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 Geschrieben von Brigitte & Ralf

Diving as passion - Part III

Friede, Freude, Frustration

von Brigitte Hackenberg und Ralf Dänzer




Einführung

Bereits in zwei vergangenen Ausgaben unserer Online-Ausgabe hatten wir uns speziell mit dem Thema "Berufstauchen" beschäftigt. Wir hatten Brigitte Hackenberg bei Ihrem Weg zur Berufstaucherin begleitet. Im Oktober 2001 hatte sich Brigitte entschlossen, ihre bisherige Arbeit als Tauchlehrerin im Sporttaucherbereich aufzugeben und auf eigene Kosten eine Ausbildung zum "Berufstaucher" zu beginnen. In unserem ersten Bericht hatten wir uns speziell mit der Ausbildung bei Stenmar in Schottland beschäftigt. Obwohl Brigitte mit mehreren tausend Sporttauchgängen und vielen Höhlentauchgängen in unterschiedlichen Höhlensystemen der Welt äußerst umfangreiche Erfahrung und Kompetenz vorweisen konnte, war der Unterschied zu den Aufgaben des Berufstauchers bereits in der Ausbildung deutlich zu erkennen. Taucherisch stellten die Aufgaben keine Herausforderung dar, aber eine vollkommen andere Ausrüstung und das Erlernen der für den späteren Berufstaucheralltag notwendigen Fertigkeiten wie Unterwasser-Schweißen, etc. hatten es in sich.

In unserem zweiten Artikel berichteten wir dann über den letzten Teil der Ausbildung sowie die schwierige Suche nach einer Anstellung in einer extrem von Männern geprägten Berufssparte. Es stellte sich schnell heraus, dass das Ziel "Offshore-Taucher" nur für sehr wenige Berufstaucher wirklich erreichbar ist.

Im folgenden Artikel beschreibt Brigitte nun den Alltag als Berufstaucherin in Schottland. Wie bereits in den beiden vorherigen Artikeln, beleuchten wir nicht nur die Sonnenseiten des Berufes, sondern auch die Seiten, die viele Berichte gerne außen vor lassen und das Berufsbild "Berufstaucher" eher unter einem etwas verklärten Aspekt darstellen. Trotzdem zeigen wir, was den Reiz dieses Berufes ausmacht.

Der ganz normale Alltag – Schottland von seiner schönsten Seite

Wir arbeiten von drei verschiedenen knapp 10 m langen Fischerbooten aus. Im Sommer ernten wir vorwiegend Razor Shells, im Winter auch Kamm-Muscheln oder sind je nach Bedarf auch auf Muschelfarmen beschäftigt. Meist befinde ich mich auf Lewis Island, der nördlichsten Insel der Äußeren Hebriden, nordwestlich von Schottland. Dorthin gelangt man entweder mit der Fähre von Ullapool oder per Flugzeug von Glasgow oder Inverness. Die Insel hat ein ausgeglichenes Klima mit ständigem, meist recht starkem Wind und einer baumlosen felsigen Landschaft mit unzähligen flachen, tiefblauen Seen. Im Herbst verfärben sich die mit Schafen bevölkerten Wiesen zu einem bunten Farbenmeer aus Heidekraut und Farnen. Die Durchschnittstemperaturen sind wegen des Golfstromes sehr ausgeglichen, im Winter ca. 10 Grad, im Sommer 18 Grad. Regenbogen sieht man regelmäßig, da aufgrund der starken Winde ein ständiger Wechsel von kurzen Schauern und Sonnenschein vorherrscht.

Wir arbeiten mit unseren Booten in Sichtweite zu den steilen Klippen, die im Frühjahr von zahllosen brütenden Seevögeln bevölkert werden, oder langen menschenleeren Sandstränden. Wale und Delfine ziehen vorbei. Auf den vorgelagerten Inseln und auch in manchen der Häfen tummeln sich Robben. Das Wasser ist sehr sauber und erreicht im Sommer eine Maximaltemperatur von 14 Grad. Zwischen den Uferfelsen tummeln sich Langusten und Krebse.

