HMS Coriolanus

 Geschrieben von Harry

HMS Coriolanus


von Harald Mathä

Das Wrack der englischen HMS Coriolanus (mit I, nicht Coreolanus, wie oft geschrieben wird!) ist unter Tauchern nach der österreichischen (k.u.k.) „Baron Gautsch“ das zweitbeliebteste Wrack der Nordadria. Anders als bei der „Baron Gautsch“ ist über dieses Wrack relativ wenig bekannt. Relativ sicher ist nur, dass es sich offenbar in einer geheimen Mission vor der jugoslawischen Küste befand und dort wenige Tage vor Kriegsende sank.


Samstag, 5. Mai 1945:

In Dänemark und Holland kapitulieren die deutschen Truppen. Die Amerikaner rücken in Linz ein und stehen vor Berchtesgaden - Götterdämmerung für das tausendjährige Reich... das Kriegsende in Europa ist schon greifbar nahe.

An der Adria ist der Krieg ebenfalls fast vorbei, Titos Partisanen haben die deutschen Besatzungstruppen aus dem Land getrieben und errichten nun ihr kommunistisches Regime über den neuen Staatenbund Jugoslawien (übersetzt: Süd-Slawien)

An diesem Tag fährt ein kleiner, unauffälliger Trawler der englischen Kriegsmarine sechs Seemeilen vor der Westküste von Istrien entlang in Richtung Norden.

Irgendwann an diesem Tag hören die Bewohner an der Küste um Novigrad auch einen dumpfen, weit entfernten Knall. Der Trawler war auf eine Mine aufgelaufen und sank rasch. Zuviel Bedeutung will an Land dem Knall aber niemand zumessen und kaum einer will in dieser unruhigen, von Racheakten besessenen Zeit zu viel wissen oder gar zu sehr auffallen…


Historische Aufnahme des Schiffes

Was war geschehen?

Die HMS Coriolanus war mit einem unbekannten, letzten Auftrag in Richtung Norden unterwegs. Wahrscheinlich um den Funkverkehr um Triest herum abzuhören. Italien wie auch Jugoslawien erhoben Anspruch auf das Gebiet von Triest. Hier wäre man aber selbst am liebsten ein Freistaat geworden. Die politische Lage spitzte sich in diesem wichtigen Adriahafen also zu!



Eine der beiden 20mm-Maschinenkanonen

Was wissen wir:

Die HMS Coriolanus war ein britischer Trawler von 1.018 BRT Größe. 35 Mann Besatzung hausten auf diesem 50m langen und knapp 8m breiten Schiff.

Die Bewaffnung bestand in der Hauptsache aus einer 12pfünder-Flugabwehrkanone auf dem Achterschiff. Dies ist nach deutschen Begriffen eine 7,62cm- Flugabwehrkanone. Die Sekundärartillerie umfaßte zwei einzeln stehende 20mm/L70 Mk II A-Flakgeschütze der Firma Oerlikon auf dem Vorschiff. Das war für die Zerstörung von Minen ausreichend, für eine echte Selbstverteidigung jedoch sehr wenig. Aber: Von wem sollte denn in diesen Tagen noch eine echte Gefahr für das Schiff ausgehen?

Die HMS Coriolanus gehörte zur 12 Trawler umfassenden Shakespearian-Klasse.

Angetrieben wurde sie durch eine Expansions–Kolbendampfmaschine von Amos & Smith. Diese leistete maximal 950 iPS und verlieh dem Schiff, über eine einzelne Schraube eine Höchstgeschwindigkeit von 12 Knoten.


Blick zum Heck hoch

Sie wurde am 12. Dezember 1940 bestellt und in den folgenden Monaten in der Werft von Cochrane & Sons Shipbuilders Ltd. bei Selby in Großbritannien gebaut. Dort lief sie am 2. September 1941 vom Stapel. Nach Ausrüstung zum Fischtrawler wurde das Schiff zum Fischfang eingesetzt. Alsbald für den Kriegsdienst requiriert, wurde der Trawler bis zum Februar 1942 zum Hilfsminenräumer umgebaut.
Der Grund für den Umbau von zivilen Schiffen in Behelfs-Kriegsschiffe war, dass die deutschen U-Boote im Atlantik den Bestand an englischen Schiffen dramatisch reduzierten und es daher zu derartigen Notlösungen kam.

1942 in das Mittelmeer verlegt, diente sie mit besonderen Funkanlagen versehen, im Jahre 1943 bei der Landung alliierter Truppen auf Sizilien und an der afrikanischen Nordküste als Funkkoordinationsstelle zur See.


Stiege hoch zu den kollabierten Aufbauten

1945 verlor sich dann ihre Spur. Sie tauchte nun nur mehr in Verlustlisten auf - bis sie irgendwann von einheimischen Fischern entdeckt und von jugoslawischen Marinetauchern betaucht und ausgeräumt wurde. Identifiziert wurde das Wrack 1987 nach einer gründlichen Recherche von italienischen Tauchern.

Der Name Coriolanus stammt von Cajus Marcius Coriolanus, einem edler Römer aus der Stadt Corioli, der die Stadt Rom belagert haben soll. Diese Geschichte spielt auch in einem Drama von William Shakespeare (Die Tragödie des Coriolanus).


Viele Netze am Wrack sind zu beachten - hier an der Galerie

Das Tauchen an der HMS Coriolanus:

Die Coriolanus gilt – aus welchen Gründen auch immer – als kroatisches Kulturdenkmal, was bedeutet, dass sie nur von Tauchbasen mit einer speziellen Genehmigung und mit einer "Extra-Gebühr" – betaucht werden darf.
Ich betauchte die Coriolanus bislang vier Mal mit der Tauchbasis Petra in Rovinj. Das neue Boot von Ivica Stanic – die „Polaris“ fliegt förmlich mit 23+ Knoten von Rovinj in einer knappen Stunde zum Wrack! Ich war in früheren Jahren mit anderen Tauchbooten auf dieser Strecke schon zwei (oder sogar mehr!) Stunden unterwegs!


