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Projekt "Himmelsstürmer"
Wracks im Walchensee
von Achim R. Schlöffel
"Himmelsstürmer" – was ist das? – es ist der Spitzname, den die
Deutschen den Flak-Batterien gegeben hatten, die sie vor den Angriffen
der alliierten Bomber schützen sollten. Da es diese Art von Flak
war, die die Flieger vom Himmel holten, übernahmen wir diesen
Namen für unser Projekt.

Der Walchensee
Der Walchensee, ein tiefer, kalter Bergsee, eine Stunde von
München, eingebettet in hohe Berggipfel, 800 M.ü.N.N. Nachdem
ich 18 Jahre in diesem See tauche, bin ich so ziemlich mit allen
Geschichten über den See und alles was angeblich in ihm verborgen
liegt in Berührung gekommen, ebenso wie mit all den Leuten, die
vorgeben die Wahrheit über all diese Geschichten zu kennen.. Neben
den üblichen Geschichten über versunkenes Nazigold gab es
immer wieder Gerüchte über verschiedene Flugzeuge, die
angeblich im See liegen sollen.
Der Beginn der Suche
Im Oktober 2000 nahm ich die Herausforderung schließlich an und
beschloss, mit meiner Gruppe die Wahrheit über die vermeintlichen
Flugzeugwracks herauszufinden. Nachdem wir die Abschussberichte der
Flak in Garmisch studiert hatten und zahlreiche Briefe mit
verschiedenen internationalen Organisationen wie der “Commonwealth War
Grave Commision” und dem "Research Center of the US Air Force"
ausgetauscht hatten, waren wir noch mit verschiedenen Archiven in
Deutschland in Kontakt. Zum Abschluss dieser trockenen Recherche
sprachen wir noch mit einigen Einheimischen, die den Krieg am
Walchensee erlebt hatten.
Neben zahlreichen Geschichten, die getrost ins Fabelreich gehören,
kristallisierten sich folgende „Fakten“ heraus
a) Ein deutsches Jagdflugzeug, vermutlich eine Me 109
liegt im nordöstlichen Teil des Sees in flachem Wasser. Das Wrack
ist bekannt, wurde früher schon betaucht und teilweise abgeborgen.
b) Es liegt ein viermotoriges Flugzeug – vermutlich
ein Bomber im See – das angegebene Gebiet weist Tiefen zwischen 30 und
125 Meter auf.
c) Ein weiteres “großes” Flugzeug liegt im See.
Der angegebene Absturzort liegt in der Mitte des Sees – Wassertiefe ca.
120 Meter.
d) Die meisten älteren Einwohner
bestätigten den Absturz einer Britischen “B29 / Avro Lancaster”
1943. Dabei handelt es sich entweder um „b“ oder „c“.
Mit zunehmend besserer Sicht im späten November 2000 begannen wir,
die drei potentiellen Stellen mittels Schlauchboot und Farbsonar zu
suchen. Gleichzeitig fanden die ersten Checktauchgänge statt.
An diesem Punkt ist es wichtig zu verstehen, dass aus
Umweltschutzgründen jeglicher Motorbootverkehr am Walchensee
verboten ist, einschließlich Elektromotoren. Der Zugang zu
den Tauchplätzen ist also immer mit Rudern oder massivem Schwimmen
verbunden.
Wir fanden das erste Flugzeug auf Anhieb in 18 Meter Wassertiefe im
nordöstlichen Teil des Sees unter einem Meter Schlick. Innerhalb
von vier weiteren Tauchgängen fanden wir einige Münzen, sowie
ein Messer und persönliche Gegenstände, die bestätigten,
dass es sich um ein deutsches Flugzeug handelt – vermutlich die
gesuchte Me 109. Da die Sicht im Frühjahr auf Null
zurückging, stellten wir die Tauchgänge ein und wandten uns
wieder der Trockenrecherche zu, um mehr über die Historie der
Wracks zu erfahren.

Fundstücke aus der Me 109
Gleichzeitig nutzten wir den Sommer um die beiden anderen Spots mit dem
Sonar zu suchen. Wir fanden zwei Ziele, die wir später mit Hilfe
eines Side-Scan-Sonars untersuchen wollten. Das Gerät stand uns im
August für vier Tage zur Verfügung und bestätigte einen
offenbar intakten Flieger in 127 Meter Tiefe sowie ein Trümmerfeld
von der Größe zweier Fußballfelder in Tiefen zwischen
10 und 40 Meter.
Wir versuchten, das flache Wrack zu betauchen, mussten allerdings
bedingt durch null Sicht abbrechen, da wir permanent in scharfe
Metallreste schwammen, die offenbar überall verstreut waren.
Als vorläufiges Resümee ließ sich also sagen, dass sich
mindestens drei Flugzeuge im See befinden, wovon eines eine Me 109 zu
sein scheint, das zweite ein britischer Bomber vom Typ Lancaster sowie
ein unbekanntes Modell.
2001 und 2002 hatten außer den übelsten Tauchbedingungen
nichts zu bieten. Wir unternahmen zwar mehrere Versuche, hatten aber
immer sehr schlechte Sicht: Instrumente ablesen war schlicht
unmöglich.
Wir nutzten die Zeit und stöberten durch zahlreiche Archive, davon
einige in England. Dabei gelang es die Historie der Lancaster zu
recherchieren:
Geschichte der Lancaster
Die Maschine hob am 2.Oktober 1943 um 6:24 Uhr in Wickenby / England
ab. Es war eine Avro Lancaster III mit der Seriennummer DV 222. Das Flugzeug
gehörte zur zwölften Bomberschwadron der Royal Air Force, mit
der Kennung PHG2. Sgt. Butterfield und Sgt. Crapper-Bovey hatten das
Kommando über die Maschine. Der Angriff war gegen München
geplant. Zuvor hatte die Maschine bereits am 17. August einen
erfolgreichen Angriff gegen Peenemünde geflogen, sowie am 23.
September gegen Mannheim. Zu seiner letzten Mission gegen München
flog die Lancaster mit über 100 weiteren Flugzeugen im Pulk an.

