Reiseübelkeit

 Geschrieben von Jessica

Reiseübelkeit

von Jessica Brühl

Durch "kurviges" Auto- und Busfahren, Luftturbulenzen im Flugzeug, sowie auch durch Wellengang auf See auf dem Weg zum Tauchplatz wirken verschiedene Beschleunigungskräfte auf das Gleichgewichtssystem im Innenohr ein. Diese Wirkkräfte entsprechen meist nicht der optischen Wahrnehmung. Das Gehirn des Menschen kann dabei die verschiedenartigen "Reizsignale" des Sehens und des Gleichgewichtssystems nicht ordnungsgemäß verarbeiten bzw. koordinieren und reagiert dadurch mit Beschwerden wie Schweißausbrüchen, Übelkeit, Erbrechen bis hin zum Kreislaufkollaps. Ein frühes und oft erstes Anzeichen ist häufiges Gähnen. Oft helfen einfache Tipps, um der Reiseübelkeit vorzubeugen, manchmal sind aber nur Medikamente die einzige Lösung. Gerade beim Tauchen ist Letzteres aber nicht empfehlenswert, da viele Medikamente gegen Reiseübelkeit Nebenwirkungen haben, die mit dem Tauchen unvereinbar sind. Was hat man also sonst für Alternativen?

Anmerkung vorweg (gilt insbesondere für den Abschnitt über Medikamente):

Dieser Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es werden nur für das Tauchen bedeutende Informationen aufgeführt. Die Beschreibung ist neutral und basiert auf der vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) anerkannten Fachinformation (?Rote Liste?).
Die Informationen stellen keine Empfehlung oder Bewertung des Präparates dar. Sie ersetzen auf keinen Fall die fachliche Beratung durch einen Arzt oder Apotheker!


Grundsätzliche Ratschläge gegen Reiseübelkeit:

Personen, die häufig mit Reiseübelkeit zu kämpfen haben, sollten folgende Ratschläge beachten:

  • Der Blick sollte, egal ob Boot, Auto oder Bus, stets nach vorne in Fahrtrichtung ausgerichtet sein (nicht aus dem Seitenfenster sehen). Am besten man fixiert einen Punkt oder schließt die Augen. Ausnahme ist das Flugzeug.
  • Im Flugzeug kann man die Bewegungen nicht durch Hinschauen verfolgen. Am besten reserviert man sich einen Platz am Gang auf Höhe der Tragflächen. Wenn es möglich ist, oft aufstehen und langsam hin und her gehen. Tief, aber ruhig durchatmen. Nicht hyperventilieren. Alternativ kann man den Sitz zurückklappen, sich hinlegen und die Augen schliessen, da das Innenohr dann auf "Schlafstellung" schaltet. Auf keinen Fall aus dem Seitenfenster schauen!
  • Bei Bootsfahrten in die Mitte des Bootes oder im Bug sitzen, Blick zum Horizont! Möglichst dicht an die Wasseroberfläche kommen, da das Boot dort weniger stark krängt. Jedoch sollte dieser Punkt nicht im Bootsinneren, sondern an der frischen Luft sein! Hinlegen sollte man sich nur, wenn es einem wirklich sehr schlecht geht. Das sollte dann an dem Punkt sein, wo das Boot möglichst bewegungsarm ist. Hilfreich kann es auch sein, leichte Tätigkeiten an Deck zu verrichten. Vermeiden sollte man auf jeden Fall Positionen, in denen man sich bücken, also den Kopf senken, muss. Darauf achten, dass man nicht den Abgas des Motors/Kompressor einatmet. Möglichst leicht Verdauliches und in kleinen Portionen essen. Das Erlernen von autogenem Training oder progressive Muskelentspannung nach Jacobsen kann sehr förderlich sein.
  • Während der Auto-/Busfahrt nicht lesen! Schon das Kartenlesen kann zu einer Verstärkung der Übelkeit führen.
  • Vor und während der Reise nur leichte Mahlzeiten zu sich nehmen. Nach Möglichkeit fettarm. Der ?übliche? Zwischenstop am Fastfood-Restaurant an der Autobahn sollte auf jeden Fall entfallen!
  • Das Kauen von normalem Kaugummi oder Gummibärchen kann die Übelkeit hemmend beeinflussen, weil der Speichelfluss angeregt wird.
  • Wenn die Reiseübelkeit zu stark ist, über Medikamente nachdenken.
    Dazu gehören sowohl pflanzliche Präparate aus Ingwerwurzel-Extrakt, als auch verschiedene freiverkäufliche Medikamente, die in den Apotheken gegen Reiseübelkeit angeboten werden.
    Die Medikamente sollten ungefähr eine Stunde vor Reiseantritt genommen werden und wirken dann in der Regel bis zu vier, fünf Stunden. Nicht zu empfehlen sind diese Mittel bei Schwangeren, Kleinkindern (ausser, sie sind speziell für Kinder entwickelt) und Patienten mit erhöhtem Augeninnendruck ("grüner Star"), sowie bei Tauchern. Bei allen vorgesehenen Medikamenteneinnahmen gilt jedoch auch hier sich ärztlich beraten zu lassen, um über Wirkung, Nebenwirkung und Wechselwirkung mit anderen Medikamenten ausreichend und individuell aufgeklärt zu werden.


