Kontrovers diskutiert, Tieftauchen mit Luft

 Geschrieben von Ralf

"Kontrovers diskutiert, Tieftauchen mit Luft"

Euer Feedback

von Ralf Dänzer

In unserer vorletzten Ausgabe hatten wir, im Rahmen unserer Reihe „Kontrovers diskutiert“, das Thema „Tieftauchen mit Luft“ aufgeführt und Euch um Feedback hierzu gebeten. Wie von uns erwartet, kamen überdurchschnittliche viele Reaktionen zurück. Diese möchten wir nun im Folgenden auszugsweise veröffentlichen.

Viele der Zuschriften erläuterten zu Beginn ihrer Ausführungen, wie die einzelnen Personen aktuell mit Tieftauchgängen umgehen.

So schrieb Samuel Hauri „Für mich persönlich ist der limitierende Faktor beim Tieftauchen mit Pressluft in erster Linie die Stickstoffnarkose. Je nach Tagesform habe ich auch schon auf 35m Tiefe deutliche Anzeichen davon an mir wahrgenommen. Deshalb liegt meine momentane persönliche Tiefenbegrenzung bei ungefähr 50m. Ich reize sie jedoch selten aus und tauche meistens in Tiefen um die 40m herum und nur an Tauchplätzen, die dies lohnen. Von "Bounce"-Tauchgängen halte ich dementsprechend gar nichts. Möglicherweise werde ich meine Limite im Laufe der Zeit weiter ausbauen, mein erklärtes Ziel ist es jedoch nicht. Hierbei ist mir wichtig zu betonen, dass die 50m meine momentane persönliche Grenze sind, d. h. ich spreche mich damit nicht allgemein dagegen aus, mit Luft noch tiefer zu gehen.“

Peter Baumann hingegen liegt mit seinen Tiefengrenzen schon etwas tiefer. „Ich selber tauche ebenfalls mit Pressluft bis auf Tiefen von max. 65-70m. Und es stellt in gewissem Rahmen auch kein Problem dar.... Naja, nochmal zum Tieftauchen mit Luft. Das ist prinzipiell kein Problem, wenn man voraus ein zwei Tage sich an die entsprechende Tiefe "rantastet" um sich an den Stickstoff zu gewöhnen. Es gibt keinen technischen oder medizinische Grund für mich, nicht mit Pressluft wenigstens ca. 65m tief zu tauchen. Das ging Jahrzehnte so und warum solls heute nicht mehr gehen? Man schaue sich doch mal den guten alten Cousteau an - 92m mit Pressluft und dann noch nen Film in der Tiefe gedreht. Die sind auch nicht dran gestorben.“

Allerdings verweist Peter, wie andere Leser auch auf die Vorraussetzungen und Gefahren der Selbstüberschätzung bei Tieftauchgängen mit Pressluft. Darüber hinaus werden auch die von den Tauchverbänden aufgesetzten Tieftauchprogramme und die Entwicklung in diesem Bereich in der Vergangenheit nicht nur positiv gesehen.

„Viel eher sehe ich das Problem darin, dass der Tauchsport für eine immer breitere Masse angeboten werden soll, egal ob jemand zum Tauchen geeignet ist oder nicht. Um nun möglichst viel Kohle mit dem Tauchgeschäft zu scheffeln, muss das ganze zwei Bedingungen erfüllen. Jeder muss es machen können, es muss also sicher genug auch für den letzten Asthmatiker sein, und es muss ein möglichst großes Angebot an Ausbildung geben, damit ich Interessierten immer mehr Kohle für irgendwelche Kurse abzocken kann. Anders kann ich mir die Entwicklung, die in den letzten Jahren stattgefunden hat nicht vorstellen. Und anders kann ich mir auch nicht vorstellen, dass mittlerweile "allmächtige" Tauchsportverbände irgendwelche blödsinnigen Tiefengrenzen, Tauchregeln und dergl. aufstellen. Ich habe vor 14 Jahren mit dem Tauchen begonnen und damals hat man einen Elementarschein gemacht und das Tauchen noch richtig gelernt. Die heutigen OWDs sind doch nur noch Gerät rauf und rein ins Wasser und Kohle abgezockt. Dann ein Speciality nach dem anderen und wehe man hat eines nicht gemacht, dann ist es mit Nachttauchgang im Urlaub schon vorbei....“ (Peter Baumann)

