In unserer vorletzten Ausgabe hatten wir, im Rahmen unserer Reihe
„Kontrovers diskutiert“, das Thema „Tieftauchen mit Luft“
aufgeführt und Euch um Feedback hierzu gebeten. Wie von uns
erwartet, kamen überdurchschnittliche viele Reaktionen zurück.
Diese möchten wir nun im Folgenden auszugsweise
veröffentlichen.
Viele der Zuschriften erläuterten zu Beginn ihrer
Ausführungen, wie die einzelnen Personen aktuell mit
Tieftauchgängen umgehen.
So schrieb Samuel Hauri „Für mich persönlich ist der
limitierende Faktor beim Tieftauchen mit Pressluft in erster Linie die
Stickstoffnarkose. Je nach Tagesform habe ich auch schon auf 35m
Tiefe deutliche Anzeichen davon an mir wahrgenommen. Deshalb liegt
meine momentane persönliche Tiefenbegrenzung bei ungefähr
50m. Ich reize sie jedoch selten aus und tauche meistens in Tiefen um
die 40m herum und nur an Tauchplätzen, die dies lohnen. Von
"Bounce"-Tauchgängen halte ich dementsprechend gar nichts.
Möglicherweise werde ich meine Limite im Laufe der Zeit weiter
ausbauen, mein erklärtes Ziel ist es jedoch nicht. Hierbei ist mir
wichtig zu betonen, dass die 50m meine momentane persönliche
Grenze sind, d. h. ich spreche mich damit nicht allgemein dagegen aus,
mit Luft noch tiefer zu gehen.“
Peter Baumann hingegen liegt mit seinen Tiefengrenzen schon etwas
tiefer. „Ich selber tauche ebenfalls mit Pressluft bis auf Tiefen von
max. 65-70m. Und es stellt in gewissem Rahmen auch kein Problem dar....
Naja, nochmal zum Tieftauchen mit Luft. Das ist prinzipiell kein
Problem, wenn man voraus ein zwei Tage sich an die entsprechende Tiefe
"rantastet" um sich an den Stickstoff zu gewöhnen. Es gibt keinen
technischen oder medizinische Grund für mich, nicht mit Pressluft
wenigstens ca. 65m tief zu tauchen. Das ging Jahrzehnte so und warum
solls heute nicht mehr gehen? Man schaue sich doch mal den guten alten
Cousteau an - 92m mit Pressluft und dann noch nen Film in der Tiefe
gedreht. Die sind auch nicht dran gestorben.“
Allerdings verweist Peter, wie andere Leser auch auf die
Vorraussetzungen und Gefahren der Selbstüberschätzung bei
Tieftauchgängen mit Pressluft. Darüber hinaus werden auch die
von den Tauchverbänden aufgesetzten Tieftauchprogramme und die
Entwicklung in diesem Bereich in der Vergangenheit nicht nur positiv
gesehen.
„Viel eher sehe ich das Problem darin, dass der Tauchsport für
eine immer breitere Masse angeboten werden soll, egal ob jemand zum
Tauchen geeignet ist oder nicht. Um nun möglichst viel Kohle mit
dem Tauchgeschäft zu scheffeln, muss das ganze zwei Bedingungen
erfüllen. Jeder muss es machen können, es muss also sicher
genug auch für den letzten Asthmatiker sein, und es muss ein
möglichst großes Angebot an Ausbildung geben, damit ich
Interessierten immer mehr Kohle für irgendwelche Kurse abzocken
kann. Anders kann ich mir die Entwicklung, die in den letzten Jahren
stattgefunden hat nicht vorstellen. Und anders kann ich mir auch nicht
vorstellen, dass mittlerweile "allmächtige"
Tauchsportverbände irgendwelche blödsinnigen Tiefengrenzen,
Tauchregeln und dergl. aufstellen. Ich habe vor 14 Jahren mit dem
Tauchen begonnen und damals hat man einen Elementarschein gemacht und
das Tauchen noch richtig gelernt. Die heutigen OWDs sind doch nur noch
Gerät rauf und rein ins Wasser und Kohle abgezockt. Dann ein
Speciality nach dem anderen und wehe man hat eines nicht gemacht, dann
ist es mit Nachttauchgang im Urlaub schon vorbei....“ (Peter Baumann)
Samuel Hauri meint. „Ich glaube, dass es einige Taucher gibt, die dank
ihrer Erfahrung und Konstitution in der Lage sind, Tauchgänge mit
Pressluft auf 70m sicher durchzuführen. Es gibt aber auch
zig Taucher, die nur meinen, dazu in der Lage zu sein, diese sind
die eigentliche Gefahr, weil sie den Tauchsport in Verruf bringen....
