Das Auge des Kraken
von
Uli Erfurth
Es war
einer dieser ereignisreichen Foto-Tauchgänge zwischen Tag und
Nacht: Die Sonne stand nur noch einen Fingerbreit über dem
Horizont und drunten im Riff machten sich die
Überlebenskünstler zum Schichtwechsel bereit. Die meisten
Flossenträger hatten sich schon in ihre Schlafspalten
zurückgezogen und im Dämmerlicht jagte ein junger Riffhai
einen heimatlosen Papageienfisch, als ich im schwachen Schein meiner
Handlampe einen warzenübersäten Korallenblock entdeckte. Das
Ungewöhnliche daran war nur, dass dieses Trumm mich neugierig
beäugte: ein mächtiger Krake!
Gerade wollte ich beginnen, den achtbeinigen Tarnkünstler
hemmungslos abzulichten, als ich mich der Nahaufnahme-Optik an meiner
Nikonos erinnerte - nichts war's mit dem ersehnten Ganzkörperfoto!
Na dann eben eine Detailaufnahme. Vorsichtig flösselte ich mich an
den grüngrauen Gesellen heran, gab vor, eine Koralle zu knipsen,
und blickte unschuldig am Kraken vorbei. Obwohl Oktopoden dank ihrer
erstaunlich hohen Gehirnentwicklung, der Fähigkeit zu raschem
Farb- und Strukturwechsel sowie ihrer leistungsfähigen
Sinnesorgane im täglichen Survivalkampf allen Konkurrenten im Riff
überlegen sind, gegen dieses "raffinierte"
Täuschungsmanöver hatte das Tier keine Chance: Als ich mich
nah genug wähnte, riss ich die Kamera herum und erwischte den
völlig überraschten Kraken auf wenigstens einem falschen
Fuß: Unerwartet bekam ich sogar eines seiner Augen in den Sucher
und drückte auf den Auslöser. Dabei war mir - ich muss
es gestehen - wohl bewusst, dass es nicht zuletzt diese
empfindlichen Sinnesorgane sind, die den Kopffüßern bei
ihren Jagdausflügen im Dämmerlicht Vorsprung durch Technik
verschaffen. Das Auge des Kraken fasziniert Anatomen wie Fotografen
gleichermaßen - erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die
nächsten Verwandten dieser Weichtiere Schnecken und Muscheln sind!

Ein
Meisterstück der
Evolution:
Das Auge des Kraken (Octopus cyaneus, Rotes Meer)
Der
ursprünglichste aller Kopffüßer ist der
Nautilus. Als Prototyp seiner Tierklasse und lebendes Fossil
verfügt er - neben vielen anderen archaischen Bio-Features - nur
über ein Paar recht simpel aufgebauter Augen,
die nach dem Prinzip einer antiken Lochkamera funktionieren. Die
"modernen" Tintenfische dagegen, Kraken, Sepien und Kalmare, sind echte
Hightech-Produkte und ihre Lichtsinnesorgane Meisterwerke der
Evolution: Nicht mittels schlichter Hautlichtsinneszellen (wie sie etwa
Muscheln besitzen) oder primitiver Becheraugen
(wie beispielsweise bei Napfschnecken) nehmen diese agilen
Meeresbewohner ihre Umwelt wahr - ihre Optik ist eine fast perfekte
Abbildungsmaschine: farbtüchtig, mit exzellenter Auflösung,
Autofokus (Tintenfischen realisieren diese Technik durch
Linsenverschiebung) und vollautomatischer Blendenwahl, was sie mit dem
Spiel der Pupillen erreichen. Das beste Stück von allem, die
CPU-Einheit, das Gehirn, wird durch ein robustes Knorpelgehäuse
geschützt.

Die 10-armigen Sepien (Sepia spec.,
Mittelmeer) stehen in
puncto Sinnesleistungen
und Tarnkünsten den Oktopoden in keiner Weise nach.
Tintenfisch-
und Wirbeltierauge sehen sich zwar bezüglich ihres Baus zum
Verwechseln ähnlich, haben aber eine völlig unterschiedliche
Entstehungsgeschichte: Das Wirbeltierauge ist bis auf Hornhaut und
Linse ein Auswuchs des zentralen Nervensystems. Das Krakenauge
aber entwickelt sich aus zwei schmucklosen Hautlappen, die sich schon
früh in der Entwicklung einstülpen. Während der innere
Lappen schnell zu einer dichten Netzhaut, Iris und einer Hälfte
der Linse mutiert, reifen die Zellen der vorderen Blase zu Augenkammer,
Linsenrest und Hornhaut heran! Beide Konstruktionen sind sich
ebenbürtig und leistungsfähig wie kaum ein anderes
Lichtsinnesorgan im Tierreich. Ist es nicht bemerkenswert, dass
bis heute keine menschliche Kamera- oder Videotechnik die
Überlegenheit natürlicher Evolutionsprodukte erreicht hat?
Doch
zurück zu meinem tapferen Kraken aus dem Riff: Nach meiner
massiven Blitzattacke flüchtete er unter Tintenausstoß, war
aber anschließend immer noch so geblendet, dass sein aufgrund des
Ortswechsels notwendig gewordener Farbwechsel total missglückte.
Mit knallgrüner Tarnkappe saß das "Gehirn auf acht Beinen"
auf einem lila Korallenblock, so dass es darob fast einem
großen Zackenbarsch zum Opfer gefallen wäre, der
interessiert die Jagdszene beobachtet hatte.
Ich hoffe, dass
mir der geblendete Krake im Nachhinein vergeben hat -
und mein schlechtes Gewissen wäre auch ein wenig besänftigt,
wenn Du Dein nächstes Rendezvous mit einem Kopffüßer
mit etwas "anderen Augen" sähest. Tintenfische gelten zurecht als
die Krone der Schöpfung im wirbellosen Tierreich - nicht nur wegen
ihrer gelungenen Optik!

