Die Jagd nach der Zeitkapsel (Teil 2)

 Geschrieben von Andreas

Die Jagd nach der Zeitkapsel

Teil 2

von Andreas M. Stolpe

Unser Redakteur Andreas M. Stolpe begleitet ein Archäologenteam und beobachtete sie bei der wissenschaftlichen Arbeit Unterwasser. Letzten Monat (Ausgabe 36) berichtete er über ihre Arbeit an einer mittelalterlichen Wrackstelle. Diesmal will er über zwei weitere archäologisch interessante Stellen im Mittelmeer nahe der Insel Korsika berichten.

Der Tauchpionier Wolfgang Schultheis betaucht die Gewässer um Korsika schon seit über 3 Jahrzehnten. Er kennt die Gewässer wie seine eigene Hosentasche und hat so im Laufe der Jahre viele archäologisch interessante Funde gemacht. Diese Funde hat er systematisch dokumentiert und Archäologen und archäologischen Institutionen zugänglich gemacht. In langer Vorbereitung wurde von der deutschen DEGUWA ein wissenschaftliche Expedition organisiert, die diese wichtigen Informationen nutzt, um Spuren der Vergangenheit auf dem Meeresgrund zu untersuchen.

Die alten Transportschiffe der Römer hatten teilweise fest in das Schiff eingebaute Dolia, das sind mannshohe tönerne Transportamphoren. Wolfgang Schultheis konnte nun Reste von drei dieser Transportgefäße finden und den Archäologen zeigen. Da die Fragmente der Dolia dicht zusammen liegen, kann daraus geschlossen werden, dass hier auch die Untergangsstelle des Schiffes ist.

Mit einem Außendurchmesser von mehr als einem Meter, waren diese Tongefäße zu schwer um sie noch transportieren zu können. Archäologen meinen sogar, dass die Schiffe um diese Dolia herum gebaut wurden. Wir Taucher sind von der Größe dieser Tongefäße beeindruckt.


An der Grabungsstelle wacht ein ROV über den Tauchern. An Bord des Forschungsschiffes ist so das Voranschreiten der Ausgrabung und das Wohl der Taucher immer auf dem Monitor sichtbar.


Die zweite archäologisch interessante Stelle stellt ein Ankerstock aus Blei dar. Wolfgang Schultheis hat davon mehrere im Laufe seines Taucherlebens gefunden, doch Schatztaucher kamen in der Regel bei der Bergung den Archäologen immer zuvor. Wichtige Erkenntnisse sind so für immer der Wissenschaft verloren gegangen. Doch hier hatten die Archäologen Glück: Sie waren diesmal schneller als die Raubgräber.

Der bleierne Ankerstock ist der einzige erhaltene Überrest des ansonsten hölzernen Ankers. Die Schiffe vor mehr als zweitausend Jahren hatten mehrere Anker an Bord. Doch der am meisten verzierte Anker war der "heilige" Anker, der letzte Anker, wenn alle anderen Anker nicht hielten oder verloren waren. Der Fund eines "heiligen" Ankers deutet auf ein Drama in der Vergangenheit hin. Wird dies so ein "heiliger" Anker gewesen sein?


Mit Pressluft befreien die Archäologen den Anker aus seiner zweitausend Jahre alten Umklammerung aus Sand und Korallengestein.


Vier Hebesäcke werden benötigt um den 500 kg schwere Ankerstock an die Oberfläche zu bringen.


Dokumentation ist das Ein und Alles in der Archäologie. Der Kameramann musste sich 24 kg Blei um den Bauch binden, damit er in der extrem starken Strömung am Südzipfel von Korsika einen einigermaßen stabilen Halt bekommt.

Endlich ist genug Luft in den Hebesäcken. Immer schneller werdend, treibt der Ankerstock an die Meeresoberfläche. Unterwasser an das Boot vertäut, wird er dann nach Bonifacio in den Hafen geschleppt. Erst hier kann er mit einem Kran aus dem Wasser gehoben werden.

Ein Großer Augenblick für die Archäologen: endlich können sie den über 2000 Jahre alten Ankerstock genau untersuchen.


Der Ankerstock wird vermessen, gezeichnet, fotografiert...


..und natürlich auch alle Daten in einer Datenbank gesichert.


Während der Anker dann ins Museum wandert, haben wir die Gelegenheit, einen Blick auf die Festung von Bonifacio zu werfen. Vor Tausenden von Jahren haben von hier aus die Menschen das Herannahen von Handels- und Kriegsschiffen gesehen. Oft wurden Feuer zur Orientierung der Seefahrer bei Nacht oder bei schlechter Sicht angezündet, manchmal auch, um sie Fehl zu leiten und sich dann am Strandgut der gesunkenen Schiffe zu bereichern.

Eine Bereicherung an Wissen war diese Expedition für alle Teilnehmer auf jeden Fall. Die Teilnehmer rekrutierten sich aus gestandenen Unterwasserarchäologen und Sporttauchern. "Diese freiwilligen Sporttaucher sind heutzutage absolut notwendig, um Unterwasser archäologisch zu arbeiten zu können" resümiert der Grabungsleiter Dr. Hanz-Günter Martin.

Mit Hilfe der Sporttaucher der DEGUWA konnte so ein wichtiges archäologisches Projekt realisiert werden. Doch leider gibt es von diesen Helfern viel zu wenige. Viele Projekte stehen auf einer langen Warteliste, doch mangelnde Mittel und zu wenig Freiwillige lassen diese Liste immer länger werden. Können die Archäologen im Wettlauf mit den Raubgräbern Schritt halten und die eine oder andere Zeitkapsel retten?

© 2003 - Text von Andreas M. Stolpe
© 2003 - Bilder von Frank Lechner

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