Unser Arbeitstag beginnt gegen 7 Uhr morgens mit der Fahrt zum Hafen. Der Bootsmotor wird überprüft, bei Bedarf Wasser und Diesel gebunkert. Die Plastikboxen werden an Bord gebracht, in denen später der Fang aufbewahrt wird. Meist arbeiten wir mit drei Booten, die zu den jeweiligen Zielen 30 - 60 Minuten unterwegs sind. Einer der Taucher steuert das Boot, der Rest füllt die Flaschen oder bereitet unsere Bojenleinen und Netze vor. Unsere Schiffe sind mit GPS, Echolot, Radar, Funkgerät und Kompass ausgestattet, so dass auch bei schlechter Sicht ein problemloses Navigieren möglich ist. Glücklicherweise haben wir fast nie Nebel oder diesiges Wetter, meist herrscht sogar unbegrenzte Sicht von bis zu 100 Kilometern.


Im Vordergrund sieht man die Boote, von denen wir arbeiten.
Ganz links ist die "Isis", in der Mitte die "Puffin" und rechts liegt die "Briar Rose".
Die Isis, auf der ich im Moment bin, ist mit 10 m das längste der drei Boote.

The work must go on – Wie die Muschel im Sandhaufen

Sobald wir am Tauchplatz ankommen sind, wird geankert und wir bereiten uns auf unsere Tauchgänge vor. Wir arbeiten alle allein. Jeder führt eine Boje mit sich, die mittels einer Bojenleine mit dem Taucher und den drei Sammelnetzen verbunden ist. Sobald eines der Netze gefüllt ist, wird es in der Nähe der Wasseroberfläche an die Bojenleine gehängt. Mit dem nächsten Netz wird weitergearbeitet.

Unsere Tauchausrüstung besteht aus einem Trockentauchanzug, dünnen Schutzhandschuhen, 10-, 12- oder 15-Liter Doppelgeräten, keinem zusätzlichen Auftriebskörper, Atemregler mit einer ersten und einer zweiten Stufe, Bleigurt, Flossen, Vollgesichtsmaske, Messer, Computer und Kompass. Wir arbeiten immer zuerst gegen die Strömung und schwimmen dann mit den vollen Netzen zum Boot zurück.

Wir arbeiten auf ebenem Sandgrund in 4 bis 17 m Tiefe für 1 bis 3 Stunden pro Tauchgang, je nach Wassertiefe und Luftverbrauch des Einzelnen. Pro Tag kommt man so auf 4 - 6 Stunden Tauchzeit. Wir werden nach Bündel bezahlt. Das bedeutet, je mehr jeder Einzelne fängt, desto mehr verdient er auch.

Die Muscheln, die wir fangen, leben im Sand und sind nur durch zwei stecknadelkopfgroße runde Öffnungen zu erkennen, manchmal sieht man auch diese kaum und hält dann nach kreisrunden Vertiefungen Ausschau, unter denen sich manchmal eine dieser Muscheln verbirgt. Die Muscheln zu finden stellt das Hauptproblem für Anfänger dar. Aber nach einigen Wochen bekommt man einen Blick dafür. Schnelligkeit, Kraft und Geschicklichkeit entwickeln sich - Fähigkeiten, die man für diese Arbeit unbedingt benötigt. Die Razor Shells sind ca. 15 cm lang und haben einen Durchmesser von 2 bis 4 cm. Das Tier sieht aus wie gelber Spargel, nur etwas dicker und ist von einer zweischaligen länglichen Schale umgeben. Sobald man eine Muschel gefunden hat, muss man sie nahe der Sandoberfläche seitlich gegen den Sand fixieren, damit sie nicht nach unten verschwindet. Und während man sie festhält, zieht man sie mit der anderen Hand heraus. Als uns das beim ersten Tauchgang von den erfahrenen Tauchern gezeigt wurde, die das schon monatelang machen, sah das lächerlich einfach aus. Aber schon kurze Zeit später stellten wir überrascht fest, dass diese Tierchen wesentlich schneller und kräftiger sind, als angenommen. Wir werden Wochen benötigen, um diese Fertigkeit in der gleichen Perfektion und Schnelligkeit zu erlernen.


Zwischen den Tauchgängen werden die Taucher vom Boot zum nächsten Tauchplatz gezogen.
So spart man Zeit und vermeidet lange Schwimmstrecken. Die runden Teile hinter den Tauchern sind deren Markierungsbojen.



Ein Gefühl fast wie beim Wasserski fahren,
mit der Doppel-15er liegt man nur etwas tiefer...


