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 Geschrieben von Bio-Uli

Bodyguards

von Uli Erfurth

Irgendwo im Indopazifik: Oft nur wenige Meter vom Strand entfernt, im sandigen Stillwasserbereich, ist der Boden übersät mit mehr oder weniger auffälligen, bis zu mehreren Zentimeter breiten Löchern. Es sind die Ein- und Ausgänge zu den unterirdischen Burgen von Pistolenkrebsen. Der Krebs hat ein weitverbreitetes Handicap: Er ist ausgesprochen kurzsichtig. Allein oder paarweise leben die kleinen Krabbler in engen, lichtlosen Gängen direkt unter der Sandoberfläche. Hier wühlen sie nach allerlei fressbarem Klein- und Kleinstgetier. Im Unterschied zum terrestrischen Maulwurf produzieren sie jedoch nicht viele verstreute Auswurfhügel, sondern deponieren ihren Bauschutt direkt am Eingang des Baus. Geschickt hantieren sie dabei mit geeigneten Korallenblöckchen, um die Öffnung gegen Einsturz zu sichern. Im Sekunden- bis Minutentakt kriechen sie wie Bulldozer mit einer eindrucksvollen Fuhre Sand vor den Scheren an die Oberfläche. In der deckungsarmen Lagune bei hellem Tageslicht kommt diese Arbeit natürlich einem Himmelfahrtskommando gleich: Wie leicht könnte sich ein Raubfisch den an die Dunkelheit gewöhnten, sehbehinderten Krebs schnappen!

Glücklicherweise gibt es da aber noch die Wächtergrundeln. Als aufmerksame Bodyguards warnen sie ihre Partner vor drohenden Gefahren und hüten den Höhleneingang. Bevor die Pistolenkrebse den Bau verlassen, tasten sie mit Ihren langen Antennen wie mit einem Stock nach der Schwanzflosse der Grundel: "Wo ist mein Blindenhund?" Haben Sie als blubbernder Taucher oder vorwitziger Schnorchler den Krebs gehörig verunsichert, verharrt der Krabbler im sicheren Höhlen-Entrée. Starren Sie etwa bedenklich konzentriert auf den Eingang oder unterschreiten den Sicherheitsabstand zum Loch? Ein nervöses Rucken des Fisches ist die Folge. Zusätzlich melden zunehmend heftigere Schwanzschläge dem Krebs "Alarm! Gefahr im Verzug! Bleib' im Bau!".

Bei Krebsen, die in Paaren buddeln, stellt sich gelegentlich folgende amüsante Situation ein: Der Vorderste in der Warteschlange erkennt die Signale und bremst vereinbarungsgemäß, der nachfolgende, kontaktarme Krebs aber drängelt ungeduldig von hinten nach. Zum Entsetzen der schwanzwedelnden Grundel wird ihr Bauherr von seiner blinden Gattin an die Front geschoben! Dieses Chaos muss man einmal live erlebt haben!

Partnergrundel und Pistolenkrebs
Partnergrundel und Pistolenkrebs (Komodo / Indonesien)

Erst wenn Sie verständnisvoll den einen oder anderen Zentimeter zurückweichen oder ganz unschuldig woanders hinsehen, wird die alerte Grundel ihr OK an die Abteilung in Wartestellung geben: Ihre harten Flossenschläge werden weicher und hören schließlich ganz auf. "Na, endlich: grünes Signal. Auf geht's!". Prompt krabbeln die Krebse aus ihrer Höhle und baggern wieder.

Nach "Grün" und "Gelb" existiert aber auch noch eine dritte Phase, nämlich "Alarmstufe Rot": Wird es der Grundel selbst zu heiß, stürzt sie sich Hals-über-Kopf in den Krebsbau und schwimmt ihre blinden Vermieter rigoros über den Haufen. Nur eine Sandwolke über dem Eingangsloch zeugt von der hastigen Flucht. Erst nach vielen Minuten geduldigen Wartens können Sie das komische Paar wieder begutachten. Zunächst erscheint vorsichtig der Kopf der Grundel im Höhleneingang und aufmerksame Fischäuglein spähen umher. Schließlich nimmt der Kundschafter seinen alten Posten ein. Sekunden später ist das ungeduldige Räumkommando auch schon wieder am schuften - unter Körperkontakt, versteht sich!

Nachts schlafen die Krebse und ihre Beschützer einträchtig im Tunnel. Während des Tages verlässt die Grundel nur kurzfristig ihre Stellung, um in der unmittelbaren Umgebung des Baus kleineren Wirbellosen nachzustellen. Leben sie paarweise mit den Krebsen, begeben sich die Flossenträger abwechselnd auf Pirsch. Für den Fall, dass der Wächter dabei selbst ein Opfer von Raubfischen wird, kann sein Platz von einer Jung-Grundel neu besetzt werden. Diese gräbt nämlich keine eigene Höhle, wenn in der Nähe ein Pistolenkrebs bereits für Logis gesorgt hat.

Im Aquarium dauert es viele Wochen, bis sich ein alteingesessener Pistolenkrebs an den Neuzugang gewöhnt. Anfangs hüpft die Grundel noch neugierig im gesamten Becken umher, hält sich aber dann immer öfter in der Nähe des Krebsbaus auf. Vorsichtig tastet sie der Antennenträger ab, flüchtet jedoch nicht. Schließlich liegt die Grundel im Höhleneingang und der Krebs baggert vorsichtig an ihr vorbei. Helmut Debelius berichtet in seinem Aquaristik-Werk "Fischpartner Niederer Tiere", dass sein ungleiches Duo oft "Kopf-an-Kopf" sitzt, "als seien beide in ein Gespräch vertieft". Ob die ungewöhnliche Symbiose im Korallenriff ebenfalls durch eine über Monate gesteigerte Kommunikation zustande kommt, wird wohl ewig ein Geheimnis bleiben - wer hat schon so lange Urlaub?

Krebs-Grundel Symbiose
Krebs-Grundel-Symbiose in einer Röhrenaal-Kolonie (Malediven)

Background-Info:

Aus dem Indopazifik sind fast zwei Dutzend Spezies von Wächtergrundeln und etwa halb so viele Pistolenkrebs-Arten der Gattung Alpheus bekannt, die mit ihnen vergesellschaftet sind.

Pistolen- oder Knallkrebse (Familie Alpheidae) haben ihren Namen von der vergrößerten rechten oder linken Schere, mit der sie einen lauten Knall erzeugen können. Die meisten Arten schießen dabei auch einen Wasserstrahl auf ihre Fressfeinde, Konkurrenten oder Beutetiere, der kleinere Opfer sogar betäuben kann. Das jedem Schnorchler und Taucher wohl bekannte "Knistern" unter Wasser stammt weitgehend von diesen oft nur Millimeter großen, versteckt lebenden Pistoleros.
Die Grundeln (Gobiidae) aus der Ordnung der Barschartigen (Perciformes) stellen die größten aller marinen Fischfamilien dar, mit über 200 Gattungen und geschätzten 1500 Arten. Sie leben meist bodengebunden und weisen eine reduzierte oder fehlende Schwimmblase auf. Von den Schleimfischen und Dreiflossern lassen sie sich durch die zweigeteilte Rückenflosse leicht unterscheiden. Partner- oder Wächtergrundeln stammen ausschließlich aus den Gattungen Amblyeleotris, Cryptocentrus, Ctenogobiops, Lotilia und Stonogobiops.

Text + Bilder: Uli Erfurth
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