Mein Leben als Taucherstrohwitwe

 Geschrieben von Sarah

Mein Leben als Taucherstrohwitwe

von Sarah Nowotny

Sieben Uhr an einem kalten, feuchten Samstag im Herbst. Der Wecker hat gerade bei uns geklingelt. Eigentlich ist es die Art Wetter, bei der sich jeder normaler Mensch noch mindestens vier Stunden in die wohltuende Wärme einer dicken Bettdecke einbuddeln würde.

Aber mein Mann springt wie katapultiert aus dem Bett, der gleiche Mann wohlbemerkt, den ich sonst am Wochenende regelrecht aus den Federn ziehen muss (Begründung: "Ich bin kein Morgenmensch"), wenn ich irgendwas unternehmen will. Was ist heute anders? Aber natürlich: er geht tauchen.

Persönlich fallen mir bessere Orte ein, wo man einen nassen November Samstag verbringen kann, als am Starnberger See. Nichts gegen den See an sich, wirklich nicht. Aber wenn es regnerisch und kalt ist, macht ein Spaziergang durch den nasses Vergnügen Schlamm nicht wirklich Spaß und mehrere Stunden im Auto sitzen, ist auch nicht wirklich mein Ding. Aber wäre ich Taucher, würden mir viele Aktivitäten einfallen. Ich könnte mich in Neopren-Anzug oder Skiunterwäsche und Trocki kleiden (eine Aufmachung, in der man sich mit der Grazie von C-3PO aus ‚Krieg der Sterne' bewegen kann), dann volle Pressluftflaschen und andere Ausstattung mehrere hundert Meter vom Auto bis zum See schleppen. Anschließend könnte ich mich in der Kälte mindestens eine halbe Stunde lang weiter anziehen und mich an verschiedenen Schläuche, Masken, Flaschen, Computer und andere Geräte anschließen. Danach könnte ich (immer noch in der feuchten Kälte, versteht sich) ewig lange mit den mitgereisten Wahnsinnigen - entschuldige, Tauchern - herumdiskutieren, was wir tauchgangstechnisch genau machen wollen und dann, und nur dann, könnte ich ins kalte, dunkle Wasser gehen. Ein perfekter Tag? Oder vielleicht doch lieber zu Hause bleiben…?

Aber beim Tauchen geht es natürlich nicht nur darum, zu unpassenden Jahreszeiten in heimischen Seen zu springen, bei Temperaturen die (bei Männern, zumindest) ernsthaft beeinträchtigen, dass bestimmte Körperteile jemals wieder richtig benutzt werden können. Nein, es geht natürlich auch um Equipment. Nehmen wir als Beispiel mal unser Bad. Was gibt es so da? Duschgel, Zahnpasta, messerscharf Shampoo. Oh, und natürlich auch ein Messer, lang und scharf genug, um mittelgroße Tiere am Altar zu opfern. Es wird aber, wenn überhaupt, benutzt um Unterwasser-Gras abzuschneiden. Als Verteidigung gegen Haie wird es wohl weniger zum Einsatz kommen, weil es bei uns im See keine gibt und es verboten ist, dieses Prachtstück im Flugzeug Abtropfen im Bad mitzunehmen. Im Bad gibt's auch eine Kopfhaube, Modell altmodischer Banküberfall und Handschuhe, dick genug, um verseuchten Nuklearabfall anzufassen. Von einigen Ecken spähen ein paar Schläuche heraus und natürlich liegen auch verschiedene Flossen da, deren leuchtend gelbe Farbe sogar fast zu den blau-gelben Badezimmermatten passt. Und die Pressluftflasche? Mein Mann hatte mal gelernt, dass man diese eigentlich liegend lagern sollte und ich erfuhr am eigenen Fuß, warum er das auch besser getan hätte....

Aber kommen wir zurück zum Thema Tauchen in Deutschlands Seen. Kann mir jemand vielleicht den Reiz davon erklären? Ich selbst komme einfach nicht dahinter. Zum Beispiel die Sache mit den Fischen. Wenn es um schöne, bunte Saibling Fische wie am Great Barrier Reef gehen würde, um nur ein Beispiel zu nennen, dann könnte ich auch nachvollziehen, wieso Taucher ihnen gerne unter Wasser begegnen. Hier ansässigen ‚normalen' Fischen begegne ich dagegen am liebsten auf dem Teller, am Besten mit Pommes dazu. Und alles, was es sonst hier in den Seen zu beobachten gibt, Gras, Müll, Einkaufswagen, vielleicht sogar ein altes verrostetes Auto, kann man, wenn man etwas Glück hat, auch anschauen, ohne nass zu werden (und in den meisten Fällen ohne überhaupt die Wohnung zu verlassen).

Aber es ist nicht nur das. Wenn ich mir Tauchen vorstelle, geht es um ein bestimmtes Ambiente, ein Gefühl von Urlaub, das ich hier so nicht bekomme. Statt matschiges Gras oder Kiesstrand stelle ich mir weißen, unberührten Sand vor; statt Birken Palmen; statt Wurstbude Strand-Cocktailbar; statt Föhn eine sanfte tropische Brise. Ja, ich erkenne selbst mein Problem: Tauchen wäre für mich ein reines Urlaubsvergnügen. Aber für echte Taucher wie meinen Mann ist es eine Leidenschaft, wobei es um das Gefühl schwerelos unter Wasser zu schweben geht und nicht nur darum, etwas Schönes zu sehen. Die meisten Urlaubstaucher haben diese Leidenschaft nicht, brauchen sie jedoch auch nicht. Wer sie aber nicht hat, würde sich wohl kaum eine solche Herbst-Wochenende-Tauchtour antun.

*****

Samstagabend. Mein Mann kommt nach einem erfolgreichen Tauchtag zurück nach Hause. Die Tauchgänge, erfahre ich, seien super gewesen. Es hätte eine Sicht von bis zu 2 Meter gegeben, sie seien zweimal im eisigen Wasser gewesen und hätten im Wind und Regen gegrillt. Und das in November! Ein gelungener Tag. Woran erkenne ich aber hauptsächlich, dass mein Mann wieder zu Hause ist? Das Geräusch vom Bad: "tropf…tropf…tropf…tropf". Es ist klar: Das ganze Zeug muss noch irgendwo zum austrocknen und wo besser als im Bad? Diese leichte Nachtauchmusik wird uns durch den ganzen Abend begleiten.

Aber OK; vielleicht bin ich Tauchen gegenüber ein bisschen unfair. Am Great Barrier Reef in Australien habe ich tatsächlich den Reiz davon erkannt, als ich an der Oberfläche rumschnorchelte, wissend, dass es unten noch viel Besseres zu sehen gab. In diesen Momenten könnte ich mir sogar vorstellen, vielleicht selbst den Tauchschein zu machen. Aber die Leidenschaft, die man braucht, um im Winter in unseren kleinen örtlichen Schmuddelsee zu springen, werde ich niemals haben und werde deshalb, in Deutschland zumindest, immer eine Taucherstrohwitwe bleiben.

Text: © Sarah Nowotny 2004
Photos: © Boris Hirschberger 2003 (1); Andreas Nowotny 2004 (2-4)


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