Die Physiologie des Tauchens

 Geschrieben von Dr. Manfred Reitz

Die Physiologie des Tauchens


von Dr. Manfred Reitz

Tiere mit Lungenatmung müssen bei einem Leben im Wasser ihre gesamte Physiologie auf Tauchgänge umstellen. Wale, Robben und Seekühe haben sich dabei zu wahren Meistern entwickelt. Sie atmen vor einem Tauchgang nicht ein sondern aus, was die Löslichkeit von Stickstoff in den Geweben stark einschränkt. Der Hämoglobingehalt des Blutes sowie der Myoglobingehalt der Muskeln ist bei ihnen stark erhöht, so daß sich im Organismus eine hohe Sauerstoffreserve ergibt. Die Durchblutung der Organe wird während des Tauchens verändert, so daß sich der Sauerstoffbedarf minimiert. Ihre Energiegewinnung können sie gut auf anaerobe Mechanismen umstellen.

Meere und Seen sind als Lebensgrundlage sehr attraktiv. Zahlreiche hochentwickelte Wirbeltiere bevorzugen deshalb trotz ihrer Lungenatmung ein Leben im Wasser. Sie modifizierten als ursprünglich landlebende Lebensformen ihre Physiologie und paßten sich an ein Wasserleben an. Unter den Säugetieren haben beispielsweise Robben, Seekühe und Wale eine völlig aquatische Lebensweise entwickelt und verlassen das Wasser nur selten oder überhaupt nicht. Primaten sind dagegen dem Leben im Wasser wenig zugeneigt und unter ihnen besitzt allein der Mensch eine ausgesprochene Vorliebe zum nassen Element. Das Leben am und im Wasser ist insbesondere bei der Nahrungssuche mit langen Tauchgängen verbunden. Bei einer Luftatmung über die Lunge muß deshalb während eines Tauchvorgangs die gesamte Physiologie des Organismus umgestellt werden, so daß gegenüber den rein landlebenden höheren Lebensformen beachtliche Funktionsmodifikationen notwendig sind. Probleme ergeben sich dabei hauptsächlich aus der Energieversorgung, die trotz einer unterbrochenen Sauerstoffzufuhr kontinuierlich verlaufen muß und aus einer Zunahme des Wasserdruckes auf den Organismus.

Adenosintriphosphat (ATP) ist der wichtigste Energieträger der Zelle und wird bei jeder Lebensfunktion verbraucht. ATP wird auf diese Weise zum eigentlichen Treibstoff des Lebens. Zur maximalen ATP-Gewinnung werden im Normalfall in der Zelle Zucker, Fettsäuren und Aminosäuren unter Verbrauch von Sauerstoff abgebaut und die freigesetzte Energie abgespeichert. Fehlt Sauerstoff, ist die Energieausbeute aus dem Abbau extrem reduziert. So können beim Abbau von einem Mol Glucose unter dem Verbrauch von Sauerstoff 30 bis 38 Mol ATP gewonnen werden und ohne Verbrauch von Sauerstoff nur 2 bis 3 Mol. Jeder längere Tauchvorgang reduziert deshalb mit der abnehmenden Sauerstoffreserve die Energieversorgung des Organismus.

Säugetiere mit einer Anpassung an das Wasser haben zahlreiche Strategien entwickelt, um in ihrem Körper eine Sauerstoffreserve für den Tauchvorgang zu schaffen. Gute Taucher bevorzugen dabei allerdings nicht die Lunge, sondern legen im Organismus selbst eine Sauerstoffreserve an. Robben und Wale atmen zum Beispiel vor dem Tauchen aus und nicht wie der Mensch ein. Sie speichern Sauerstoff nicht in der mitgeführten Atemluft, sondern hauptsächlich im Blut und im Muskelgewebe. Eine durchschnittliche Robbe wiegt rund 30 kg und ein durchschnittlicher Mensch rund 70 kg, dennoch hat die Robbe etwa soviel Blutvolumen wie der Mensch. Daneben kann die Robbe pro ml Blut mehr Sauerstoff als der Mensch abspeichern. Bei 100 ml menschlichem Blut liegt die Sauerstoffspeicherkapazität bei rund 20 ml, bei Walen und Robben dagegen beim gleichen Blutvolumen bei 30 bis 40 ml. Zusätzlich können Wale und Robben in ihren Muskeln noch einmal große Mengen von Sauerstoff binden, der nach und nach verbraucht werden kann. Diese Speicherleistung übernimmt das Muskelprotein Myoglobin. Die Muskeln eines Menschen enthalten pro kg etwa 6 g Myoglobin, die Muskeln eines Portwales dagegen pro kg rund 56 g und die Muskehl der Seehunde pro kg rund 52 g. Myoglobin bindet Sauerstoff ähnlich wie das Hämoglobin der Roten Blutkörperchen und ist für die rötliche Farbe von Muskelfleisch verantwortlich. Das Fleisch der Robben und Wale ist deshalb wesentlich dunkler gefärbt als das Fleisch von Säugetieren an Land. Pro kg Muskelgewebe hat der Mensch durch Myoglobin eine Sauerstoffbindungskapazität von rund 8 ml, der Pottwal jedoch von rund 76 ml und die Seehunde von rund 70 ml. Nach der Zusammenfassung aller Daten besitzt die Robbe pro kg Körpergewicht eine doppelt so große Sauerstoffreserve wie der Mensch.

