Die Jagd nach der Zeitkapsel
von Andreas M. Stolpe
Letzten Monat war ein Archäologenteam in den Gewässern
rund um Korsika unterwegs. Unser Redakteur Andreas M. Stolpe hat sie
begleitet und ihnen bei der wissenschaftlichen Arbeit unter Wasser
zugeschaut.
Das Mittelmeer wird seit Jahrtausenden mit Schiffen befahren.
Phönizier, Griechen, Römer und viele andere Kulturen
bereisten dieses Meer um Handel zu treiben oder Kriege zu führen.
Selbst in der klassischen Literatur läßt Homer dieses Meer
von Odysseus bereisen. Und nicht nur in diesem Epos, sondern auch in
der Realität werden diese Reisen allzuoft jäh durch
Schiffbruch beendet. Im Moment des Schiffuntergangs sinkt alles -Mann,
Maus sowie die Ladung auf den Meeresgrund und wird dort -wenn man Glück hat- von einer Schicht Sediment bedeckt. So
können Teile der Schiffsladung über Jahrhunderte konserviert
werden. Finden Archäologen so eine Wrackstelle, ist dies ein
außerordentlicher Glücksfall, weil derart konservierte
Artefakte eine Art Zeitkapsel oder Momentaufnahme darstellen. Im Moment des Untergangs wird die Zeit angehalten, die Fundstücke geben so eine Momentaufnahme der kulturellen Entwicklung einer längst
verschwundenen Kultur wieder.
Die ebenfalls anwesenden Archäologen von der DEGUWA und der französischen DRASM wußten von zwei wissenschaftlich
vielversprechende Stellen im Meer vor Korsika. Tauchveteran Wolfgang Schultheis kennt diese Gegend wie seine eigene Westentasche, taucht er hier doch schon seit mehr als drei Jahrzehnten. Von ihm bekamen die Archäologen den Hinweis auf die Wrackstellen. Doch bevor an der Wrackstelle gearbeitet werden kann, muß sie erst einmal gefunden werden.Mit High-Tech und genug Manpower ist dies aber kein Problem.

Die 20m-Motorjacht "Galiote" von Günther Hayer wird
normalerweise für Tauchkreuzfahrten verwendet, doch für diese
Expedition wurde sie zu einem Forschungsschiff umgerüstet. Voll
beladen mit modernster Elektronik, starken Wasserpumpen und
Kompressoren war sie nun Schlafzimmer, Küche, Büro und
Arbeitsplatz für die Archäologen und Taucher.

Mit verschiedenen Suchtechniken versuchen die Archäologen die
Stelle zu finden. Am schnellsten kann man sich dabei mit dem Aquazepp
fortbewegen. Das spart Zeit und Luft. So ist die Stelle dann auch schnell gefunden.
Bei der ersten Sichtung der Fundstelle werden die offen sichtbaren Artefakte mit kleinen Bojen markiert.Ihre Lage und die durch Echo-Sounder gewonnenen Daten sind Entscheidungshilfen für die weitere Arbeit. Wo mag wohl
das Gros der Ladung liegen?

Die Archäologen finden Tonscherben zwischen den Wurzeln des den Boden bedeckenden Posidoniagrases. Dies sind die ersten Hinweise auf den Untergangsort des Schiffes.
Weitere Oberflächenfunde bestätigen die These: Hier liegen Reste der Ladung eines gesunkenen Schiffs.

Weitere Gewißheit versuchen die Archäologen durch die
Verwendung von Unterwasser-Metalldetektoren zu bekommen. Damit lassen sich sogar Tonscherben lokalisieren.

Nachdem die Stelle durch die Wissenschaftler festgelegt wurde beginnt die eigentliche, schwere Arbeit. Jetzt muß in einem eng begrenzten Areal ein Suchschnitt angelegt werden. Nachdem das Posidoniagras entfernt wurde, kann das darunter liegende Sediment mit Airlift und Wasserstrahlpumpe abgesaugt werden .Zurück bleiben die Tonscherben. Sie werden dokumentiert und später zur Auswertung nach oben auf die Galiote gebracht.

Um sicherzugehen daß keinen Tonscherbe abhanden kommt, wird
das Sediment noch einmal gesiebt. Freigespülte Kleinstorganismen werden von den Fischen dankbar verspeist.

Nach Reinigung der Scherben an Bord des Schiffes, werden die Artefakte in einem Labor an Land katalogisiert, sortiert, dokumentiert...

... und gezeichnet.
Es stellt sich schnell heraus, daß diese Tonscherben eine
wissenschaftliche Sensation darstellen. Amphoren wurden in der Vergangenheit in Massen gefunden, doch diese Tonscherben sind eine wissenschaftliche Neuheit. Die Archäologen werden an diesen Scherben noch viel zu forschen haben bis die Herkunft und das Alter exakt bestimmt sind. Auf jeden Fall wird das Ergebnis sensationell sein.
Aber mit diesen Ergebnissen sind die Archäologen noch lange nicht zufrieden. Was die Archäologen noch finden und wie sie ein wahres Schwergewicht bergen, das zeigen wir in der nächsten Ausgabe.
© 2003 by Andreas M. Stolpe
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