läßt sich das AK-3, anders
als die Preßluftgeräte, die oft ewig am Kompressor hängen,
in drei bis fünf Minuten befüllen. So gesehen sicherlich ein
Ausgleich für den Kälteaspekt. Zwar sieht das AK-3 aus wie ein
Doppelpack mit einem Zweischlauchregler, jedoch ist es mit einem einstufigen
Lungenautomaten ausgerüstet. Dieser hat einen Atemwiderstand von 500
Pa (50mm WS) bei einem Luftverbrauch von 155 Liter/min. Das runde Teil zwischen
den beiden Edelstahlbehältern ist der Atemregler des AK-3.
Photo © 2001 Dr.
Dietmar Berndt
Er verfügt über große Ventil- und Leitungsquerschnitte.Diese
messen mehr als 38mm². An diesen Druckregler ist der darunterliegende
Auftriebskompensator angeschlossen. Dieser ist seinerseits über einen
Wärmetauscher und den Verdampfer mit dem Atemgasvorrat verbunden. Letzterer
wird am Dewarboden über zwei wegen ihrer Schwere in die Flüssigphase
eintauchende Sammelrohre zugänglich.Jeder Dewar verfügt über ein solches Sammelrohr.Die Umsteuerung zwischen beiden Sammelrohren erfolgt durch ein lageabhängiges Schwerkraftventil.
Von der Konstruktion her ist also die Gasentnahme abhängig von
der Lage des Tauchers im Wasser. Dies funktioniert aber nur, solange die Dewars voll sind. Leeren sie sich aber bis zu einem gewissen Punkt, bei dem der
Atemwiderstand ansteigt, muß die Reserveschaltung bzw. das Zweiwegeventil
- hier in Bildmitte - aktiviert und in vertikaler Tauchlage aufgetaucht werden.
Photo © 2001 Dr.
Dietmar Berndt
Praktisch sieht die Handhabung so aus, daß zunächst das Zweiwegeventil
der Dewars geöffnet wird. Drückt man die Luftdusche der zweiten
Stufe, zieht man aus dem Dewar Flüssiggas in den Verdampfer. Das Verdampfen
erwärmt im Wärmetauscher das Atemgas und baut einen Druck von
ca. 0,5 bis 0,8 MPa bzw. 5 bis 8 kp/cm² auf.
Photo © 2001 Dr.
Dietmar Berndt
Nach 10 Minuten hat sich der Verdampfungsprozeß soweit entwickelt, daß
das Gerät betriebsbereit ist und das Zweiwegeventil wieder in die
Ausgangslage bewegt werden kann. Je länger das Füllen her ist, desto
kürzer braucht man für diese Vorbereitungshandlung. War beim
Woodberry-Gerät noch das Problem der kühlen Atemluft und entsprechenden
Dekompressionskomplikationen sowie das Problem des sofortigen Einsetzens
des Verdampfungsvorganges und folglich mangelnder Lagerbarkeit befüllter
Atemgeräte vorhanden, waren diese Probleme beim AK-3 weitgehend gelöst.
Der Wärmetauscher arbeitete zufriedenstellend und auch die Lagerbarkeit
hatte sich gegenüber dem Woodberry-Gerät erhöht.
Jedoch vor allem behinderte wohl der Mangel an Flüssiggas-Tankstellen
und die Lageabhängigkeit der Atemgaszufuhr bei Dewarleerung eine weitere
Verbreitung dieses Tauchgerätes.
