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Süßwasserpolypen (Hydra)
von Harald Mathä
Wer jetzt denkt, hier einen Bericht über Polizeitaucher lesen zu
können, der irrt- den gibt´s nämlich schon hier, in der
2. Redaktionsausgabe von Taucher.Net mit dem Titel:
"Rund um die Uhr".
Von den weltweit etwa 7.700 Arten vom Stamm der Nesseltieren (Cnidaria) kommen die meisten im Meer vor. Dies sind so bekannte und wichtige Gruppen wie Weich- und Hartkorallen, Seeanemonen oder Quallen.
In`s heimische Süßwasser haben´s wieder mal nur ganz
wenige Arten vom Stamm der Nesseltieren geschafft - und die, die bei uns vorkommen, bilden keine Kalkskelette - das ist auch ein Mitgrund, warum es in unseren heimischen Binnenseen keine Korallenriffe gibt! Basta!
(da hamma die Schuldigen!)

Auch Nesseltiere: Weichkorallen - Fragile Schönheiten im Roten Meer
Nesseltiere:
Bereits der Name lässt einiges erahnen: Nesseln - diese Tiere (Tiere! Daher gehört unsere heimische Brennnessel auch nicht zu den Nesseltieren!) besitzen also Nesseln (Cnidocyten) zum Beutefang sowie zur Verteidigung.
Zum Fang der ihrer Teil recht großen Beutetiere besitzen
Nesseltiere verschiedene Nesseltypen - meist an ihren Tentakeln und an der Mundöffnung.

Eine Hydra auf ihrem Substrat- schön zu sehen die langen
Nesselfäden
Diese sind mit genial konstruierten (eine wahrlich technische Meisterleistung der Natur!) Nesselkapseln (1) versehen, die bei Berührung ausgelöst werden und mit großer Wucht explosionsartig die Haut des Opfers oder des Feindes
durchschlagen und eine giftige oder ätzende Flüssigkeit
(Enzymcocktail) in diese injizieren.

Nesselkapseln initial und abgeschossen
Erhält der „Sensor“ (Cnidocil) einen Reiz, so wird die
Nesselzelle ausgelöst, der Kapseldeckel springt auf (2) und der Hals wird explosionsartig (mit über 150 bar!!!) ausgestülpt. Die nun aufgeklappten Stilette dringen in die Beute ein, verhaken sich harpunenartig und spreizen die Wunde auf.
In diese Wunde stülpt sich nun der Schlauch (3), aus dessen Poren Kapselsekret austritt und dessen Gift schon ausreicht, um kleine Beutetiere sofort zu lähmen oder zu töten. (Stoff für einen Horrorfilm!).
Das ganze dauert grade mal so eine 1/40.000 Sekunde!!! In Worten: Vierzigtausendstel Sekunde!
Bei größeren Beutetieren oder bei einem Menschen, der in
Kontakt zu solchen Nesseln kommt, wird nicht nur eine Nesselzelle, sondern Batterien zu Hunderten ausgelöst und abgefeuert.
Die Nesselbatterien unserer heimischen Arten (Arten sagt man, nicht Sorten!) sind allerdings viel zu schwach, um die menschliche Haut zu durchdringen- und das ist auch gut so!
Im Süßwasser gibt es wie bei den im Meer lebenden Verwandten
zwei Grundtypen der Nesseltiere:
Sessile, das bedeutet
festsitzende Polypen, sowie freischwimmende
Medusen.
Letztere kommen im Süßwasser nur in Form der
Süßwasserqualle vor.Craspedacusta sowerbii.

Heimisches Nesseltier - Medusenform:
Die Süsswasserqualle Craspedacusta sowerbii
Die drei heimischen, sessilen Süßwasserpolypen (Hydra) sind
einander recht ähnlich, daher werde ich hier auch nicht näher auf die einzelnen Arten eingehen und bei der Sammelbezeichnung Süßwasserpolypen für diese ein bis zwei cm großen Hohltiere bleiben.

