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Onlinemagazin - 32. Ausgabe - Der Incident Pit




 Geschrieben von Andreas

Der Incident Pit

Sicherheit beim Tauchen:

von Andreas Nowotny

Ein Tauchgang: Jana, Clemens und Arndt beschließen, einen Wrack-TG auf 40m zu machen. Es ist der zweite TG an diesem Wrack und der insgesamt dritte während einer Tour in dieser Buddykonstellation. Um die Grundzeit möglichst hoch zu halten wird ausgemacht, sich nach einem kurzen Check auf 5m mit maximaler Geschwindigkeit (da keiner Druckausgleichprobleme hat) am Bojenseil abwärts gleiten zu lassen.

Nach entsprechender Tauchgangsplanung fangen die drei Buddies an, sich anzurödeln. Nachdem alle in Ihre Trockis gestiegen sind, ziehen sich Jana und Arndt mit großer Geschwindigkeit an, während es bei Clemens noch etwas dauert. Jana und Arndt beschließen sich zu checken und im Wasser zu warten, um nicht zu sehr ins Schwitzen zu kommen. Nach ein paar Minuten folgt ihnen Clemens, sie begeben sich zur Boje und tauchen ab. Wie vereinbart fragen sie auf 5m noch mal ab, ob alles OK ist und lassen sich dann am Seil in die Tiefe fallen.

Arndt taucht am schnellsten ab, zusammen folgen ihm Jana und Clemens. Auf 15m gibt Clemens Jana ein Zeichen, daß etwas nicht stimmt, aber dann gibt er ihr das OK-Signal und bedeutet ihr, daß Jana und Arndt weitertauchen sollen. Er bremst den Abstieg durch Aufblasen seines Jackets und beginnt dann auf 20m mit dem Aufstieg. Jana versucht mit der Lampe die Aufmerksamkeit von Arndt zu erregen, der zu diesem Zeitpunkt ca. 2 ½ m unter ihr ist und weiter fällt. Bis Arndt reagiert, gebremst hat und den Aufstieg einleitet, ist er auf 25,5m, Jana ist auf 23m und Clemens auf 18m. Auf 17m holen die beiden Clemens ein und begleiten ihn bis zu einer Tiefe von 12m. Dort befinden sich Taucher, die gerade beim Austauchen sind. Jana übergibt Clemens an den Führer dieser Tauchgruppe und kehrt, nachdem sie sich vergewissert hat, daß mit Clemens alles in Ordnung ist, mit Arndt wieder um. Gemeinsam vollenden sie den TG, der ohne weitere Probleme abläuft.

Profile


Auf den ersten Blick ein Tauchgang, wie er in der Praxis oft vorkommt: vom ursprünglichen Plan abweichend, mit kleineren unvorhergesehenen Vorkommnissen, aber scheinbar ohne größere Probleme. Also ein Tauchgang, den man vielleicht unter „suboptimal gelaufen“ ins Logbuch einträgt und dann wieder vergißt.

Auf den zweiten Blick ist dieser Tauchgang ein gutes Beispiel für den sogenannten „Incident Pit“, eine unter Umständen fatale Anhäufung kleinerer Zwischenfälle.

Während des letzten Tauchernet-Treffens war, ausgelöst durch die Anwesenheit unserer zwei Teilnehmer aus Leeds, einer der Hauptdiskussionspunkte beim abendlichen Dekobier der Unterschied zwischen britischem und deutschem Tauchen. Neben der erhöhten Akzeptanz von Nitrox, war einer der Hauptpunkte die Tauchgangsplanung. Dabei wurden wir auch mit dem Konzept des „Incident Pit“ bekannt gemacht.

Was aber ist dieser Incident Pit und wie kann das Wissen darum uns helfen, sicherer zu tauchen?

Der Incident Pit läuft darauf hinaus, daß es durch die Verkettung kleinerer Vorfälle zu einem tödlichen Tauchunfall kommen kann. Dabei rutscht der Taucher gewissermaßen auf einem immer steiler werdenden Abhang in den Abgrund. Kann er sich nicht rechtzeitig selber helfen, bzw. versagt die Buddyhilfe, kann es zu einem fatalen Unfall kommen.