Samuel Hauri meint. „Ich glaube, dass es einige Taucher gibt, die dank ihrer Erfahrung und Konstitution in der Lage sind, Tauchgänge mit Pressluft auf 70m sicher durchzuführen. Es gibt aber auch zig Taucher, die nur meinen, dazu in der Lage zu sein, diese sind die eigentliche Gefahr, weil sie den Tauchsport in Verruf bringen.... Die Tiefe an sich war niemals der Anlass für mich, mit dem Tauchsport anzufangen, Tieftauchen innerhalb der eigenen Grenzen gehört IMHO aber dazu. Es ist falsch, sture Tiefenbegrenzungen zu setzen und auf das Thema Dekompressionstauchen in der Grundausbildung nicht einzugehen. Dadurch werden unbegründete Ängste geschürt, die dann zum Vorschein kommen, wenn der betreffende Schüler unbeabsichtigt in die Dekopflicht gerät.“

Volker Grundmanns Meinung lautet. „Heute wie vor 40 Jahren gilt für Pressluft: Die Natur bestraft nur diejenigen, die sich ihren Gesetzen nicht beugen. Es ist ein weithin anerkannter Erfahrungswert, dass man sich mit dem Tiefenrausch arrangieren, ihn durch ständiges Training für sich individuell-persönlich bis in die fünfziger Meter handhabbar machen kann. Mit dem spastischen Krampf bei Sauerstoffvergiftung, der ab der sechziger Meter eintreten kann, ist so ein Arrangement nicht möglich. Niemand kann für Presslufttaucher vorhersagen, wann, bei wem und warum der zuschlägt. Deshalb wird in meinem Logbuch auch künftig kein Wert über 60 Meter auftauchen, nicht mal ein "gebouncter".“

Wie sieht es aber mit der beschriebenen Alternative Trimix entgegen der Verwendung von Pressluft als Tauchgas aus? Gibt es hier Chancen für die Verbreitung dieser Ausrichtung?

Peter Baumann: „Sicher ist Trimix eine feine Sache, aber nicht jeder der einen tiefen Tauchgang macht braucht das. Wenn ich runter gehe, mir was ankucke und wieder auftauche ohne in ner Höhle oder einem Wrack stundenlang rumgondeln zu wollen kann, ich doch ohne weiteres das drittbeste Atemgasgemisch (Heliox - Trimix - Preßluft) das es für Tiefen bis ca. 70m gibt verwenden.“

Jörg Ryser schrieb hierzu. „Trimix ist aufwendig, teuer und erfordert sehr viel Disziplin beim Tauchen. Deshalb werden diejenigen, die auch der Technik wegen tauchen - und nicht nur, um schöne Fische und UW-Landschaften zu sehen – eine technische Ausbildung für Trimix ins Auge fassen. Dazu kommt natürlich auch der Kostenfaktor. Nicht jeder will oder kann sich die Kosten pro Tauchgang mit Trimix leisten. Wird Trimix ein Rand-Dasein auch in Zukunft fristen? Ich denke schon. Die Mehrheit der Taucher, die in unseren heimischen Seen tauchen, und diejenigen in den tropischen Destinationen sowieso, wollen v.a. unkomplizierte und genussreiche Tauchgänge erleben. Dank den aktuellen Tauchcomputern ist es eigentlich möglich, ohne jegliche Tauchgangsplanung innerhalb der klassischen Grenzen des Sporttauchens zu tauchen. Ob dies wirklich begrüßenswert ist, ist eine andere Diskussion. Tatsache bleibt aber, dass die Mehrheit der Taucher genau diese Art des Tauchens bevorzugen. Und solange dies so ist, bleibt die Nachfrage nach technischen Mischgastauchgängen relativ gering. Insofern wird sich auch das Angebot nicht ausweiten.“

Samuel Hauri vertritt folgende Meinung. „Zum Einsatz von Trimix etc. Die Feststellung, mit Pressluft meine persönliche Grenze punkto Stickstoffnarkose erreicht zu haben, wäre für mich kein Grund, eine Tec-Ausbildung zu machen. Die hohen Kosten, der immense Materialaufwand und die langwierigen Tauchgangsvorbereitungen schrecken mich ziemlich ab, da ich kein sehr technikorientierter Mensch bin. Viel eher werde ich mir dann sagen: "Ok, bis hierhin und nicht weiter! Die Bereiche über 50, 60 oder 70m (was es dann auch immer ist) bleiben dir zwar verborgen, du musst dafür nicht fünf Flaschen mit dir rumschleppen." Tauchgänge, die ich nicht mit einer Mono-15l Flasche bewältigen kann, sind für mich bereits zu aufwändig, also lasse ich die Finger davon.“