Der Name *Hydra* ist wohl jedem Leser, der irgendwann Mal eine klassische Bildung genoss, doch noch ein Begriff... Richtig! In der griechischen Sagenwelt war die Lernäische Hydra eine neunköpfige, schreckliche Sumpfschlange, die Herkules in einer seiner 12 Aufgaben töten sollte. Doch für jeden Kopf, den er abschlug, wuchsen zwei neue, schreckliche Köpfe nach. Erst mit Hilfe seines Neffen Iolaos konnte er das Ungeheuer bezwingen, indem sie
die Kopfstümpfe verbrannten (ich hoffe, niemand ist sauer, weil ich jetzt gleich den Ausgang der Sage verraten habe)
Nach diesem Exkurs in die griechische Mythologie aber wieder
zurück in den heimischen See oder ans Mikroskop.
Natürlich hat es einen Grund, warum unser kleiner
Süßwasserpolyp den Namen eines Ungeheuers erhielt. Grund
dafür ist die unglaubliche Regenerationsfähigkeit dieses
Hohltieres. Aus einzelnen Stücken oder sogar einzelnen Zellen, kann sich innerhalb weniger Tage, eine neue Hydra bilden.
Sogar durch ein feines Sieb gepresste Süßwasserpolypen
regenerieren sich wieder vollständig (und daran wäre selbst
Herkules gescheitert!)!
Wie viele Hydra jedes Jahr aus den Universitäten von
wissbegierigen Studenten unter dem Mikroskop zerstückelt werden, um diese Regeneration zu beobachten, dass wissen auch die Tierschutzorganisationen nicht- und sie schweigen dazu...
Neben einzeln lebenden Formen gibt es auch Koloniebildende Formen der Süßwasserpolypen - unscheinbar und unsichtbar auf den ersten Blick - für das geübte Taucherauge aber rasch zu erkennen, eine große Kolonie von Hydra auf einem exponierten Ast im Flachwasserbereich:

Für
großes Bild (518 kb!)
auf Thumb klicken!
Die Nahrung der Süßwasserpolypen besteht aus
Wasserflöhen, Ruderfußkrebschen oder Hüpferlingen, aber
auch kleinen, unvorsichtigen Tauchern, die sich zu weit nähern.

Die Fortpflanzung kann geschlechtlich oder ungeschlechtlich durch Knospung erfolgen, wobei erstere nur in Zeiten des Nahrungsmangels erfolgt (da kenn sich noch einer aus!), die befruchteten Eier den Winter überdauern und im Frühjahr neue Hydra bilden.
Hydra besitzen ein einfaches Nervensystem, das ihnen Reflexe zum Beutefang erlaubt, jedoch kein Gehirn - dieses sucht man bei so manchem humanoiden Zeitgenossen aber auch vergeblich…

Eine Hydra mit einem befruchteten Ei (rechts am Körper erkennbar)
Abenteuer Süßwasserbiologie für Taucher, die mehr
wissen, sehen, kennen und erkennen wollen, Teil III
Teil I: Die Süßwasserqualle Craspedacusta
sowerbii hier im
Taucher.Net Onlinemagazin, Ausgabe 22
Teil II: Das gallertartige Moostierchen Cristatella mucedo hier im
Taucher.Net Onlinemagazin, Ausgabe 35
Allen, die jetzt mehr über Süßwasserpolypen wissen
wollen, kann ich nur die Seite Hydraweb empfehlen.
© Text 2003 by Harald Mathä
© Bilder 1,3,4,5 und 6 by Harald Mathä
© Bilder 2,7 und 8 by Patrick Steinmann, http://psteinmann.net/
der uns freundlicherweise wieder gestattete, diese hier zu verwenden.
Danke!
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20.07.2008 12:28 Taucher Online : 170 Heute 5253, ges. 27639898 Besucher
 
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