Untergang und Wiederentdeckung eines
Kruppschen Motorschoners
von Henrik Pohl
Entdeckung
Im Jahre 2000 wurde ein bis dahin unbekanntes fast 60 m lange
Stahlseglerwrack in der Nähe der Kadetrinne (Ostsee) entdeckt. Die
in diesem Gebiet unternommenen Sonaruntersuchungen erbrachten sehr
aussagefähige Überblicksbilder des Schiffswracks. Es ist
schon erstaunlich, dass ein so großes und gut erhaltenes
Schiffswrack bisher unerkannt in der dunklen Tiefe von 20 m ruhte.
Sonarbild des „Stahlseglers“ vom Mai 2002.
Mit freundlicher Genehmigung des Vermessungsbüros Weigt
(Rostock-Warnemünde).
Untersuchung
Seit dem Sommer 2001 fanden regelmäßig
unterwasserarchäologische Untersuchungen durch den Landesverband
für Unterwasserarchäologie Mecklenburg-Vorpommern e.V. an
diesem Schiffswrack (Arbeitsname: „Stahlsegler“) statt. Als
Zusammenfassung dieser Prospektionen kann folgender Befund vorgestellt
werden:
Der Rumpf des Schiffes besteht aus genieteten Eisenplatten. Das Wrack
liegt auf der Backbordseite und ist dabei fast kieloben gedreht. Ein
eiserner Patentanker steckt noch in seiner Ankerklüse. Dicht
daneben befindet sich ein intaktes Bullauge. Auf dem Deck der Back
befindet sich eine große Motorwinde.
Motorwinde auf der Back.
Foto: A. Duerst, 2003.
Kurz hinter dem ersten Querschott (Kollisionsschott) wurde im Jahr 2001
ein verbogener Kiel mit ersten Rissen in der Rumpfhülle bemerkt.
Ansonsten war der gesamte Rumpf intakt. Insgesamt 3 stählerne
Masten konnten noch in ihrer Originallage festgestellt werden. Zwischen
Vor- und Großmast befinden sich Teile des Riggs, wie Wanten,
Stahlstropp und Stahlblöcke. Auffällig sind die in situ
befindlichen, weit und ausladend geschwungenen Salinge.
Saling des „Stahlseglers“.
Foto: A. Duerst, 2002.
Das Heck ist vor allem durch das Ruderblatt und die Schiffsschraube
gekennzeichnet. Hier hat sich eine tiefe Kolk gebildet, so dass sich
das Wrack vom Untergrund bis zum Kiel eindrucksvolle 6 m hoch erhebt.
Die Schiffsschraube weist das Wrack als ehemaligen Motorsegler aus. Im
achterlichen Bereich des Schiffsinneren sind die Handspaken des
Steuerruders gut zu erkennen. Weiter im Wrackinneren steht die
Schiffsmaschine noch in ihren rostigen Fundamenten. Anhäufungen
von Kohlebrocken konnten im gesamten Umfeld des Schiffswracks als
Ladungsrest beobachtet werden.
Heck mit Ruderblatt und Schiffsschraube.
Foto: A. Duerst, 2002.
Schiffsschraube (A. Duerst, 2002) und Handspaken des Steuerruders.
(H. Pohl, 2003)
Ladungsreste: Steinkohlebrocken.
Foto: H. Pohl, 2003
Fragestellung
Relativ schnell konnte eine ungefähre Datierung um 1900 bis
1930 auf Grund der Schiffskonstruktion vorgenommen werden.
Aber die Grundfrage blieb bestehen:
Wie konnte der archäologische Befund mit historischen Daten in
Verbindung gebracht werden ?
Um was für ein Schiff handelte es sich ?
Welches Schicksal hat das Schiff und seine Besatzung erfahren ?
Identifizierung
Die allgemeine taucherische Untersuchung erbrachte keine
weiteren Identifizierungshinweise. So war die Suche nach den
Namenszügen am Heck und Bordwand leider vergeblich. Es wurden auch
keine bestimmbaren Funde gemacht.
