An der Nordspitze von Big Brother Island liegt seit über hundert
Jahren das Wrack der SS Numidia, einem englischen Frachtschiff, das hier
1901 zielstrebig auflief und sank. Das Wrack ist eines von nur zweien,
die im Gegensatz zu allen anderen, die hier aufliefen, an den fast
senkrechten Wänden der Brüder-Inseln hängenblieb und nicht in
den schier endlosen Abgründen auf immer verschwand...
Mitten im Roten Meer befinden sich die Brother Islands. Zwei kleine
Inselchen, die fast senkrecht aus 1000 Metern Tiefe aufragen.
Zwei kleine Inseln aber, die schon unzähligen Schiffen den
Untergang bescherten. Dies war auch der Grund, warum die englischen
Kolonialherren bereits 1883 in dieser Wasserwüste einen massiven 29 Meter, heute 31 Meter, hohen Leuchtturm mit leistungsfähiger Optik erbauen
ließen. Das Baumaterial wurde übrigens am Nordende der Insel von Zwangsarbeitern gebrochen und auf dem heute noch gut erkennbarem sog. "Sklavenpfad" zur Baustelle transportiert.
Sein Petroleumlicht konnte dank der ausgeklügelten Optik und Konstruktion der Change Brothers Ltd. aus Birmingham 12 Seemeilen, das sind 20 Kilometer, weit gesehen werden. Trotzdem nahm 1901 wieder ein Schiff die Insel exakt ins
Visier und lief mit voller Geschwindigkeit aufs Riff auf.
Es sollte nicht das Letzte bleiben - am 15. September 1957 lief nur etwa 100 Meter weiter südwestlich die SS Aida, ein ägyptischer Leuchtturmtender im Militärdienst, auf und sank.
Der viktorianische Leuchtturm auf Big Brother
Eine letzte Fahrt
Am 6. Juli 1901 startete die SS Numidia mit 97 Mann Besatzung unter
dem Kommando von Kapitän J. Craig von Liverpool aus nach Calcutta
zu ihrer zweiten Indienreise, bei der das Schiff unter anderem Materialien
für den Ausbau des Eisenbahnnetzes der englischen Kolonie an Bord
hatte.
Das Schiff durchfuhr den Suez-Kanal in den frühen Morgenstunden
des 19. Juli 1901. Bei guter Fahrt wurde die Insel Shedwan, nördlich des heutigen Hurghada, am frühen Abend des selben
Tages passiert.
Der Fischreichtum am Wrack ist sensationell!
Jener verhängnisvolle Samstag war jetzt bereits zum Greifen nahe...
Bei gutem Wetter wurde am 20. Juni um ein Uhr nachts das Leuchtfeuer von
Brother Island gesichtet. Nach einer Kursänderung befahl
Kapitän Craig dem wachhabenden Offizier Merwood, eine Meile
westlich des Leuchtturms zu passieren.
Danach ging er zu Bett - doch es sollte eine kurze Nacht mit nur wenig Schlaf für ihn werden...
Blick von Süden auf die schmale Insel
Das Schiff
Die vom selig schnarchenden Kapitän Craig kommandierte SS Numidia war im Jahre 1900 auf der Werft von D&W Henderson gebaut worden und fuhr nun für die Reederei der Anchor-Line.
Diese benannte ihre Schiffe gerne nach exotischen Landschaften, so auch dieses Schiff. Der Schiffsname -Numidia- hatte seinen Ursprung in der geographischen Bezeichnung einer ehemaligen römischen Mittelmeerprovinz mit der Hauptstadt Carthargo. Diese Provinz umfasst heute etwa das Gebiet von Algerien und Tunesien.
So groß wie eine römische Provinz war die SS Numidia aber nicht. Sie war lediglich 137 Meter lang, 16,7 Meter breit und hatte neben einem Tiefgang von maximal 9,2 Metern eine Größe von 6.399 GRT.
Dennoch war das Schiff stärker als jene 1.000 Esel die in Numidien einst als Transportmittel hergehalten haben mochten, denn die SS Numidia verfügte über eine Dreizylinder-Dreifachexpansions-Dampfmaschine, die es vermochte, diesen Berg aus Eisen zur See immerhin noch mit 10 Knoten Höchstgeschwindigkeit durch die salzigen Fluten des Roten Meeres zu schieben.
Bei der Erkundung der Laderäume
Das Ende der Fahrt
...kurz nach zwei Uhr nachts wurde Kapitän Craig vom gewaltigen
Aufprall des Schiffs auf das Riff am Nordende von Brother Island mehr
als nur unsanft geweckt.
Als er dann erschrocken an Deck ging, konnte er wie zum Hohn das
Feuer des Leuchtturms direkt über sich blinken sehen!
Was war geschehen? Der wachhabende Offizier Merwood wurde seinem Namen in
keinster Weise gerecht und war wohl zeitgleich mit seinem Chef
eingeschlafen. Der daraus resultierende Kurs führte das Schiff
dann in wahrlich traumwandlerischer Sicherheit mitten auf das Nordriff der schmalen Big Brother-Insel.
