Die Wahrheit über Nemo

 Geschrieben von Uli

Die Wahrheit über Nemo

von Uli Erfurth

Jeder Taucher kennt und liebt sie, seit dem Zeichentrickfilm ‚Findet Nemo' sind ‚Clownies' ein Kassenschlager. Wer weiß schon genau, worauf sich ihre Immunität gegen die nesselnden Tentakel gründet, tödliche Fallen für andere Fische? Und wer kennt ihre bizarren Sex-Spiele?

Tatort: ein weitläufiges Prachtanemonenfeld im Roten Meer. Bei Makroaufnahmen von Clownfisch-Laich am Fuß der Nesseltiere zögern die tapferen Brutpfleger keine Sekunde und greifen mich mit einem lauten "Tok-Tok" an. 50 Gramm ungezügelte Wut in der Größe einer Streichholzschachtel lehren mich das Fürchten. Wie viel Mut müssen bei dieser beeindruckenden Aggressivität wohl kleinere Räuber wie Lippfische aufbringen, die am Gelege naschen wollen? Ebenso rigoros wie Eierdiebe vertreiben die mutigen Barsche aber auch jeden erdenklichen Fressfeind ihrer Haus- und Hof-Anemone. Deshalb stehen unter anderem die frechen Maskenfalterfische im Roten Meer weit oben auf ihrer Abschussliste - erst viele Plätze dahinter aufdringliche Taucher.


Anemonenfisch (Amphiprion ocellaris) in Prachtanemone (Indonesien)

Als vor etwa 170 Jahren die ersten Clownfische systematisch erfasst und beschrieben wurden, wusste man zwar von ihrem stetigen Zusammenleben mit den großen Blumentieren, über die Hintergründe der intimen Symbiose war aber nichts genaueres bekannt. Erst Anfang der 70er Jahre brachte der junge, heute berühmte Forscher Hans Fricke Licht ins Dunkel. Wie schafften es die Tiere nur, sich vor übermächtigen Gegnern und nachts in den schützenden Tentakelwald zurückzuziehen ohne verletzt zu werden? Immerhin liegen an der Oberfläche der Anemonententakel hochgiftige Nesselzellen, und das zu Tausenden. Bei jeder chemischen oder mechanischen Reizung des winzigen Sprengzünders an den Kapseln explodieren die Superwaffen, schleudern eine widerhakenbesetzte Miniharpune aus und injizieren ein Eiweißcocktail, der selbst für größere Fische lebensgefährlich ist.

Fricke ging der Sache mit einigen einfachen Experimenten auf den Grund. Zunächst fing er einige Exemplare des endemischen Rotmeer-Clownfischs Amphiprion bicinctus und zwang sie zum Kontakt mit anderen Anemonen gleicher oder fremder Art. Ergebnis: Die Tiere wurden schonungslos genesselt. Schließlich isolierte der Forscher die Clowns in Aquarien. Als er seine Probanden nach einigen Stunden wieder ins Riff entließ, stürzten sich die heimatlosen Fische schnurstracks auf ihre alte Anemone, um mit ihr zu kuscheln, wurden aber massiv genesselt oder sogar verspeist! Je länger die Abstinenz von der Anemone war, um so fataler fielen die Folgen des Wiedersehens aus. Die Tiere verloren also während des Zwangsurlaubs ihre überlebenswichtige Immunität.

Tatsächlich nehmen die Clownfische bei jeder Berührung mit den schleimigen Tentakeln einen Selbsterkennungsstoff des Blumentiers auf, der verhindern soll, dass sich die Fangarme untereinander nesseln. Wird diese Prozedur ständig wiederholt, hält die Anemone den Fisch letztlich für einen Teil von sich selbst. Nur mit diesem chemischen Tarnanstrich ist Amphiprion bicinctus imstande, sich schadlos im Tentakelwald zu bewegen. Obendrein führt jeder Kontakt mit den Fangarmen zu einer Änderung der Konsistenz und Biochemie der fischeigenen Schleimschicht. So führt bei Amphiprion clarkii bereits das Reiben an Gummitentakeln von schnöden Anemonen-Dummies zur Bildung einer Extra-Schleimschicht und schnelleren Akklimatisation an echte Wirte. Welcher Trick letztendlich bei den 27 bekannten Clownfischarten angewendet wird, darüber streiten die Gelehrten.