Restaurierte Lancaster und Skizze des Bombers
Nachdem der Bombenschütze Sgt. Labelle seine tödliche Ladung
über München abgeworfen hatte, wurde die Maschine von einem
deutschen Nachtjäger und der Flak schwer getroffen. Der Pilot Sgt.
Butterfield drehte nach Süden ab und versuchte Richtung Italien
und weiter nach Afrika zu entkommen. Aber die Lancaster war zu schwer
beschädigt. Sie schaffte es noch über die ersten Berggipfel.
Dann erblickte die Crew die im Mondschein spiegelnde Fläche des
Walchensees und versuchte auf dem See eine Notwasserung.
Das Manöver misslang, das Flugzeug zerschellte an der
Oberfläche und versank augenblicklich. Eine ältere
Anwohnerin, die das brennende Flugzeug noch mit eigenen Augen sah,
erinnert sich, dass die Maschine die Wasseroberfläche zuerst mit
der linken Flügelspitze berührte, sich überschlug und
sofort versank.
Einige Wochen später wurde die Leiche des Bordschützen Sgt.
R.A. Waters am Ufer aufgefunden. Er wurde auf dem Friedhof von Jachenau
beigesetzt. Nach dem Krieg wurde die Leiche exhumiert und auf den
britischen Soldatenfriedhof Dürenbach umgebettet. Der
Verbleib der restlichen Crew, bestehend aus:
Sgt. D.W.H.
Butterfield
RAF
Sgt.
J.A.
Young
RAF
Sgt. D.H.
Strong
RAF
Sgt. D.R.L.
Crapper-Bovey RAF
Sgt.
J.
Jackson
RAF
Sgt. J.N.E.R.
Labelle
RCAF
ist ungewiss, da Lancaster DV 222 als MIA also “Missing in Action”
geführt wird. Es ist deshalb anzunehmen, dass sich die Männer
noch immer in Ihrem nassen Grab befinden. Wir konnten dies am
23.Dezember auch nachweisen, doch dazu später.
Winter 2003
Jetzt im Winter 2003 hatten wir endlich Glück. Kein Regen oder
Schneefall – der Wasserspiegel war relativ konstant. Das Wasser war
glasklar, wie ich es noch nie erlebt hatte - es war also eine schwere
Entscheidung, die wir zu treffen hatten. Wollten wir an einem
Trümmerfeld tauchen, dessen Geschichte wir kennen, mit einfachem
Zugang vom Ufer und in flachem Wasser, oder an einem intakten Flugzeug,
das tief liegt und dass nur mit einem logistischen Alptraum zu
erreichen ist?
Die Entscheidung war schnell gefällt und wir verbrachten unsere
Zeit mit dem messen, fotografieren und kartographieren der Reste der
Lancaster.

Die Karte der einzelnen Trümmerfelder
Der Grund des Sees an dieser Stelle besteht aus feinem weißen
Sediment, so dass alles tief eingesunken ist. Die Trümmer sind
über ein riesiges Areal verstreut. Wir maßen 200 auf 300
Meter und fanden dabei kein intaktes Teil.. Es fanden sich Tonnen von
Wrackteilen, alle bis zur Unkenntlichkeit verbogen und stumme Zeugen
der ungeheuren Kräfte, die hier gewirkt haben mussten.


Bei jedem Tauchgang filmten und fotografierten wir die
Fundstellen
und kartografierten alle Einzelheiten.
An diesem Punkt des Projektes kamen wir mit Peter in Kontakt. Peter
lebt in Kanada und hat sich komplett der Restauration einer Avro
Lancaster verschrieben. Nachdem wir ihm von unseren Tauchgängen
erzählt hatten, war er begeistert und versprach uns Hilfe bei der
Identifizierung der Teile. Seine Unterstützung wurde zu
einer unschätzbaren Hilfe, da er unseren Funden eine Geschichte
gab. Wir begannen zu verstehen, wie die einzelnen Wrackteile
zusammengehören und begannen das Puzzle als Ganzes zu sehen. Es
war außerdem von großem Nutzen, wenn Peter uns konkrete
Anweisungen geben konnte, von welcher Seite und aus welcher Perspektive
wir einzelne Teile fotografieren sollten – so dass er sich ein besseres
Bild machen konnte. Wir fotografierten also noch mehr und lernten
immer mehr über „unsere“ Lancaster durch Peters Hilfe.