Das Rote Meer ist hier 180 Kilometer breit: Eine maximal hundert Meter breite Insel frontal zu treffen entspricht genau dem Umkehrschluss der Wahrscheinlichkeit, ein Kamel durch ein Nadelöhr zu bringen!
Das Schiff steckte also im und am schmalen Saumriff fest und alle Bemühungen zur Selbstbefreiung schlugen fehl.
In den folgenden Tagen wurde noch versucht, die Numidia mit Hilfe anderer Schiffe frei zu schleppen, was aber misslang.
Der Kapitän musste resigniert sein Schiff aufgeben und schickte seine Crew "nach Hause".
Schön zu erkennen: Die Davits
Er selbst hatte die wenig erfreuliche Aufgabe, noch mehrere Wochen auf der trostlosen Insel zu bleiben und die Bergung der Ladung zu überwachen.
Wahrscheinlich in den Winterstürmen 1901/02 wurde das Schiff dann vom Riff gebeutelt und es sank endgültig.
Der (nicht) wachhabende Offizier Merwood wurde von einem Gericht in England zu neun Monaten Berufsverbot verurteilt, die er wohl verschlief...
Blick vom Leuchtturm an die Nordspitze, an der das Wrack liegt. Der Ausblick erinnert an einen Flugzeugträger in voller Fahrt und weniger an eine Insel! Gut zu erkennen: Der "Sklavenpfad"
Die Brothers
Die Brother Islands sind zwei kleine, kahle Felsinseln mitten im Roten
Meer vor El Quesier. Sie sind nur mit Safaribooten erreichbar.
Die Bedingungen sind hier schwierig- hohe Wellen und starke
Strömungen machen das Tauchen zu einer anspruchsvollen
Angelegenheit.
Die besten Bedingungen findet man im Sommerhalbjahr - im Winterhalbjahr
ist es wenig sinnvoll, hierher zu kommen - wenngleich inzwischen auch
Touren im Winter angeboten werden. Die Nachfrage bestimmt halt auch das Angebot...
Taucher die hierher kommen, sollten keine Anfänger mehr sein - generell wird CMAS**-Brevet (oder äquivalent) verlangt.
Abtauchen zum Wrack
Als Zusatzausrüstung ist eine Safety Sausage oder orangefarbene Signalboje notwendig. Akustische und optische Signalmittel machen
durchaus Sinn, sollte man von den gelegentlich wirklich heftigen Strömungen
das Ankerseil des Tiefenankers oder die Taucherleiter verfehlen und
abgetrieben werden.
Tauchen an der SS Numidia
Wie bereits erwähnt, machen hohe Wellen und starke Strömungen
das Tauchen hier oft schwierig oder gar unmöglich!
Ich hatte das Glück, zwei Tauchgänge bei guten bzw. idealen
Bedingungen an diesem Wrack zu machen.
Im flacheren Bereich bis etwa 12 Meter ist das Riff von überwachsenen
Wrackbruchstücken übersät.
Wahrzeichen der Brothers sind die hier stehenden Eisenbahnräder an
einer Achse.
Ab etwa 15 Meter erstreckt sich der verbliebene Teil des Wracks in die
Tiefe.
Die Namensgeber des Wracks
Die Holzaufbauten sind längst verrottet, nur die Metallteile haben
die Zeit überdauert und geben dem über und über mit
Weich- und Hartkorallen bewachsenen Schiffsskelett ein faszinierendes
Aussehen.
Die Laderäume und Galerien sind offen und leicht zu betauchen. Die
gesamte Ladung wurde aber vor dem Untergang geborgen.
Ab etwa 40 m beginnt der Heckteil des Wracks, das sich noch ein schönes Stückchen nach unten erstreckt.
In einer Tiefe von 70 bis 80 m soll sich die Schiffsschraube befinden - viel zu tief für jeden Taucher, der mit Luft unterwegs ist... und viel zu weit entfernt vom nächsten Arzt oder einer Deko-Kammer...
Nach den Aufbauten geht es weit über den 40m Bereich
Neben der ungeheuren Korallenpracht an diesem Wrack faszinieren die zahlreichen Großfische:
Graue Riffhaie umkreisen das Wrack in rasantem Tempo, dazwischen stehen
Gruppen von Schnappern in der Strömung. Auch Makrelen und Thunfische
machen hier gute Beute unter den vielen kleineren Riffbewohnern.
Je tiefer man an der SS Numidia taucht, umso mehr Haie kommen ins
Blickfeld! Bei etwa 40 Metern war für mich zumindest Schluss.
Neben der Vernunft gebar mir auch mein Tauchcomputer STOPP, da die MOD für Nitrox 32 erreicht war und die Sauerstoffuhr laut tickte...
Auch Begegnungen mit Hammerhaien und Mantas sind hier nicht
ungewöhnlich!
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