Vermutlich erfüllt jedes Tentakelbad auch eine hygienische Funktion. Die Oberfläche der Fangarme enthält nämlich neben Selbsterkennungsmolekülen auch ein starkes Biozid, das blutsaugenden Plagegeister das Andocken an den Kiemen und anderen Körperteilen vergällt. Serviceleistungen von Putzerfischen und -garnelen bleiben deshalb bei Clownfischen die seltene Ausnahme.


Junger Clownfisch (Amphiprion bicinctus) in Keulenanamone

Am meisten staunten die Forscher über das Familien- und Sexleben der Clownfische, es ist sozial streng geregelt. Alles beginnt recht harmlos: Aus den Eiern eines Paares schlüpfen geschlechtlich zunächst noch nicht determinierte ‚kleine Nemos', die Anlagen von weiblichen wie männlichen Keimdrüsen tragen. Nach etwa zwei bis drei Wochen im Plankton machen sich die Jungtiere auf die Suche nach freien Aktinien im Riff. Einen ultra-kurzen geschlechtlichen Werdegang haben Jungfische vor sich, die das Massel haben, eine eigene Anemone zu besiedeln. Sie aktivieren umgehend ihre Eierstöcke und warten auf ‚echte Kerle', um eine Familie zu gründen. Alle anderen Jungtiere müssen bei einem dominanten Clownfisch-Paar unter die Tentakeldecke schlüpfen. Als sexuell inaktive Symbiosesklaven stehen sie zunächst ganz unten auf der Karriereleiter. Chef und ranghöchstes Tier der Gruppe ist ein einziges, matronenhaft großes Weibchen! Erst wenn ‚die Herrin' stirbt, kommt Dynamik in Beziehungskiste. Dann stellt der bisherige Liebhaber postwendend die Spermienproduktion ein, lässt stattdessen seine Eierstöcke auf Hochtouren laufen und erhebt sich per Geschlechtsumwandlung zur neuen Domina. Gleichzeitig wird der dienstälteste Sklave der Kommune zum neuen Liebhaber proklamiert!

Die Clownfisch-Evas, um die Sache mal weniger fetischistisch auszudrücken, haben also "die Hosen an". Auch die anfänglich beschriebene Attacke gegen mich leiteten ganz überwiegend die größeren Weibchen ein. (Und wer stellt sich im Film tapfer vor den Barakuda: Nemos Mama!). Nicht nur ihre mangelnde Körpergröße macht die Ehegatten und Reservemänner im Verteidigungsfall zu schüchternen Anemonenhockern. Fällt ihre Amazone aus, steht auf ja auf jeden Fall ein Karrieresprung an. So handeln die opportunistischen Herren in brenzligen Situationen meist nach dem Motto "Geh' schon mal vor, ich komm gleich nach!"


Anemonenfisch - Amphiprion bicinctus Rotes Meer


Background-Info:

Die Anemonenfische (Amphiprioninae) stellen eine Unterfamilie der Riffbarsche (Pomacentridae) dar. Bekannt sind 27 Arten mit maximal 8-15 cm Körperlänge. Sie stammen sämtlich aus Korallenriffen zwischen dem Roten Meer und Tahiti. In der Karibik wagt sich nur der Diamant-Dreiflosser Malacoctenus boehlkei in die Tentakel der Riesenanemone Condylactis gigantea. Die echten Anemonenfische aus der Gattung Amphiprion zeichnen sich fast alle durch 1-3 weiße Querbinden aus, daher der populäre Name "Clownfische". Durch das kurze Larvenstadium sind viele Arten endemisch, d.h. sie kommen nur in einem begrenzten Gebiet vor. Clownfische ernähren sich von Plankton und kleinen Krebsen. Bei der Jagd entfernen sie sich nicht mehr als ein oder zwei Meter von ihrer Anemone. Die großen Aktinien (hauptsächlich Stoichactis und Radianthus), mit denen die Fische obligat vergesellschaftet sind, bieten im Indopazifik u.a. auch jungen Dreipunkt-Preußenfische und Periclemes-Garnelen eine Heimat. Den überlebenswichtigen Nesselschutz müssen diese Untermieter genauso ständig erneuern wie die Clownfische.

Text + Bilder: Uli Erfurth
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