Medikamente

Die meisten frei verkäuflichen Medikamente gegen Reiseübelkeit sind Antihistaminika. Zum Beispiel fallen Reisegold ®, Emesan ®, Peremesin ® oder Postafen ® etc. in diese Kategorie. Sie sind geeignet für normale Auto- oder Flugreisen. Man nimmt sie eine Stunde vor Reiseantritt ein. Dauer der Wirkung: Bis zu vier Stunden. In Kaugummiform wirken sie schneller und können auch nur bei Bedarf genutzt werden. Alle haben gemein, dass sie neben der übelkeitshemmenden Wirkung auch müde machen, vor allem im Zusammenwirken mit Alkohol. Die Tauchtauglichkeit ist nach Einnahme solcher Medikamente also keinesfalls gegeben! Es gibt zudem keine Studien über die Wirkung des Medikaments unter Druck. Vermutet wird jedoch eine Verstärkung der Wirkung unter Wasser. Ein weiterer Grund, nicht tauchen zu gehen!

Wirkungsweise: Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr sorgt normalerweise dafür, dass äußere Reize, wie Druck- und Höhendifferenzen korrekt erfasst und unterschieden werden und der Körper dementprechend reagieren kann. Ein Botenstoff, der zur Übertragung der Reize beiträgt, ist Histamin. Ist die Funktion des Gleichgewichtsorgans gestört, z.B bei der Reisekrankheit, so wird dem Menschen schwindelig oder schlecht. Das Medikament blockiert die Wirkung des Botenstoffs Histamin und hält damit die Reize vom Gleichgewichtsorgan fern. Dadurch bessert sich der Schwindel und die Übelkeit.
Histaminika haben außerdem einen direkt hemmenden Effekt auf das Brechzentrum im Gehirn.


Wer pflanzliche Mittel bevorzugt, kann es mit Ingwer-Kapseln (Zintona ® ) probieren oder auch im orientalischen Markt eine frische Ingwerwurzel kaufen und kauen. Der Geschmack ist allerdings nicht Jedermanns Sache. Von "lecker" bis "schmeckt wie Seife" hört man ziemlich unterschiedliche Meinungen.

Wirkweise:
Ingwer stammt aus dem tropischen Asien und Westafrika und ist ein Kraut, das bis zu 1.30 m hoch wächst. Arzneilich werden die Wurzeln des Ingwers genutzt. Ingwerwurzeln enthalten Gingerol und Methylgingerol. Außerdem enthalten sind noch ätherische Öle. Sie alle wirken gegen Brechreiz, fördern den Speichelfluss, die Magensaftbildung und steigern die Darmbewegungen. Ingwerwurzel wird bei Reisekrankheit, Übelkeit, Erbrechen sowie bei Schwindel angewandt. Nebenwirkungen gibt es keine, mit Ausnahme von allergischen Reaktionen auf einen der Bestandteile. Von daher ist nach heutigem Wissenstand das Tauchen unter Zintona-Einfluss problemlos möglich.

Gegen starke Beschwerden, wie sie bei Tauchkreuzfahrten auftreten, hilft der Wirkstoff Scopolamin. Es hat eine längere und stärkere Wirkung, ist aber wegen größerer Risiken verschreibungspflichtig. Scopolamin (Scoporderm TTS ® Membranpflaster) macht nicht müde! Das Medikament wird als Pflaster hinter das Ohr geklebt und gibt seinen Wirkstoff über 72 Stunden frei. Tauchtauglich ist man allerdings damit trotzdem nicht, da das Medikament die Reaktionsfähigkeit beeinflusst! Es kann ausserdem Sehstörungen, Blasenentleerungsstörungen und Herzrasen u.v.m. verursachen.

Wenn sich jemand bereits erbricht, kann man mit Tabletten nichts mehr erreichen. Dann sind Zäpfchen mit dem rezeptpflichtigen Wirkstoff Metoclopramid (z.B. MCP ®, Paspertin ® ) die beste Lösung.

Alternative Medizin: Die Medizin hilft, weil wir an sie glauben.