Ereigniskette


Dabei beginnt das Abrutschen in den Incident Pit nicht erst im Wasser. Es beginnt beim Trainings- und Gesundheitszustand der Taucher, dem Zustand der Ausrüstung, der Vertrautheit damit und wie gut sich das Buddyteam kennt. Dazu kommen natürlich die Planung des Tauchgangs und die beständige Beobachtung der Tauchbedingungen. Einige dieser Faktoren können und sollen bei der Planung entsprechend berücksichtigt werden. Andere Faktoren können nicht so einfach eingeplant werden, wie das Reißen eines Flossenbandes oder das Ausrutschen auf dem Weg zum Einstieg.

Mit durch solchen, relativ kleinen Vorkommnissen, wird aber ein Streßgefühl verursacht, mit dem es dann ins Wasser geht. Mit leichtem Streßgefühl wird vorerst normal getaucht - auch einzelne kleinere Vorfälle können noch relativ leicht verarbeitet werden. Sollten sich diese aber häufen oder es zu kleineren Notfällen kommen, steigt der Streß und es kann beim Taucher zu ersten Anzeichen von Furcht kommen, dem Gefühl, daß bei diesem Tauchgang etwas nicht stimmt, bzw. daß man den Tauchgang nicht ganz im Griff hat. Spätestens jetzt befindet man sich an einem Scheidepunkt. Wenn man die Zeichen richtig deutet, es schafft sich selber zu beruhigen und sich einzugestehen daß ein Weitertauchen gefährlich wäre, kann man das Ruder herumreißen und durch Austauchen weitere Probleme verhindern.

An diesem Punkt kann Furcht aber auch leicht in Panik umschlagen. Panik kann durch eine sich ungezügelt steigernde Furcht ausgelöst werden oder durch das Auftreten eines weiteren (ernsten) Problems ( siehe auch Artikel über Streßbewältigung ).
Ist die Panik erst einmal ausgebrochen, kann sich der betroffene Taucher nicht mehr selber helfen weil seine kognitive Leistungsfähigkeit zu stark eingeschränkt ist. Die durch Panik normalerweise ausgelösten instinktiven Flucht- und Abwehrreaktionen können unter Wasser lebensbedrohlich sein. Wenn es dem Tauchpartner an dieser Stelle nicht gelingt, seinen in Panik geratenen Buddy zu beruhigen und dazu zu bringen, geringere Tiefen aufzusuchen bzw. langsam auszutauchen, ist die Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden fatalen Tauchunfalls gegeben.

Soweit die Erklärung des Incident Pits. Was aber bringt uns das Wissen darüber? Es heißt, wir werden aus Erfahrung klug. Der Incident Pit hilft uns nicht nur dabei problembeladene Tauchgänge zu analysieren, sondern er schärft unseren Blick auch gerade für die kleineren Vorfälle die Auslöser für eine katastrophale Verkettung von Umständen sein können. Zum Glück endet nicht jeder Zwischenfall unter Wasser fatal - gerade aber wenn ein Tauchgang einen nicht geplanten Verlauf genommen hat, sollte man solche Vorfälle nicht mit „Ist ja noch einmal gut gegangen!“ beiseite wischen. Vielmehr sondern man sich die Mühe machen, die Verkettung von kleineren Vorfällen zu analysieren und dabei auch zu berücksichtigen was in den verschiedenen Stadien des Tauchganges noch hätte passieren können. Als Beispiel für eine solche Analyse soll der oben beschriebene Tauchgang dienen.

Auch hier begannen die Probleme vor dem Tauchgang. Dabei lassen sich folgende kritischen Punkte herausgreifen:

1) Das aus drei Personen bestehende Buddyteam: Bei anspruchsvollen Tauchgängen ist so eine Konstellation eine suboptimale bis gefährliche Lösung, auch wenn zwei der Buddies schon öfters miteinander getaucht sind. Ein generelles Problem ist die Schwierigkeit, Dreiergruppen vernünftig zu leiten. Das fängt schon mit der Gruppenanordnung an. Befindet sich der Gruppenführer in der Mitte, muß er sich nach beiden Seiten orientieren, um beide Buddies im Blick zu behalten. Befindet er sich am Rand, ist er vom äußersten Buddy relativ weit entfernt. In beiden Fällen muß er sich konstant um zwei Personen kümmern.