Warzenübersäht, tarnfaben, ein Auge zugekniffen:
ein Mittelmeer-Krake (Octopus vulgaris) mit eingelegtem
Rückwärtsgang.
Allgemeines
Die Kopffüßer bilden zusammen mit den Schnecken und
Muscheln, sowie vier weiteren Klassen den artenreichen Tierstamm der
Weichtiere oder Mollusken. Alle Weichtiere zeigen die typische
Dreigliederung des Körpers in Kopf, Fuß und
Eingeweidesack. Bei den am höchsten entwickelten Mollusken, den
Kopffüßern, ist der Fuß zu mächtigen Fangarmen
umgebildet. Sie sitzen dem Kopf mit seinen gut entwickelten
Sinnesorganen rings um den Mund an. Durch einen Trichter (Sipho) wird
das Wasser der Mantelhöhle ausgepresst, was den Tieren eine
effektive Fortbewegung nach dem Rückstoßprinzip
ermöglicht. Systematiker zählen etwa 650, rein marine Arten.
Bei der
urtümlichen Ordnung der Perlbootartigen ist die Schale der
Schnecken und Muscheln äußerlich noch vorhanden. In den
Schalenkammern findet die Auftriebsregulierung statt. Der einzig noch
lebende Vertreter dieser Gruppe ist Nautilus
aus dem Indopazifik. Neben 82 - 90 saugnapflosen Tentakeln weist diese
Art noch sehr urtümlichen Augen, sowie 4 Kiemenblättchen auf.
Die modernen
Kopffüßer dagegen besitzen alle einen
Tintenbeutel, was ihnen den Trivialnamen "Tintenfische" oder auch
"Tintenschnecken" eingebracht hat. In der Mantelhöhle flottieren
nur noch 2 Kiemen, außerdem wird die Schale reduziert. Man
unterscheidet acht- und zehnarmige Tintenfische, sowie den
Vampir-Tintenfisch Vampyrotheutis infernalis, eine Tiefseeform.
Achtarmige
Tintenfische werden auch Kraken oder Oktopoden genannt. Die
bekannteste Gattung und von Tauchern oft getrietzte Gattung ist Octopus.
Im Gegensatz zu ihren zehnarmigen Verwandten leben alle Kraken
vorwiegend oder stets am Boden. Mit ihren Armen können sie auch
über den Untergrund kriechen. Nur das Papierboot Argonauta
treibt im Meer und weist eine sekundäre Schale auf, die das Tier
zeitweilig verlassen kann. In der Tiefsee existieren darüber
hinaus einige weitere ungewöhnliche Formen, die vom üblichen
Krakenbild abweichen.
Zu den
zehnarmigen Tintenfische zählen die Sepien
und die Kalmare.
Gegenüber Kraken weisen sie zwei zusätzliche,
verlängerte Tentakel auf. Den Eingeweidesack umgibt ein mehr oder
weniger ausgeprägter Flossensaum, der wellenförmig bewegt
werden kann und zum Feinantrieb genutzt wird.
Sepien leben
meist in Bodennähe, zum Teil, wie die Sepia,
sogar im Boden eingegraben. Im Eingeweidesack befindet sich ein
klein-gekammerter Schalenrest als Tarierhilfe, der Schulp. Schulpe
findet man oft an den Stränden angeschwemmt. Vogelhalter kaufen
sie für ihre gefiederten Lieblinge - als Schnabelwetzstein.
Kalmare sind
aktive Schwimmer des offenen Ozeans und organisieren sich
oft in Verbänden. Ihre Schale ist zu einem unverkalkten, hornigen
Blatt reduziert. Die Fangarme sind länger als bei den Sepien, die
Bewehrung verschieden: Neben Saugnäpfen kommen Haken, bewegliche
Anhänge (Cirren) und sogar Klebfäden vor. Der
Tiefsee-Riesenkalmar Architheutis erreicht über 20 m
Länge!
Systematik
der lebenden Kopffüßer
| Stamm Weichtiere (Mollusca) |
| |
Klasse
Kopffüßer (Cephalopoda) |
| |
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Unterklasse Alt-Kopffüßer (Tetrabranchiata) |
| |
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|
Ordnung Perlbootartige (Nautiloidea) |
| |
|
Unterklasse Tintenfische (Coleoidea oder
Dibranchiata) |
| |
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|
Ordnung Zehnarmige Tintenfische (Decabrachia) |
| |
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|
|
Familie Sepien (Sepioidea) |
| |
|
|
|
Familie Kalmare (Teuthoidea) |
| |
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|
Ordnung Vampir-Tintenfische (Vampyromorpha) |
| |
|
|
Ordnung Achtarmige Tintenfische oder Kraken
(Octopoda oder Octobrachia) |
Text + Fotos: Uli Erfurth
© BIONAUT - Ohne BIO
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