Um den Sauerstoffverbrauch einzuschränken, wird während eines Tauchvorganges der Kreislauf modifiziert. Es kommt unter Wasser zu einem Tauchreflex, und der Herzschlag beginnt sich zu verlangsamen (Bradykardie); ein Phänomen, das auch beim Menschen beobachtet werden kann. Schlägt bei der Kegelrobbe an Land das Herz noch rund 120 mal pro Minute, so kann sich der Herzschlag beim Tauchen bis auf nur vier Schläge pro Minute reduzieren. Um den arteriellen Blutdruck dennoch konstant zu halten, verengen sich die Blutgefäße. Das Blut wird außerdem unterschiedlich in den einzelnen Körperbereichen verteilt. Gehirn, Nervensystem und Herz werden weiterhin normal versorgt, während die Eingeweide vermindert durchblutet werden. Muskeln erhalten ebenfalls weniger Blut und beginnen die Sauerstoffreserven des Körpers anzuzapfen. Gleichzeitig setzt eine stetig wachsende anaerobe Energiegewinnung ein und Lactat wird als Abfallprodukt an das Blut abgegeben. Bei Tauchgängen von unter zehn Minuten kann die Robbe noch von ihren Sauerstoffreserven zehren, dauert der Tauchgang allerdings länger, nimmt die anaerobe Energiegewinnung zu und die Schwimmgeschwindigkeit wird verlangsamt. Bei einem Tauchgang von etwa 45 Minuten ist ihr Lactatgehalt im Blut bis auf rund 4 µmol pro ml angestiegen. Der hohe Lactatgehalt stört zunächst nur wenig, denn erst nach dem Auftauchen werden alle Organe wieder normal durchblutet und das abgelagerte Lactat ausgewaschen. Jetzt können sich kurzzeitig Konzentrationen von bis zu 14 µmol Lactat pro ml Blut ergeben. Die Tiere benötigen nun bis zum nächsten Tauchgang eine kurze Erholungsphase.

Mit der Wassertiefe steigt der Wasserdruck, weil beträchtliche Wassermassen auf einem tauchenden Organismus lasten. Etwa alle zehn Meter Wassertiefe nimmt im Meer der Wasserdruck um ungefähr l bar zu. Werden Luftreserven mitgeführt, beginnt sich in Abhängigkeit zur Tauchtiefe und Tauchdauer der Stickstoff der Luft im Blut und in den Geweben zu lösen; besonders gut löst sich dabei Stickstoff im Körperfett. Im gesamten Organismus kann es durch diesen gelösten Stickstoff zu Vergiftungen kommen und das Gehirn meldet einen Tiefenrausch, der ähnlich wie ein Alkoholrausch wirkt. Schließlich kann sogar eine Stickstoffnarkose eintreten. Insbesondere der Mensch wird am Ende eines Tauchganges anfällig für die Caisson-Krankheit. Sobald er auftaucht, perlt der gelöste Stickstoff als kleine Bläschen aus und kann zu massiven Schädigungen führen. Gasbläschen können dabei Blutkapillaren verschließen und in den Gelenken heftige Schmerzen verursachen, im Gehirn können sie schließlich zum Tod führen. Es herrscht eine Situation wie bei einer verschlossenen Sprudelflasche. Wird diese aufgedreht, beginnen im Wasser durch den Druckabfall ebenfalls Gasbläschen zu perlen. Ein menschlicher Taucher darf deshalb nur sehr langsam und mit Pausen auftauchen, daneben muß er häufig noch bis zur Normalisierung seiner Physiologie in einer Druckkammer verbleiben. Der gelöste Stickstoff kann beim Menschen nur langsam die Gewebe verlassen, um dann über die Lunge wieder ausgeatmet zu werden. Tauchende Seeschlangen sind hier weniger empfindlich, denn sie können zusätzlich Stickstoff über die Haut abgeben. Wale, Robben und andere an ein Wasserleben angepaßte Säugetiere kennen solche Probleme nicht. Sie atmen vor dem Tauchen einfach aus, so daß nur sehr wenig Luft in der Lunge verbleibt und deshalb kaum Stickstoff in die Gewebe eindringen kann. Bei der Wedell-Robbe ist die Lunge sogar ab 25 Meter Tiefe völlig kollabiert und von der Durchblutung ausgeschlossen. Beim Pottwal wird die Lunge bei zunehmender Tiefe gefaltet und die geringe Restluft ab 100 Meter in die von Knochenringen verstärkte Luftröhre gepreßt. In der Lunge gibt es anschließend keinen Gasaustausch mehr. Der Pottwal kann durch diese Technik mehr als 1100 Meter tief tauchen und der See-Elefant mehr als 1500 Meter (das Tier hält dabei einen Druck von rund 150 atm aus). Ein See-Elefant kann zusätzlich noch etwa zwei Stunden lang die Luft anhalten, und es ist ein Rätsel, wie er die dabei ansteigende Lactatkonzentration kontrolliert. Wale, Seekühe und Robben können außerdem problemlos und ohne Caisson-Krankheit aus großen Tiefen rasch und senkrecht zur Meeresoberfläche aufsteigen. Dennoch, auch der Mensch ist zu beachtlichen Leistungen fähig. Ohne Hilfsmittel und allein mit angehaltenem Atem tauchte Umberto Pelizzari 1992 rund 72 Meter tief; Alejandro Ravelo hielt sogar 1993 am Boden eines Schwimmbades liegend für 6 Minuten und 41 Sekunden die Luft an und stellte damit einen Weltrekord auf. Der Durchschnittsmensch kann allerdings nur l bis 2 Minuten die Luft anhalten.