2) Falsche Planung: Es wurde bei der Tauchgangsplanung beschlossen, sich so schnell wie möglich am Seil in die Tiefe fallen zu lassen. Dabei wurde außer Acht gelassen, daß in solch einem Fall die Wahrscheinlichkeit eines geordneten Gruppenabstiegs sehr gering ist, da ein Auseinanderdriften des Teams fast zwangsläufig eintritt.

3) Neue Ausrüstungskonfiguration: Da Clemens beim ersten Tauchgang etwas gefroren hat, beschloß er erstmals in seiner Taucherlaufbahn noch einen zweiten Unterzieher anzuziehen. Die Dicke der zwei Unterzieher kann dazu geführt haben, daß er in der Hektik die Ventilabdeckung vom Oberarmauslassventil abriß.

4) Mangelnde Kommunikation: Durch das Anziehen des 2. Unterziehers brauchte Clemens beim Anrödeln deutlich mehr Zeit als Jana und Arndt. Er teilte den beiden aber nicht mit, daß es eben noch eine Weile dauern könnte. Als es länger dauerte beschlossen Jana und Arndt aber schon mal zur Abkühlung ins Wasser zu gehen um nicht ins Schwitzen zu geraten.

5) Hektik: Für Jana und Arndt war es kein Problem im Wasser zu warten, aber Clemens fühlte sich in diesem Moment stark unter Druck gesetzt. Dies hatte drei Folgen: Bemüht, so schnell wie möglich seinen beiden Buddies zu folgen, zog Clemens sich etwas schneller an und ließ es beim Anlegen des Anzugs und der Trockenhandschuhe etwas an Sorgfalt fehlen.Ergebnis: die abgerissene Ventilabdeckung wurde nicht entdeckt. Auch daß sich Fäden des Unterhandschuhs zwischen die O-Ringe schoben entging Clemens. Drittens fühlte Clemens sich gestreßt und begann so den Tauchgang.

Damit waren die ersten Schritte in Richtung Incident Pit getan. Unter Wasser gingen die Probleme dann weiter. Es war nur dem Glück, der Erfahrung und der im entsprechenden Moment richtigen Reaktion der anderen beiden Taucher zu verdanken, daß es zu keinem schlimmen Ende kam.

1) Wie besprochen wurde auf 5m kurz geprüft, ob alles OK ist. Dabei waren alle Buddies bestrebt so schnell wie möglich weiter nach unten zu kommen. Deshalb prüften die Teilnehmer nicht genau, ob wirklich alles stimmte, sondern gaben alle schnell das OK-Zeichen. Besonders Clemens, der zu diesem Zeitpunkt ein unspezifisches Unwohlgefühl hatte, wollte die anderen nicht weiter aufhalten.

2) Nachdem die OK-Zeichen gegeben wurden, ließen sie sich, wie vereinbart, absacken. Dabei hatte besonders Arndt hauptsächlich das Bojenseil im Auge, nicht aber seine Buddies. Zusätzlich sank er um einiges schneller als die anderen beiden und entfernte sich so von der Gruppe. Zum Zeitpunkt des Umkehrens war er 3m tiefer als Jana und 7m tiefer als Clemens!

Planung


3) Beim Absinken merkte Clemens, daß er ein Problem hatte: seine linke Hand wurde naß. Das Problem verstärkte sich dramatisch, denn das Auslaßventil war bis ca. 15 m dicht. Tiefer kam es zu einem plötzlichen und starken Wassereinbruch. Vermutlich konnte der Unterzieher die Membrane bis in diese Tiefe am Ventilsitz halten.Er traf die in diesem Moment einzig richtige Entscheidung, den Tauchgang abzubrechen und zeigte Jana an, daß er ein Problem hatte.

4) Zusätzlich zum akuten Problem des Wassereinbruchs kam noch ein weiteres: in der Hektik zog Clemens sich dann noch den Inflatorschlauch des Trockis vom Anzug, bzw. war dessen Schnellkupplung von Anfang an nicht richtig fest eingeklickt. Clemens konnte also das Absinken erst bei 20 m durch Jacketaufblasen stoppen.