Die Lösung dieser Probleme kam Anfang der neunziger Jahre in Form
eines "Abfallprodukts" des amerikanischen Raumfahrtprogramms. Zu diesem
gehören nämlich nicht nur Raketen und Astronauten, sondern auch
eine Menge Infrastruktur. Ein Bestandteil dieser Infrastruktur - nämlich
die Feuerwehr der Abschußrampen im KSC (John F. Kennedy Space Center)
in Florida - brauchte ein neues Atemgerät. Man verwendete zwar schon
Atemgeräte auf Flüssiggasbasis mit der Bezeichnung LAP (Liquid
Air Pack), jedoch waren diese zu klobig um zB. Astronauten aus einer brennenden
Raketenkapsel zu bergen. Die LAP`s hatten außerdem immer noch den
Nachteil des körperlageabhänigen (Nicht-)Funktionierens ab einer
gewissen Leerung der Flüssiggasbehälter. Die Abteilung
Treibstoffe
und Gase des KSC schrieb deshalb ein Projekt aus, das diese Probleme
in einer Neuentwicklung beheben sollte. Die Firma ADD (Aerospace Design
& Development Inc.) aus Boulder im Bundesstaat Colorado erhielt mit
dem Konzept von Dr. Harold L. Gier und Richard L. Jetley den Zuschlag und
entwickelte das SCAMP (SuperCritical Air Mobility Pack). Bei diesem Atemgerät
befindet sich der Atemgasvorrat nicht mehr in flüssiger Form in einem
entsprechenden Vorratsbehälter. Letzterer ist vielmehr mit einem Atemgasvorrat
in superkritischem Zustand gefüllt. Jeder von uns kann sich sicher
noch mit einigem Grübeln an den Physikunterricht in der Schule erinnern.
Da gab es die drei Aggregatzustände von Stoffen: Fest, flüssig
und gasförmig. "Superkritisch" ist gewissermaßen eine Art vierter
Aggregatzustand. Superkritische Luft ist fast so kalt, daß
sie flüssig ist.Sie steht gleichzeitig unter einem Druck, der über
über der kritischen Schwelle von 3,86MPa absolut liegt. Damit hat
superkritische Luft fast die gleiche Dichte wie Flüssigluft.
Dieser Zustand beglückt den Techniker mit einem Atemgas
das in einer Phase vorliegt und sich selbst so lange in den Abfluß
drückt bis der Vorrat des superkritischen Atemgases
verbraucht ist. Damit ist der Nachteil der Lageabhängigkeit bei zunehmender
Dewar-Leerung von LAPs überwunden. Obendrein hat die Konstruktion
jetzt auch noch recht handliche Ausmaße.
Die Aufwärmung und Abgabe des superkritischen Atemgases aus dem
Dewar funktioniert ähnlich wie beim AK-3. Zunächst einmal sorgt
ein Wärmetauscher im SCAMP dafür, daß Umgebungswärme
an den Dewar kommt und Atemgas aus dem Dewar ausströmt. Ein weiterer
Wärmetauscher im SCAMP wärmt dieses dann auf Umgebungstemperatur
auf. Dies wird von einer mit kleinen Kunststoffschläuchen durchzogenen
Weste unterstützt. Diese wird unter dem hitzeabweisenden Anzug der
Feuerwehrleute getragen. Durch die Schläuche strömt der Dewarinhalt
in seiner jeweiligen Form, gibt einerseits Kälte ab und nimmt andererseits die
Körper- bzw. Umgebungswärme auf. Dies stützt sowohl den
Prozeß des Wärmetauschs und dient gleichzeitig dem Feuerwehrmann,
der nun mit einem erträglicheren Klima unter seinem Feuerwehranzug
Brände bekämpfen kann. Beide Wärmetauscher sind mit einem
druckaktivierten Bypassventil verbunden und sorgen bei Arbeitstemperaturen
zwischen minus 40°C und plus 49°C dafür, daß das System
das Atemgas mit einem Druck von 5,17 MPa abslout und einer Flußrate
von zwischen 10 und 150 Liter/min liefert.
Außerdem ist man auch nicht mehr auf handmäßiges Umschütten
und Auffüllen des Dewar wie beim AK-3 angewiesen. ADD hat nämlich
auch gleich eine hochmobile "Zapfsäule" mitentwickelt. Die für
einen einstündigen Atemgasvorrat berechneten Deware der 11,3kg wiegenden
SCAMPs werden einfach wie Patronen in einem Füller ausgetauscht.
Der leere Dewar wird in ein Gerät gepfropft, das etwa so aussieht wie
ein mittelgroßer Kühlschrank und ist innerhalb von 5 Minuten
wieder aufgefüllt. Dieses Füllgerät ist, vereinfacht ausgedrückt,
eine Art Kompressor mit einem Flüssigstickstoffbad-Kühler. Damit
das ganze praktisch bleibt, braucht man zum Betrieb dieses Füllgeräts
lediglich einen Dewar mit flüssigem Stickstoff und eine Stromquelle
von unter 100 Watt Leistung. Das SCAMP gibt es auch noch in einer 2-Stunden-Version
die 15,8kg wiegt.