Die zertrümmerte Instrumentenkonsole
Es stellte sich heraus, dass das tiefste Trümmerteil, an dem wir
tauchten, die Frontkuppel des Bombers ist, in der Bombenschütze
Sgt. Labelle seinen Platz hatte. Nachdem wir durch Peter einige
Aufnahmen der Instrumentenpaneele bekommen hatten, waren wir in der
Lage diese am Wrack zu lokalisieren. Nach zwei weiteren
Tauchgängen schwebten wir vor den Instrumenten, die ehemals von
Sgt. Labelle bedient worden waren. Der Haufen verbogenes Metall bekam
eine Geschichte, ein Gesicht und eine Person ließen sich
zuordnen.

Teil der äusseren Hülle

Teil der Flügelstruktur
Bei unserem aller ersten Tauchgang hatten wir am zuerst gefundenen
Trümmerstück eine Boje gesetzt und dann an der
Oberfläche den Spot eingemessen, um die Stelle in einer Karte vom
See akkurat eintragen zu können. Von diesem Punkt „T1“ genannt
wurde nun Leine zu allen weiteren Wrackteilen gespannt. Die Teile
ließen sich so unter Wasser mittels Kompasspeilung und
Maßband genau einmessen. Das Resultat war eine überaus
genaue und detaillierte Karte.

Das Handrad dass zur endgültigen Identifizierung führte
Jeder Teil des Wracks wurde gewissenhaft fotografiert, um später
eine ordentliche Dokumentation erstellen zu können. Es wurden
keinerlei Teile geborgen oder verändert. Lediglich eine Ausnahme
gab es. Von der Instrumentenkonsole in der Bomberspitze wurde ein
Handrad geborgen – gesäubert und an Peter gesandt. Anhand der
aufgebrachten Bauteilnummer war es uns möglich die Identität
der Lancaster endgültig zu beweisen. Es ist die Lancaster DV 222.

Die Gedenkplakette wurde bei traumhaftem Wetter angebracht; re:
Achim & Herbert
Am 23. Dezember versammelte sich unsere Gruppe ein letztes Mal am See
um den gefallenen Briten eine letzte Ehre zu erweisen. Wir hatten etwas
Geld gesammelt und eine Messingtafel anfertigen lassen, mit den Namen
der Crew. Drei von uns tauchten schließlich ab, um die Tafel am
tiefsten Teil des Wracks abzulegen. Der Tauchgang gestaltete sich
schwieriger als erwartet, da die Sicht auf etwa 50 cm gesunken war.

Während wir uns um die Wrackteile tasteten um nach einem
geeignetem Platz zu suchen stießen wir auf die sterblichem
Überreste eines der Crewmitglieder. Da wir uns in der Nähe
der Frontkanzel befanden, hatten wir vermutlich Sgt. Labelle gefunden.
Das Grab blieb selbstverständlich unangetastet und wir beendeten
den Tauchgang.
 Den Ausschnitt mit den sterblichen Überresten haben wir aus
Rücksicht auf Angehörige "gerastert". Auf besonderen Wunsch
der Wargrave Commission wird das Bild aber veröffentlicht um
Hilfestellung zur Anerkennung als Kriegsgrab zu leisten.
Am nächsten Tag machten die Schleusen des Kraftwerks auf, das
Sediment hob sich und verhüllte wie ein Leichentuch das Grab im
See..
Nächstes Jahr werden wir zurückkehren und hoffentlich in der
Lage sein, unsere Karte zu komplettieren, bevor wir uns den weiteren
Wracks im See zuwenden, die auf Ihre Erforschung warten.


Diverse Wrackteile
Nachtrag:
Bei unseren Tauchgängen am östlichen Ende des
Trümmerfeldes stießen wir auf Teile, die sich grundlegend
von denen der Lancaster unterschieden. Nach der Untersuchung durch
einen Fachmann für Flugzeugbau stand fest, dass es sich um
Flugzeugteile handelt, die aufgrund der verwendeten Nieten nach 1960
gefertigt wurden.....

Nieten des jüngeren Wrackteils
Ich möchte mich bei den folgenden Personen für Ihre
Unterstützung bedanken:
Herbert Gfrörer / Taucher.Net, Norbert Eder und Jutta Brandmeier
für Ihre Beteiligung an der Gedenktafel und Ihre wertvolle Hilfe
unter Wasser.
Chris Kuffer, Benjamin Braunschläger, Holger Scherr für Ihre
Unterstützung unter Wasser.
Peter Whitefield für die Hilfe bei der Identifizierung der
Wrackteile.
Weitere Informationen auch auf der Seite von The-Inner-Space.
© by Achim R. Schlöffel
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01.12.2008 17:10 Taucher Online : 167 Heute 12101, ges. 30281261 Besucher
 
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