Volker Grundmann: „Wer von den engagierten Tauch-Freaks dieser Welt würde behaupten, nicht gerne auch mal mit Gemisch tauchen zu wollen, um größere Tiefen zu erreichen und länger unten bleiben zu können??? Allein, da geht es nicht nur um Kosten für das Gemisch oder Ausrüstung. Jeder, der sich in den Bereich Gemischtauchen begibt, will das irgendwann nicht nur in einem öden mitteleuropäischen Steinbruch praktizieren, sondern hat das große Gemisch-Abenteuer im Auge: Unbekannte Wracks, seltene, tiefstehende Tiere, unerforschte Tiefhöhlen usw. Mir hat mal ein "Gemischler" verraten, was ihn die Teilnahme an so einer Expedition gekostet hat. Um das zu einem Lebenshobby machen zu können, muss man doch schon ein bisschen das große Geld verdienen oder haben. Ansonsten bringt das "Trainingstauchen" im hiesigen Steinbruch ohne Aussicht auf besseres am Ende doch nur Frust oder gar Schizophrenie.“

Ist der Traum von Trimix damit vorbei? Haben die verschiedenen Tauchverbände einen Trend erkannt, den es doch nicht in der Breite gibt? Einen kurzen Einblick geben die Ausblicke in den Reaktionen unserer User.

Volker Grundmann: „Für meinen Geldbeutel jedenfalls bleibt auch fürderhin nur realistisch, mein Lebenshobby Tauchen weiter am Mittelmeer ausleben zu können. Und selbst wenn da mein Auto groß genug wäre, um eine komplette Gemisch-Ausrüstung hin zu transportieren - es gibt dort für "Touristen" zumeist weder unkomplizierten Zugang zu den Gasgemischen noch zu den Genehmigungen, um damit dort auch tauchen zu dürfen. Was einzig bleibt, ist eben Pressluft. Und die schon so oft Totgesagte, sie muss eben wie schon vor 30 oder 40 Jahren auch heute und sicher noch sehr lange herhalten, um mir wie vielen anderen ein Stück von unseren Taucher- Tiefenträumen wahr zu machen - unkompliziert und verhältnismäßig "preisgünstig".“

Samuel Hauris Fazit lautet: „Tauchen >40m mit Pressluft ist durchaus machbar, die Schwierigkeit liegt darin, die eigenen Grenzen zu erkennen. Die Tiefenbeschränkung durch die Stickstoffnarkose ist für mich kein Grund, auf Trimix umzusteigen, lieber lasse ich dann solche Tauchgänge sein und erspare mir den Kosten- und Materialaufwand des Technical-Divings.“

Jörg, Rysers Fazit endet sehr einprägsam. „Ich persönlich würde auf jeden Fall auf Trimix wechseln, sollte ich Tieftauchgänge mit Tiefen signifikant über der 40m Marke ins Auge fassen, denn Sicherheit geht für mich immer vor. Selbst die Kosten würden mich nicht abschrecken. Eher würde ich dann auf einen oder zwei tiefe Tauchgänge verzichten und dafür dann Trimix mit in die Tiefe nehmen.

Für mich wird technisches Mischgastauchen wohl nie wirklich in Frage kommen, da ich mit der 40 Meter Marke und Nullzeittauchen (inkl. Nitroxtauchen) sehr gut bedient bin. Tiefe bolzen sagt mir nicht zu. Anstatt meinen Tauchkollegen am Abend meine "eindrücklichen" Computer-Tiefenmessgrössen unter die Nase zu reiben, berichte ich lieber von interessanten Entdeckungen aller Art innerhalb der Nullzeitgrenzen. Leute, welche immer hart ans Pressluft-Limit tauchen und ihre Dekoaufenthalte und Stickstoffsättigungskapazitäten an die Grenzen jeglicher Vernunft treiben beeindrucken mich überhaupt nicht. Gut ausgebildete Techdiver mit Disziplin und Vernunft hingegen schon, selbst wenn ich mich nie der Frage des Publikums aussetzen möchte: "Wo wollen bloß all diese Flaschen mit diesem Taucher hin?".“

© 2003, Ralf Dänzer

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