So weit so gut - für Feuerwehrleute.
Das SCAMP erregte schließlich auch die Aufmerksamkeit der Ausrüster
der Astronauten selbst.
Mit einigen Änderungen konnte das SCAMP nicht nur die Atemgasversorgung
von Astronauten in ihren Raumanzügen sicherstellen, sondern das Medium
als solches konnte gleichzeitig durch ein in den Raumanzug eingarbeites
Schlauchsystem fließen und den Astronauten vor der Hitze des Weltalls
schützen. Diese Neuerung wurde ua. im August 2000 in einem Vortrag
von Don Doerr von der NASA und J.R. Clarke, B.Shykoff und D.Warkander von
der NEDU (Navy Experimental Diving Unit) mit dem Titel "Superkritisches
Gas als Gasversorgung und Kühlmittel im Warmwassertauchen" auf der
4. Internationalen Konferenz zur Lebenserhaltungs- und Biosphärenwissenschaft
in Baltimore/USA publiziert.
Das Lyndon B. Johnson Space Center in Houston/Texas stellte dazu fest, daß Geräte dieser Art auch sehr gut für das konventionelle Tauchen
abgewandelt werden können. Don Doerr, der Leiter der Abteilung Biomedical
Engineering im Kennedy Space Center der NASA in Florida, änderte
dann auch eine SCAMP-Einheit zum Tauchen ohne Raumanzug ab. Erste Versuche
im Pool mit einer Vollgesichtsmaske waren erfolgreich.
Photo © 2003 Don Doerr
Auf dem folgenden Bild sieht man sehr schön den Dewar in der Mitte.
Anders als beim Feuerwehr-SCAMP hat die Tauchapplikation zwei sehr groß
dimensionierte Wärmetauscher-Spiralen. Hier sieht man sie rechts und
links des Dewars, wie sie die Kälte des Dewarinhalts an das Wasser
abgeben und dessen Wärme aufnehmen.
Photo © 2003 Don Doerr
Und so standen dann bald die nächsten Versuchsreihen im Freiwasser
an, wo im Jahre 1997 für drei Stunden in einer Tiefe von 25 Fuß bzw. 7,6m getaucht
wurde.
Photo © 2003 Don Doerr
Das SCAMP wurde in einer Weiterentwicklung aber nun auch Astronauten
in ihren Raumanzügen während ihres Unterwassertrainigs auf den
Rücken geschnallt und versah dort treulich seine Dienste. Es existieren
bereits einige durch die "Bruce Caldwell of Oceaneering Space
Systems" weiterentwickelte SCAMP-Geräte, die nicht nur den
Umstand nutzen, mit gleicher Flaschengröße vier mal so lange
wie mit Preßluftflaschen tauchen zu können, sondern auch über
eingebaute CO²-Absorptionssysteme wie Rebreather verfügen. Leider
auch hier wieder nur als Geräte für Astronauten im Weltall. Auch
die NEDU der US-Marine interessiert sich unter der Federführung von
Dr. Clarke für den SCAMP und testet ihn ausgiebig - wenn auch in Zusammenhang
mit dem flüssigkeitsgekühlten Raumanzug. Gegenwärtig stehen
jedoch wieder einige Testreihen an, in denen Don Doerr die Nur-Tauchvariante
des SCAMP weiteren Prüfungen unterziehen wird. Man darf gespannt sein!
Unser Dank für die Bereitstellung seiner Photos sowie Materialien
zum Tauchgerät AK-3 geht an Dr. Dietmar Berndt von Förderkreis
Sporttauchen.Vielen Dank!
Furthermore we want to express our warm "Thanks!!" to Mr. Don Doerr,
Chief of the Biomedical Engineering Department at Kennedy Space Center/NASA,
for taking some time to answer our curious questions and finally for his
kind donation of some photos of the new SCAMP as diving application! We
wish him tons of success in the further development and will hopefully
be able to write more about the diving SCAMP!
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