Skizze des Wracks- © 2003 by Diver´s World, Klagenfurt

Dadurch, dass das Wrack nicht allzu tief liegt, kann man es innerhalb der Nullzeit in einem Tauchgang ausgiebig erkunden. Bekömmlicher als Luft ist für diesen Tiefenbereich aber Nitrox 36 !
Das Wrack steht aufrecht auf dem 30 Meter tiefen Sand und Schlammboden und beim Abtauchen an der Bojenleine – die meist an den Aufbauten in Bugnähe befestigt ist – erkennt man – je nach Sicht - ab etwa 10 Metern Tiefe die Konturen des Wracks. Am Wrack herrscht oft eine geringe Strömung und die Sicht lässt auch schon mal etwas zu wünschen übrig.

Taucht man an der Steuerbordseite am Bug ab, erkennt man sofort das enorme Loch in der Bordwand. Es muss eine enorme Explosion gewesen sein, die dieses Loch und die bizarr verbogenen Blechteile hervorrief - hier würde ein VW-Bus leicht durchpassen. Blickt man etwa bei der Mitte des Wracks nach oben, erkennt man die nach außen geschwenkten Davits der Rettungsboote. Konnten die Rettungsboote beim Untergang gewassert werden und gab es Überlebende? Oder wurden sie nur beim Untergang in dieses Position gedrückt? Auskunft könnten die britischen Archive liefern - dieser gute Rat ist aber teuer…


Die nach außen stehenden Davits der Rettungsboote - gab es Überlebende?

Am Heck dann die große, dreiblättrige Schiffsschraube und das Ruder. Leider ist heute die Sicht für ein brauchbares Foto unterhalb von 27 Metern zu schlecht.
Zurück am Bug tauchen wir wieder zum Deck auf. Hier sieht man sofort die beiden Maschinenkanonen in ihren Lafetten. Die dritte Maschinenkanone, die das Schiff besessen haben soll, ist nirgendwo am Wrack zu erkennen. Sie wurde entweder aus Platzgründen nach dem Einbau des großen Funkmasts am Heck entfernt oder wurde durch die Explosion / beim Untergang vom Schiff gerissen (oder war so einfach zu entfernen, dass sie heute längst bei irgendeinem Sammler im Garten steht).


20mm-MK Nummer zwei

Tief in einem Heckraum soll sich auch die gute erhaltene Notruderanlage samt Steuerrad befinden, die in einer Ausgabe einer bekannten Tauchzeitschrift aus dem Jahr 1999 beschrieben wurde. Es handelt sich hierbei jedoch um eine Notruderanlage (die jedes Schiff besitzt) und nicht um eine "geheime Brücke", wie in besagtem Artikel geschrieben wurde!

Die Galerien Richtung Bug sind relativ leicht zu betauchen. Ein tieferes Eindringen in das Wrack sollte aber diesbezüglich erfahrenen und ausgerüsteten Tauchern vorbehalten bleiben.

Auf die an vielen Stellen vom Wrack hängenden Fischernetze muss unbedingt geachtet werden!


Keine Erklärung nötig!

In einem Quergang Mittschiffs entdeckt man auch die erstaunlich gut erhaltene Bordtoilette, die man auch als Nicht-Seebär aus dem Binnenland sofort als solches erkennt.

Am Heck befindet sich dann die 12pfünder-Kanone (7,62 cm) und der umgestürzte Funkmast, sowie allerhand für einen Nicht-Seemann unidentifizierbare und auch schon stark bewachsene Teile.

Über die eingestürzten Aufbauten geht’s zurück – hier erkennt man den umgestürzten Schornstein und den erst vor wenigen Jahren kollabierten Hauptmast des Schiffes.
Am Wrack gibt es noch allerhand Öffnungen, über die man mehr oder (meist) weniger weit das Wrack penetrieren kann. Der Boden ist aber überall von einer dicken Schlammschicht überzogen, die extrem leicht aufgewirbelt wird und die Sicht auf Null sinken lässt! Daher im Zweifelsfalle die Neugier unterdrücken! Auch von außen gibt es an diesem Wrack viel zu entdecken!


Der umgestürzte Funkturm

Leben am Wrack:

Wie in jedem Wrack hat auch hier ein eher scheuer Conger (Meeraal) von enormer Größe sein Zuhause und unter dem Rumpf findet sich mindestens ein prächtiger Hummer.
Eine dicke Schicht Miesmuschelschalen bedeckt die Böden der Galerien. Schöne große Exemplare - die vielleicht von Larven der Miesmuschelzuchten im Limski-Fjord stammen?

Mit der Lampe entdeckt man an vielen Plätzen gut getarnte Drachenköpfe, die sich ziemlich frech und im Vertrauen auf ihre Tarnung die besten Plätze ausgesucht haben.

In den Aufbauten findet sich ein großer Schwarm von Gabeldorschen, wenn nicht gerade allzu viel Tauchbetrieb an diesem Wrack ist.


Die 7,62cm-Kanone am Heck

© Text und Bilder 2004 by Harald Mathä
© Bild des Bord-WC by Dirk Allert, der uns freundlicherweise gestattete, es hier zu verwenden. Danke!

© Skizze des Wracks aus dem Buch „Wracks der Adria“ by Divers World, Klagenfurt. Danke an Andreas Mäurer für die Genehmigung, es hier verwenden zu dürfen!


Infos

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