Die Tiefe an sich war niemals der Anlass für mich, mit dem
Tauchsport anzufangen, Tieftauchen innerhalb der eigenen Grenzen
gehört IMHO aber dazu. Es ist falsch, sture
Tiefenbegrenzungen zu setzen und auf das Thema Dekompressionstauchen in
der Grundausbildung nicht einzugehen. Dadurch werden
unbegründete Ängste geschürt, die dann zum Vorschein
kommen, wenn der betreffende Schüler unbeabsichtigt in die
Dekopflicht gerät.“
Volker Grundmanns Meinung lautet. „Heute wie vor 40 Jahren gilt
für Pressluft: Die Natur bestraft nur diejenigen, die sich ihren
Gesetzen nicht beugen. Es ist ein weithin anerkannter Erfahrungswert,
dass man sich mit dem Tiefenrausch arrangieren, ihn durch
ständiges Training für sich individuell-persönlich bis
in die fünfziger Meter handhabbar machen kann. Mit dem spastischen
Krampf bei Sauerstoffvergiftung, der ab der sechziger Meter eintreten
kann, ist so ein Arrangement nicht möglich. Niemand kann für
Presslufttaucher vorhersagen, wann, bei wem und warum der
zuschlägt. Deshalb wird in meinem Logbuch auch künftig kein
Wert über 60 Meter auftauchen, nicht mal ein "gebouncter".“
Wie sieht es aber mit der beschriebenen Alternative Trimix
entgegen der Verwendung von Pressluft als Tauchgas aus? Gibt es hier
Chancen für die Verbreitung dieser Ausrichtung?
Peter Baumann: „Sicher ist Trimix eine feine Sache, aber nicht jeder
der einen tiefen Tauchgang macht braucht das. Wenn ich runter gehe, mir
was ankucke und wieder auftauche ohne in ner Höhle oder einem
Wrack stundenlang rumgondeln zu wollen kann, ich doch ohne weiteres das
drittbeste Atemgasgemisch (Heliox - Trimix - Preßluft) das es
für Tiefen bis ca. 70m gibt verwenden.“
Jörg Ryser schrieb hierzu. „Trimix ist aufwendig, teuer und
erfordert sehr viel Disziplin beim Tauchen. Deshalb werden diejenigen,
die auch der Technik wegen tauchen - und nicht nur, um schöne
Fische und UW-Landschaften zu sehen – eine technische Ausbildung
für Trimix ins Auge fassen. Dazu kommt natürlich auch der
Kostenfaktor. Nicht jeder will oder kann sich die Kosten pro Tauchgang
mit Trimix leisten. Wird Trimix ein Rand-Dasein auch in Zukunft
fristen? Ich denke schon. Die Mehrheit der Taucher, die in unseren
heimischen Seen tauchen, und diejenigen in den tropischen Destinationen
sowieso, wollen v.a. unkomplizierte und genussreiche Tauchgänge
erleben. Dank den aktuellen Tauchcomputern ist es eigentlich
möglich, ohne jegliche Tauchgangsplanung innerhalb der klassischen
Grenzen des Sporttauchens zu tauchen. Ob dies wirklich
begrüßenswert ist, ist eine andere Diskussion. Tatsache
bleibt aber, dass die Mehrheit der Taucher genau diese Art des Tauchens
bevorzugen. Und solange dies so ist, bleibt die Nachfrage nach
technischen Mischgastauchgängen relativ gering. Insofern wird sich
auch das Angebot nicht ausweiten.“
Samuel Hauri vertritt folgende Meinung. „Zum Einsatz von Trimix etc.