Am Ende des Tauchgangs schwimmt man zum Boot zurück, leert die Netze, ordnet die Bojenleinen, schnürt je 12 Muscheln mit Gummibändern zu einem Bündel und verstaut die Razor Shells in den Aufbewahrungsboxen. Wenn es warm ist, müssen die Muscheln regelmäßig mit Meerwasser gekühlt werden, damit sie den zweitägigen Transport nach Asien unbeschadet überstehen. Dort landen sie dann lebend in Feinschmecker-Restaurants in Hongkong oder Singapur. Mit Knoblauchbutter in der Pfanne kurz angebraten schmecken diese Muscheln übrigens vorzüglich.


Die Muscheln werden aus unseren Netzen in die Plastikboxen
geschüttet und dann gebündelt.



So sehen die Razor's gebündelt aus.

Während man einen Imbiss zu sich nimmt, werden die Flaschen gefüllt und dann geht's sofort wieder ins Wasser für den nächsten Tauchgang. Am Abend kehren wir dann zum Hafen zurück und entladen den Fang, oft bis zu 1.000 kg.

Bis zu 13 Stunden Arbeitszeit an 7 Tagen die Woche – ein Traumjob?

So kommen wir im Sommer, wenn es erst nach Mitternacht dunkel wird, auf bis zu 13 Stunden Arbeitszeit pro Tag und das an 7 Tagen pro Woche. Frei haben wir nur, wenn der Wind zu stark ist, um mit dem Boot rausfahren zu können. Aufstehen am Morgen müssen wir aber meist trotzdem. Erst am Hafen oder auch erst, wenn wir den Tauchplatz erreicht haben, wird entschieden ob gearbeitet werden kann oder nicht.


Eine Tasse Tee zum Aufwärmen, bevor mit dem Aufräumen begonnen wird.
Vor kurzem haben wir ein Stahlgerüst aufgeschweißt und eine Plane darüber befestigt,
damit wir besser vor den häufigen Regenschauern geschützt sind.


Meist macht es eine Menge Spaß, wenn allerdings hohe Wellen das Arbeiten an Bord fast unmöglich machen, der Regen aufgrund des Sturms waagrecht kommt und der Trocki mal wieder ein Leck hat, kann es auch schnell äußerst unangenehm werden. Oft ist die Dünung auf dem Sandgrund so stark, dass man 1-2 Meter versetzt wird, was das Fixieren der Muscheln im Sand nicht gerade leichter macht. Und wenn dann noch die Strömung so stark ist, dass man nicht mehr dagegen anschwimmen, sondern nur noch im 90-Grad-Winkel arbeiten kann, muss man extrem sorgfältig mit dem Kompass navigieren, um nicht auf Nimmerwiedersehen weitab vom Boot im offenen Meer aufzutauchen. Da meist niemand an Bord ist, der einen aufsammeln könnte (weil alle gleichzeitig am Tauchen sind), kann dies etwas unangenehm werden.


Die Puffin auf dem Wegvon Carradale nach Arran

Letzten Winter haben wir auch drei Monate Kamm-Muscheln („Scallops“) geerntet. Scallops sind große, bis zu 15 cm Durchmesser erreichende, fast runde Muscheln, die in 15 bis 30 m Tiefe auf der Sandoberfläche liegen und direkt aufgesammelt werden können.

Ebenso wird zeitweise auch auf Muschelfarmen gearbeitet. Dort werden die sich selbständig anhaftenden schwarzen Mies-Muscheln auf 20 m langen herabhängenden Seilen kultiviert. Das sieht wie ein paralleler Unterwasserwald aus, sehr imposant. Im Herbst, wenn die Muscheln das Erntegewicht erreicht haben, werden die Muschelseile abgeschnitten, herausgezogen und maschinell abgelöst. Es ist unglaublich, wenn man sieht, dass sich die Muscheln innerhalb weniger Monate in Schichten bis zu 20 cm übereinander an die Seile heften. Jedes einzelne dieser Taue wiegt dann 50 - 80 Kilogramm. Es ist die Aufgabe der Taucher, die großen Auftriebskörper, die dieses enorme Gewicht halten, zu überprüfen, neue Bojen zu befestigen, Seile, die den Grund in 25 m Tiefe berühren, abzuschneiden und die Muscheltaue von Seesternen, welche die Muscheln aussaugen, zu befreien.

Afrikanisches Flair im hohen Norden – Der Reiz am Job!

Die Zusammenarbeit mit meinen Kollegen, alles Südafrikaner, ist klasse und wir haben trotz der harten Arbeit einen Riesenspaß. Im Innenbereich der Boote befinden sich 2 kleine Kojen, eine Kochgelegenheit und - das wichtigste - ein CD-Player.