Den entscheidenden Hinweis verdanken wir Herrn Kapitän H. Karting.
Nach Vorlage einiger Fotos des Schiffswracks sprach er die Vermutung
aus, dass es sich um den Krupp-Segelschoner „Gaarden“ handeln
könnte.
In den Jahren 2002 und 2003 konnte von uns gezielt nach Merkmalen
gesucht werden, die diese Vermutung verifizieren sollten. Bis heute
konnten genügend Indizien für die Feststellung
zusammengetragen werden, dass es sich bei dem „Stahlsegler“ mit sehr
hoher Wahrscheinlichkeit um den 1922 gesunken Dreimastschoner „Gaarden“
handelt.
Bevor diese Behauptung bewiesen werden kann, soll an dieser Stelle kurz
auf die schriftlich und bildlich überlieferte Geschichte der
„Gaarden“ eingegangen werden:
Geschichte der „Gaarden“
In den Jahren 1920/21 sind von der Friedrich Krupp-Germaniawerft
5 rheingängige Motorschoner gebaut worden (Kruppsche Monatshefte,
1921). Nr. 4 lief im November 1920 vom Stapel und wurde auf den Namen
„Gaarden“ getauft. Sie war ein Dreimasttopsegelschoner mit Hilfsmotor.
Die Tragfähigkeit betrug 645 t. Als technische Besonderheit gilt
das Klapprigg.
Das baugleiche Schwesterschiff “Annen“ unter vollen Segeln.
Foto: Sammlung H. Karting.
Das heruntergeklappte Rigg der „Annen“.
Foto: Sammlung H. Karting.
Nach mehreren Reise auf der Nord- und Ostsee, vor allem mit Holzladung,
wurde die „Gaarden“ an die Hamburger Reederei von C.F. Hildebrand
verkauft. Ihre letzte Reise führte sie von West-Hartlepool
(Großbritannien) mit einer Ladung Steinkohle am 8. August 1922
durch den Nord-Ostseekanal. Ziel war Vestervik in Schweden, das
allerdings nie erreicht werden sollte.
Ausführlich befasste sich H. Karting mit den Verhandlungen vor dem
Hamburger Seeamt (Karting, 1987): „...Danach lief die „Gaarden“ ohne
Motor unter vollen Segeln vor steifer achterlicher Brise ostwärts
durch den Fehmarnbelt. Die Gedser-Riff-Tonne, die man gut an Backbord
erwartete, wurde plötzlich weit an Steuerbord, also auf der
falschen Seite gesichtet. Trotz sofort eingeleiteter Wende stieß
das Schiff gleich darauf mehrmals auf, ohne jedoch festzukommen. Da die
Peilungen kein Wasser zeigten, beschloss Kapitän Prenzel, die
Fahrt fortzusetzen. Nachdem man eine Stunde später aber doch
Wasser im Schiff feststellte, wurde der Kurs auf die deutsche
Küste abgesetzt, um gegebenenfalls einen Nothafen anzulaufen.
Während dessen sank der Schoner bedenklich tiefer, und als dann
auch noch eine plötzliche Bö in das Großsegel fiel,
legte sich die „Gaarden“ auf die Seite, die Ladung ging über – und
innerhalb einer Minute war das Schiff gekentert und gesunken!...“.
Von den 14 Mann Besatzung konnten 5 durch den schwedischen Schoner
„Grundick“ gerettet werden. 9 Personen, einschließlich des
Kapitäns, sind ertrunken.
Planzeichnung der Kruppschen Motorschoner Nr. 376-380.
Sammlung H. Karting.
Vergleich
Anschließend soll versucht werden, diejenigen Indizien
zusammen zu tragen, die die Übereinstimmung zwischen dem
„Stahlsegler“ und der „Gaarden“ belegen können:
· Das gefundene Wrack ist ein stählerner
Dreimastschoner mit Motor. Die allgemeinen Maße und
Konstruktionsmerkmale stimmen mit den Plänen der „Gaarden“
überein
· Es ist eine Schiffsmaschine, wahrscheinlich
Dieselaggregat vorhanden.