Die Feststellung, mit Pressluft meine persönliche Grenze punkto
Stickstoffnarkose erreicht zu haben, wäre für mich kein
Grund, eine Tec-Ausbildung zu machen. Die hohen Kosten, der
immense Materialaufwand und die langwierigen
Tauchgangsvorbereitungen schrecken mich ziemlich ab, da ich kein
sehr technikorientierter Mensch bin. Viel eher werde ich mir dann
sagen: "Ok, bis hierhin und nicht weiter! Die Bereiche über
50, 60 oder 70m (was es dann auch immer ist) bleiben dir zwar
verborgen, du musst dafür nicht fünf Flaschen mit dir
rumschleppen." Tauchgänge, die ich nicht mit einer Mono-15l
Flasche bewältigen kann, sind für mich bereits zu
aufwändig, also lasse ich die Finger davon.“
Volker Grundmann: „Wer von den engagierten Tauch-Freaks dieser Welt
würde behaupten, nicht gerne auch mal mit Gemisch tauchen zu
wollen, um größere Tiefen zu erreichen und länger unten
bleiben zu können??? Allein, da geht es nicht nur um Kosten
für das Gemisch oder Ausrüstung. Jeder, der sich in den
Bereich Gemischtauchen begibt, will das irgendwann nicht nur in einem
öden mitteleuropäischen Steinbruch praktizieren, sondern hat
das große Gemisch-Abenteuer im Auge: Unbekannte Wracks, seltene,
tiefstehende Tiere, unerforschte Tiefhöhlen usw. Mir hat mal ein
"Gemischler" verraten, was ihn die Teilnahme an so einer Expedition
gekostet hat. Um das zu einem Lebenshobby machen zu können, muss
man doch schon ein bisschen das große Geld verdienen oder haben.
Ansonsten bringt das "Trainingstauchen" im hiesigen Steinbruch ohne
Aussicht auf besseres am Ende doch nur Frust oder gar Schizophrenie.“
Ist der Traum von Trimix damit vorbei? Haben die verschiedenen
Tauchverbände einen Trend erkannt, den es doch nicht in der Breite
gibt? Einen kurzen Einblick geben die Ausblicke in den Reaktionen
unserer User.
Volker Grundmann: „Für meinen Geldbeutel jedenfalls bleibt auch
fürderhin nur realistisch, mein Lebenshobby Tauchen weiter am
Mittelmeer ausleben zu können. Und selbst wenn da mein Auto
groß genug wäre, um eine komplette Gemisch-Ausrüstung
hin zu transportieren - es gibt dort für "Touristen" zumeist weder
unkomplizierten Zugang zu den Gasgemischen noch zu den Genehmigungen,
um damit dort auch tauchen zu dürfen. Was einzig bleibt, ist eben
Pressluft. Und die schon so oft Totgesagte, sie muss eben wie schon vor
30 oder 40 Jahren auch heute und sicher noch sehr lange herhalten, um
mir wie vielen anderen ein Stück von unseren Taucher-
Tiefenträumen wahr zu machen - unkompliziert und
verhältnismäßig "preisgünstig".“
Samuel Hauris Fazit lautet: „Tauchen >40m mit Pressluft ist
durchaus machbar, die Schwierigkeit liegt darin, die eigenen
Grenzen zu erkennen. Die Tiefenbeschränkung durch die
Stickstoffnarkose ist für mich kein Grund, auf Trimix
umzusteigen, lieber lasse ich dann solche Tauchgänge sein und
erspare mir den Kosten- und Materialaufwand des
Technical-Divings.“
Jörg, Rysers Fazit endet sehr einprägsam. „Ich
persönlich würde auf jeden Fall auf Trimix wechseln, sollte
ich Tieftauchgänge mit Tiefen signifikant über der 40m Marke
ins Auge fassen, denn Sicherheit geht für mich immer vor. Selbst
die Kosten würden mich nicht abschrecken. Eher würde ich dann
auf einen oder zwei tiefe Tauchgänge verzichten und dafür
dann Trimix mit in die Tiefe nehmen.
Für mich wird technisches Mischgastauchen wohl nie wirklich in
Frage kommen, da ich mit der 40 Meter Marke und Nullzeittauchen (inkl.
Nitroxtauchen) sehr gut bedient bin. Tiefe bolzen sagt mir nicht zu.
Anstatt meinen Tauchkollegen am Abend meine "eindrücklichen"
Computer-Tiefenmessgrössen unter die Nase zu reiben, berichte ich
lieber von interessanten Entdeckungen aller Art innerhalb der
Nullzeitgrenzen. Leute, welche immer hart ans Pressluft-Limit tauchen
und ihre Dekoaufenthalte und Stickstoffsättigungskapazitäten
an die Grenzen jeglicher Vernunft treiben beeindrucken mich
überhaupt nicht. Gut ausgebildete Techdiver mit Disziplin und
Vernunft hingegen schon, selbst wenn ich mich nie der Frage des
Publikums aussetzen möchte: "Wo wollen bloß all diese
Flaschen mit diesem Taucher hin?".“
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