Die Ama
Die japanischen Muscheltaucherinnen Ama zählen zu den erfahrensten Taucherinnen der Welt. Sie tauchen ohne Anzug und Atemgerät. In Tiefen von bis zu 20 Meter sammeln sie unterschiedliche Schalentiere, aber auch Seegras oder Kopffüßler. Bei Tiefen von 5 bis 7 Meter bleiben sie rund 15 Sekunden für ihre Sammelaktivitäten am Meeresboden und können den Tauchgang bis zu 60 mal pro Stunde wiederholen. In großen Tiefen dauert der Tauchgang rund l Minute, wobei die Hälfte der Zeit für das Ab- und Auftauchen benötigt wird. Bei der Arbeit in großen Tiefen können sie pro Tag etwa 100 Tauchgänge absolvieren. Aufgrund ihrer großen Erfahrungen, die über Jahrhunderte gesammelt werden konnten, gibt es keine Hinweise, daß Ama unter der Caisson-Krankheit leiden. Zu den Ama gehören nur Frauen. Die Beschäftigung ist äußerst anstrengend, so daß die Zahl der Ama in Japan inzwischen auf unter 1000 abgesunken ist.


Beim Tauchen in großen Tiefen ist der Mensch zusätzlich den Gefahren von Druckverletzungen oder Barotraumen ausgesetzt. Alle luftgefüllten Organe wie Lunge, Magen, Schädelhöhlen oder auch schadhafte und hohle Zähne müssen enorme Druckbelastungen aushalten und werden schadensanfällig. Die menschliche Lungen füllt beispielsweise an der Meeresoberfläche noch ein Volumen von rund 5 Liter aus, in etwa 40 Meter Tiefe wird sie jedoch durch den hohen Druck auf ein Volumen von etwa l Liter zusammengepreßt (Abb. 1). In noch größeren Tiefen läßt sich die menschliche Lunge nicht weiter komprimieren und es kann zu schweren Verletzungen kommen.


Abb. 1: Das I.ungenvolumen (LV) des Menschen nimmt beim Tauchen mit zunehmender Tiefe ab. Die Ursache liegt im steigenden Druck. Im Inneren der Lunge steigt insbesondere der Sauerstoffpartialdruck (Po,) dramatisch an (nach Schmidt, Thews).


Lungengefäße sowie -häute werden jetzt überdehnt und können reißen. Gleichzeitig wird das Herz durch den hohen Außendruck kleiner. In den luftgefüllten Schädelhöhlen muß der Druck über den Nasen-Rachen-Raum ausgeglichen werden und das Trommelfell kann platzen. Gleichzeitig können Schleimhäute durch eine eingepreßte erhöhte Blutfülle unter großen Schmerzen reißen. Knochenschäden treten hauptsächlich an den großen Gelenken wie Knie, Schulter oder Becken auf. Hat der Mensch vor dem Tauchgang noch hyperventiliert, kann es zu Schwindelanfällen kommen und die eigene Sauerstoffreserve wird falsch eingeschätzt. Wird vor dem Tauchen noch rasch reiner Sauerstoff eingeatmet, wird die Situation ebenfalls gefährlich, denn reiner Sauerstoff ist für den Menschen langfristig ein Gift.

Literatur
Heldmeier, G., Neuweiler, G., Vergleichende Tierphysiologie, Bd. 2, Vegetative Physiologie, Springer Verlag, Berlin-Heidelberg (2004)
Schmidt-Nielsen, K., Physiologie der Tiere, Spektrum Akad. Verlag, Heidelberg-Berlin (1999)
Schmidt, R.,Thews, G. (Hrsg.), Physiologie des Menschen, Springer Verlag, Berlin-Heidelberg (1995)

Korrespondenz
Dr. Manfred Reitz,
Schillerstr. 7
99423 Weimar
e-mail: mreitz @ imb-jena.de

Mit freundlicher Genehmigung von pharmind - Aus Wissenschaft und Forschung


© ECV - Editio Cantor Verlag, Aulendorf (Deutschland)





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