Am Morgen und während der Oberflächenpausen verwandelt sich das Boot schon mal in eine schwimmende Disco (wenn nicht gerade der Kompressor gegenläufige Geräusche produziert). Alle sind gut drauf und der Rhythmus der südafrikanischen Musik springt sowieso sofort über.

Auch nach 16 Monaten bin ich immer noch der Meinung, im Paradies gelandet zu sein. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass es derart Spass machen könnte, den ganzen Tag auf dem Meer auf einem Tauchboot zu arbeiten, insbesondere, weil ich früher recht anfällig gegen Seekrankheit war. Sobald man jedoch ein paar Tage auf dem schaukelnden Boot verbringt, gibt sich das von selbst.

Allerdings muss man die Arbeit schon mögen. Seitdem ich letztes Jahr bei dieser Firma angefangen habe, haben schon mehr als 10 neue Taucher wieder aufgegeben. Die Arbeit ist recht schmerzhaft und anstrengend, die Muscheln sind sehr scharfkantig und können leicht Fingernägel spalten, wenn man sie im falschen Winkel, nämlich von oben, erwischt.


Etwas frustriert hängen wir mittags auf der Pier rum, da aufgrund
Motorschadens das Tauchen abgebrochen werden musste.

Man hat ständig Schnitte an den Händen und wenn man mit voller Wucht in den Sand stößt, um die Muscheln festzuhalten, sind oft erst mal Steine oder Muschelstücke dazwischen, was an den Fingerspitzen extrem schmerzhaft ist. Die Haut an den Fingerspitzen schält sich ständig. Nach ein paar Wochen werden diese Hautpartien dann glücklicherweise steinhart, so dass man nichts mehr fühlt.


Wenn stürmische Winde herrschen oder Boote und Kompressoren streiken,
bleibt Zeit für Freizeitbeschäftigungen wie Motorräder, Kite-Surfen usw.

Im Frühjahr, wenn das Wasser nur 7 Grad hat, ist es so kalt, dass man kaum noch Gefühl in Händen und Fingern hat. Neoprenhandschuhe können wir nicht verwenden, weil wir sonst die Muscheln im Sand nicht fühlen und festhalten können. Spätestens nach 45 Minuten ist man dann nur noch am Zittern, und denkt mit Sehnsucht an die in der Schule in Fort William verwendeten Heißwasseranzüge. Ich freue mich dann immer auf mein abendliches heißes Vollbad zum Aufwärmen.

Ernterausch

An schönen Tagen, wenn das Wetter warm, das Meer glatt und die Muscheln gut sichtbar sind, macht es enormen Spaß und die Taucher sind kaum aus dem Wasser zu bekommen. Spätestens um 22.00 Uhr muss der gesamte Fang bei der Spedition abgeliefert sein. Phil und Renier müssen oft ein Machtwort sprechen, um alle Taucher rechtzeitig aus dem Wasser zu bekommen, damit wir uns nicht verspäten. Auch wenn es verblüffend klingt, aber manchmal gerät man in eine Art Fangrausch und das ganze bekommt eine Eigendynamik, die man nur schwer beschreiben oder gar stoppen kann. Keiner will dann auftauchen und am liebsten würden wir weiterarbeiten, bis wir aufgrund der einbrechenden Dunkelheit absolut nichts mehr sehen können.

Es zeigt sich also, dass Berufstaucher ein interessanter und herausfordernder Beruf sein kann. Man sollte sich aber bewusst sein, dass es sich hier um einen Beruf handelt und nicht um ein Hobby oder Freizeitvergnügen. Der Unterschied zum allseits bekannten Sportauchen ist daher schon deutlich spürbar. Trotzdem werden wir Brigitte weiter begleiten und Euch in loser Folge Ihren weiteren Werdegang schildern.

Weitere Informationen:

Tauchcenter Delphin
(zusätzlich Ausbildung im Sporttauchen und Technical Diving, Ausbildung nach CMAS, IANTD und ITDA, keine Anfängerausbildung)

© 2004, Brigitte Hackenberg, Ralf Dänzer
© auf alle verwendeten Bilder Brigitte Hackenberg



Infos

Interessante medizinische Themen sind in der Diskussionsseite Tauchmedizin zu finden. Wie auch in jedem anderen Forum auf unserer Seite - Fragen kostet nichts. Und viele kompetente Antworten sind dir in diesem Forum garantiert.


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