5) Nachdem er Jana ein Problem angezeigt hatte (Jana aber nicht wußte, welcher Art das Problem war), traf er die falsche Entscheidung: er wollte nicht weiter den Tauchspaß seiner Buddies behindern. Also beschloß er, diese weiter tauchen zu lassen, dann selber aufzusteigen und sich der Tauchgruppe der sie beim Abtauchen begegnet waren, anschließen um zusammen mit ihnen auszutauchen. Daher gab er Jana das OK-Zeichen,bedeutete Ihr, daß sie weitertauchen sollte und leitete seinen Aufstieg ein.

Dieser Moment war der der größten Gefahr dieses Tauchgangs. Besonders Gruppenführerin Jana war jetzt in einer problematischen Situation. An dieser Stelle hätte es verschiedene Wege den Incident Pit hinunter gegeben:

Fall A) Jana vertraut darauf, daß Clemens in Ordnung ist und folgt Arndt, der zu diesem Zeitpunkt noch nichts bemerkt hat und mit unverminderter Geschwindigkeit abtaucht. Bis zu dem Zeitpunkt an dem Jana Arndt erreicht hätte, wären alle drei Taucher de facto Solotaucher gewesen. Und das in einem tiefem und kalten Gewässer mit (leichter) Strömung. Hätte einer der beiden ein Problem gehabt, wäre schnelle Hilfe durch einen Buddy nicht möglich gewesen. Clemens war besonders gefährdet, denn er stand von vornherein unter Streß und hatte ein massives Problem dessen Bedrohlichkeit er nicht genau einschätzen konnte. Zusätzlich war er ca. 10m von der angestrebten Tauchgruppe entfernt. Wäre ein weiteres ernstes Problem aufgetaucht oder hätten sich die schon bestehenden noch verschlimmert, hätte die reelle Möglichkeit bestanden, daß er in Panik geraten wäre - ohne daß ein Buddy in seiner Nähe ihm schnell hätte helfen können.

Fall B) Jana beschließt bei Clemens zu bleiben, schafft es aber nicht, die Aufmerksamkeit des sich schnell entfernenden Arndt auf sich zu ziehen. Da sie wegen desse ungewöhnlichen Verhaltens um Clemens besorgt ist, beschließt Jana sich lieber um diesen zu kümmern. Spätestens wenn er in 40m Tiefe beim Wrack angekommen wäre, hätte Arndt gemerkt daß er seine Partner verloren hatte. Das Streß- und Gefährdungspotential dieser Situation ist nicht zu unterschätzen. Der Streß durch Partnerverlust, Kälte, Strömung ein gewisses Maß an Tiefenrausch hätte in dem Moment eventuell schlimme Folgen haben können.

Glücklicherweise kam es nicht dazu. Jana machte Arndt mit Lichtsignalen auf die Situation aufmerksam. Wenn man die Tauchprofile ansieht, erkennt man daß zwischen dem Beginn der Lichtsignale und der Reaktion von Arndt maximal 15 Sekunden vergangen sein konnten. Das subjektive Zeitgefühl von Jana spiegelte ihr aber streßbedingt eine viel längere Zeit vor -zumal sich mit jeder Sekunde sowohl Arndt wie auch Clemens von ihr entfernten.

Sobald Arndt informiert war, leiteten sie den Aufstieg ein und behielten sich dabei gegenseitig wie auch Clemens im Auge. Nachdem Jana den inzwischen eingeholten Clemens an die andere Gruppe übergeben hatte, machte sie sich zusammen mit Arndt wieder an den Abstieg. Beide tauchten kontrolliert ab.

Es muß natürlich auch hervorgehoben werden, daß durch die Aktion für Arndt und Jana Streß entstand. Der erste Schritt in einen weiteren Incident Pit ? Der restliche Tauchgang verlief zum Glück ohne weitere Zwischenfälle.

Im Nachhinein lassen sich solche Tauchgänge natürlich schön analysieren, wichtig ist jedoch, daß man dies auch tut und das Geschehene nicht nur beiseite schiebt. Die so gewonnenen Einblicke sollte man auch entsprechend verwenden und bei der Planung künftiger Tauchgänge berücksichtigen. Eine Möglichkeit dazu bietet sich bei einer Risikoanalyse als Teil der Planung von anspruchsvollen Tauchgängen. Dies soll Thema des nächsten Artikels „Sicherheit beim Tauchen“ werden.


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