· Der Anker entspricht in Form und
Größe den auf den Fotos der Schwesterschiffe sichtbaren
Ankern.
· Der genaue Untergangsort der „Gaarden“ ist
nicht bekannt. Aber der Fundplatz des Stahlseglers in unmittelbarer
Nähe zur Kadetrinne entspricht der möglichen
Unglücksposition der „Gaarden“ auf dem Weg von Gedser nach
Warnemünde.
· Der verbogene Kiel und die Rumpfrisse im
Vorschiffsbereich lassen eine Grundberührung als Untergangsursache
als sehr wahrscheinlich erscheinen.
· In Übereinstimmung mit den
Konstruktionsplänen ließen sich 2 Motorwinden sowie 2
Ladeluken an den vorgegebenen Orten finden.
· Die Rahe des Vormastes war mit einem
sogenannten Gardinensegel ausgestattet. Am Fundplatz konnte diese
spezielle Rah mit der dreifachen Umschlingung des Rahbaumes gesehen
werden.
· Der Achtersteven mit Ruder, Schraube,
Schraubenbrunnen und Ruderhacke des „Stahlseglers“ zeigen
Übereinstimmung mit der Konstruktionszeichnung der „Gaarden“.
· Auf den Fotos der Schwesterschiffe sowie im
Originalbefund lässt sich die spezielle halbkreisförmige Form
des Ruderhauses erkennen.
· Die vorgefundene Form der Salinge des
Stahlseglers ist sehr selten. Sie zeigt sich deutlich bei den
Krupp-Schonern.
· Die Ladung des „Stahlseglers“ als auch der
„Gaarden“ war Steinkohle.
· Laut Prüfbericht von Herrn G. Bieg
(Bieg, 2001) handelt es sich um Steinkohle aus dem oberen Westfal B.
Als Lagerstätten kommen England und Deutschland in Frage. Damit
ist die Herkunft der Ladung aus England zwar nicht zwingend bewiesen,
aber doch sehr eingegrenzt.
Schluss
Auch wenn kein absolut sicheres Identifizierungsmerkmal gefunden
werden konnte, ist die Fülle und Qualität der
zusammengetragenen Indizien derartig hoch, dass die
Übereinstimmung von „Stahlsegler“ als Wrack und der „Gaarden“ als
historisch bekanntes Schiff angenommen werden kann.
Auffällig und bedenkenswert ist der rasch fortschreitende Zerfall
des Schiffswracks. Innerhalb der letzten 2 Jahre konnte eine rapide
Zustandsverschlechterung dokumentiert werden: von den ersten Rissen im
Vorschiffsbereich 2001 bis zum fast vollständigen Zusammensturz
der Laderäume im Jahre 2003. Bedenkenswert ist dies insofern, als
das Wrack bisher relativ intakt die letzten 82 Jahre überdauert
hat. Der Stahlsegler bzw. die „Gaarden“ ist ein technisches Denkmal,
das es auch weiterhin zu erhalten gilt. Dies soll auch als ein Appell
an all die Sporttaucher verstanden werden, die die „Gaarden“ in Zukunft
betauchen werden: Lasst uns dieses
Schiffswrack als attraktives Tauchziel und als Denkmal erhalten !
Dank
Mein herzlicher Dank gilt allen, die an der Wiederentdeckung der
„Gaarden“ teilgenommen haben, vor allem Herrn H. Karting für die
wertvollen Hinweise, dem Vermessungsbüro Weigt für die
Überlassung der Sonarbilder sowie den Mitgliedern der Gesellschaft
für Schiffsarchäologie e.V. für die unermüdlichen
Taucheinsätze.
Einen ausführlichen Bericht mit Literaturangaben und weiteren
Fotos findet man auf folgender Homepage: www.uwa-mv.de (projekte)
und als pdf-file zum Download.
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