"Es ist besser, therapeutischen Unsinn zu glauben", meint der britische Mediziner Richard Asher, "als offen den therapeutischen Bankrott einzugestehen. Besser in dem Sinne, daß ein wenig Leichtgläubigkeit uns bessere Ärzte, wenn auch schlechtere Wissenschaftler sein läßt."
Die "Wirksamkeit" von Placebos ist in hunderten von Studien nachgewiesen worden. Hauptsache, der Patient glaubt an die Wirkung. Probieren geht also über studieren.

An dieser Stelle kommt das homöopathische Mittel Cocculus (Denisia Nr. 3 ®) zum Einsatz. Es wird aus den getrockneten Früchten der Scheinmyrte (Anamyrta cocculus) hergestellt. Bei Einnahme von homöopathischen Arzneimitteln können sich die Beschwerden vorübergehend verschlimmern (Erstverschlimmerung). In diesem Fall sollte das Arzneimittel abgesetzt und ein Arzt befragt werden. Ansonsten ist die Homöopathie nach wie vor ein umstrittenes Thema. Manchen Menschen hilft es, manchen nicht. Das scheint eine Glaubensfrage zu sein.

Eine weitere Methode ist es, sich Watte in ein Ohr zu stecken und zwar bei Linkshändern ins rechte Ohr und umgekehrt. Es wird immer wieder berichtet, dass das zum Erfolg führen soll. Auch Stereomusik über einen Walkman soll einen positiven Effekt haben... Vermutlich ist dieser Effekt auf die aktive Ablenkung zurückzuführen. Aber auch hier gilt: Wem es hilft, der soll es verwenden!

Riechöl:


Angelikawurzel ist laut Angaben der ?alternativ homöopathischen Szene? sehr nützlich, da es unter anderem die Verdauung anregt und somit gegen Übelkeit wirkt.
Der Duft der Angelikawurzel-Essenz soll Mut machen und Ausdauer bei Angst, seelischer Instabilität und Depressionen geben.
Er soll kräftigen und zu innerer Standfestigkeit verhelfen, beruhigend wirken und Stress, Hektik, Aufregung und Überforderung stabilisieren.
Es werden ein bis zwei Tropfen der unverdünnten Essenz auf ein Taschentuch oder direkt in die warmen Hände geträufelt. Die Wirkungs soll sofort eintreten, während inhaliert wird.

Akupressur und Akupunktur

Akupunktur und Akupressur müssen im Rahmen der alternativen Medizin unbedingt erwähnt werden:

Beispiellinks zu den Details: Akupunktur und Akupressur

Mir persönlich ist jedoch niemand bekannt, der Akupunktur schon probiert hat. So fehlen die Erfahrungswerte.

Akupressur hingegen wird oft verwendet und man hört überwiegend Positives, besonders bei Akupressurarmbändern: Diverse Personen haben recht gute Erfahrungen mit einem Akupressurarmband gemacht. Alles Taucher, die eine Kreuzfahrt unbeschadet überstanden haben. Die Armbänder werden an beiden Händen auf einem Akupressurpunkt etwas oberhalb des Handgelenkes an der Innenseite getragen (Beschreibung liegt den Bändern bei). Man erhält sie in Sportfachgeschäften oder entsprechenden Versandhäusern.

Heilstein

Als Heilstein ist der Dumortierit bei Reisekrankheit angezeigt. Am besten als Kette getragen, so dass der Stein auf der Thymusdrüse sitzt (das nur der Vollständigkeit halber).


Fazit:

Was einem im Endeffekt hilft, muss man selbst testen. Wer an Homöopathie, Heilsteine oder ähnliches glaubt, soll das ruhig versuchen - allein der Glaube versetzt oft schon Berge. Und wenn es hilft ? warum nicht?
Festhalten muss man auf jeden Fall, dass die meisten Medikamente auf das Zentrale Nervensystem wirken und somit tauchuntauglich machen. Der einzige Wirkstoff, der nicht müde macht, reduziert trotzdem das Reaktionsvermoegen. Ein weiteres nicht-müde machendes Medikament, das an dieser Stelle absichtlich nicht erwähnt wurde, ist in Deutschland verboten, u.a. weil man an ihm berauschende Wirkung nachgewiesen hat.

Am positivsten in der Recherche aufgefallen, ist immer wieder das Akupressurarmband und die Ingwerwurzel (frisch, oder aber ? wer den Geschmack nicht mag- als Kapsel).

Am allerbesten hilft natürlich immer noch, sofort ins Wasser springen. Unter Wasser verschwinden die Übelkeitsgefühle in der Regel sofort. Leider ist das natürlich nicht immer und jederzeit machbar.

In diesem Sinne: Fröhliche und erholsame, übelkeitsfreie Tauchkreuzfahrten für alle!

© 2004 Jessica Brühl


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